Neben der englischen Torwartkrise (der wir uns letzte Woche schon widmeten), gibt es noch einen weitere englische Fußballweisheit: Keine Nation verschießt ihre Penaltys so...
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Mannschaft, Elfmeter, Real Madrid, Einheit, KollektivNeben der englischen Torwartkrise (der wir uns letzte Woche schon widmeten), gibt es noch einen weitere englische Fußballweisheit: Keine Nation verschießt ihre Penaltys so oft, so schön und so sicher wie die Kicker mit den drei Löwen auf der Brust.

Als man im 19. Jahrhundert selber das Spiel auf der Insel erfand, dürfte man schon ein wage Vorahnung gehabt haben, dass die Beziehung zu den „Penalty-Kicks“ eine leidvolle werden würde. Im ersten Regelwerk der FA, das dann für die ganze Welt gelten sollte, ließ man Elfmeter einfach gleich weg. Den führte dann kurz vor der Jahrhundertwende ausgerechnet ein Ire ein. Ein gewisser William McCrum, noch dazu ein Tormann, die ja bekanntlich beim Elfmeterschießen sowieso immer nur gewinnen können.

Anfang der Siebziger kam ein Deutscher dann auf eine glorreiche Idee, die das englische Fußballvolk in regelmäßigen Abständen verzweifeln lässt. Karl Wald – Schiedsrichter aus Frankfurt – setzte durch, dass fortan Spiele ohne Sieger nach 120 Minuten in einem sogenannten „Elfmeterschießen“ entschieden werden sollten.

Für die Fans in den Pubs zwischen Newcastle und London grüßt dabei immer wieder das Murmeltier: Zuerst die Hoffnung und schlussendlich doch wieder nur die Enttäuschung. Selbst Wikipedia führt das englische Nationalteam als erfolgloseste Mannschaft beim Shoot-Out an. Seit 1990 musste man bei großen Turnieren siebenmal ins Elfmeterschießen. Sechs Mal war das Turnier Minuten später vorbei.

Die Chronologie – 7 Versuche, 1 Sieg

Ihr Debüt vom Punkt gaben die Three Lions 1990 in Turin beim Halbfinale gegen Deutschland. Nach 120 Minuten stand es 1:1, danach spielten Stuart Pearce und Chris Waddle die Nerven einen Streich. Der spätere Weltmeister Deutschland zog dadurch ins Finale ein, England wurde nur Vierter.

Schon 1996 gab es die Wiedergutmachung bei der Heim-EM. Spanien wurde im Viertelfinale rausgekickt und man höre und staune: alle Engländer verwerteten ihren Elfmeter! Doch nur vier Tage später gab’s ein Déjà-vu. Wieder ein Halbfinale, wieder 1:1 nach 120 Minuten und wieder die Deutschen. Wieder trafen alle deutschen Schützen und wieder vergab ein Engländer: Gary Southgate hieß der Unglücksrabe, der Traum des ersten Titels seit 30 Jahren war damit ausgeträumt, der selbsternannte Titelfavorit damit gescheitert – wieder einmal!

1998 in Frankreich besiegten die Argentinier die Elf von Glenn Hoddle. Nachdem die Verlängerung mit 2:2 und damit ohne Sieger endete, versagten Paul Ince und David Batty bei ihren Versuchen vom Punkt. 2004 (EM in Portugal) und 2006 (WM in Deutschland) war jeweils im Viertelfinale gegen Portugal Schluss. Klingende Namen scheiterten dabei gegen die Iberer: David Beckham (2004), sowie Jamie Carragher, Steven Gerrard und Frank Lampard (2006 auf Schalke) vergaben.

2012 suchte die Elf von Fabio Capello zuletzt ihr Glück in einem Elfmeterschießen. Ashley Young und Ashley Cole verschossen und Italien bejubelte den Halbfinaleinzug.

Die Statistik

Ein Deutscher hat’s erfunden und seinen Landsmännern scheint’s zu gefallen! So gewann Deutschland alle vier Elfmeterschießen bei Weltmeisterschaften und führt das Ranking der Penalty-Spezialisten an. 17 Teams mussten sich bei einer WM schon einen Sieger vom Punkt „ausschießen“. England liegt in dieser Wertung – wenig überraschend – an 17. und letzter Stelle: mit drei Niederlagen in ebenso vielen Versuchen und 10:17 Toren.

Bei Europameisterschaften mussten bislang zwölf verschiedene Länder in die Elfer-Lotterie. Besonders cool sind dabei unsere tschechischen Nachbarn, die alle drei Duelle bislang gewinnen konnten. Kein Land musste öfters ins Elfmeterschießen als die Engländer (viermal) und niemand scheiterte dabei öfters (dreimal) als die Three Lions. Die gleiche, unrühmliche Bilanz hält auch noch die Elftal aus Holland.

Doch daheim auf der Insel fühlen sich die Schützen eigentlich ganz wohl. Seit Einführung der Premier League wurden insgesamt knapp über 1.700 Strafstöße verhängt und 1.446 davon landeten auch im Netz. Ein 85%ige Erfolgsquote ist eigentlich durchaus beachtlich, wobei natürlich auch zahlreiche Torschützen keine Engländer waren.

In der Nationalmannschaft schaut die Bilanz dann nicht mehr so gut aus. Von 109 Strafstößen (aus dem Spiel heraus, also ohne Elfmeterschießen) wurden nur 77 verwandelt (70 % Quote). Die Meister ihres Fachs sind Alan Shearer (Rekordschütze in der PL: 56 Treffer vom Punkt / 6 im Nationalteam) und Frank Lampard (42 PL / Rekordschütze im Team: 9).

Gibt es eine Lösung?

Die Lösung aller Probleme glaubte David Moyes gefunden zu haben, als er vor einigen Jahren in der „Sunday Times“ seinen Artikel „How to win a shootout“ veröffentlichte. Der Schotte beschrieb dort das Patentrezept für ein erfolgreiches Penaltyschießen: vor allem üben, üben und noch einmal üben. Im Vorjahr spottete dann die Presse über das vermeintlich „schlechteste Elfmeterschießen der Geschichte“. Ausgerechnet Moyes‘ Manchester United scheiterte kläglich mit 1:2 im Elfmeterschießen gegen ein fast ebenso zielloses Sunderland.

Der Psychologe Dr. Mark Greenlee befasste sich auch mit diesem Thema und vertritt da eine ganz andere Theorie. Nur im Training Elfmeter zu üben wird nicht die Lösung aller Probleme sein. Schließlich ist es ja eigentlich für die Profis nicht besonders schwierig einen Strafstoß zu verwandeln. Nur lastet eben auf den Teamspielern bei diesen Extremsituationen ein sehr hoher Druck nach Jahrzehnten ohne Titel – ein Fehlschuss und schon geht die titelfreie Leidenszeit auf der fußballverrückten Insel weiter. Dazu noch die Yellow Press mit ihrer gnadenlosen Berichterstattung und eben das vorgefertigte Image der „Loser vom Elfmeterpunkt“ lassen die Beine der Stars noch weiter verkrampfen.

Bei der WM in Brasilien reagierte man und ein Psychologe sollte die Three Lions von ihrer Elfmeterangst befreien. Doch soweit kam es erst gar nicht, verabschiedete sich die Elf von Roy Hodgson doch schon in der (Elfmeterschießen-freien) Vorrunde.

Am Training hapert’s wahrscheinlich am allerwenigsten, einen platzierten Schuss aus 11 Metern kriegen die Kicker von der Insel eigentlich ganz gut hin. Eher die Versagensangst und der Druck erneut zu scheitern, dürfte das Trikot mit den drei Löwen schon beim Weg vom Mittelkreis hin Richtung Punkt schwerer werden lassen. Doch bekanntlich ist jede Serie da um gebrochen zu werden. An dieser Phrase werden sich englischen Fans auch in Zukunft klammern, wenn ihre englischen Idole wieder einmal in ein Elfmeterschießen gehen werden.

Werner Sonnleitner, www.abseits.at

Auf abseits.at findet ihr eine interessante Serie über den Strafstoß, der sich neben der Geschichte und den Statistiken auch mit Spieltheorie befasst.

Elfmeter – Geschichte, Statistiken, Spieltheorie und mehr (Teil 1)
Elfmeter – Geschichte, Statistiken, Spieltheorie und mehr (Teil 2)
Elfmeter – Geschichte, Statistiken, Spieltheorie und mehr (Teil 3)
Elfmeter – Geschichte, Statistiken, Spieltheorie und mehr (Teil 4)
Elfmeter – Geschichte, Statistiken, Spieltheorie und mehr (Teil 5)

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Werner Sonnleitner