In dieser Serie wollen wir euch Porträts von Spielern liefern die außerordentliche Karrieren hingelegt haben. Natürlich gibt es in keinem Leben nur Höhen oder... Die Achterbahnprofis – Die wechselhaftesten Karrieren der Fußballwelt (3) – Stefan Maierhofer (1/2)
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Stefan MaierhoferIn dieser Serie wollen wir euch Porträts von Spielern liefern die außerordentliche Karrieren hingelegt haben. Natürlich gibt es in keinem Leben nur Höhen oder Tiefen, nachfolgende Herren mussten aber besonders harte Schicksalsschläge parieren oder erlebten seltene Glücksmomente. Wir gehen auf einmalige Lebensgeschichten ein, die exemplarisch für viele Sportler stehen sollen. Folgenden Profis durfte beim Achterbahnfahren nicht übel werden: Sie mussten mit Problemen kämpfen, hatten einmaliges Talent, konnten sich ihre Laufbahn hart erarbeiten oder wurden von Glücksgöttin Fortuna reich beschenkt. Wer warf seine überragende Begabung gar über Bord oder erlebte trotz Topform ein Unglück nach dem anderen? Wer hatte Startschwierigkeiten oder konnte den Versuchungen eines privilegierten Lebens nicht widerstehen? Teil Drei unserer Serie behandelt…

Stefan Maierhofer –Major Under Ground?

Über den 2,02 Meter großen Angreifer ist schon so viel geschrieben worden, dass ein neuer Artikel über ihn überflüssig erscheint. Fokus wurde in den bisherigen Berichten entweder auf seine begrenzten fußballerischen Fähigkeiten, sein ungewöhnliches Selbstvertrauen, das ihm einen ansprechenden Karriereweg ermöglicht hat, oder auf beides zusammen gelegt. Trotz vieler ellenlanger Reportagen und Analysen: Ein Stefan Maierhofer darf in dieser Serie niemals fehlen, denn der Niederösterreicher ist wohl der Achterbahnprofi schlechthin. Der „Lange“ durchlebte in seiner Laufbahn so manches Looping, zog sich langsam eine Steigung hinauf und befand sich auch mir-nichts-dir-nichts wieder auf ebener Bahn.

Als der 1. FC Köln den Vertrag des Stürmers im Sommer 2013 nicht verlängerte und der „Lange“ auch im Winter keinen neuen Klub fand, dachten viele schon, dass die wilde Fahrt endgültig zu einem Schluss gekommen sei: Alles aussteigen, bitte! Doch der zweifache österreichische Meister ist, wie schon so oft, für eine Überraschung gut und wurde letzte Woche vom FC Millwall verpflichtet. Die Insel stellte für den fußballerisch „inselbegabten“ Kicker ein bisher nicht sehr fruchtbares Terrain dar. Mit Schaudern erinnert sich der lauffreudige Profi wahrscheinlich an sein unglückliches Engagement bei den Wolverhampton Wanderers: In nur neun Spielen stand er für George Bests Lieblingsklub auf dem Feld. Die anschließende Leihe bei Bristol City war auch nicht gerade das Gelbe vom Ei, ehe Stefan sein Glück wieder in Duisburg und später in Salzburg fand. Jetzt ist er also wieder in britannischen Gefilden, bleibt zu hoffen, dass es für „The Hoff“ diesmal besser läuft.

In seine persönliche Hochschaubahn ist Stefan Maierhofer am 18. August 1982 in Gablitz eingestiegen. Wer heute Kinderfotos des nunmehr gestandenen Profis betrachtet, erkennt kaum Ähnlichkeit mit dem jetzigen Mann. Zwar wollte der damalige Blondschopf schon als Zehnjähriger für Topvereine wie „Austria, Rapid und Bremen“ kicken, doch der Traum vom Profi schien für Maierhofer, der seit frühester Kindheit an einer Stoffwechselerkrankung litt, weit weg zu sein. Die Jahre zogen ins Land und der Jungspund kickte zunächst bei seinem Heimatverein, dem SV Gablitz. Die Trainer schüttelten regelmäßig den Kopf, wenn der Stürmer lautstark von seinen ausgemalten Zukunftsplänen als Profi-Spieler phantasierte. Kaum einer traute ihm wirklich eine Karriere zu. Doch so wie seine Haare nachdunkelten und die Brille verschwand, steigerte sich der Sohn eines Gastwirte-Ehepaares immer zu. Es schien aber trotzdem nicht für den damaligen Regionalligisten First Vienna FC 1894 zu reichen, den ältesten Fußballverein Österreichs verließ der Niederösterreicher 2003 nach nur einer Saison wieder. Maierhofer, der ab seinem vierzehnten Lebensjahr im elterlichen Betrieb als Koch arbeitete, hängte jedoch nach dieser Enttäuschung zwei erfolgreiche Saisonen beim Landesligisten SV Langenrohr an.

Danach wollte der mittlerweile 22-Jährige es noch einmal wissen: Per Mail bewarb er sich bei mehreren hiesigen Bundesligavereinen – ohne Erfolg. Wer Maierhofer sagt, der muss aber auch Selbstvertrauen sagen. Ein Bekannter fädelte ein „Vorstellungsgespräch“ an der Säbener Straße ein und der Gablitzer machte sich aus dem Nichts kommend auf den Weg in die große Fußballwelt um nach den Sternen zu greifen.

„Kannst du dir überhaupt die Schuhe zubinden?“   

Eine sehr direkte Frage, deren sarkastischer Unterton wohl selbst für einen moralisch-dickhäutigen Zeitgenossen nicht zu überhören ist. Doch der „Elefant im Porzellanladen“, der diesen rhetorischen Satz von sich gab, als Stefan Maierhofer, der (fast) nur Landesligaerfahrung im Fußballentwicklungsland Österreich vorzuweisen hatte, zum Probetraining bei den Bayern Amateuren aufkreuzte, sollte eines Besseren belehrt werden. Ob es sich bei dem „Verbaltäter“ nun um einen weiteren Kandidaten oder Trainer Hermann „Tiger“ Gerland höchstpersönlich handelt, ist unklar. Sicher ist eines: Der „Lange“ haute sich während des Trainings voll ins Zeug und wurde schließlich aufgenommen. Seine Konditionsstärke, die damit verbundene Laufarbeit und seine Vollstreckerqualitäten waren augenscheinlich. Gerland wusste: „Den kriegen wir schon hin“. „In diesem Moment ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen“, erzählte der gelernte Koch, er wird für zwei Jahre verpflichtet.

Aus der Maierhofer’schen Not machte der berüchtigte Talenteschmied eine Tugend: Gerland verbesserte Stefans Kopfballspiel nachhaltig und formte so das wichtigstes „Atout“ im Spiel des gutaussehenden Angreifers. Der Stürmer erwies sich als lernwillig und vor allem als lernfähig, so trug der 2,02 Meter große Baum in Bayern reichlich Früchte: An der Zahl genau einundzwanzig „Bummerl“ in zweiundvierzig Spielen schoss der Hüne für die Amas der „Roten“.  Der „große“ Niederösterreicher avancierte bei den „kleinen“ Bayern zum Mannschaftskapitän, Torgaranten und Wachrüttler, sogar bei den Profis durfte er mitkicken. Naja, kicken ist zu viel gesagt: Zweimal wurde er 2006 in den letzten Minuten der Partie eingewechselt. Für den FC Bayern am Feld stehen, heißt aber für den FC Bayern am Feld stehen. Mein erstes Bundesligaspiel in der Allianz Arena vor 69.000 Zuschauern.“, so behält Stefan diesen besonderen Tag auf seiner Homepage in Erinnerung. Dass es für den deutschen Rekordmeister nicht reicht, wird ihm damals klar gewesen sein. Selbst mit seiner fulminanten Zeit bei den Amateuren hätte wohl niemand gerechnet, die Münchner-Schule kriegt aber eben jeden hin.

2007 wechselte der Angreifer schließlich zu Koblenz in die zweite deutsche Bundesliga, anschließend war er bei der SpVgg Greuther Fürth unter Vertrag. Doch es lief bei beiden Klubs nicht gut, in Fürth saß Stefan auf der Tribüne bis Rapid Wien überraschend an seine Tür klopft. Jener Wiener Traditionsverein bei dem sich der damals 25-jährige bereits einige Jahre zuvor beworben hatte und an die zweite Mannschaft verwiesen worden war. Peter Pacult hatte den Stürmer auf seiner Rechnung, sein Instinkt sagte ihm, dass der „Lange“ der richtige Mann für die Rapid-Offensive sei. Das grün-weiße Mittelfeld strotzte damals mit Kavlak, Boskovic, Hofmann und Korkmaz nur so vor willigen Flankengebern und Vorlagenkönigen, deren Bälle nur noch einen Sturmtank benötigten.

Der „Lange“ wurde schließlich in der Winterpause bis zum Ende der Saison von den „Grün-Weißen“ ausgeliehen, die Fans waren nicht gerade begeistert. Ein „Spitzkicker“ sollte den Rekordmeister zur Schale schießen? Das Gerücht, dass Maierhofer einst gemeint haben soll, für ihn gäbe es in Österreich sowieso nur einen Verein, nämlich Red Bull Salzburg, wurde ebenfalls gestreut. Die Zweifel sollten sich jedoch rasch legen.

Sieben in elf   

… so lautete Maierhofers Tor/Spiel-Bilanz am Ende der Saison 2007/2008. Anfangs war er der Edeljoker für die wichtigen Tore, besonders in Erinnerung bleibt sein Einsatz im Wiener Derby: Seine beiden Treffer in der zweiten Hälfte führten die Hütteldorfer auf die Straße zum Titel. Mit dem 7:0-Auswärtssieg in Wals-Siezenheim, bei dem der „Major“ erstmals von Beginn an mit Sturmpartner Hoffer auflaufen durfte, wurde der Angreifer unwiderruflich Teil der legendären Meistermannschaft um Rapid-„Hirn“ Steffen Hofmann und seine treuen Recken Korkmaz, Hoffer, Boskovic, Kavlak und wie sie alle heißen. Am Ende wandelte sich der baumlangen Maierhofer zum „Meisterhofer“ von Wien-Penzing.

Doch der erste Ärger ließ nicht lange auf sich warten: Maierhofers Stolz zeigte sich, als es um die Frage ging, wie es mit ihm und dem Verein nun weitergehen solle. Schnell stand nur eines fest: In den EM-Kader Österreichs wurde der „Major“ doch nicht einberufen. Mit seiner fulminanten Darbietung erspielte er sich zwar die Teilnahme am erweiterten A-Team-Kreis, schaffte es aber nicht in die Endauswahl. Vielen Fans des grün-weißen Traditionsvereines fiel letztendlich ein kleiner Stein vom Herzen, als Maierhofer sich entschied an Bord des frischgebackenen Meisters zu bleiben. Mission 33 scheiterte ein Jahr später knapp und das, obwohl sich „Maier-hof(f)er“ zum 50-Tore-Sturm mauserten. Nachdem sich Offensivkollege und Kumpel „Jimmy, die Wühlmaus“ auch noch gen Italien verabschiedete, kam es für viele Fußballinteressierte nicht überraschend als auch der „Lange“ nach nur drei absolvierten Ligaspielen im Sommer 2009 seine Koffer packte. „Stefan wollte unbedingt nach England“, erzählte sein damaliger Trainer Peter Pacult. Dass sich der Floridsdorfer und der Gablitzer nicht immer in Grün(-Weiß) hatten, war zuvor ein offenes Geheimnis gewesen. Auch die lebende Rapid-Legende Steffen Hofmann deutete vorsichtig an, dass die Ehe Maierhofer-Rapid im Frühjahr 2009 schwierige Zeiten durchlitten hatte: „Der „Lange“ ist ein wichtiger Mann für uns. Aber einen zweiten Maierhofer würde keine Mannschaft der Welt vertragen.“

Das „Krankl-Syndrom“, die „Scharner-Fehlfunktion“ etc., dem Kind könnte man viele Namen geben: 2009 hatte es den Anschein, als würden Symptome dieser „Krankheit“ auch bei Stefan Maierhofer auftreten. Kein Wunder, fällt der lebensfrohe Ex-Koch doch in die dementsprechende Risikogruppe, so erkranken häufig Vollblutstürmer. Eine starke Selbstsicherheit, unnötige Vertragspoker, brennender Ehrgeiz, der dazu führt, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und eine extrovertierte Darstellung sind manchmal die unangenehmen Begleiterscheinungen, die ein Mittelstürmer mit sich bringt. Solche Kicker werden schließlich an ihren versenkten Bällen gemessen und müssen ständig gegen Verteidiger ankämpfen, da verschwimmt ab und an die Perspektive etwas. Beim „Langen“ kam noch dazu, dass er begann etwas zu viel „Show“ zu liefern:  Die Bananenschnitte seiner Mutter hier, die Homestory auf der „Hochramalpe“ da. Der Spieler schien Kameras und Reporter anzuziehen wie das Licht die Motten. Es sei ihm von ganzem Herzen vergönnt, seinen Ruhm, den er sich entbehrungsreich erarbeitet hat, zu genießen, doch viele verfolgten seine verstärkte Präsenz in den Medien mit Unbehagen. Im Endeffekt hatte Maierhofer nämlich klare Aufgaben: Tore schießen und nicht Gastjuror bei einer TV-Sendung zu sein. Solange der Erfolg stimmt, werden solche privaten Ausflüge gerne mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen oder belächelt, doch wenn die Leistungskurve nach unten zeigt, kann man sich auf dem Society-Parket ganz schön die Finger verbrennen.

Ein Mann, der für mediales „Tam-Tam“ nie viel übrig hatte, ist auch Peter Pacult. Dem knorrige Wiener ging Maierhofers Außendarstellung gegen den Strich, er, als „Schweiger“ bekannt, bemerkte fast ein halbes Jahr nach dem Abgang des Profis: „Wenn ich an einem Spieler vorbeigehe, frage ich ihn, was es Neues gibt und ob alles in Ordnung ist. An der Antwort und der Körpersprache sehe ich, ob ihn etwas belastet. Selbstverständlich rede ich dann mit ihm. Nur verstehen viele unter »reden« halt etwas anderes. Der Stefan Maierhofer hat gerne erzählt, wie es in der Disco gewesen ist und welche Fototermine er gehabt hat. Das interessiert mich nicht, weil es mit dem Fußball nichts zu tun hat.“  Im selben Gespräch bezeichnete der Trainer seinen ehemaligen Schützling als „ein bisserl egoistisch und undankbar.“

Die Waage hielt sich anno 2009 jedoch noch in Balance, denn Maierhofer trug den Konflikt nach außen. Schuld waren ein nicht (oder doch) gegebenes Interview in der Zeitung „Österreich“, in dem der Spieler den Austausch des Co- und Tormann-Trainers heftig kritisierte. Auch in der Sendung „Sport am Sonntag“ ließ Maierhofer mit einem, Bände sprechenden, „So wie immer!“ auf die Frage, wie sein Verhältnis zum Rapid-Coach sei, hinter die Kulissen blicken. Eine ungute Reaktion: Was in der Kabine passiert, sollte auch dort bleiben. Das gehört zum Ein-Mal-Eins eines jeden Profis. Atmete die Mannschaft tatsächlich auf, als ihr Sturmtank nun zu den Wolverhampton Wanderers wechselte und dem Konflikt Maierhofer-Pacult der Nährboden entzogen wurde?

Was den sportlichen Bereich anbelangt, war es für den „Major“ in jedem Fall ein Abstieg. Mit dem Wechsel hatte er jedoch wieder einmal eines seiner Ziele erreicht: Der Mann, dem keine Profi-Laufbahn zugetraut wurde, lief im September 2009 im Old Trafford auf, um die „Red Devils“ zu ärgern. Die Manchester Boys siegten allerdings mit 1:0, doch Maierhofer hatte für 90 Minuten die Luft der „besten“ Liga der Welt eingesogen und gegen Rooney und Co. gekickt. Bereits davor hatte er sein erstes Tor im ersten Spiel für die „Wolves“ gemacht – Ein Einstand nach Maß, dem allerdings keine weiteren Treffer folgten.

Sehr klug war es nicht einem deutschen Reporter folgendes mitzugeben: „Sehen Sie, in Österreich gibt es zehn Mannschaften. Man spielt viermal im Jahr gegen dieselben Teams. Dort war der Reiz einfach nicht mehr so groß. Ich habe nichts gegen Vereine wie Mattersburg oder Kapfenberg, aber dort zu spielen ist von der Stimmung und von den Zuschauern her eben etwas anderes als im Old Trafford oder an der Stamford Bridge.“ Auch wenn diese Aussage wahrscheinlich nicht überheblich gemeint war, ein altes jüdisches Sprichwort sagt: „Wer in die Höhe spuckt, dem fällt die Spucke ins Gesicht.“ Maierhofer wurde Opfer seines eigenen „Speichels“: Er spielte nicht, kam gerade auf dreizehn Einsätze und wurde von den Fans „als schlechtester Kicker“, der jemals das Trikot mit dem Wolf getragen hatte, bezeichnet. „Die Lage hat sich dann zugespitzt, dann ist alles zack-zack gegangen“, hatte er einst über seinen Transfer von Rapid zu Wolverhampton gesagt. Nun war es umgekehrt genauso. Eine Leihe zu Bristol City konnte das Steuer nicht mehr herumreißen. Seinem leidenschaftlichen Einsatzwillen getreu, zog sich Stefan dort bei seinem Heimdebüt sogar die Handschuhe an, um anstelle des verletzten Goalies die letzten Minuten der Partie zwischen den Pfosten zu stehen. Schließlich war er in seiner Jugend einst für kurze Zeit Tormann gewesen.  Nach drei Spielen wollten „The Robins“ jedoch die Leihe nicht verlängern und Maierhofer kehrte nach Wolverhampton zurück.

Morgen lest ihr den zweiten Teil über Maierhofers wechselhafte Karriere!

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag