Mit großen Vorschusslorbeeren ging das österreichische Nationalteam in das EM-Turnier in Frankreich. Der erste Gegner Ungarn schien ein durchaus dankbarer zu sein, doch in... Verpatzter EM-Auftakt: Österreichs Probleme im Ballbesitzspiel gegen Ungarn
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_Marc Janko - ÖFB, ÖsterreichMit großen Vorschusslorbeeren ging das österreichische Nationalteam in das EM-Turnier in Frankreich. Der erste Gegner Ungarn schien ein durchaus dankbarer zu sein, doch in Bordeaux gab es ein böses Erwachen. Der Underdog gewann nämlich mit 2:0. Gerade im Ballbesitzspiel hatte die Elf von Marcel Koller große Probleme. Nachdem wir bereits die Partie im Generellen analysiert haben, widmen wir uns in diesem Artikel besonders diesem Aspekt, wollen uns die Gründe für diese Probleme und deren Auswirkungen im Detail ansehen.

Die Marschrichtung dieser Partie war bereits vor der Partie vorgezeichnet: Das ÖFB-Team zeigte in der Qualifikation ein immer besser werdendes Offensivspiel, während Ungarn aufgrund des Außenseiter-Images defensiv erwartet wurde. Passenderweise verzeichnete Rot-Weiß-Rot bereits in der ersten Minute einen Stangenschuss.

Starke Anfangsphase dank hoher Aggressivität

Auch den Rest der ersten 15 bis 20 Minuten gestaltete Österreich sehr dominant. Die Ungarn hatten große Probleme sich vom aggressiven Gegenpressing zu lösen, wollten aber dennoch stets kontrolliert herausspielen. Überwanden sie mal die erste Pressinglinie hätten sich durchaus gefährliche Kontersituationen ergeben können, denn die letzte Linie der Österreicher rückte nur zaghaft nach. Anfangs konnte das durch entsprechendes Gegenpressing der defensiven Mittelfeldspieler noch ein wenig kompensiert werden. Im späteren Verlauf kam Ungarn in Kontersituationen aber immer wieder durch das Zentrum, weil die ÖFB-Sechser einen derart hohen Laufaufwand naturgemäß nicht lange halten konnten. Die weitreichenderen Probleme hatte das österreichische Team allerdings im Ballbesitzspiel.

Stetige Verschlechterung des Positionsspiels

Gerade im Hinblick darauf hatte man sich nach den eindrucksvollen Auftritten wohl weniger Sorgen gemacht, denn die Koller-Elf steigerte sich bei eigenem Ballbesitz stetig und wurde sehr variantenreich. Ein wesentlicher Eckpfeiler dabei waren die enorm hohen Aktionsradien des Trios im zentralen Mittelfeld. Mit ständigen Rochaden brachten David Alaba, Julian Baumgartlinger und Zlatko Junuzovic immer wieder Unordnung in die gegnerische Defensive. Durch die so geöffneten Schnittstellen wurde dann stets vertikal in die Tiefe gespielt. In diesem Spiel blieben derartige Aktionen jedoch aus.

Ungarn verteidigte erwartungsgemäß sehr mannorientiert. Bernd Storck bot mit Zoltan Gera und Adam Nagy allerdings sein strategisch stärkstes Duo als Doppelsechs auf. Gerade ersterer kann nach dem Spiel auf eine eindrucksvolle Balleroberungsstatistik blicken: sieben Tackles, drei abgefangene Bälle. In tiefen Zonen deckten sie ihre Räume konsequent ab, fiel der jeweilige Gegenspieler weit zurück, ließen sie sich allerdings nur selten aus ihren Positionen ziehen.

Das ÖFB-Team bespielte die gegnerischen Mannorientierungen allerdings auch schlecht, fand nie die nötige Harmonie. Ein Paradebeispiel für die nicht zusammenhängenden Bewegungen sieht man im nachstehenden Bild.

Innenverteidiger Aleksandar Dragovic ist hier mit dem Ball am Fuß die ungarische Formation angelaufen um einen Sechser aus der Position zu ziehen und so die Dynamik zu erhöhen. Ersteres gelingt ihm, wodurch ein großes Loch im ballnahen Halbraum entsteht. Seine Mitspieler ziehen allerdings keinen Nutzen daraus. Junuzovic besetzt das Sturmzentrum und Martin Harnik bewegt sich unvorteilhaft auf den Flügel hinaus. Dragovic bricht daher den Vorstoß ab und spielt wieder nach hinten.

Fehlende Penetration durch die Mitte

Ausgangsituationen wie die obige sah man zum Beispiel auch im Freundschaftspiel der Ungarn gegen Deutschland. Die DFB-Auswahl nutzte derartige Lücken allerdings vor allem durch intelligentes Einrücken der Flügelspieler viel besser aus als Österreich. Gerade Thomas Müller stach dabei extrem positiv heraus. Eine andere Variante wären vertikale Läufe der defensiven Mittelfeldspieler, die sich so einen Dynamikvorteil gegenüber den Defensivspieler verschaffen hätten können.

Im ÖFB-Team zeigte sich für das zuletzt vor allem Alaba zuständig. Gerade mit Marko Arnautovic gab es einige gefällige, temporeiche und torgefährliche Kombinationen. Arnautovic dribbelte dabei in die Mitte, wartete auf die Lücke und spielte dann einen scharfen Pass auf seinen in die Tiefe startenden Mitspieler. Im Spiel gegen Ungarn sah man diesen Ablauf nur einmal, wurde dabei in Hälfte eins aber prompt sehr gefährlich. Diese fehlende Penetration im Zentrum erkennt man auch, wenn man die empfangenen Bälle der österreichischen Doppelsechs ansieht.

Zu behaupten, das österreichische Zentrum hätte sich zu wenig bewegt oder sei zu wenig gelaufen, ist sicherlich zu oberflächlich. Das Problem war vielmehr, dass die Bewegungen des Trios nicht im Einklang zueinander bzw. mit denen des restlichen Teams standen. In manchen Szenen startete man erfolgsversprechend in die Tiefe, das passende Zuspiel kam aber nicht oder falschen Moment. In anderen Aktionen wurden die Räume zwar für Vorstöße geöffnet, diese aber nicht wahrgenommen.

Nicht immer lässt sich das auf den Fehler eines einzigen Spielers reduzieren. In der obigen Beispielszene hätte Baumgartlinger auf den ersten Blick in den freien Raum rücken „müssen“; betrachtet man die Umstände, so hätte dies andererseits große Stabilitätsprobleme bedeuten können. Nach dem Vorstoß von Dragovic blieb Alaba tief, sodass Österreich eine äußerst ungünstige Ausgangsposition bei einem etwaigen Ballverlust gehabt hätte.

Stürmer hängen in der Luft

Die Leidtragenden dieser schlechten gruppentaktischen Abstimmung im Verbindungsspiel waren die Stürmer, die kaum im Bild waren. Gerade mit Marc Janko fiel ein wichtiger Ankerpunkt am Übergang ins Angriffsdrittel weg. Der Basel-Legionär bewegt sich in dieser Zone nämlich äußerst gut, reißt kurzfristige Lücken auf, die seine durchstechenden Mitspieler gerne anvisieren und durchlaufen. Für den Gegner ist dies sehr unangenehm zu verteidigen. Durch die beschriebenen Mängel gab es Möglichkeiten für derartige Kombinationen allerdings nicht, weil der Abstand zwischen ihm und dem Ball schlicht zu groß war.

Aus diesem Grund wurde Janko und später Rubin Okotie hauptsächlich mit langen Bällen eingesetzt, wie man in der obigen Grafik sieht. Die Erfolgswahrscheinlichkeit sank damit aber drastisch, da die ungarischen Innenverteidiger mit mehr Schwung in die Kopfballduelle gehen konnten bzw. Österreichs Solostürmer meist isoliert stand. So spielte Janko während 65 Minuten nur sieben, Okotie in 25 Minuten nur drei angekommene Pässe.

Nur einmal konnte Österreich infolge eines hohen Balls torgefährlich werden, als sich Alaba und Junuzovic früh um Janko positionierten und am Strafraum den zweiten Ball eroberten. Den anschließenden Schuss von Junuzovic konnte Ungarns Schlussmann Gabor Kiraly jedoch abwehren. Nach dieser Aktion in der 35. Minute wurde der 40-Jährige allerdings nicht mehr vor große Probleme gestellt und das Unheil nahm seinen Lauf.

Alexander Semeliker, abseits.at

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Alexander Semeliker

@axlsem