Vor etwas mehr als vier Jahren übernahmen die neuen amerikanischen Eigentümer den FC Liverpool. Seither wurden bereits über 40 Spieler an die legendäre Anfield... Viele teure Missverständnisse: Die aktuelle Transferstrategie des FC Liverpool
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VFC Liverpool - Wappen mit Farbenor etwas mehr als vier Jahren übernahmen die neuen amerikanischen Eigentümer den FC Liverpool. Seither wurden bereits über 40 Spieler an die legendäre Anfield Road geholt. Wir möchten die neue Einkaufsstrategie und die bislang doch eher mäßige Ausbeute genauer analysieren.

Die Übernahme von FSG und deren Transferstrategie

Groß war die Erleichterung im roten Teil Liverpools als am 15. Oktober 2010 die vermeintliche Schreckens-Herrschaft der amerikanischen Geschäftsmänner Tom Hicks und George Gillett offiziell für beendet erklärt wurde. Der neue Heilsbringer – die FSG (Fenway Sports Group), wieder Amerikaner – sollte den zu den zu diesem Zeitpunkt noch englischen Rekordmeister aus den wirtschaftlichen Turbulenzen und zurück zu alten Erfolgen führen. Als Vorbild mussten die Baseballer der Boston Red Sox herhalten, die FSG unter ähnlichen Voraussetzungen übernommen und schlussendlich zu den World Series geführt hatten. Aber kann ein amerikanischer Baseballklubbesitzer auch im europäischen Spitzenfußball erfolgreich mitmischen? Vor allem da der ehemalige Gigant und Traditionsklub schon mächtig strauchelte…

Gleich im ersten Transferfenster im Jänner 2011 kam bei den Reds Schwung rein. Neuzugang Nummer eins der Ära FSG war für knapp 20 Millionen ausgerechnet ein gewisser Luis Suárez. Der Uruguayer spiegelt im Nachhinein die neue Personalpolitik des Eigentümers wieder: Vorwiegend sollten talentierte Spieler geholt werden, auf die ganz großen Namen wird verzichtet. Diese Talente sollen sich an der Anfield Road entwickeln und den großen Durchbruch in der Premier League schaffen. Dabei natürlich auch immer den Marktwert im Augenwinkel, auf das unwiderstehliche Angebot wartend.

Bei Luis Suárez ging diese Taktik perfekt auf. Aber bislang eben auch nur beim umstrittenen Topscorer. Schon der zweite Neuzugang spiegelt einige Fehler der letzten vier Jahre wieder. Unverhofft und doch relativ plötzlich füllte sich der Geldspeicher quasi über Nacht. Nachdem knapp 60 Millionen Euro für Fernando Torres von Chelsea in die Kassen gespült wurden, sicherte man sich kurz vor Transferschluss panikartig um über 40 Millionen Euro die Dienste von Newcastles Andy Carroll. Nach für beide Seiten frustrierenden 16 Monaten wurde er schließlich an West Ham verliehen, ehe er für nicht einmal die Hälfte des Kaufpreises an die Londoner verkauft wurde.

Insgesamt wurden seit dem Eigentümerwechsel mittlerweile 45 Spieler an die Anfield Road geholt. Die Mehrheit davon waren junge Perspektivspieler denen eine große Karriere zugetraut wurde. Höhere Ablösesummen wurden als Investitionen in die Zukunft in Kauf genommen, im Gegenzug wurde aber die Gehaltsliste deutlich abgespeckt. So wurde alten Haudegen mit Gehaltskürzungen der Abschied indirekt nahe gelegt bzw. auslaufenden Verträge nicht mehr verlängert. Die Publikumslieblinge (aber eben auch Großverdiener) wie Raul Meireles, Dirk Kuyt, Daniel Agger oder Pepe Reina wurden durch jüngere, aber vor allem gehaltsmäßig deutlich billigere Spieler ersetzt. So wurden aufstrebende Kicker wie Simon Mignolet, Dejan Lovren oder Adam Lallana für teilweise irrwitzige Ablösesummen an die Merseyside gelotst. Immer mit dem Ziel mit jungen, hungrigen Spielern die Spitzenteams aus Manchester oder London zu ärgern.

Die Realität

Von den oben bereits angesprochenen 45 Spielern die für insgesamt über 350 Millionen Pfund an die Anfield Road geholt wurden, schlugen aber nur die wenigsten wirklich ein. Die Erfolgsliste ist angesichts der doch relativ hohen Ausgaben ziemlich bescheiden: Neben dem 20-Millionen-„Schnäppchen“ Luis Suárez schlugen vor allem Daniel Sturridge, Jordan Henderson und Philippe Coutinho bislang ein – sie konnten sich ihr rotes Stammleiberl über mehrere Saisonen sichern.

Dagegen gibt es eine lange Liste von zahlreichen teuren Missverständnissen. Neben dem bereits erwähnten Carroll, wurde auch bei zahlreichen Spielern wie Stewart Downing, Charlie Adam, Alberto Aquilani, Jay Spearing oder Joe Cole vorzeitig die Notbremse gezogen. Ein Dutzend Spieler wurde unter Wert, fast panikartig weiterverscherbelt. Aber auch die „billigeren“ Namen wie Iago Aspas, Coates, Konchesky oder Cissokho konnten die Anforderungen eines Premier-League-Spitzenklubs nie auch nur ansatzweise erfüllen. Dazu die vielen Youngsters die mit Leihverträgen irgendwo geparkt wurden oder werden. Ob diese Spieler jemals die Zeit und das Vertrauen bekommen bzw. andererseits überhaupt das Zeug für den Kampf um die englischen Champions League Plätze haben, muss bezweifelt werden. Eher dass es ihnen wie zwei „ewigen Talenten“ Suso und Assaidi gehen wird. Dem Duo wurde bereits seit Jahren immer wieder der große Durchbruch prophezeit. Nach schier unzähligen Leihgeschäften wurde die Hoffnung auf die große LFC-Karriere jetzt endgültig aufgegeben und so wurden die beiden Youngsters dieser Tage verkauft.

Auch im Sommer gab es wieder einmal den großen Geldregen an der Anfield Road. Diesmal wurden die 80 Suárez-Millionen aber nicht in einen vermeintlichen Heilsbringer investiert, sondern in gleich zehn hoffnungsvolle Talente (Moreno, Markovic, Can…) bzw. Backups (Rickie Lambert). Was aber wiederum die Fans nervös machte – mit dem verletzungsanfälligen Daniel Sturridge stand nur mehr ein wirklich gefährlicher Vollblutstürmer im Kader. Dass der belgische Angreifer Divock Origi zwar für knapp 13 Millionen geholt wurde, aber noch für ein Jahr bei seinem Stammverein dem OSC Lille geparkt wurde, sorgte ebenfalls für kollektives Kopfschütteln an der Merseyside.

Ein „Big-Signing“, also ein großer Name musste her, um die Fanseele wieder zu besänftigen. Da schlug man bei AC Milan zu und holte Mario Balottelli zurück auf die Insel. Mit dem athletischen und lauffreudigen Suárez wurde in der Vorsaison erfolgreich offensiv gepresst. Der ballführende Defensivspieler wurde von den Offensivleuten der Reds regelrecht gejagt und so zu Fehlern gezwungen. Dass dieser Spielstil mit dem launischen Super-Mario eigentlich unmöglich ist, hätte damals schon klar sein sollen.

Die Ansprüche mussten im Herbst nach dem Wegbrechen des brandgefährlichen SaS-Sturms (Suárez and Sturridge) natürlich neu definiert bzw. heruntergeschraubt werden. Dazu fehlte meist eine klare Spielphilosophie (Stichwort: Offensivpressing aus der erfolgreichen Vorsaison). Auch die neuformierte Hintermannschaft rund um Stammtorwart Simon Mignolet wirkte ziemlich verunsichert und war immer mal wieder für einen Aussetzer gut. Aber auch im Spiel nach vorne fehlte die Kreativität, aber noch mehr wurde ein Knipser im Sturm vermisst.

Die Zukunft

Potential schlummert auf jeden Fall im Kader des FC Liverpool. In der heurigen Saison zeigte da schon mal ein Moreno (gegen Tottenham), dort mal ein Markovic (gegen Sunderland) oder schön öfters ein Lallana (z.B. gegen Leicester) mit starken Leistungen auf. Die Ansätze wären also da, das Talent ebenso. Für die große Karriere fehlt aber momentan dann doch noch einiges – vor allem auch die Konstanz. Gibt man Brendan Rodgers und den jungen Spielern die Zeit diese zu entwickeln, könnte der FC Liverpool auch in Zukunft wieder eine gefestigte Mannschaft und ein ernstzunehmender Stamm-Kandidat für die Top-4 werden. Aber hat man diese Zeit? Immerhin wird schon seit der Ära unter Roy Hodgson bzw. danach unter King Kenny Daglish immer eben diese Zeit und Geduld eingefordert.

Eine weitere Frage wird sein, was der bevorstehende Abgang von Steven Gerrard noch bringen wird. Am Rasen wird er zwar vermisst werden, im Kollektiv aber ersetzbar sein. Ob man dagegen das Fehlen der Persönlichkeit des Mister Liverpool so einfach verschmerzen wird können, bleibt abzuwarten. Kann ein Jordan Henderson schon in diese absolute Leaderrolle schlüpfen oder ist ihm das (Kapitäns)Armband doch noch zu groß?

Ein Umbruch wurde mit der Übernahme von FSG auf jeden Fall eingeleitet. Aus der damaligen 2010er Mannschaft bleiben mit Martin Skrtel und Lucas nur mehr zwei Stammspieler übrig (Glen Johnson wird wohl ebenso im Sommer den Verein wechseln). Auch wenn die Erfolge am Transfermarkt bislang – ob des großen (finanziellen) Aufwands – noch überschaubar sind, verfolgt man immerhin jetzt so etwas wie eine Strategie. Die erfolgreiche Vorsaison mit dem Vizemeistertitel gab auch den Fans immerhin die Hoffnung zurück, zukünftig wieder eine ernste Rolle im Kreis der englischen Spitzenmannschaften zu spielen. Dazu sollte aber durch effektiveres Scouting die Anzahl der teuren „Missverständnisse“ reduziert werden.

Werner Sonnleitner, abseits.at

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Werner Sonnleitner