Wenn in wenigen Tagen in der Premier League wieder der Ankick erfolgt, wird eines so sein wie immer: Englische Trainer sind im Mutterland des... Schwer vermittelbar: England und seine Trainer
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Training2_abseits.atWenn in wenigen Tagen in der Premier League wieder der Ankick erfolgt, wird eines so sein wie immer: Englische Trainer sind im Mutterland des Fußballs weiterhin Mangelware! Je höher die gesteckten Ansprüche eines Klubs, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ein Engländer in der Coaching-Zone steht. Die stolze Fußballnation produziert weiterhin kaum neue Trainer. Weder national noch international sind englische Trainer gefragt. Wie konnte es so weit kommen? Wir haben vier mögliche Gründe analysiert und daraus resultierend die Sündenböcke benannt.

Erschreckend: Seit der Jahrtausendwende gelang es nur Sir Bobby Robson (Newcastle – 2002/03), Harry Redknapp (Tottenham – 2010/11) und Gary Neville (Valencia – 2015/16 für ein Spiel) für jeweils maximal eine Saison als englischer Coach der Champions-League-Hymne live von der Trainerbank zu lauschen! Und nicht nur im Vereinsfußball, auch beim Nationalteam wird man mit patriotischen Head-Coaches einfach nicht wirklich glücklich.

An dieser Stelle vorab schon der Hinweis, dass es mit Pauschalverurteilungen immer so eine Sache ist. Natürlich trifft nicht alles auf jeden zu. Natürlich gibt es immer wieder die Ausnahmen, die so rein gar nichts mit den folgenden Absätzen gemein haben. Doch blickt man auf die englische Trainer-Riege, so ziehen sich diese Punkte doch wie ein roter Faden durch die englische Trainer-Landschaft.

Sündenbock # 1: Die PL-Vereine und deren ausländische Investoren

Zweifelsohne: Mit dem vielen vorhandenen Geld kauft sich der meist ausländische Investor lieber neben gestandenen Spielern auch den passenden schillernden Übungsleiter aus dem internationalen Trainerpool. Die Basisarbeit wird ob der schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten meist halbherzig oder stiefmütterlich behandelt. Aus der Nachwuchsabteilung ist es für Spieler und für Trainer nur schwer möglich in der A-Mannschaft bzw. in den Profi-Fußball aufzusteigen.

Während die deutsche Bundesliga beispielsweise neue, motivierte (Konzept)Trainer fast am Fließband produziert, ist es für einen jungen Engländer kaum mehr möglich in der Premier League Fuß zu fassen. Dazu fehlt es einfach an der notwendigen Zeit und am Vertrauen. Im England sind Misserfolge, mehr als in anderen Ligen, teilweise sogar ein existenzbedrohender, auf jeden Fall ein immenser finanzieller Schaden. So wird bevorzugt kurzfristig gedacht. Dementsprechend wenig Rückhalt und Zeit gibt es für die Übungsleiter. Bei den „Großen“ wird ohnehin fast ausnahmslos auf internationale Erfahrung gesetzt. Englische Trainer gibt es momentan nur bei Crystal Palace, Burnley, Bournemouth und Hull – vier Mannschaften die wohl eher im unteren Teil der Tabelle zu finden sein werden. Wie lange das Vertrauen der Klubbosse im Abstiegskampf hält, könnten schon die nächsten Monate zeigen.

Sündenbock # 2: Der englische Verband

Spätestens beim ersten Insel-Urlaub wird einem eines klar: Tradition und Patriotismus geht dem Briten über alles. Dementsprechend sieht es auch im Fußball aus, als Erfinder der Sportart sieht man sich selbst auch jetzt noch ganz selbstverständlich als dessen Vorreiter. Entsprechend wenig Wert wird auf äußere Einflüsse und Weiterentwicklungen gelegt, neue Trainingsmethoden vom Kontinent kommen bei der englischen Trainer-Riege nur achselzuckend an. Der Kloppsche Spielstil zum Beispiel wurde von Sunderland-Coach und mittlerweile Neo-Teamchef Sam Allardyce nur belächelnd als „viel zu anstrengend“ abgetan.

Dazu wird vor allem die Ausbildung stiefmütterlich behandelt! 2012 gab es laut einer Studie nur 2.769 Engländer im Besitz einer Trainerlizenz nach Maßgabe des europäischen Verbandes UEFA. In Frankreich waren es 17.588, in Spanien 23.995, in Italien 29.420 und bei den „Strebern“ in Deutschland gar 34.970 ausgebildete Trainer. Selbst Island hat momentan schon fast 1.000 ausgebildete Fußballtrainer. Überall wird die Rolle eines professionellen Trainers mehr und mehr Wert geschenkt, außer in England, wo vieles immer schon so war und deshalb gerne so bleiben soll.

Sündenbock # 3: Der englische Trainer selbst

Der typisch englische Trainer hält – auch bedingt durch des oft fortgeschrittenen Alters – bevorzugt am traditionell britischen Spielstil fest. Wobei man anmerken muss, dass der englische Trainer auch nur bei spielschwächeren und somit limitierten Vereinen engagiert ist. Doch ist dieser Spielstil  in der modernen Fußballwelt meist schon überholt. Trotzdem bringt in den englischen Stadien mehr denn anderswo ein spektakuläres Tackling mehr Beifall als ein kluges Ballablaufen. Ein weit geschlagener, dementsprechend riskanter Ball geht oft vor dem sicheren, glanzlosen aber effektiveren Pass. Einsatz und Leidenschaft pur schlägt Spielintelligenz. Beste Unterhaltung fürs Publikum, für den Endzweck aber leider nicht immer dienlich.

Dazu fehlt oft auch die taktische Flexibilität. Dies wurde der breiten Fußballwelt spätestens bei dem Euro-Out gegen Island offensichtlich präsentiert. Wo sonst fällt eine Mannschaft auf eine Einwurf-Variante herein, die man im Spiel zuvor gegen Österreich fast deckungsgleich erfolgreich praktizierte? Wo sonst sitzt ein Trainer bei einer großen Fußballnation so planlos an der Seitenoutlinie, ohne taktische Ideen, kaum effektive Umstellungen um einen bezwingbaren Gegner den Wind aus den Segeln zu nehmen und ihm sein Erfolgsrezept zumindest im Ansatz zu untergraben? Es wird häufig zu sehr am Vergangenen festgehalten und zu wenig auf aktuelle Einflüsse reagiert, es wird kaum gesteuert und aktiv ins Spielgeschehen eingegriffen. Ideen und taktische Varianten sind nicht unbedingt die Stärken von Roy Hodgson und Co, das vorhandene Potential in der Mannschaft kann zu selten ausgeschöpft werden. Nicht umsonst schlug England in diesem Jahr schon alle vier Halbfinalteilnehmer, während defensiv kompakte, gut eingestellte Gegner wie Slowakei oder schlussendlich Island nicht zu knacken waren!

Sündenbock # 4: das englische Manager-System

In England ist man nicht klassisch ein Trainer oder Coach wie in den meisten Ligen am Kontinent üblich. Als „Manager“ ist man als Personalunion für die Spieler-Agenden am und neben dem Platz zuständig. So ist verhältnismäßig mehr Zeit und Fokus auf den Schreibtisch notwendig, statt direkt am Trainingsplatz. Natürlich sind die „Manager“ auch bei den Trainingseinheiten dabei und trichtern dort ihre Philosophie der Mannschaft ein. Auch hat der Manager seine Co-Trainer, Berater und Helfer, die ihm den Kleinkram abnehmen. Eigentlich hat ja dieses System viele Vorteile, doch sportlich ist es vielleicht nicht ganz optimal. Es ist nur menschlich verständlich, dass diese Doppelbelastung einfach mehr wertvolle Energie und Gedanken verbraucht, als würde die volle Aufmerksamkeit nur auf das Geschehen am Rasen gelegt werden können.

Wird es besser werden?

Zumindest ein Umdenkprozess ist schon im Gange. Vor vier Jahren wurde das Fußballcenter „St. George’s Park“ aus der Taufe gehoben. In dem 120-Millionen-Euro-Projekt sollen dort nun Trainer „produziert“ werden. Ob und wie dieser Plan funktioniert, wird erst die Zukunft zeigen, kurz- oder mittelfristig wird dieses ambitionierte Projekt wohl noch kaum die Wende einleiten können. Mit Sam Allardyce hat die FA nun übrigens wieder einen „typischen“ englischen Trainer als Headcoach der Nationalmannschaft installiert.

Werner Sonnleitner, abseits.at

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