Der August 2012 hatte ganz schön begonnen. Paul Scharner hatte nach englischen Jahren wieder am Festland unterschrieben. Noch dazu bei einem echten Kultklub: Der... Das Phänomen des Janus-Kopfs (3) – Die Karriere des Paul Scharner

Paul ScharnerDer August 2012 hatte ganz schön begonnen. Paul Scharner hatte nach englischen Jahren wieder am Festland unterschrieben. Noch dazu bei einem echten Kultklub: Der norddeutsche Hamburger SV sollte seine neue sportliche Heimat werden. „Sollte“ wohl gemerkt. Bis heute hat der Defensivspieler ganze 49 Minuten Bundesligaluft schnuppern können, im Jänner 2013 folgte deshalb die Leihe zu seinem alten Klub Wigan.

Dort konnte Paul seinen bisher größten Karrieretriumph feiern: Die Blau-Weißen besiegten Manchester City mit 1:0 und durften den FA Cup mit nach Hause nehmen. Scharners Halbjahr war stark, doch die Familie bestimmte, dass es keinen weiteren England-Aufenthalt geben wird. So möchte sich der Verteidiger beim Hamburger Sportverein durchsetzen, doch der will ihn eigentlich gar nicht mehr. Wieder einmal fühlt sich Scharner missachtet, die seelischen Platzwunden macht er auch für seine akute Wadenblessur verantwortlich. Anwalt und Spielergewerkschaft sind mittlerweile eingeschalten. Die gegenseitigen Vorwürfe scheinen kein Ende zu nehmen. Und mittendrin wieder ein unbeugsamer Paul.

Ying und Yang oder das Phänomen des Janus-Kopfes  

Auch bei diesem aktuellen Fall sieht man es wieder: Das Janus-Kopf-Phänomen. Super, dass sich ein Spieler gegen die, oft unmenschlichen, Entscheidungen eines Präsidiums wehrt und um eine faire Chance kämpft. Nicht super, dass es wieder mal um ein „Ego“ zu gehen scheint: „Ein Paul Scharner, regierender FA-Cup-Sieger, gibt nie auf […]“.

Überhaupt sind unglückliche Formulierungen ein Hauptgrund warum Scharner für viele Fans ein rotes Tuch ist. „So geht man nicht mit mir um, so gibt es mit Sicherheit keinen Paul Scharner 2014.“, beschwerte sich Scharner über Marcel Koller. Wen interessiert ein Paul Scharner 2014? Oder ein David Alaba 2014? Österreich will zur WM nach Brasilien fahren und nicht daheim bleiben und würde dafür mit FA Cup-Pauli, Kiew-Aleks oder Triple-David eh super Spieler zu haben. Fußball ist Teamsport und nicht Einzelwettkampf. Doch „ein Paul Scharner“ scheint das ab und an zu vergessen.

Diesen Eindruck hat man auch, wenn man Interviews mit dem Profi liest. Herr Scharner liebt es, von sich in der 3. Person zu reden. Zu oft hat er sich über fehlende Wertschätzung beklagt: „Paul Scharner als Kaderspieler wird es nicht geben, denn ich kann der Mannschaft nur helfen, wenn ich fix spiele.“ Eine Aussage, die an der Unverschämtheit kratzt.  Einen Stammplatz zu verlangen, ist im Profi-Sport unmöglich. Das Gegenteil von „gut“ ist eben „gut gemeint.“

Und diese Beiden liegen bei Scharner nahe beisammen. Seine Arbeit, seine Verbissenheit, sein Mentaltraining mit Hobel, seine Geradlinigkeit, seine Konsequenz haben ihn zum FA Cup-Sieger werden lassen. Ein hoher Transferwert, Fanliebling, „Player of the year“ 2008 bei Wigan, eine Menge Tore, ein dickes Pfund-Konto und über sieben Jahre Stammspieler in der Premier League, machen ihn zu einem der erfolgreichsten österreichischen Profis der Gegenwart.  Doch das Pendel schlägt eben nach zwei Seiten aus, das Janus-Gesicht blickt auch nach hinten. Wenn Scharner überzeugt war, dass dies oder jenes das Richtige für ihn sei, dann ließ er sich von niemandem davon abbringen. Sein gepushtes Selbstbewusstsein führte dazu, dass er die vorgegebenen Hierarchien des Profisportes missachtete. Trainer und Funktionäre kritisierte er öffentlich. Vielleicht hätte es ihm auch geholfen, öfter auf einen Trainer zu hören. Soll ja vorkommen, dass diese ihre Spieler so ausbilden, dass sie Erfolg haben. Scharner stellte sich im Nationalteam zu oft in den Mittelpunkt, bei seinen Ausflügen am Feld, hinterfragte er sich nicht. Taktische Konzepte schienen ihm egal zu sein. Er stellte stets den Führungsanspruch und wollte alles alleine machen. Scharner hat zu oft vergessen, dass er noch zehn Mitspieler hat, die auch ihre Stärken haben. Auch abseits gab er zu oft den „Hampelmann“. Der, für ausgefallene Frisuren berühmte, stellte sein Haarstyling schließlich ein, stellte aber klar, es wieder aufzunehmen „wann immer die Fans es fordern.“ Nur wer Leistung zeigt, dem werden solche öffentlichen „Kinkerlitzchen“ auch verziehen. Scharner tat dies in Länderspielen aber viel zu wenig und wurde daraufhin u.a. vom altbekannten Peter Pacult (siehe oben) als „Gockel“, den die Jungen nicht ernstnehmen, bezeichnet.

Ein Führungsspieler, der Jungspunde leitet, auch dazu stellte sich der Niederösterreicher zu sehr in den Vordergrund. Offensichtlich hat Scharner nie kapiert, dass das A-Team und sein englischer Klub zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Dieselbe Rolle am Platz und außerhalb davon bei Beiden zu spielen, kam ihn teuer zu stehen.

Seinen „Rebellenstatus“ haben ihm auch viele Kritiker seiner sportlichen Leistungen nicht übel genommen. Viele Fußballfreunde sind mit den ÖFB-Strukturen gar nicht einverstanden, doch auch hier geht es um die berühmte „goldene Mitte“. Scharner quengelte nur oder stellte vermessene Forderungen: Verbesserungsvorschläge ja, aber keine beleidigten Erpressungen. Kritisieren aber sich auch ins Team einfügen und sein Bestes beitragen und nicht nur Reden schwingen. Wenn es gar nicht mehr geht, muss man die Konsequenzen eines ernst gemeinten Rücktrittes ziehen. Martin Stranzl hat es mustergültig vorgemacht. So agiert jemand, dem das Team trotz aller Unprofessionalitäten wirklich am Herzen liegt. Ein echter Patriot und Sportsmann, der Stranzl Martin. Er hat sich auch nicht verbiegen lassen und hat durch harte Arbeit eine beachtliche Reihe an Spielstationen in seinen Lebenslauf geschrieben.  Im A-Team versuchte er seinen Beitrag zu leisten und als es ihm reichte, beendete er kurz und knapp seine Nationalteamkarriere. Auch der Burgenländer hatte den damaligen Teamchef Constantini öffentlich angegriffen, doch, im Gegensatz zu Scharner, blieb Stranzl innerhalb der Grenzen des guten Geschmackes und seinem Entschluss treu.

Respekt hat Paul Scharner in jedem Fall verdient. Aber eben nur für jenen Teil seiner Laufbahn, in der  er seinen Kritikern berechtigterweise gezeigt hat, dass mit Willen sehr viel möglich ist. Doch wie Yin und Yang gehören auch Paulis Polterattacken, selbstüberschätzende Spielweise und Machtkämpfe zu seiner Geschichte als Profisportler.  Wo geHOBELt wird, da fallen eben Späne.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag