Man könnte neidisch werden, wenn man sich die vielen Talente des Karl Sesta vor Augen führt: Der gebürtige Simmeringer war ein guter Stürmer, der... Anekdote zum Sonntag (65) –  Der stärkste Simmeringer
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Retro Fussball_abseits.atMan könnte neidisch werden, wenn man sich die vielen Talente des Karl Sesta vor Augen führt: Der gebürtige Simmeringer war ein guter Stürmer, der zu einem Weltklasse-Verteidiger umgeschult wurde. Daneben errang er einen österreichischen Amateurmeistertitel im Ringen und holte mit seiner Interpretation von Wiener Liedern einen Goldene Schallplatte in London.

Der bullige Wunderteam-Defensivspieler war sich seiner Fähigkeiten wohl bewusst und freute sich, dass er auf die Butterseite gefallen war. Würde Karl Sesta heute leben, wäre er Millionär. Doch der 1906 Geborene war auch zu Lebzeiten ein Liebling der Massen und das ist mehr wert als Geld. Sesta, der eigentlich Karl Sesztak hieß, gab stets den Ton an. Unterordnung und Disziplin waren ihm auf und neben dem Platz unbekannt. Er hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, selbst dann nicht, wenn es gefährlich für ihn werden konnte. So kam es, dass Sesta auch in der NS-Zeit aus seiner Anti-Nazihaltung kein Geheimnis machte. Otto Fodrek erinnert sich, dass „der Blade“, wie er aufgrund seiner bulligen Statur genannt wurde, nach einem Zornesausbruch gegen Reichstrainer Herberger froh sein musste, nicht in einem KZ inhaftiert zu werden. In derbem Wienerisch hatte Sesta dem Deutschen klar gemacht, dass er vom Fußball seines Erachtens keine Ahnung hätte. Zum Glück intervenierten einige einflussreiche Freunde und Sesta wurde – wie viele österreichische Fußballer – zum Luftwaffensportverein Markersdorf abkommandiert. Seine Karriere in der deutschen Nationalmannschaft war jedoch mit dieser Episode beendet.

Lange vor dieser Zeit, in den 20er-Jahren, arbeitete Sesta hauptberuflich als Bäcker. Nebenbei rang er beim hiesigen Simmer(ringer) Verein und kickte für den SC. Die Statuten des Fußballverbandes verlangte es jedoch, dass sich der „Blade“ aus dem Kampfsport zurückzog und so hängte er nach dem Gewinn des österreichischen Amateurmeistertitels seinen Stretchanzug an den Nagel. Ganz Adieu sagen, konnte er seiner zweiten Leidenschaft jedoch nie.

In Zeiten der Lustbarkeitssteuer nahmen viele österreichische Vereine an bezahlten Freundschaftsspielen teil um sich ein Zubrot zu verdienen. Rekordverdächtiges leistet hierbei der FC Wien im Jahre 1922: Man nahm neben zweiundzwanzig Ligaspielen zusätzlich 49 Spiele im Ausland in Anspruch um über die Runden zu kommen. Im Winter und Sommer gingen die Mannschaften regelmäßig auf Reisen. So auch die Simmeringer, die 1926 zuerst Belgrad und anschließend Schweden besuchten. In Malmö nahmen die Wiener erfolgreich an einem Turnier teil, ehe sie in Lund den hiesigen Verein mit 4:0 besiegen konnten. Karl Sesta leistete als Mittelstürmer gute Arbeit und zeigte den Schweden wie man gleichzeitig robust und geschmeidig agieren konnte. Im hohen Norden hatte man außerdem erfahren, dass dieser bullige Angreifer ein höchstbegabter Ringer sei. Man nötigte den Fußballer nun noch einmal auf die Matte zurückzukehren um sein Können auch hier zu demonstrieren.  Zack – Sesta errang ohne große Anstrengungen zwei Schultersiege gegen die Besten aus Lund. Die Lokalpresse war hingerissen und der Simmeringer SC freute sich über gute Werbung und ein stattliches Sümmchen. Man versprach einander bald wiederzusehen.

Rund zehn Jahre später, als das Wunderteam schon wieder zerfallen war, weilte Sesta als Mitglied der österreichischen Nationalmannschaft in Paris. An einem freien Abend besuchte die Mannschaft ein Varieté um sich etwas zu amüsieren. Ein kräftiger Mann pries sich als den stärksten Mann Frankreichs an und bot demjenigen, der ihn beim Seilziehen besiegen würde, den stolzen Betrag von 100 Francs an. Sesta wäre nie auf die Idee gekommen, sich mit dem – aus seiner Sicht – Spargeltarzan zu messen. Doch Verbandskapitän Hugo Meisl beugte sich diskret vor und befahl: „Blader, erledigen Sie das!“ Karl Sesta meldete sich also, denn einem Hugo Meisl widerstand selbst er hin und wieder nicht, und der Bodybuilder freute sich schon auf sein nächstes Opfer. Jedoch konnte der Kraftmeier nicht ahnen, welch ein Samson in dem nur 1,65 Meter großen Wiener schlummerte. Sesta griff nach dem Seil und zog an: Un, deux, trois – mit mehreren Rucken hatte er den selbsternannten stärksten Franzosen schon über die Grenzlinie gezogen. Sesta jedoch ließ nicht locker, drehte ab diesem Zeitpunkt erst richtig auf und zog den Maulhelden unter Applaus der johlenden Zuschauer bis hinaus auf die Straße. Dann machte er kehrt, ging in den Saal zurück um sich zu verbeugen. Er nahm die 100 Francs entgegen und setzte sich wieder. Der stärkste Mann Frankreichs kündigte jedoch noch am selben Abend.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag