Nicht die schlechtesten Fußballer kommen aus Wien-Simmering. Da gibt es zum Beispiel „Gustl“ Starek, die Brüder Swatosch, Sturm-Graz-Legende Hannes Reinmayr oder ihn, den violetten... Anekdote zum Sonntag (10) – Das Simmeringer Mundwerk
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Wien LandeswappenNicht die schlechtesten Fußballer kommen aus Wien-Simmering. Da gibt es zum Beispiel „Gustl“ Starek, die Brüder Swatosch, Sturm-Graz-Legende Hannes Reinmayr oder ihn, den violetten Jahrhundertfußballer „Schneckerl“ Prohaska. Zwischen Alberner Hafen und Hasenleitengasse sprossen einst reihenweise Talente, wie die Salatköpfe in den Simmeringer Gärtnereien: Burschen, die als Arbeiterkinder nicht viel mehr als einen Ball zur Beschäftigung brauchten, nach dem lästigen Unterricht einfach die Schultasche in die Ecke warfen und bis in die Dunkelheit kickten. So jemand war Karl Sesta.

„Der Blade“, wie er später genannt wurde, erblickte am 18. März 1906 im elften Wiener Gemeindebezirk das Licht der Welt und war ab diesem Zeitpunkt ein Simmeringer durch und durch. Mit allem was dazugehörte. Sein Idiom wurde bereits in St. Pölten nicht mehr verstanden. In weinseliger Stimmung griff er gerne zum nächsten Mäderl und zum Mikrofon um rührselig-derbe Heurigenlieder zu schmettern. Er war „goschert“ und vorlaut. Ganz das Gegenteil von seinem besten Freund: Matthias Sindelar – einem (zugezogenen) Favoritner.

„Schasti“ war ein kräftiger Kicker, ein Verteidiger von Weltformat, der wie ein Stürmer denken konnte. In seiner Jugend griff er noch für Vorwärts XI oder den Simmeringer SC an und behielt aus dieser Zeit seinen Instinkt, sowie seine hervorragende Technik bei. Trotz seiner geringen Körpergröße von 165cm scheute er keine Kopfballduelle und erwies sich als schneller, wendiger Rückhalt, vor allem für die Austria mit der er 1936 Mitropacupsieger wurde.

Sesta war gelernter Huf- und Wagenschmied. Wie Joe Cocker oder mein Großvater. Und wahrscheinlich war er deshalb genau wie diese beiden so hartgesotten, furchtlos und voller Energie. Schon in seiner Jugend betätigte sich „der Blade“ auch als Ringer und brachte es bis zum österreichischen Meistertitel. Seine „witzigste“ Stärke lag aber im Bereich der Verbalakrobatik.

Nie war Sesta auf den Mund gefallen, vielleicht lernte er auch das in Simmering. Mit seiner Distanzlosigkeit schockte er sämtliche Anwesende anlässlich eines österreichischen Gastspieles in England: 1932 empfingen die „Three Lions“ das „Wunderteam“ an der Stamford Bridge. Am Vorabend jenes Spieles, das als glorreichste Niederlage in die rot-weiß-rote Fußballgeschichte eingehen sollte, kam es bei einem Empfang zum Zusammentreffen Sestas mit dem Herzog von York, dem zukünftigen englischen König. „Sie haben einen wunderbaren Beruf.“, machte der Herzog höflich Konversation, als ihm der Wiener Kicker vorgestellt wurde. Autosuggestion oder bewusste Provokation? Sesta ließ sich nicht lumpen: „Und Sie, Majestät, haben auch ka schlechte Hack’n“. Während der Übersetzer sich mühte diese Äußerung in Oxford-English umzuformen, bogen sich die Mannschaftskameraden bereits vor Lachen. It’s shocking, isn’t it?

Der wortgewaltige Wiener ging außerdem als Schöpfer des Sagers vom „Steirertor“ ins österreichische Fußballfachvokabular ein: Als der aus Graz stammende „Wunderteam“-Tormann Hiden im WAC-Trikot nach einem besonders einfach herausgespielten Tor hinter sich greifen musste, meinte Sesta lapidar: „So a Türl kann nur a Steirer kriegen.“

Ein anderes Mal kam ihn seine „Gosch’n“ aber teuer zu stehen: Das Götz-Zitat spuckte Sesta Reichstrainer „Sepp“ Herberger nach dem Anschluss 1938 vor die Füße. Auf dessen Instruktionen einer „rein-deutschen“ Spielkultur konnte der ¾-Böhm‘ Sesta – der eigentlich Sesztak hieß – gut verzichten. Sanktionen blieben aus, doch Herberger verzichtete fortan auf die Dienste des Verteidigers, der bald darauf eingezogen wurde. Erst 1941 ließ sich der Weltmeister zu einer Einberufung des mittlerweile 35-jährigen „Schasti“ hinreißen. Bis heute ist er der bei seinem Debüt für die „deutsche“ Nationalmannschaft älteste Spieler geblieben. Zu einer offiziellen Versöhnung mit Herberger sollte es auch noch kommen. Ganz auf die Wiener Art, die Sesta im Blut hatte: Anlässlich eines Länderspieles saß man nach dem Krieg beim Heurigen zusammen. Sesta sang ein Dutzend alter Wiener Lieder, reichlich Veltliner dazu machte den Zwist rasch vergessen. Denn der 84 Kilogramm schwere „Blade“ konnte neben seinen sportlichen Begabungen auch vortrefflich singen. Er nahm einige Schallplatten auf. Inhalt: „Heurigenhadern“ von A bis Z.

Nach Beendigung seiner aktiven Karriere sang er bei einigen Veranstaltungen unter anderem zwei Wochen lang jeden Abend im Zirkus „Rebernig“. Mitten in einem Löwenkäfig inklusive Raubkatze. Doch selbst diese „Höhle des Löwen“ konnte Sesta keine Angst machen.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag