Es ist noch gar nicht so lange her, dass man bei den Worten „Polen“ und „Ligafußball“ zuerst an unattraktive Spiele in alten Ostblockschüsseln dachte,... Groundhopper’s Diary | Polen – Die Ekstraklasa im Wandel der Zeit
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Fußball in PolenEs ist noch gar nicht so lange her, dass man bei den Worten „Polen“ und „Ligafußball“ zuerst an unattraktive Spiele in alten Ostblockschüsseln dachte, in denen es noch dazu ein erhöhtes Gefährdungspotential durch Hooligans und sonstige Krawallmacher gab. Vor etwa 10 Jahren begannen die Polen mit der Aufbesserung dieses schlechten Images, als in Kielce und Krakau mit dem Bau der ersten modernen Stadien des Landes begonnen wurde. Durch die Ausrichtung der EURO 2012 kam es regelrecht zu einer Stadionoffensive, sodass mittlerweile zehn von 16 Teilnehmern an der Ekstraklasa, der höchsten Spielklasse des Landes, in einer neuerrichteten Arena spielen. Durch den Totalumbau in Zabrze wird sich diese Zahl bald auf elf erhöhen. Aber auch abseits der Ekstraklasa wurden weitere Stadionprojekte realisiert. So erhielt Polen ein neues Nationalstadion in Warschau und auch die Zweitligisten aus Gdynia, Lublin und Tychy können ihre Heimspiele mittlerweile tollen Arenen austragen.

TS Podbeskidzie Bielsko-Biała – KS Cracovia 1:1 (0:0)

Bereits am Freitagnachmittag konnte die schlesische Doppelstadt Bielsko-Biała nahe der Grenze zu Tschechien und der Slowakei zeitgerecht erreicht werden. Eigentlich hatte in dieser Region zuvor ausschließlich der Wintersport das Sagen, zumal die Skisprungschanze in Wisła nur wenige Kilometer von Bielsko-Biała entfernt liegt. Aber seit dem Aufstieg des TS Podbeskidzie Bielsko-Biała im Jahr 2011 hat sich dies grundlegend geändert. Bereits wenige Monate nach dem Aufstieg begannen die Umbauarbeiten im maroden Kleinstadion, das keine Spur von Erstligatauglichkeit besaß. Mittlerweile hat der Verein das Stadion Miejski BKS Stal nahezu fertiggestellt. Eine L-Form ist bereits für die Zuschauer freigegeben und in der anderen Hälfte des Stadion fehlen nur mehr die abschließenden Innenarbeiten. In Bielsko-Biała wird man – Dank der passenden Infrastruktur – auch in den nächsten Jahren in der Ekstraklasa konkurrenzfähig bleiben können.

Zum Start in die Frühjahrssaison hatte der TS Podbeskidzie Bielsko-Biała den KS Cracovia zu Gast. Das Spiel war mit 4.568 Zuschauern ganz gut besucht, wobei allerdings keine Fans der Gäste im Stadion waren. Dies dürfte aber mehr an den Sicherheitsbestimmungen – zumal im Stadion auch noch kein Auswärtssektor errichtet wurde – gelegen haben, als an der Entfernung zum etwas mehr als eine Autostunde entfernten Krakau.

Auf dem Feld war Bielsko-Biała zwar überlegen, konnte jedoch in den ersten 45 Minuten keinen Treffer erzielen. Völlig überraschend gingen die Gäste aus Krakau nach einem Tormannfehler in der 64. Minute durch Čovilo in Führung. Podbeskidzie stand bereits am Rand der Niederlage, als der Schiedsrichter einen fragwürdigen Elfmeter gegen die Gäste verhängte. Durch den sicher verwerteten Strafstoß konnte Bielsko-Biała immerhin noch einen Punkt aus dieser Partie mitnehmen. Auch wenn dieser etwas glücklich zustande gekommen ist, war das Remis war aber alles in allem leistungsgerecht.

Wir verließen danach Stadt und Stadion mit positiven Eindrücken und fuhren unmittelbar nach dem Spielende weiter nach Wrocław, wo wir übernachteten.

WKS Śląsk Wrocław – Jagiellonia Białystok 0:1 (0:1)

Nach einer ausgiebigen Stadtbesichtigung sollte am Abend das zweite Spiel der Ekstraklasa an diesem Wochenende besucht werden. Im Stadion Miejski in Wrocław – einem Austragungsort der EURO 2012 –, empfing der Tabellenzweite WKS Śląsk Wrocław im Spitzenspiel den Tabellendritten Jagiellonia Białystok. Immerhin kamen 9.097 Zuschauer zu dieser Partie, dennoch wirkte das zu nicht einmal einem Viertel gefüllte Stadion – die Gesamtkapazität beträgt übrigens 42.771 – ziemlich leer. Leider liegt Śląsk Wrocław bei der Gunst der Besucher nicht ganz im Spitzenfeld der Liga. Zwar hat man gerade noch einen Zuschauerschnitt im fünfstelligen Bereich, jedoch findet man sich bei der Stadionauslastung auf einem der letzten Plätze der Liga wieder. Bei den anderen beiden EM-Stadien, die im regelmäßigen Ligabetrieb stehen (sprich: Posen und Danzig), kommen im Schnitt 3.000 Besucher mehr zu den Spielen.

Die Gäste aus dem Nordosten Polens begannen überraschend stark und gingen bereits in der 13. Minute durch Mackiewicz in Führung. Im weiteren Spielverlauf hatte Śląsk zwar mehr Chancen als Jagiellonia, jedoch verteidigte Białystok in dieser Partie mit Glück und Geschick die Führung bis zum Ende. Sehr zu Freude der rund 200 mitgereisten Fans, die nach dem Schlusspfiff minutenlang mit der Mannschaft feierten. Jagiellonia hat sich nach den Auswärtssiegen gegen die Topteams aus Warschau und Breslau in der Spitzengruppe festgesetzt und ist derzeit mittendrin im Titelkampf. Aber die Saison ist noch lange, zumal es nach 30 Runden noch zu einem Play-Off kommt.

KKS Lech Poznań – KS Ruch Chorzów 2:1 (2:0)

Am Sonntag wurden die rund 180 Kilometer zwischen Breslau und Posen abgespult, um dem Spiel KKS Lech Poznań gegen KS Ruch Chorzów im dem mittlerweile den Namen INEA-Stadion tragenden Miejski Stadion beizuwohnen. Die Posener Arena wurde für die Europameisterschaft 2012 vollständig umgebaut und fasst derzeit 43.269 Sitzplätze.

In der Ekstraklasa befindet sich Lech Poznań in der Spitzengruppe und so war ein Sieg gegen den Tabellennachzügler KS Ruch Chorzów aus Schlesien, der übrigens polnischer Rekordmeister ist, fix eingeplant. Dass Polen mittlerweile eine interessante Liga geworden ist, zeigt der Kader von Lech, in dem sich unter anderem Legionäre aus Schottland, Finnland und Ungarn befinden. Vor 16.672 Besucher brachten die Kolejorz (Eisenbahner) ihre Lok sehr schnell in Fahrt, denn der Tschetschene Sadaev traf bereits in der sechsten Minute zum 1:0 für Lech. Der Finne Hämäläinen erzielte danach in der 34. Minute per Kopf Posens zweiten Treffer. Es darf hierbei auch nicht unerwähnt bleiben, dass Heimfans ebenfalls eine tolle Leistung abriefen. Sie unterstützten ihr Team einerseits lautstark und wussten andererseits ihre Vereinsfarben durch Schals und Fahnen gut in Szene zu setzen. Diese Perfektion gipfelte sogar darin, dass der untere Rang des Fansektors ausschließlich weiße Oberteile anhätte, während man im oberen Rang blau gekleidet war. Der Auswärtssektor repräsentiere hingegen das Polen vergangener Tage. Dort trugen alle dunkle Kleidung und bei Transparenten wie „FabRyka Chuliganów“ oder „Criminal Family“ erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Aber nun wieder zurück zum Sportlichen. Hier hätte Lech noch vor der Pause das Spiel durch einen Elfmeter endgültig entscheiden können, jedoch zeichnete sich der slowakische Gästetorwart Putnocký bei diesem mit einer Parade aus. Nach dem Seitenwechsel verwaltete Posen nur mehr das Ergebnis, doch dies wäre fast in Auge gegangen, denn Ruch bekam elf Minuten vor dem Ende einen Strafstoß zugesprochen. Mehr als der daraus resultierende Anschlusstreffer wollte Chorzów in der Schlussphase aber nicht mehr gelingen.

Mit dem Spielende in Posen war das Wochenende in Polen auch schon wieder beendet. Allerdings konnten viele positive Eindrücke von der Ekstraklasa mitgenommen werden. Polen verstand es im Zuge der Ausrichtung der Europameisterschaft seine Stadionlandschaft zu verändern. Durch diese Investitionen konnte man das Image von einer unattraktiven Krawallliga ablegen. In der kommenden Zeit werden die Zuschauerzahlen noch weiter ansteigen, sodass die Liga noch für weitere Investoren und höherklassige Legionäre interessant werden wird.

 

Heffridge, abseits.at

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Heffridge

Philipp Karesch alias Heffridge wurde 1979 in Wien geboren und hatte von Kindesbeinen an die Lust am Reisen und Fußball zu spielen. Durch diese Kombination bedingt, zieht es ihn nach wie vor auf die Fußballplätze dieser Welt. Die dort gesammelten Eindrücke sind ein fixer Bestandteil der abseits.at-Kolumne Groundhopper's Diary.