Nach jetzigem Stand werden sich am Freitag fünf Kandidaten der Wahl um die Nachfolge von Sepp Blatter als Fifa-Präsident stellen. Der 40-Jährige Prinz Ali... Die europäische Hoffnung: Gianni Infantino will Fifa-Präsident werden
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FIFA Logo_abseits.atNach jetzigem Stand werden sich am Freitag fünf Kandidaten der Wahl um die Nachfolge von Sepp Blatter als Fifa-Präsident stellen. Der 40-Jährige Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien ist der Jüngste in der Riege der Kandidaten. Auch Tokyo Sexwale (62 aus Südafrika) und Jerome Champagne (57 aus Frankreich) sind de facto chancenlos. Es wird auf ein Duell zwischen Europa und Bahrain hinauslaufen. Wir schauen uns die beiden chancenreichsten Bewerber im Detail näher an und beginnen heute mit dem Italo-Schweizer Gianni Infantino.

Ein Jurist für die FIFA

Das Gesicht des 45-Jährigen steht für eine der schon rar gewordenen, 100%ig skandalfreien offiziellen Veranstaltungen im Fußball. Dann nämlich wenn die Bälle aus dem Lostopf für die nächsten Europacup-Duelle gefischt werden, wacht der Rechtsanwalt über Recht und Ordnung. Der eloquente Generalsekretär der europäischen Fußballunion galt als die rechte Hand von Michel Platini. Nach dessen Sperre zieht nun der vierfache Familienvater aus dem Kanton Wallis (der gleichen Heimat wie Sepp Blatter) für Europa in die Wahl um den bedeutendsten Posten im Weltfußball. Für den Wahlkampf erhielt er von seinem Verband knapp 500.000 Euro Budget, 15 Jahre ist er bislang bei der UEFA tätig.

Weitgehend skandalfrei, doch als Platini’s Ziehsohn nicht umstritten

Persönlich und isoliert betrachtet hat der Jurist noch wenig am Kerbholz. Allerdings muss er sich dann doch vorwerfen lassen, dass er gemeinsam mit Michel Platini wichtige Reformen bei der Fifa verhinderte. Als der lange Schatten des Franzosen bleibt zudem fraglich, ob er in die Machenschaften des ehemaligen UEFA Präsidenten wirklich nie involviert war.

Beim Stimmenfang geht er unbürokratisch vor und setzt auf das altbewährteste aller Mittel im Kreis der (Fußball-)Greise: mit erhöhten finanziellen Zuwendungen will er die Verbandspräsidenten positiv stimmen. Dazu gibt es auch sportlich noch ein Zuckerl: Die Teilnehmerzahl bei Weltmeisterschaften soll unter seiner Regentschaft von 32 auf 40 aufgestockt werden, womit sich für die wichtigste, weil zahlenmäßig größte Wählerschaft aus Afrika oder Asien die Startplätze erhöhen würden.

Soweit zur Zukunft. Punkto Vergangenheitsbewältigung der FIFA, wie die Schmiergeld-Sümpfe trocken zu legen oder Lösungsansätze für das Korruptionschaos zu finden, macht er bei seinen Wahlkampfreden nur halbherzige und unkonkrete Aussagen. Fakt ist: Unter Infantino wird es den dringend notwendigen kompletten Neuanfang so auch nicht geben können. Er gab zwar als Beweggrund für seine Kandidatur an, dass er sich nicht einfach zurücklehnen will, um zuzusehen, wie durch die FIFA alles im Fußball zerstört wird. Doch was anders werden soll, wo er konkret ansetzen möchte, ließ er sich kaum entlocken. Wohl auch als wahlkampftaktischen Gründen.

Mehr noch scheint es – sofern es die ermittelnden Behörden wie das FBI zulassen – dass intern vieles so weiterlaufen würde, wie bisher. Die Seilschaften zwischen Funktionären und der Verbandsspitze kann und wird der Jurist nicht kappen können. Oder wollen!? Dazu ist das gesamte Fifa-Netzwerk, der Unterbau schon zu sehr verseucht. Eher kann er sich ins gemachte Nest von Sepp Blatter setzen und von dort aus an kleinen Stellschrauben drehen. Dies alles mit dem Vorteil als Newcomer und somit als unbeschriebenes Blatt ohne der Bürde der Vergangenheit für persönliche Verfehlungen belangt werden zu können.

Auf jeden Fall machten auch immer wieder Gerüchte die Runde, dass es Absprachen mit seinem größten Konkurrenten, Scheich Salman aus Bahrain geben soll. Seinem größten Widersacher und den großen Favoriten um den FIFA-Thron. So wurde auf einen allzu intensiven und schmutzigen Wahlkampf zwischen den Beiden verzichtet. Steigt Infantino gar aus und verzichtet auf die finale Kampfabstimmung, soll als Dankeschön der Posten des Generalsekretärs winken, wird spekuliert.

Es wird nicht leicht für Infantino

Der Schweizer ist nur der Plan-B-Kandidat, die zweite Wahl, nachdem Platini aus dem Verkehr gezogen wurde – womöglich auch kein zwingender Wahlgrund. Trotzdem war er bei den Buchmachern lange Zeit der leichte Favorit. Seine Stimmen wird er aus Südamerika und großen Teilen Europas bekommen. Afrika steht offiziell hinter Al Khalifa, doch ein paar Stimmen könnten es trotzdem werden. Dazu hofft er noch auf die eine oder andere Proteststimme aus anderen Teilen der Welt. Doch dies wird in Summe zu wenig sein. Auch sind die Europäer offiziell noch gespalten, doch schlussendlich werden die Meisten Infantino die Stimmen geben.

Für eine Mehrheit der insgesamt 209 Stimmen wird es im ersten Wahlgang für den Schweizer definitiv nicht reichen, da heißt es erst mal die Absolute von Scheich Salman zu verhindern. Bei jedem weiteren Wahlgang fliegt dann der Schwächste, dann heißt es möglichst viele, freigewordene Stimmen an Land zu ziehen. Die Crux dabei: sportlich bedeutendere, größere Verbände wie England, Deutschland oder auch Brasilien haben ebenso nur genau eine Stimme und damit die gleiche Macht, wie zum Beispiel die zahlreichen kleinen Inselverbände aus dem Pazifik.

In der zu erwartenden finalen Kampfabstimmung mit dem Scheich aus Bahrain könnte es schlussendlich zu einem Duell zweier Ideologien kommen. Da der Königssohn aus dem reichen Wüstenemirat, der den kleineren Nationen zu mehr Beachtung helfen möchte und dem jedes Mittel Recht ist. Dort der kühle europäische Diplomat, der den verfahrenen Karren FIFA zwar nicht aus dem Dreck wird ziehen können, aber zumindest einen Richtungsschwenk in eine neue, reformierte Fifa ermöglichen könnte.

Im zweiten Teil schauen wir dann auf den Topfavoriten auf den Chefsessel, Scheich Salman bin Ebrahim Al Khalifa, der höchst umstrittene Kandidat aus Bahrain. Die Wahl findet am Freitag, 26. Februar im Zürcher „Home of Fifa“ statt.

Werner Sonnleitner, abseits.at

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Werner Sonnleitner