Nach den Statistiken und Fakten zu den beiden Teams, möchten wir jetzt noch einen kurzen Blick auf das Wesentliche werfen: Wie werden oder besser... Wenn in Basel das Flutlicht angeht: Vollgasfußball vs. penible Gegneranalyse
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Taktikboard grün_abseits.atNach den Statistiken und Fakten zu den beiden Teams, möchten wir jetzt noch einen kurzen Blick auf das Wesentliche werfen: Wie werden oder besser gesagt wie könnten beide Teams heute in Basel auftreten, wenn die Flutlichter angehen und die Spieler die finale, europäische Bühne betreten? Prolongiert der FC Sevilla die spanische Serie an Europa-Cup-Triumpfen oder gelingt Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool gleich der große Coup? Für beide Teams ist es die letzte Chance nächstes Jahr in der Champions League, für Liverpool gar um überhaupt international zu spielen.

Voraussichtliche Aufstellungen

FC Liverpool: 22 Simon Mignolet (TW); 18 Alberto Moreno (LAV), 4 Kolo Touré (LIV), 6 Dejan Lovren (RIV), 2 Nathaniel Clyne (RAV); 23 Emre Can (DM), 7 James Millner (DM); 10 Philipe Coutinho (LOM), 11 Roberto Firmino (OM), 20 Adam Lallana (ROM); 15 Daniel Sturridge (ST)

Kapitän Jordan Henderson (Comeback am vergangenen Sonntag) und Goalgetter Divock Origi sind nach Verletzungen noch nicht matchfit, zumindest Henderson wird auf der Bank Platz nehmen. Den eigentlichen Abwehrchef  sucht man dagegen vergebens – Mamadou Sakho fehlt aufgrund einer Dopingsperre Der zuletzt groß aufspielende Joe Allen könnte noch als defensiver Zentrumsspieler in die Startelf rutschen, eventuell für Lallana, dann würde Millner dessen Rolle auf der rechten Seite einnehmen. Das wäre dann wohl auch die Variante, wenn der deutsche Trainer seinen eigentlichen Kapitän Henderson schon beim Einlaufen aufs Feld schicken würde. Beides aber eher unwahrscheinlich, den Jürgen Klopp wird wohl im 52. Spiel als Liverpool-Coach auf Experimente verzichten.

FC Sevilla: 31 David Soria (TW); 18 Sergio Escudero (LAV), 6 Daniel Carrico (LIV), 3 Adil Rami (RIV), 23 Coke (RAV); 15 Steven N’Zonzi (DM), 4 Grzegorz Krychowiak (DM); 22 Even Konoplyanka (LOM), 19 Ever Banega (OM), 20 Vitolo (ROM);  9 Kévin Gameiro (ST)

Auch der Titelverteidiger ist in der Grundformation ähnlich ausgerichtet: 4-2-3-1 soll die finale Zauberformel lauten, die jedoch auch an ein 4-3-3-System erinnern kann. Auffallend ist die hohe Flexibilität der zentralen Mittelfeldspieler, so lässt sich beispielsweise Banega oftmals weit zurückfallen, oder weicht auf den Flügel aus, um gewisse  Zonen zu überladen. Verletzt fehlen der französische Linksverteidiger Benoit Trémoulinas und der dänische Spielgestalter Michael Krohn-Dehli. Kapitän José Antonio Reyes ist nach seiner Blinddarm-OP noch nicht fit. Mit Fernando Llorente sitzt ein brandgefährlicher Joker auf der Bank. Im Tor fehlt die eigentliche Nummer eins Sergio Rico bzw. fängt in der Europa-League der eigentliche Zweier-Goalie Soria an. Obwohl Sergio Rico ins spanische EM-Aufgebot nominiert wurde, wird er im Endspiel aller Voraussicht nach auf der Bank sitzen müssen, da Coach Emery in der Europa League weiterhin auf David Soria setzt, der bisher auch ein sehr starkes Turnier absolvierte.

Vollgasfußball vs. Gegneranalyse 4.0

Die Spielanlage bei den „Reds“ wird wohl keine große Überraschung bieten. Mit hohem Offensivpressing soll die gegnerische Defensive beim Spielaufbau gehindert werden. Drei offensiv ausgerichtete Spieler sollen die Hintermannschaft früh unter Druck setzen, im Zentrum wird vor allem Emre Can die Bälle verteilen. Dazu zwei hochstehende Außenverteidiger, die für Druck bei eigenem Ballbesitz sorgen. Von der Coaching-Zone aus wird Klopp das Team wieder pushen, um seine Handschrift beim bislang wohl wichtigsten Spiel für seinen neuen Verein zu präsentieren. Mit dem „Traveling Kop“ – den loyalen Auswärtsfans werden 10.000 in Basel für die notwendige atmosphärische Umrahmung sorgen, um zum Saisonabschluss noch einmal die letzten Reserven frei zu setzen.

Doch die Einstellung und die Fanunterstützung werden auch bei den Spaniern passen, mit zwei Finalerfolgen en suite im Gepäck, dazu wohl auch das Selbstvertrauen. Für Coach Emery sind die „Reds“ unter Klopp ein offenes Buch, der akribische Trainer hat den passenden Plan gegen die Engländer bestimmt bereits ausgetüftelt. Die Spielanlage wird wohl etwas defensiver bzw. vorsichtiger sein, dafür mehr auf Ballbesitz ausgerichtet. Bei Ballverlust wissen alle was zu tun, der Fußball-Workaholic stattet jeden seiner Spieler mit USB-Sticks zum jeweiligen Gegenüber am Platz aus. Der Zufall soll weitgehend minimiert werden, Emery ist ein klassischer Trainer der neuesten Fußballlehrer-Generation. Bei Ballbesitz soll der brandgefährliche Franzose Kévin Gameiro die nicht immer sattelfeste Liverpooler Hintermannschaft aufreißen. Mit den beiden schnellen Flügeln und dem im Zentrum die Fäden ziehenden Ever Banega rücken weitere drei torgefährliche Spieler nach, die den Unterschied ausmachen sollen.

Die Trainer – Klopp vs. Emery

Über Jürgen Klopp braucht man wohl nicht mehr viel sagen. Der 48-Jährige ersetzte im Oktober Brendan Rodgers an der Anfield Road und möchte nun endlich den persönlichen Finalfluch ablegen. Die letzten vier Endspiele (mit Dortmund in der CL und 2x im Pokal bzw. mit Liverpool im Liga-Cup) gingen allesamt verloren. In vier Duellen mit Sevilla (jeweils zwei mit Mainz und dem BVB) konnte der Deutsche außerdem noch nie gewinnen. Klopp könnte aber mit einem Finaltriumph der erst sechste Liverpool-Trainer werden, der einen europäischen Pokal stemmt. Große Vereinslegenden sind unter den Titel-Coaches, doch mit erst 223 Tagen im Amt, hätte dies keiner so früh wie der Deutsche geschafft.

Vier Jahre jünger ist sein Gegenüber: Unai Emery, der seit Jänner 2013 als Cheftrainer im „Ramón Sánchez Pizjuan“ die Coaching-Zone dominiert. Auch der 44-Jährige ist kein bisschen leise, wild fuchtelnd hüpft der fußballbesessene Spanier vor seiner Bank auf und ab. Zuvor war er schon vier Jahre bei Valencia in der Primera Divisón als Trainer aktiv, ehe es nach einer Saison bei Spartak Moskau zurück in die Heimat ging. Duelle gegen Liverpool fehlen noch in seiner Vita, von den acht Duellen mit Engländern ging die Hälfte verloren. Mit 58 Partien ist Emery der Rekordhalter in der Europa-League, dazu wird er in Basel zum 101. mal ein Team in einem UEFA-Wettbewerb betreuen.

Zum Spiel

Das Endspiel wird also heute um 20:45 im Basler St. Jakob-Park angepfiffen. Puls 4, Sport 1, SRF zwei und Sky übertragen live aus der Schweiz. Geleitet wird die Partie von Jonas Eriksson aus Schweden. Erstmals testet die UEFA auch die Torlinientechnik „Hawk Eye“. Mit dem FC Liverpool möchte erstmals seit 2013 wieder ein „Nicht-Spanier“ einen europäischen Pokalbewerb gewinnen. Klappt dies nicht, werden zum dritten Mal in Folge sowohl der Champions-, als auch der Europa-League-Pot nach Spanien wandern. Der Sieger ist fix für die Champions League Gruppenphase 2016/17 qualifiziert, entgegen manchen Annahmen nimmt der keinen nationalen Platz ein. Also der Vierplatzierte der englischen oder spanischen Liga fällt dadurch nicht aus dem Bewerb, das jeweilige Land geht dann mit fünf Startern in die kommende Königsklasse.

Werner Sonnleitner, abseits.at

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Werner Sonnleitner