Das Berufsziel Fußballer ist wahrscheinlich so alt, wie der Ball selbst. Vielleicht liegt es daran, dass der Homo sapiens sapiens auch als Erwachsener vor...
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Gericht, Prozess, Strafe, StrafsenatDas Berufsziel Fußballer ist wahrscheinlich so alt, wie der Ball selbst. Vielleicht liegt es daran, dass der Homo sapiens sapiens auch als Erwachsener vor allem ein Homo ludens bleibt. Seit dem Wirtschaftsboom regiert in Europa allein die Spaßgesellschaft. Ihre drolligen Helferleins – gleich welcher Sparten – werden fürstlich entlohnt, wenn sie es einmal nach oben geschafft haben. Das gilt auch für Fußballer. In vielen Ligen kann man als Profi mehr als angenehm leben und muss sich nur darum kümmern keine guten Investments zu verpassen.

Anstatt in Immobilien, Betriebe oder Gold investieren immer weniger Spitzenfußballer heutzutage in ihre persönliche Weiterbildung. Das war früher noch anders. Viele österreichische Fußballgrößen gingen bürgerlichen Berufen nach, wenn sie nicht gerade am Platz standen. Rudi Flögel konnte man in den 60er-Jahren vormittags hinter dem Bankschalter antreffen, erst am Nachmittag trainierte der vierfache österreichische Meister mit der Mannschaft. Fast unvorstellbar, dass Koryphäen wie Alfred Körner halbtags im Büro saßen oder so wie Austria-Legende Ernst Ocwirk ihren Lebensunterhalt mit einem eigenen Betrieb finanzierten. Proportional viele Fußballer machten sich selbständig, den Vereinen war es aber auch Recht, wenn sie ihre Spieler in sicheren Jobs mit flexiblen Arbeitszeiten und wenig Beinbelastung wussten: Die gelebte Beamtenromantik in Versicherungen oder Verwaltungsjobs gehörte für viele zum Alltag. Am Wochenende kämpften dann in jeder Mannschaft drei bis vier Gastwirte oder Bibliothekare um den Ball.

Auch Helmut Köglberger, das Ausnahmetalent aus Sierning, bekam durch Kontakte der Amateure Steyr einen Posten als Lohnverrechner in den – na-no-na-ned – Steyr-Werken zugeschanzt. Später war der Stürmer, den sie „schwarze Perle“ nannten, elf Jahre lang als Versicherungsvertreter tätig, bevor er sich mit einem Betrieb, der Schankanlagen und Kühlgeräte verkauft, selbständig machte.

Beim oberösterreichischen Derby Anfang der 80er stand Versicherungsagent „Heli“ Jurist Manfred „Waschi“ Mertel gegenüber. Der gebürtige Klagenfurter galt als echter Exot unter den Kickern: Schon ein „Studierter“, wie Maschinenbau-Ingenieur Max Merkel, war nur vereinzelt anzutreffen, ein Rechtswissenschaftler in einer Profimannschaft hatte jedoch wirklich Seltenheitswert. Heute gibt der Mittelfeldspieler selbst zu, dass sein „Doppelpass“ zwischen grünem Rasen und Hörsaal keine leicht zu stemmende Aufgabe war: „Bei mir war’s immer ein bissl extremer“. Gelohnt hat es sich allemal. Der Viellerner werkte als gefürchteter Manndecker in der Bundesliga und wusste sich an einem privilegierten Ausgangspunkt für die Post-Sportler-Karriere. Mertel war ein beinharter Brocken, ein Grätscher, der gern die Knie seines Gegenspielers in die Zange nahm. Vier Jahre lang spielte er für den Grazer AK eher er zu VOEST Linz kam.

Dort kam es zum Zusammentreffen mit Köglberger, der nach sportlich-glücklichen Jahren bei der Austria seine Karriere zuhause beim Linzer ASK ausklingen ließ: „Waschi“ als Kettenhund sollte den pfeilschnellen Angreifer bewachen. Unentschieden stand es, als Köglberger die Gunst der Stunde jedoch nutzte und seinen Kontrahenten in ein Gespräch zu verwickeln versuchte.

Während sich die Schwarz-Weißen in der eigenen Hälfte den Ball zuschoben, lenkte Köglberger Mertels Aufmerksamkeit weit weg vom Fußballfeld. „Du Waschi, ich hab da ein Problem: Ich bin jemanden hineingefahren, wo muss ich mich melden? Was soll ich jetzt machen?“, begann er die Unterhaltung. Der Herr Doktor fühlte sich ob der Nachfrage geehrt. Sofort war er in seinem Element und erklärt ernsthaft und eifrig die Feinheiten der Sachbeschädigung. Der Jurist verfiel in einen Redeschwall und parlierte von Versicherung, Polizei und so weiter, dabei bemerkte er nicht, dass Köglberger einstweilen anderweitige Interessen verfolgte. Der Stürmer hatte das Geschehen auf dem Platz nie aus den Augen gelassen und sah nun, wie seine Mannschaft zum Vorstoß auf das Tor von VOEST ansetzte. Köglberger sprintete nun dorthin, wo ein Mittelstürmer zu stehen hat: Der zerstreute Mertel bemerkte das Fehlen seines direkte Gegenspielers zu spät, der Ball kam zum Angreifer: Schuss – Tor – der LASK war Linzer Derbysieger.

Ob „Dr. Lustig“, wie Mertel auch genannt wurde, nach diesem Match verärgert war? Wahrscheinlich. Jedoch war sein Spielerleben– abgesehen von diesem faux-pas – bestimmt um einiges beschaulicher als sein späteres Berufsleben: 2010 wurde „Waschi“ in seiner Funktion als Klagenfurter Sportstadtrat handfeste bedroht. Anlässlich der zähen Verhandlung rund um die fast bankrotte Austria Kärnten flatterten mehrere Drohbriefe ins Haus des Ex-Profis. Im Moment läuft vor diesem Hintergrund der Strafprozess gegen Matthias Dollinger Senior. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Als Sportdelegierter für Klubs zuständig zu sein, die unter dem schützenden Flügel des verstorbenen Landeshauptmannes Haider überlebten, ist keine einfache Aufgabe. Schon gar nicht, wenn man nach dem Unfalltod des BZÖ-Gründers die Scherben des Klagenfurter Fußballsportes wieder zusammenzusetzen hat: Mertel musste die Entscheidungen rund um das „Gewurl“ Millionengrab Stadion bis hin zur „artifiziellen Ernährung“ der Fußballleichen SK Austria Klagenfurt, FC Kärnten und SK Austria Kärnten mittragen und rechtfertigen. 90 Minuten an den Fersen Köglbergers zu kleben, kann damit nicht mithalten.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag