Beim SK Rapid wird die Luft immer dünner. Die Hütteldorfer befinden sich aktuell in der – auf gut wienerisch – „Scheissgass’n“ und haben nach... Nach Derby-Niederlage: Rapid steckt in einem Teufelskreis
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Andreas Müller - SK Rapid Wien_abseits.at

Beim SK Rapid wird die Luft immer dünner. Die Hütteldorfer befinden sich aktuell in der – auf gut wienerisch – „Scheissgass’n“ und haben nach einem Drittel der Meisterschaft bereits fünf Punkte Rückstand auf den vierten Platz. Von zwölf Ligaspielen wurden nur vier gewonnen. Schlechter startete Rapid das letzte Mal vor sechs Jahren – allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen.

Die Saison 2016/17 sollte für Rapid zum großen Siegeszug werden. Noch nie wurde auch nur annähernd so viel in die Mannschaft investiert, das neue Stadion sollte der Kicker für den ersten Meistertitel seit acht Jahren sein. Und mitten im Herbst findet man sich plötzlich im Mittelmaß wieder.

Vier Verletzte in vier Tagen

Wenn man kein Glück hat, kommt auch noch Pech dazu. Alleine in den letzten vier Tagen verletzten sich in den Partien gegen Sassuolo und die Austria vier Spieler. Auf Dibon und Schösswendter folgten nun auch Kapitän Schwab und Stephan Auer. Fitte, nicht aussortierte Feldspieler hat Rapid damit nur noch 16. Inklusive der Amateurstarter Wöber und Malicsek, sowie dem 17-jährigen Arase. Vor den nächsten zwei Wochen – für Rapid sind es englische – kommen in Hütteldorf also auch noch Personalsorgen hinzu.

Austria im Derby eiskalt

Im Wiener Derby setzte sich die effizientere, cleverere Mannschaft durch. Rapid schoss 30-mal in Richtung Tor und traf es nicht mal, wenn der starke Keeper Osman Hadzikic bereits geschlagen war. So gesehen beim Sitzer von Louis Schaub, der mittlerweile verstehen müsste, wieso die Fans der Hütteldorfer verschnupft sind und sich auch die Medien auf Rapid einschießen. Vor einer Woche verstand er es nämlich noch nicht.

Rapid konzeptuell nicht stabil genug

Klar: Rapid trat in der vergangenen Woche beherzt auf, scheiterte eher am eigenen Unvermögen, als an mangelndem Einsatz. Wirklich strukturiert wirkt das Spiel der Grün-Weißen aber weiterhin nicht. Von einem echten Trainereffekt kann man im Westen Wiens nur träumen. Die Büskens’sche Handschrift ist mehr als verschwommen, keine Spur von der Implementierung eines stabilen taktischen Konzepts. Es ist weiterhin vieles auf Zufall aufgebaut bzw. stark vom Spielverlauf abhängig. Für ein Gegenbeispiel sehe man etwa nach Nizza, wo Lucien Favre aus einem Underdog binnen kürzester Zeit ein perfekt organisiertes, bissiges Monster machte. Oder aber man zieht mit Altach einen noch viel größeren (oder kleineren) Underdog als Beispiel heran…

Wenn’s mal so weit ist…

Die Schonzeit ist jedenfalls längst vorbei. Und das konnte man Derby auch wieder auf den Tribünen beobachten. „Müller raus“-Rufe hallten nach der Partie durch den Block West, auf der Längsseite kamen außerdem „Büskens raus“-Chöre hinzu. Wer Rapid kennt, der weiß, dass solche Situationen praktisch nicht mehr zu kitten sind. Wenn das Stadionkollektiv sich bereits so deutlich auf die Verantwortlichen eingeschossen hat, gibt es praktisch kein Zurück, kaum eine Chance auf eine Kehrtwende mehr.

Kein typischer Hauptverantwortlicher

Aber auch wenn im Hintergrund bereits fieberhaft an Lösungen gearbeitet würde – was genau sollen Neubestellungen von Trainer, Trainerteam und Sportvorstand bringen? Schuld an der Misere sind alle ein bisschen und wie Sky-Experte Hans Krankl richtig bemerkte, kann Rapid keine 15 Spieler auswechseln. An deren Qualität scheitert es auch gar nicht, aber viel zu oft trat Rapid als Mannschaft vogelwild auf. Mal auf mentaler, kämpferischer Ebene, dann wieder auf taktischer oder spielerischer.

Komplexes Anforderungsprofil

Einen neuen Trainer könnte Rapid natürlich gut gebrauchen, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Das Anforderungsprofil für einen neuen starken Mann in der Coaching Zone ist durchaus komplex, denn offensichtlich kommt es nicht nur darauf an, den Spielern in den Hintern zu treten, was einst zu wenig passierte, jetzt vielleicht mit den falschen Schuhen, sondern auch auf einen echten Plan. Rapid braucht wohl ein charakteristisches Mittelding aus Barisic und Büskens, zudem aber auch einen Denker und Revoluzzer, der nicht nur Kampf vom Team einfordert, sondern auch für taktische Stabilität bei gleichzeitiger Variabilität sorgt und dem Spiel Rapids wieder einen klaren Wiedererkennungswert gibt. Schwierig.

Rapid verliert Zeit und kommt nicht weiter

So etwas zu etablieren braucht Zeit und davon hat Rapid ohnehin am wenigsten. Natürlich kann es derzeit niemandem im Verein über die Lippen kommen, dass Rapid die Saison mehr oder weniger abschreiben muss. Plötzlich ist die Spielzeit, in der der Meistertitel von allen Seiten als Ziel ausgegeben wurde, wieder eine Zeit der Entwicklung und einer dringend notwendigen, spielerisch-taktischen Neudefinition. Momentan verliert Rapid Zeit, entwickelt sich kein bisschen weiter, sondern eher zurück. Einen starken, fachlich kompetenten Mann für den Trainerjob zu finden, der zudem ein neues Trainerteam mitnimmt und die Mannschaft mit klaren Konzepten aus der Krise führt, ist aber gerade jetzt außerordentlich schwierig. Und eine möglichst baldige Panikbestellung, die das große Ganze gar nicht erst ankratzt, impliziert, dass man nur noch mehr Zeit verliert, dafür aber ein Bauernopfer gefunden hat. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Braucht Müller mehr Durchsetzungskraft?

Aber wie es die Fans bereits lautstark verdeutlichten, muss man diese Gedanken ja noch weiter oben ansetzen. Andreas Müller ist als letztlich oberster Verantwortlicher dahingehend angezählt, als dass er die spielerische Ideallinie Rapids nicht deutlich durchsetzen lässt. Im Anschluss an die intensive und durchaus erfolgreiche Transferzeit fungierte Müller nur noch als eine Art Beistand bzw. Berater. Zwar hört man, dass die Gespräche zwischen den gar nicht so „verhaberten“ Müller und Büskens sehr intensiv ablaufen, allerdings setzt sich am Ende dennoch der Trainer durch und zieht sein starres Konzept weiter durch. Das Resultat sieht man Woche für Woche – und auch hier gilt: Rapid verliert Zeit. Zwar traut sich Büskens mittlerweile immerhin über ein situatives Zwei-Stürmer-System, allerdings stets notgedrungen, weil es der Spielverlauf gar nicht anders zulässt.

„Müller raus“ ist nicht so einfach

Nun ist „Müller raus“ aber nicht so einfach, wie es dem geneigten Fan über die Lippen geht. Selbst wenn man bei Rapid der Ansicht wäre, dass Müller das Problem ist und gehen muss, hat der 53-Jährige noch einen Vertrag bis 2019. Und abgesehen davon, dass es eine teure Angelegenheit wäre, Müller vor die Tür zu setzen, ist die Frage der Nachfolge – wie auch beim Trainer – eine sehr schwierige. Einerseits wäre es für Rapid natürlich vorteilhaft einen sportlichen Leiter und einen neuen Trainer auf einmal und aufeinander abgestimmt bestellen zu können, allerdings würde dies durch Personen geschehen, die sportlich nicht die nötige Expertise haben, um für eine nachhaltige, zukunftsträchtige Lösung zu sorgen. Und eine möglicherweise einige Zeit andauernde Führungslosigkeit kann sich Rapid ohnehin nicht leisten.

Teufelskreis

Der Tabellenfünfte ist also in einem Teufelskreis angekommen. Angesichts der Ergebnisse und Probleme der letzten Wochen und Monate, kann man bei Rapid personellen Veränderungen nicht abgeneigt sein. Aber der Rattenschwanz, den diese nach sich ziehen würden, sowohl finanziell, als auch organisatorisch, ist lang. Das Beste für Rapid wäre wohl, mittelfristig vorzuplanen und in der Winterpause für wie auch immer geartete Veränderungen zu sorgen – aber um das zu ermöglichen müsste im Verein Ruhe einkehren, was angesichts der aktuellen Lage ausgeschlossen ist. Es ist bereits zu viel passiert, daran würden auch ein paar Siege nichts mehr ändern.

Daniel Mandl, abseits.at

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Bravo

    Ein grundsätzlich guter Artikel mit einer unlogischen Mathematik: Ich zähle 18 Feldspieler. 24 sind es insgesamt minus Dibon, Auer, Schwab, St. Hofmann, Tomi und Schobesberger.

    • Daniel Mandl

      Tomi habe ich als chancenlos weggelassen und Schösswendter habe ich trotz seines Kaderplatzes im Derby nicht als fit gezählt.

      • Daniel Mandl

        Ach so, Moment, Tomi hast du auch ausgenommen. Ich meinte Entrup, der ist auch aussortiert.

        Hier die 16 Kicker: Max Hofmann, Sonnleitner, Wöber, Schrammel, Pavelic, Grahovac, Mocinic, Malicsek, Schaub, Szántó, Traustason, Murg, Arase, Joelinton, Jelic, Kvilitaia.
        Nicht gezählt: Dibon, Schösswendter, Auer, Steffen Hofmann, Schobesberger, Tomi, Entrup.

        • Bravo

          Entrup aussortiert? Wo ist das nachzulesen? Empfinde ich als etwas zu mutige Ansage, um die gewollte Aussage (zu wenig Kaderspieler) zu verschärfen. Naja.

  • zahi

    Ich wäre dafür, für den Rest der Saison Josef Hickersberger (so er sich das antut) als Übergangslösung zu nehmen und dann mit ihm (der Ahnung hat und dem Rapid am Herzen liegt) gemeinsam eine gut konzertierte Lösung für die beiden Posten (Sportdirektor und Trainer) zu finden. Das ist aus meiner Sicht einer der wenigen Wege, die Erfolg versprechen.