„Er war ein Mensch, der den Fußball ernst und irgendwo von einer komischen Seite genommen hat. Und zwar deswegen, weil er so viel konnte.... Anekdote zum Sonntag (29) – Ernst sein ist alles – Teil II
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Ernst Happel„Er war ein Mensch, der den Fußball ernst und irgendwo von einer komischen Seite genommen hat. Und zwar deswegen, weil er so viel konnte. Er hat es sich erlauben können.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Es wird wohl nie wieder einen derart beschlagenen Spieler und Trainer in Österreich geben. Seine Technik war vom Feinsten, sein Fußballverstand vom Schärfsten. Und um keine Langeweile aufkommen zu lassen, lockerte der Spieler Ernst Happel allzu gern die Stimmung mit einer komischen Einlage auf. Ernst war nur sein Name, nicht sein Gemütszustand.

Anno 1954 probte die österreichische Fußballnationalmannschaft gegen eine Vorarlbergauswahl den Ernstfall. Die Weltmeisterschaftsendrunde in der Schweiz stand kurz bevor und die Österreicher schlossen eine intensive Vorbereitung für das Turnier ab. Die Hoffnungen waren groß, das Trainingslager und die Schwitzerei hatten ihre Spuren hinterlassen. Nun stand ein letztes Spiel gegen eine zusammengewürfelte Mannschaft an. Die Rot-Weiß-Roten führten bereits 14:0 als es Libero Happel zu bunt wurde. Er wurde angespielt, drehte sich um und lief mit der Kugel am Fuß aufs eigene Tor zu. „Ernstl, Ernstl“, brüllte Mittelfeldmotor Ocwirk seinem Namenskollegen hinterher. Happel reagierte nicht, sondern zog ab. Er überraschte Freund und Tormann Walter Zeman mit einer 20-Meter-Granate: Stange links – Stange rechts – Tor. Der „Tiger“ sah dem Ball mit offenem Mund hinterher.

Damals, 1954, soll Happels berühmter Ausspruch zum ersten Mal gefallen sein: „Was willst du sein? Der Panther von Glasgow? Der Tiger von Budapest? Das Arschloch von Hütteldorf bist du!“ Panther von Glasgow bzw. Tiger von Budapest war Walter Zeman nach seinen formidablen Länderspielen inklusive Sprungleistung an eben genannten Orten getauft worden. Es ist aber auch durchaus möglich, dass „Aschyl“ andere Freundlichkeiten verbalisiert hatte. Zum Beispiel: „Sei froh, dass i di net am Kopf dawischt hab, sonst wärst tot ‚gangen“ oder „Heast, Böhmischer, den Schuss hätt‘ i mit mein Kapperl rausg’haut!“ Es war eben nicht das erste Mal, dass Happel ein Eigentor dieser Sorte fabrizierte. Das tat er oft, wenn ihm fad war. Genauso kam es vor, dass er den Ball dann und wann mit seinem Gesäß herunterholte. Egal wann, egal wo.

Vor seinen Teamkameraden rechtfertigte sich der Libero nach dem Spiel damit, dass die Großkatze honoris causa dringend Arbeit gebraucht hätte. Ein Tormann, der für alles gerüstet sei, sei doch für das kommende Turnier wichtig. Das band er den Reportern, seinen „Lieblingsfeinden“, wohlweislich nicht auf die Nase und erklärte kühl: „Ich wollte mit einem Drehschuss unsere Stürmer in Front bringen, unglücklicherweise ist mir der Ball abgerissen.“ Er wollte halt nur spielen. Das ausgerechnet der verspielte Happel und sein Hawara Zeman später zu den Sündenböcken für die tragische 1:6-Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland erklärt wurden, ist ein anderes Kapitel. Und vielleicht die Rache dafür, dass sich auch die Presse nicht immer verarschen lässt.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag