„Leopold Stastny“ klingt ur-wienerisch, ist es aber nicht. Doch das fällt einem erst auf, wenn man den Namen korrekt ausschreibt: „Šťastný“ wischt endgültig jegliche...
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Slowakei_2„Leopold Stastny“ klingt ur-wienerisch, ist es aber nicht. Doch das fällt einem erst auf, wenn man den Namen korrekt ausschreibt: „Šťastný“ wischt endgültig jegliche Zweifel vom Tisch. Der Träger dieses Namens muss ein echter Slawe sein. Jener, der den Vornamen Leopold trägt, wurde auch tatsächlich nicht in Wien, sondern in Bratislava geboren. Das liegt zwar nur rund 55 Kilometer von der österreichischen Hauptstadt entfernt, gehörte lange zum Königreich Ungarn und somit zur Donaumonarchie aber trotzdem war Österreich für Šťastný lange nicht mehr als ein Nachbarland. Denn schon sieben Jahre nach seiner Geburt wird die Tschechoslowakei als eigenständiger Staat gegründet und das verknüpfende Band zur K.u.K.-Monarchie für immer aufgelöst. Šťastný ist da ein Volksschüler, der nur Fußball im Kopf hat. „Glücklich“ bedeutet sein Nachname auf Slowakisch und, wer hätte damals gedacht, dass er Jahrzehnte später den österreichischen Fußball besonders glücklich machen sollte.

Seine Profilaufbahn beginnt der Pressburger bei Slovan Bratislava, jenem Klub dem er bis zum Ende seiner aktiven Laufbahn treu bleibt. Auch als Übungsleiter verdient sich der mehrfache Internationale zunächst bei Slovan erste Sporen: Bis 1965 erringt er als Cheftrainer vier Meistertitel. 1966 ereilt ihn mit dem Ruf Wacker Innsbrucks eine neue Herausforderung. Er ist mittlerweile Mitte Fünfzig und wagt erstmals den Schritt aus dem Ostblock heraus. Deutsch hat er natürlich gelernt, doch die Donaumonarchie und der „deutsche Vasallenstaat“ sind lange her und fein säuberlich im kollektiven Gedächtnis weggesperrt. Die Realität heißt damals vielmehr „ČSSR“ und „Antonín Novotný“. Nur wenige ahnen, dass der Prager Frühling nicht mehr allzu fern ist, die meisten fühlen sich im aufgezwungenen Kommunismus immer noch eingesperrt. Šťastný hat sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt verbracht und nie „nemec“ reden müssen. Jetzt kommt das schrullige Original ins kapitalistische Ausland.

Gerne erzählt er noch Jahre später von seinem allerersten Eintreffen in Wien. Per Zug kommt Šťastný am damaligen Ostbahnhof an, steigt aus und geht den Bahnsteig entlang, als ihm einer der zahlreichen Würstelverkäufer entgegen kommt. Der Mann schiebt den Wagen mit den Wiener Spezialitäten vor sich hin und preist seine Ware marktschreierisch an: „Heiße Würstel, heiße Würstel!“

Šťastný, verwundert über die Freundlichkeit der „Westler“, wollte man Ost-Europäern doch immer weiß machen, der Kapitalismus führe zu brutalem Überlebenskampf unter den Menschen, bleibt stehen und stellt sich formvollendet vor: „Angenehm, heiße Šťastný!“

So höflich ist der Würstelmann sicher selten von einem Fremden begrüßt worden. Ein Vorgeschmack auf zahlreiche Anekdoten, die noch folgen sollten, denn der Slowake war tatsächlich eine Art Woody Allen des Ostens. Sein österreichischer Einstand an diesem Herbsttag: Echt „für die Würschte“, wie Didi Kühbauer sagen würde!

Šťastnýs weiterer Weg in Österreich war aber ganz und gar nicht wurscht. Er verpasste mit Wacker nur um ein Tor die Meisterschaft und wurde 1968 zum Nationaltrainer berufen. Sieben Jahre lang Rekord!) coachte er die ÖFB-Elf, legte den Grundstein für das 78er-Team und gründete nach seinem Ausscheiden die Schülerliga. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der Slowake in Toronto, kehrte aber immer wieder nach Österreich zurück. Die besten Würstel gibt’s schließlich nur in Wien.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag