Nach dem souveränen 5:0-Auswärtssieg in der EM-Qualifikation gegen Liechtenstein wartet auf das österreichische Nationalteam am Dienstag schon das nächste Länderspiel. Im Ernst Happel Stadion... Abbauender WM-Teilnehmer: Das ist die Nationalmannschft von Bosnien und Herzegowina
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Bosnien - FlaggeNach dem souveränen 5:0-Auswärtssieg in der EM-Qualifikation gegen Liechtenstein wartet auf das österreichische Nationalteam am Dienstag schon das nächste Länderspiel. Im Ernst Happel Stadion trifft man auf die Auswahl aus Bosnien und Herzegowina – ein Team, das seit der Teilnahme an der letzten WM kontinuierlich abbaute.

Mit durchaus berechtigten Hoffnungen auf die KO-Phase trat Bosnien im letzten Sommer die Reise nach Brasilien an, musste jedoch nach drei Spielen wieder seine Koffer packen. Auch in der aktuellen EM-Qualifikation macht man bisher eine schlechte Figur, sodass man den Teamchef wechselte. Statt Safet Susic sitzt nun Mehmed Bazdarevic auf der Betreuerbank.

Reaktionsstarke Nummer eins

Einer der bekannteren Spieler des Teams hütet das Tor: Asmir Begovic. Schon seit über zehn Jahren verdient er sein Geld im englischen Vereinsfußball und ist aktuell Teamkollege von Marko Arnautovic bei Stoke City. Bei den Potters überzeugt Begovic mit seiner Konstanz, wurde von Fans und Mitspielern mehrfach ausgezeichnet. Der 27-Jährige ist besonders auf der Linie und im Eins-gegen-Eins sehr stark. Während er selbst schon 35 Länderspiele am Buckel hat, sind seine Ersatzleute sehr unerfahren.

Innenverteidigung ohne patriotischem Leader

Im Abwehrzentrum müssen die Bosnier in Zukunft auf ihren Anführer Emir Spahic verzichten. Der 34-Jährige, der als Patriot und äußerst unangenehmer Gegenspieler gilt, hat nach der WM seinen Rücktritt angekündigt. Für die aktuelle Länderspielperiode ließ er sich nun bereits zum zweiten Mal erweichen, nachdem er sich schon im Herbst einmal anders entschied. Das Länderspiel in Wien wird aber ohne den Leverkusen-Legionär stattfinden, nachdem er nur für das Qualifikationsspiel gegen Andorra zusagte.

Als neuer Abwehrchef könnte sich Ermin Bicakcic herauskristallisieren. Der 25-Jährige wurde beim VfB Stuttgart ausgebildet, kam über Eintracht Baunschweig zur TSG Hoffenheim. Er ist ein durchaus moderner Verteidiger, der am Ball sicher ist und in der Defensive mit seiner Physis punkten kann. Neben ihm dürfte Toni Sunjic auflaufen. Dieser ist nicht der schnellste Spieler und hat Schwächen im technischen und strategischen Bereich, punktet aber mit Disziplin und Physis. Eine weitere Option wäre Ognjen Vranjes.

Nominelle Außenverteidiger konservativ

Links hinten hatte man während der WM Probleme. Mit Sead Kolasinac hat man zwar und für sich ein Talent im Talon, der Schalke-Legionär ist aber unerfahren, riss sich zudem im August das Kreuzband und steht nicht im Kader. Links hinten dürfte daher Ervin Zukanovic spielen. Der 28-Jährige kann auch in der Innenverteidigung spielen, zeigte aber heuer bei seinem Klub Chievo gute Leistungen.

Auf der Rechtsverteidigerposition gibt es mit Mensur Mujdza einen erfahrenen Akteur. Dieser hat sich in der Bundesliga beim SC Freiburg einen Namen gemacht, verlor dort aber nach einigen Verletzungen in der letzten Saison seinen Stammplatz. Als Kontrast zum konservativ ausgerichteten Mujdza gibt es auch eine offensiv starke, dynamische Option: Avdija Vrsajevic von Hajduk Split.

Ein Spielmacher von Weltklasseformat …

Im zentralen Mittelfeld haben die Bosnier einen absoluten Klassemann: Miralem Pjanic von der AS Roma. Individuell zeichnet ihn seine großartige Balance und Koordination aus, wodurch er nur sehr schwer vom Ball zu trennen ist. Mit 24 Jahren hält er bereits bei 53 Länderspielen und gehörte auch bei der WM zu den stärksten Mittelfeldspielern in der bosnischen Gruppe. Besonders interessant dürfte die Wechselwirkung zwischen der hohen Klasse von Pjanic und des österreichischen Pressings werden.

… und seine Indianer

Neben Pjanic gibt es im bosnischen Mittelfeld nach dem Rücktritt von Zvjezdan Misimovic praktisch keinen Spieler mehr, der für Überraschungsimpulse sorgen bzw. dem Spiel Struktur geben kann. Es besteht vielmehr aus fleißigen Indianern, die ihren Häuptling unterstützen. Ein Spieler, der für diese Rolle wie gemacht ist, ist Senad Lulic. Der 29-jährige Lazio-Kicker ist vielseitig einsetzbar, löst seine Aufgaben sehr sachlich und ohne besonders aufzufallen. Er kann auf den Außenbahnen offensiv wie defensiv gebracht werden oder auch als zentraler Verbindungsläufer agieren.

Ein weiterer Spieler, der sich als Zuarbeiter wohlfühlt ist Haris Medunjanin, der im Sommer den Sprung in die Primera Division zu Deportivo machte. Der 30-Jährige ist ein umschaltstarker Spieler, der auch gerne aus der Distanz schießt. Daneben gibt es mit Muhamed Besic einen interessanten Mann aus der Premier League. Der in Deutschland aufgewachsene Mittelfeldspieler schaffte es bei der WM sogar Lionel Messi eine Halbzeit lang zu neutralisieren, verzichtete aber nach dem Spiel auf einen Trikottausch. Begründung: er tausche seine Trikots nicht, weil es ihm so viel bedeute für Bosnien zu spielen.

Auch Sturm-Legionär Anel Hadzic steht im Kader der Bosnier und dient als Zuarbeiter. Gegen Israel stand er sogar als Linksverteidiger in der Startelf. Dort agierte mit Sejad Salihovic in der Vergangenheit auch ein bekanntes Gesicht aus der deutschen Bundesliga. Für Hertha BSC und Hoffenheim hat er dort 171 Einsätze sowie 46 Tore und 36 Vorlagen am Konto. Dennoch darf man sich auch von ihm auf internationaler Ebene eher weniger spielerische Impulse erhoffen.

Probleme auf den Flügelpositionen

Während man im Zentrum also durchaus breit aufgestellt ist, fehlt es auf den offensiven Außenpositionen an passenden Alternativen. Links spielt in aller Regel Dauerläufer Lulic. Rechts gab es in den letzten Spielen eine hohe Fluktuation. Neben Pjanic, der von dort aus einrückend und spielmachend agierte, stand zuletzt Edin Visca in der Startelf. Der 25-Jährige ist weniger ein klassischer Flankenspieler, sondern ein tororientierter Rechtsaußen.

Vor der WM trumpfte Izet Hajrovic auf dieser Position auf und bekam in den ersten beiden Gruppenspielen auch das Vertrauen. Hajrovic ist ein dynamischer Flügelspieler, der als Linksfuß von außen nach innen spielt und auch als Stürmer infrage kommt. Im Sommer wechselte der 23-Jährige zu Werder Bremen, weil er bei Galatasaray kein Geld mehr bekam. In der Bundesliga konnte er sich aber bislang nicht durchsetzen und auch im Nationalteam muss er um seinen Platz kämpfen.

Tino Susic ist ebenfalls eine Alternative für die offensiven Positionen, fühlt sich aber im Zentrum wohler. Ebenso Semir Stilic, der nur für die Partie in Wien einberufen wurde. Für Wisla Krakau schoss der 27-Jährige heuer immerhin acht Tore und bereitete zehn weitere vor.

Das ewig tragende Sturmduo

Der zweite große Star im Team der Bosnier ist Stürmer Edin Dzeko. Der 29-Jährige wurde Torschützenkönig in der deutschen Bundesliga und verdient nun seit vier Jahren viel Geld bei Manchester City. Der bosnische Rekordtorschütze ist auch dort ein wichtiger Spieler und stellt seine Gegenspieler nicht nur aufgrund seiner starken Physis vor schwere Aufgaben. Dzeko weiß sich auch intelligent zu bewegen und verfügt über eine gute Technik.

Zusammen mit dem Kapitän bildet Vedad Ibisevic schon seit Jahren das Sturmduo und trägt gemeinsam mit das Offensivspiel maßgeblich. Der langjährige Deutschland-Legionär ist mittlerweile schon 30 Jahre alt, bewegt sich nicht mehr ganz so dynamisch, sondern besetzt hauptsächlich das Sturmzentrum. In der laufenden Bundesliga-Saison ist er zudem noch ohne Torerfolg. Für noch mehr Durchschlagskraft gäbe es den 24-jährigen und 1,99m großen Milan Djuric im Kader. Will man mehr Dynamik könnte man Riad Bajic bringen.

ÖFB-Team erster Prüfstein für Bazdarevic

Es wird interessant werden zu sehen, wie die Bosnier unter dem neuen Teamchef Bazdarevic auftreten werden. Da das ÖFB-Team der erste ernstzunehmende Gegner für die Bosnier in der Post-Susic-Ära sein wird. Susic ließ die Mannschaft immer sehr offensiv spielen und machte daraus auch kein Hehl. Bei der WM ging dies schief, wenngleich es auch unglückliche Begleitumstände gab und der Aufstieg ohne weiteres möglich gewesen wäre. Von den vier Spielen danach konnten sie keines gewinnen und erzielten nur zwei Tore.

Gegen Andorra hatte Bosnien erwartungsgemäß keine Probleme, war spielerisch aber keineswegs überzeugend. Sie spielten schon früh auf die Seite, hatten im Aufbauspiel eine flache, statische Staffelung in der höchsten Linie. Sie nutzten hauptsächlich hohe Bälle um die Durchschlagskraft und individuelle Klasse von Dzeko und Ibisevic ins Spiel zu bringen. Ein wichtiger Aspekt am Dienstaf wird die Frage sein, ob sie auch in Wien das Spiel machen werden wollen. Das Personal würde dafür passen, jedoch würde eine derartige Ausrichtung wiederrum den pressingstarken Österreichern in die Hände spielen.

Alexander Semeliker, abseits.at

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Alexander Semeliker

@axlsem