Wir hatten an dieser Stelle einen Pressespiegel aus Ungarn eingeplant, doch stießen dann über diesen längeren Kommentar von Albert Gazda, der interessanter ist, als... Die ungarische Sichtweise nach dem 2:0-Sieg: 100 Prozent sind das Minimum
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Ungarn Flagge_abseits.atWir hatten an dieser Stelle einen Pressespiegel aus Ungarn eingeplant, doch stießen dann über diesen längeren Kommentar von Albert Gazda, der interessanter ist, als die doch eher einheitlichen Standard-Meldungen zum Spiel. Man muss mit dem ungarischen Journalisten keineswegs in allen Punkten übereinstimmen, doch an seiner Schlussfolgerung ist wohl nicht viel auszusetzen: Europas Mannschaften sind qualitativ zusammengerückt und bis auf ein paar Ausnahmen kann jeder jeden schlagen. Allerdings sind dafür 100 Prozent Einsatz notwendig.

Dieser Kommentar erschien HIER und stammt von Albert Gazda:

„Sie haben dort fortgesetzt, wo wir in St. Petersburg aufgehört haben“, lese ich auf der offiziellen Seite des Eishockeyverbands. Das ist punktgenau getroffen. Genauso könnte man schreiben, dass wir dort fortgesetzt haben, wo wir in den Playoff-Spielen gegen Norwegen aufgehört haben. Das was beim 2:0-Sieg gegen Österreich geschah, ist nämlich eine äußerst erfreuliche Station, in einer außergewöhnlichen Serie im ungarischen Sport.

Man kann es auch euphorischer als nur erfreulich bezeichnen: Eine fantastische, sensationelle, “seelenerhebende“ Sensation.

Es ist kein Zufall, dass alle Ungarn nach dem Sieg gegen Österreich glücklich sind. Sogar diejenigen sind begeistert, die nicht wissen, dass der Ball rund ist. Ich sage immer, dass es keine stärkere, wirksamere, identitätsbildende Kraft als den populärsten Mannschaftssport der Welt gibt.

Ende 2015 waren drei Mannschaften im Rennen um den Titel der “ungarischen Mannschaft des Jahres“. Die wenig beobachteten Volleyballerinen in Krakau, die Eishockeymannschaft, die in ihrer Gruppe den Aufstieg bewerkstelligte und nach 30 Jahren zum ersten Mal die Fußballnationalmannschaft, die sich für ein Großereignis qualifizierte. Ich selbst bin verrückt nach Eishockey und es gibt innerhalb der Saison keine Woche, in der ich kein Match anschaue. Trotzdem würde ich der Fußballnationalmannschaft meine Stimme geben, wenn ich jetzt abstimmen dürfte.

Die beiden erbrachten Leistungen halte ich für beinahe gleichwertig, doch ich habe zwei andere Gründe für meine Wahl. Zum einen spielt der Zeitfaktor eine Rolle: 1986 ist schon sehr lange her und seitdem wurde eine ganze Generation erwachsen. Der andere Grund ist spannender, die Fußballnationalmannschaft musste über den immer größer werdenden Schatten der Vergangenheit springen und die auf ihr liegende Last überwinden, welche sie immer wieder daran hinderte, dass sie größere Schritte nach vorne macht.

Ohne Vertrauen und Selbstvertrauen ist es unmöglich Fußball zu spielen und gute Ergebnisse zu erreichen. Die Ergebnisse aus den letzten Jahrzehnten sorgten dafür, dass aus diesem Selbstvertrauen beinahe nichts mehr übrig blieb.

Das machte für mich den großen Unterschied aus: Die Liebe an der Eishockey-Subkultur ist vollständig und ungebrochen, mindestens seit dem Erscheinen der goldenen Generation zur Jahrtausendwende. Seither gab es nur selten Anlass zur Traurigkeit, was die Hockeymannschaft betrifft – man durfte sicherlich hie und da kritisch und traurig sein, aber die Fans waren nie feindselig gegenüber der Mannschaft und zogen die Spieler auch nicht zur Rechenschaft nach schwachen Ergebnissen.

Im Vergleich dazu mussten die Fußballspieler sich aus einer ganz anderen Kulturlandschaft herausgehend formen. Die Feindseligkeit gegenüber der Nationalmannschaft entstand nicht in den 80er-Jahren. Diese entwickelte sich schon viel früher, dem allgemeinen Qualitätsverfall folgend. In einem Land welches vor langer Zeit einmal das beste der Welt war, auch wenn 1954 der WM-Titel nicht gewonnen wurde, ist es unmöglich sich an die schwachen Jahrzehnte, die fürchterlichen Niederlagen, den Verfall bis hin zur Kraftlosigkeit zu gewöhnen. 1978, 1982 und 1986 gab es auch keine Triumphmärsche – ich erinnere mich mehr als gut an die 1:2-, 0:4- und 0:6-Niederlagen und was nach diesen folgte – das war gleichwertig mit dem Endverfall und der damit verbundenen Bedeutungslosigkeit.

Die Ergebnisse der Playoff-Spiele, die zwei Siege gegen Norwegen, der Triumph gegen Österreich am 14. Juni 2016, muss in diesem Kontext verstanden werden. Es ist nicht nebensächlich, dass einige Misstöne nach dem Abgang von Pal Dardai geblieben sind und dann sogar noch nach dem doppelten Triumph beim Playoff immer noch geblieben sind. Viele hielten es für wichtig ununterbrochen zu betonen, dass wir nicht dabei sein würden, wäre das Teilnehmerfeld nicht auf 24 Mannschaften erweitert worden. Es gibt noch immer Gestalten die nicht die geringste Aufmerksamkeit verdienen, die die Politik in den Fußball tragen und große Worte ohne Inhalte von sich geben. Dass es unter den Fans Gruppen gibt, mit denen wir keine Gemeinsamkeiten haben, ist jetzt ebenfalls nicht wichtig.

Wichtig ist etwas anderes: Das Wesentliche ist viel bedeutungsvoller als diese kleine Störfaktoren von außen. Man kann es so zusammenfassen: Die Arbeit und die Entschlossenheit bringen ihre Früchte!

Die Fußballspieler nämlich haben mit diesem 2:0-Sieg die Hockey-Spieler übertroffen, weshalb ich ihnen, wie bereits oben erwähnt, meine virtuelle Stimme zur Mannschaft des Jahres verleihen würde. Denn schon bei ihren erstem Auftritt fuhren die Fußballer einen Sieg ein, was meinen ewigen Lieblingen in St. Petersburg erst beim sechsten Anlauf gelang.

Und wie sie gewonnen haben!

Wir haben den viel höher eingeschätzten Gegner, welcher im Zuge der Qualifikation einen Erfolg nach dem anderen einfuhr und sich ohne Niederlage qualifizierte, übertroffen. Nicht als heldenhaft verteidigende und ausschließlich konternde kleine Mannschaft – wie etwa Island gegen Portugal einen Punkt gestohlen hat – sondern taktisch diszipliniert und einem intelligenten, zielstrebigen Spielplan. Im Ballbesitz waren wir annähernd gleichwertig, wir haben aber mehr versucht, haben öfters aufs Tor geschossen, mehr Sitzer gehabt und unsere Angriffe fantasiereicher vorgetragen. Unser Nervenkostüm war stärker. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch zwei Tore mehr erzielt haben.

Wer wird bei diesem Turnier das Leicester der Europameisterschaft werden, habe ich mich gefragt? Es ist unvorstellbar, aber nach dem ersten Spieltag sind wir das! Noch mehr könnten wir das sein, wenn wir eine Taktik gehabt hätten, die sich als effektiv erweist, wenn der Gegner vollständig zusammenbricht. Es wäre zu einer Abschlachtung gekommen, wenn wir die Aktionen in Ruhe zu Ende gespielt hätten.

Aber wir sollen nicht gierig sein. Schon deshalb nicht, da wir in den letzten 50 Jahren so ein Ergebnis nie erreicht haben. Ernsthafte Mannschaften haben wir das letzte Mal im Rahmen eines Großereignisses bei der Weltmeisterschaft 1966 geschlagen – Bulgarien und Brasilien – die Siege über El Salvador 1982 und 1986 über Kanada, fallen für mich nicht in dieselbe Kategorie. Ich erwähne jetzt nur nebenbei, dass ich 1966 geboren bin.

Wenn die erste Euphorie vergangen ist, sollten wir uns zur Bescheidenheit und Vorsicht ermahnen. Davon dass wir jetzt feiern und auch international von Medien gewürdigt werden, wird die Welt auch noch nicht umgedreht. Auch wenn wir die Gruppe F jetzt anführen – wir sind aufgrund des Siegs nicht plötzlich die Favoriten auf den EM-Titel geworden und müssen kräftig um das Weiterkommen kämpfen. Wir konnten sehen, dass auch Island gefährlich ist und obwohl die Portugiesen nicht effektiv genug waren, werden sie sich in den nächsten Spielen zusammenreißen.

Während sich das Land noch im siebten Himmel befindet, muss die Mannschaft auf dem Boden bleiben. Wir können jedoch mit Recht darauf vertrauen, dass dem so sein wird. Der Werdegang, der mit dem vorläufigen 2:0-Sieg gegen Österreich bis jetzt die Spitze erreichte, zeigt, dass die ungarische Mannschaft auf dem Boden bleibt, sich von einem Spiel zum anderen hangelt und sich lediglich auf die kommenden Aufgaben konzentriert. Wir haben keine Revolution gesehen und auch kein Wunder – so wie auch in Sapporo, Krakau und St. Petersburg kein Wunder geschah – sondern eine kontinuierliche zielbewusste Entwicklung. Der Weg, der mit dem 1:1-Unentschieden in Bukarest begann, setzte sich hier nun fort. Dazwischen gab es Höhen und Tiefen, aber die Richtung war eindeutig. Zuerst Dardai, dann Storck mitsamt den Betreuerteams – sie wussten was sie machen, sie wussten was sie wollen und was sie von sich selbst, sowie den Spielern erwarten durften. Auch die Spieler haben gelernt die Ratschläge der Trainer anzunehmen, was auch in einem Dokumentarfilm gut veranschaulicht wurde.

Offensichtlich soll keine Rede davon sein, dass der gesamte ungarische Fußball nun plötzlich für große Dinge bestimmt ist. Ich glaube nicht, dass die Spieler in den einheimischen Ligen nun viel niveauvoller agieren, als in den letzten Jahren. Die ungarische Nationalmannschaft hat sich jetzt jedoch von diesem Niveau gelöst. Sie hat sich in jeder Hinsicht hoch darüber hinaus gehoben. Das ist aber nichts Schlechtes, irgendwo musste Etwas beginnen und von diesem Etwas sieht man, dass es vielleicht eine Fortsetzung haben wird.

Wenn es sich also wirklich um einen Prozess handelt, warum wäre es nicht möglich diesen fortzusetzen?

Die Veränderungen im europäischen Fußball kamen uns entgegen. Ich denke dabei jedoch nicht an die Erweiterung des Teilnehmerfeldes auf 24 Mannschaften, sondern daran, dass die ländertypischen Grenzen angesichts der Internationalisierung des Fußballs verschwinden. Die besten aber auch die mittelmäßig guten Ligen könnten internationaler gar nicht sein, denn von überall kommen Spieler an, die auf einem höheren Niveau spielen. So erhebt sich die hohe Anzahl der ehemaligen kleinen Nationen in das Mittelfeld. Betrachtet man die letzten Jahre, dann sieht man, dass es mit Deutschland und Spanien zwei Mannschaften gibt, die den europäischen Fußball dominieren. Danach kommen 30 Mannschaften die etwa dasselbe Niveau haben. Auch hier gibt es Unterschiede, denn Teams wie Frankreich und Italien zählen natürlich zu den besseren Mannschaften, doch die Liste dieser Mannschaften, die eine “mittlere Klasse“ aufweisen, wird immer länger. In diesem Kreis sind wir also auch gelandet – nicht alleine, uns begleiteten Teams wie Nordirland, Albanien, Wales, die Slowakei und noch viele weitere Mannschaften. Diesmal sind allerdings auch Teams wie Bulgarien, Dänemark, Serbien und Bosnien zurückgeblieben. Sogar die ursprünglich an der Spitze der “Mittelklasse-Mannschaften“ stehenden Niederländer sind diesmal nicht dabei – all diese Mannschaften bilden den Kreis, in dem jeder jeden schlagen kann.

Und auf einmal ist es leicht und schwer – leicht ist es, weil keiner mehr unschlagbar ist, schwer ist es, weil weniger als 100 Prozent gegen niemanden mehr reichen.

Das ist die wichtigste Lektion, das musste man erlernen und das hat eine fürchterlich lange Zeit nicht funktioniert: 100 Prozent sind das Minimum. Es wäre gut, das nie mehr zu vergessen.

Stefan Karger, abseits.at

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