46 Spieltage sind in Englands zweithöchster Liga – der Championship – nun absolviert, jetzt steht wieder der große Finalshowdown an: Die Relegationsspiele oder wie... Die Championship-Playoffs – ein Vierkampf um Ruhm und Ehre, aber vor allem das große Geld

Premier League46 Spieltage sind in Englands zweithöchster Liga – der Championship – nun absolviert, jetzt steht wieder der große Finalshowdown an: Die Relegationsspiele oder wie man in England sagt „Playoffs“. Vier Mannschaften, ein Ziel: die prestigeträchtige, lukrative Premier League. Drei Spiele trennen den einen glücklichen Aufsteiger noch von Begegnungen mit Chelsea oder Manchester City bzw. von Auftritten im Old Trafford oder an der Anfield Road. Und nur ein Team wird nächste Saison mit kolportieren 60 Millionen Pfund mehr kalkulieren dürfen. Dagegen geht für drei Teams die Reise auch nächstes Jahr wieder nach Huddersfield oder Rotherham. Kaum ein Bewerb ist deshalb ähnlich dramatisch, wie das Playoff-Turnier um den Premier-League-Aufstieg. Kaum eine Niederlage tut sportlich, aber mehr noch finanziell so weh, wie jene in der Relegation am Ende der langen Saison.

Neben Bournemouth und Watford – die sich bereits als Fixaufsteiger das Ticket sichern konnten – spielt der Dritte bis Sechste ein Miniturnier um den verbleibenden Aufstiegsplatz. Mittendrin statt nur dabei sind heuer: Norwich City (3.Platz/86 Punkte), Middlesbrough FC (4./85), Brentford FC (5./78) und Ipswich Town (6./78). Der große Verlierer ist Wolverhampton: Ebenfalls 78 Punkte, jedoch die um vier bzw. fünf Tore schlechtere Tordifferenz. Wir schauen uns die vier Playoff-Teilnehmer etwas genauer an.

Norwich City

Die Kanarienvögel stiegen im Vorjahr aus der Premier League ab und haben den mit Abstand teuersten Kader zur Verfügung. Das Team von Neil Adams musste sich erst in der neuen Liga akklimatisieren, setzte aber noch rechtzeitig als zweitbeste Rückrundenmannschaft zur Aufholjagd an. Doch auf der Zielgeraden ging dem Fanmagneten Nummer eins (mehr als 26.000 Zuschauer pilgerten im Schnitt an die Carrow Road) dann doch die Luft ein wenig aus. Ein Direktaufstieg wäre durchaus möglich gewesen, zwei Ausrutscher in den letzten Spielen verhinderten diesen jedoch. Die beste Auswärtsmannschaft der Liga setzt vor allem auf ihren Topscorer Cameron Jerome (18 Saisontore).

Middlesbrough FC

Der Ex-Klub von Emanuel Pogatetz hatte Anfang des neuen Jahres einen wahren Lauf und war auf dem besten Weg zurück ins Oberhaus. Wenn Boro aufläuft, darf man sich kein Spektakel erwarten, weil nur bei Wigan-Spielen weniger Tore zu sehen sind. Das etwas lauen Offensivlüftchen mit nur 68 geschossenen Toren, kompensiert das Fort Knox der Liga: Nur 37 Gegentore ließ die Hintermannschaft in 46 Spielen zu, das ist der absolute Spitzenwert. Auch wenn’s manchen vielleicht anders vorkommt: Middlesbrough fehlen mittlerweile schon wieder fünf Jahre in der Premier-League!

Brentford FC

Quasi in letzter Sekunde qualifizierte sich die Sensations-Elf noch für die Playoffs. Dank des 3:0 über Wigan konnte Derby County in letzter Sekunde noch rausgekickt und Ipswich sogar überholt werden. So geht man vorerst wenigstens den Favoriten aus Norwich aus dem Weg. Der Aufsteiger ist der große Außenseiter in diesem Quartett, der Durchmarsch mit einem Billigkader und Ministadion wäre für die Bees die Krönung einer Wahnsinnssaison. Dazu müsste man aber hinten etwas gefestigter stehen, kein Team im Spitzenfeld kassierte so viele Treffer wie die Elf von Mark Warburton. Auf jeden Fall ist das Team aus dem Londoner Vorort für viele auf der Insel der sentimentale Favorit.

Ipswich Town

Nach einem miserablen Start war Coach Mick McCarthy schon mehr als nur angezählt. Doch man hielt am Headcoach fest und der Premier-League-erprobte Trainer führte die Tractor Boys zumindest ins Playoff. Dort wird man vor allem auf seine zwei Stärken bauen: Die Heimmacht und den Topscorer! An der Portman Road holte man so viele Punkte wie kein anderes Team im eigenen Stadion. Dazu sollen noch die Tore von Daryl Murphy den Unterschied ausmachen. Der Ire traf 27-mal ins Schwarze, kein Profi in den englischen Ligen netzte öfters ein. Ob man das Glück schon aufgebraucht hat wird sich weisen, denn dank der um vier Tore besseren Tordifferenz setzte man sich gegenüber Wolverhampton nur denkbar knapp durch!

Spiel eins und zwei – die erste Playoff-Runde

Kommendes Wochenende (Freitag und Samstag) trifft also der Sechste auf den Dritten und der Fünfte auf den Vierten. Eine Woche später folgen dann die Retourspiele:

8.5. Brentford FC – Middlesbrough FC (Rückspiel 15.5.)

9.5. Ipswich Town – Norwich City (Rückspiel 16.5.)

Im ersten Spiel stehen sich Middlesbrough und Brentford gegenüber. Die Roten gewannen beide Spiele in der regulären Saison und sind dementsprechend auch haushoher Favorit auf das Wembley-Ticket. Boros Starstürmer Patrick Bramford droht jedoch auch für die Relegation verletzungsbedingt auszufallen, was für die etwas unsichere Abwehr des Aufsteigers kein Nachteil wäre. Das Hinspiel steigt am 9. Mai im kleinen Griffin-Park, wo nur knapp 12.000 Zuschauer Platz finden werden. Dort muss der Underdog vorlegen, bei der zweitbesten Heimmannschaft wird es im Rückspiel sehr schwer werden.

Zwei ewige Rivalen von Englands Ostküste stehen sich im „East-Anglian-Derby“ gegenüber. Die beiden Städte Ipswich und Norwich trennen nur knapp 70 Autobahn-Kilometer. Beide Saisonduelle gingen an die Kanarienvögel, doch in einem Derby, noch dazu in einem „Do or Die“-Spiel zählen Statistiken und Favoritenrollen bekanntlich wenig. Auf jeden Fall fiebert eine ganze Region schon den nächsten beiden Wochenenden entgegen, wenn dieses Duell 30 Jahre nach der letzten großen Schlacht (im Liga-Cup-Halbfinale) seine Neuauflage finden wird. Zeitungen zerlegen alle möglichen Statistiken, Fakten und Formkurven, die nächsten Tage gibt es an der Ostküste nur ein Gesprächsthema um das kaum jemand herum kommen wird. Für den Sieger wartet ein Finalticket im Wembley. Norwich könnte so den Grundstein für den sofortigen Wiederaufstieg legen, während man in Ipswich schon seit 1994 nach Premier-League-Fußball lechzt.

Die beiden Sieger fahren dann am 25. Mai ins Wembley-Stadion. Was bei uns undenkbar wäre, nämlich ein Spiel von Zweitligisten im Nationalstadion, wird an diesem Tag das große Highlight auf der Insel sein. So wie im Vorjahr ist ein ausverkauftes Haus auch heuer wieder möglich, das wären dann knapp 90.000 Zuschauer bei einem Zweitliga-Kick. Spannend wird auch sein, wer mit dem Riesendruck am besten umgehen kann. Keine Mannschaft durfte zuletzt wertvolle Play-Off-Erfahrung sammeln, waren doch Ipswich (2005), Norwich (2002) und Middlesbrough (1991) schon länger nicht mehr bzw. Brentford noch gar nie im Aufstiegs-Playoff dabei.

Werner Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner