Im August 2008 war Hickersberger nach einer enttäuschenden Europameisterschaft Geschichte. Die hohen Herren des ÖFB wünschten sich einen ausländischen Toptrainer, der es richten soll.... Das Phänomen des Janus-Kopfs (2) – Die Karriere des Paul Scharner

ÖFBIm August 2008 war Hickersberger nach einer enttäuschenden Europameisterschaft Geschichte. Die hohen Herren des ÖFB wünschten sich einen ausländischen Toptrainer, der es richten soll. Die Wahl fiel auf den Tschechen Karel Brückner, der gegenüber den Medien den Harten und Unnahbaren gab.

Unter Brückner wurde für Scharner alles anders: Der Olmützer kam wieder auf die Dienste des „Outlaws“ zurück. Der England-Legionär feierte sein Comeback beim 2:2 gegen Italien in Nizza. Nach einer Fragestunde mit den Mitspielern, stand der Niederösterreicher am 20. August 2008 für den verletzten Rene Aufhauser am Platz. Und erstmals schien es, als könne Scharner auch in der Nationalmannschaft an seine erfolgreiche Klubkarriere anschließen.

Brückners Nachfolger Constantini setzte noch mehr auf den Defensivspieler. Der Defensivmann wurde 2. Kapitän hinter Pogatetz und spürte erstmals das Vertrauen eines Nationalteamtrainers. Leise übte Scharner noch Kritik am Verband, doch die ging in der damaligen Konzentration auf die EM-Qualifikation fast vollständig unter. Scharner wollte oder konnte kein Nestbeschmutzer mehr sein.

Seine Leistungen im Team blieben unterdurchschnittlich. Scharner machte sich wenig Freunde, der damalige Rapid-Trainer Peter Pacult kritisierte ihn mehrmals öffentlich. Der Wiener warf Scharner vor, keine Führungsqualitäten zu haben und am Platz nichts zu bewegen. Irgendwie hatte er damit  auch Recht. Wer ÖFB-Teamspiele beobachtete, sah einen Mann mit auffälliger Frisur, der wie im Rausch den Platz abrannte und krampfhaft versuchte überall einzugreifen. Engagement vs. Undiszipliniertheit. Vielen Kritikern war hier klar: Er will zwar, kann aber offensichtlich nicht. Der Vergleich mit Stürmer Stefan Maierhofer drängte sich auch wieder auf: Beide haben fußballerisch begrenzte Möglichkeiten, dafür aber einen eisernen Willen. Doch wenn der Angreifer Maierhofer einem Ball nach dem anderen hinterherjagt, als hätte er Hummeln im Hintern, hat das für eine Mannschaft andere Konsequenzen, als wenn ein Defensivspieler, wie Scharner, seine angestammten Räume verlässt, um auf sämtlichen Hochzeiten zu tanzen. In der Verteidigungsarbeit fehlt dieser Spieler nämlich und das kann fatale Folgen haben.

Peter, Paul und Valentin

Scharner war eine von Pacults Lieblingszielscheiben, wenn dieser das Nationalteam zum Thema machte. „PP“ gab gerne seinen Senf dazu. Man erinnere sich an die Sager vom „Oaschwackeln“ der Jungen und an jenen vom „Gurkenländerspiel“.

„Wenn sich Paul im Fußball nicht durchsetzt, wird er Skifahrer und steht in einem Jahr im A-Kader“, soll Mentaltrainer Hobel Fußballtrainer Pacult einst gesteckt haben, als sich Letzterer über die Zukunftspläne des damaligen Austria-Wien-Spielers erkundigte.  Schon 2007 sprach sich der Trainer gegen ein Nationalteam-Comeback des Legionärs aus, er bezeichnete den Purgstaller als „Einzelsportler im Mannschaftssport“. Aber eigentlich haben Pacult und Scharner auch Essentielles gemeinsam: Beide wollen es nicht allen Recht machen und fahren konsequent ihre Linie. Der Floridsdorfer schätzt es auch, wenn Spieler rackern und beißen, wie ein Paul Scharner.

Zudem haben sie ein gemeinsames Spottobjekt: Marko Arnautovic wurde wiederholt von ihnen ins Kreuzfeuer genommen. Peter Pacult attestierte dem Bremen-Stürmer mangelnde Einstellung und falsches Benehmen. Für ihn ist Arnautovic „total überschätzt“. Paul Scharner „glänzte“ mit der Aussage, dass der Austro-Serbe „nur Stroh im Kopf habe“. 2011 bemängelte er abermals dessen Null-Bock-Einstellung und sein Verhalten als Unruheherd.

Der logische Schluss einer einfachen Rechnung. Paul Scharner ist konsequent und hartnäckig. Er möchte gewinnen und ist bereit diesem Wunsch viel unterzuordnen. Klarerweise stößt es ihm sauer auf, wenn ein junger Mann, der Talent wie kaum ein anderer hat, dieses zu wenig nutzt um seine Ziele zu erreichen. Der „Biss“ fehlt Marko Arnautovic meistens. Die Scharners und Maierhofers aber, die sich nicht nur auf ihre fußballerischen Qualitäten verlassen können, müssen rackern bis zum Umfallen.

Wenn beide Eigenschaften Hand in Hand gehen, ist der Weltklassespieler geboren. Einen Marko Scharner bräuchte das Nationalteam.

„Es ist mir todernst“

Im September 2011 war die Zeit Dietmar Constantinis beim ÖFB beendet und Paul Scharner sorgte wieder einmal für Schlagzeilen. Der mittlerweile bei West Bromwich Albion Engagierte bot sich dem ÖFB als Spielertrainer an. Agent Pauli versuchte wieder einmal, nur diesmal geschickter, das Verbandssystem zu „infiltrieren“ und seine Maximen zu den Maximen der Rot-Weiß-Roten zu machen. Zweifel wegen seiner fehlenden Ausbildung wischte der Niederösterreicher gewohnt selbstüberzeugt weg: „Ich habe in meinem Fußballerleben schon genug gelernt und in den letzten Wochen im Nationalteam so viel erlebt – das muss doch reichen.“ Stein des Anstoßes war übrigens die Tatsache, dass der gefeuerte Nationalteamtrainer bei den letzten zwei EM-Qualifikationspartien noch auf der Bank sitzen sollte.

So nah an der Mannschaft wie der aktuelle Trainer bin ich auch. Ich weiß genau, was intern abläuft und der Erfolg ist ja scheinbar eh nur zweitrangig.

Solche Aussagen waren nicht gerade Komplimente für einen Teamchef, der dem Niederösterreicher stets den Rücken stärkte und sogar zum Vize-Kapitän gemacht hatte. In gewohnter Scharner-Manier bekam aber auch der ÖFB sein Fett ab: „Das ist wieder einmal eine österreichische Lösung.“, kritisierte er das Vorgehen des Verbandes und bezeichnete sein Versprechen als „todernst“. War es das wirklich? Oder nur eine subtile Art die verkorkste Verbandsarbeit ein weiteres Mal zu beanstanden? Polterte Pauli einfach nur um sich ins Rampenlicht zu stellen oder wäre er tatsächlich gerne Übungsleiter geworden?

Keine Ahnung.

Jedenfalls erklärten einige Herren mit mehr oder weniger Fußballsachverstand, ein  Paul Scharner als Spielertrainer ginge gar nicht. Dem ÖFB kam das gelegen. Konsequenzen gab es für den England-Legionär aber nicht.

Das Thema Nationalteam ist gegessen!

Ein knappes Jahr später jedoch machte Paul Scharner das Kapitel Nationalteam ein letztes Mal zu. Und diesmal wohl wirklich für immer und ewig. Hauptdarsteller in diesem Drama waren wieder Paul Scharner und der ÖFB. Als neuen „Antagonisten“ sah sich der Spieler dieses Mal aber dem Schweizer Marcel Koller gegenüber, ein Kurzauftritt blieb für Berater Hobel übrig.

Schauplatz der Tragödie ist das Teamcamp in Seefeld, Zeit der Handlung der 15. August 2012, Matchtag des Testspieles Österreich – Türkei.

Scharner verließ an besagtem Sommertag das Mannschaftshotel nach Differenzen mit Teamchef Koller. Koller machte es Hickersberger nach und verkündet, den Querkopf nicht wieder einzuberufen. Und diesmal schloss sich der ÖFB an und sperrt Scharner auf Lebenszeit für die rot-weiß-rote Elf. Was konkret passiert ist, weiß niemand genau. Der Spieler selbst erzählte im News-Interview davon, dass er eine Rolle als Ergänzungsspieler nicht annehmen wollte und sich zu wenig geschätzt gefühlt habe. Er warf dem Schweizer vor, er hätte ihm zu Unrecht vorgehalten, zu wenig Erfahrung als Innenverteidiger zu besitzen. Bildlich gesprochen machte Scharner aus Koller ein Schnitzel, das der Verband schön weichgeklopft hätte. Er deutete an, dass er abmontiert wurde, weil seine Kritik immer noch unerwünscht sei.  „Ich soll ein spielender Backup-Coach sein. Da mache ich nicht mit!„, legte der Niederösterreicher die  Karten auf den Tisch und ergänzte:  „Wenn man mit mir umspringt wie mit einem jungen Trottel, bin ich tief beleidigt.

Letzteres formulierte Coach Hobel zu einem „Wenn Paul entwertet wird, macht er nicht mehr mit“ um. Mentalcoach und Schützling wiesen in den Medien auch mehrmals auf Pauls Erfolge hin, schließlich gibt es in der jüngeren Vergangenheit keinen anderen Österreicher der über 200 Partien als Premier-League-Profi gespielt hat. Die Abreise-Geschichte veränderten sie auch, in ihrer Version wollte Scharner bleiben, aber Koller meinte, es sei besser, er würde dem Team den Rücken kehren. Allein kaum einer glaubte den Beiden.

Die acht Millionen österreichischen Teamchefs waren sich fast einig: „Danke für Nichts“, schossen viele in Richtung des Legionärs und freuten sich über das Ende einer unglücklichen Ehe. Scharner hatte im Nationalteam eindeutig zu wenig mit sportlichen Leistungen Schlagzeilen gemacht.

Dabei begann alles sehr schön: „Der stärkste Mann, gegen den ich je gespielt habe.“, urteilte kein geringerer als der damals 21-jährige Stürmer Samuel Eto’o, als ihn Paul Scharner bei seinem A-Team-Debüt am 17. April 2002 gegen Kamerun bewachte. Doch neben allen Verbandsstreitigkeiten und Verletzungen waren die restlichen Auftritte Scharners für Rot-Weiß-Rot Großteils enttäuschend.

40 Spiele und 0 Tore lautet seine Bilanz. Man erinnere sich an einen katastrophalen Elfmeter gegen Kamerun, eine dämliche rote Karte gegen Belgien und unzählige Partien, in denen er umtriebig über den Platz fegte, überall sein Bein hinhalten wollte und dabei seine eigentlichen Aufgaben vergaß. Ungeschicktes Attackieren, Langsamkeit und Fehlpässe rundeten Scharners Unglück ab. Er und das Team wurden nie richtig warm.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag