„Sicher war es ein Fehler, aber wissen Sie, man macht viele Fehler im Leben“ – FIFA-Präsident Joseph Blatter sieht mittlerweile ein, dass die Vergabe...
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Joseph Sepp Blatter„Sicher war es ein Fehler, aber wissen Sie, man macht viele Fehler im Leben“ – FIFA-Präsident Joseph Blatter sieht mittlerweile ein, dass die Vergabe der WM 2022 an Katar doch nicht ganz ideal war. Wegen der hohen Temperaturen. Von Bestechungsvorwürfen und menschenunwürdigen Zuständen für die Bauarbeiter will der FIFA-Präsident natürlich weniger wissen. So oder so musste halt schnell ein kleines Schuldeingeständnis her, um von den nicht minder katastrophalen Entwicklungen in Brasilien abzulenken.

Über die größten Fußballverbände der Welt muss nicht viel Basiswissen verbreitet werden. Die Weltöffentlichkeit bildete sich ohnehin schon ein Urteil über FIFA-Boss Joseph Blatter und Michel Platini, den starken Mann bei der UEFA. Korruptionsvorwürfe sind seit Jahren derart präsent, dass der geneigte Fan nur schwer daran vorbeischauen kann. Der Bestimmungsapparat des Weltfußballs wirkt ein wenig wie George W. Bushs Regierung: Jeder weiß, dass so ziemlich jedes Mitglied Dreck am Stecken hat und dies nachzuweisen fällt schwer, weil sich die Sesselkleber im Exekutivkomitee der FIFA fein und geschickt herauszuaalen wissen. Oder aber, weil kaum jemand weiß, wer eigentlich in diesem Komitee sitzt.

Um diese Frage, die sich die meisten Fußballfans wohl noch gar nicht stellten, zu beantworten, müssen wir – wie symbolträchtig! – 22 Herren beäugen. So viele Mitglieder gaben ihre Stimmen ab und ermöglichten die Austragung der WM 2018 in Russland und zugleich die noch umstrittenere Backofen- / Winter-WM in Katar. Angesichts der Lebensläufe und Visitenkarten brauchen wir an dieser Stelle keine große Dramaturgie aufbauen und beschreiben kurz und bündig, welche Herren hier entschieden. Wer für welche Kandidatur stimmte, ist ob des Wahlgeheimnisses nicht bekannt. Daraus ein Ratespiel zu veranstalten, könnte dennoch in Langeweile enden.

Joseph Blatter

Dem FIFA-Boss wurde schon bei seinen Wahlen zum FIFA-Präsidenten in den Jahren 1998 und 2002 vorgeworfen, dass er sich den Posten erkaufte. Er war in die ISL-Bestehungsaffäre verwickelt, wurde mit Schmiergeldern rund um seine Wiederwahl 2011 in Verbindung gebracht und komischerweise wird er trotz des vielen Gemunkels um seine Person andauernd mehr als nur deutlich als FIFA-Präsident wiedergewählt.

Michel Platini

Der französische UEFA-Präsident stimmte für die WM 2022 in Katar und bezeichnete dies als eine sportlich motivierte Entscheidung. Der Mann ist – nochmal – UEFA-Präsident! Kurz nachdem die Wüsten-WM bestätigt wurde, saß Platinis Sohn als Europa-Chef in der Firmengruppe „Qatar Sports Investment“. Wenn Platini in letzter Zeit Musikstücke für den europäischen Verband herstellen ließ, so zum Beispiel die relativ neue Europa-League-Hymne, dann griff er hierfür gerne auf seinen Schwiegersohn Yohann Zveig zurück. Wozu Ausschreibungen, wenn die besten Leute (?) in der eigenen Familie sitzen?

Julio Grondona

Der 82-jährige Argentinier ist Senior-Vize-Präsident des FIFA-Exekutivkomitees. Sein Spitzname ist „der Pate“ – und das fasst den Mann aus Avellaneda schon recht gut zusammen. Gegen den Vorsitzenden der FIFA-Finanzkommission wurde bereits wegen Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung ermittelt. Über die Schiedsrichtersituation in Argentinien verlautbarte Grondona: „Ich glaube nicht, dass Juden Top-Schiedsrichter sein können. Dies würde harte Arbeit bedeuten und, wissen Sie, Juden mögen keine harte Arbeit“. Seine Stimme für eine WM 2022 in Katar begründete Grondona so: „Ja, ich habe für Katar gestimmt, weil eine Stimme für die USA [Mitbieter um die WM 2022, Anm.] wie eine Stimme für England wäre und das ist nicht möglich […] Zur englischen Bewerbung [für die WM 2018, Anm.] sagte ich: Fassen wir’s kurz. Wenn ihr uns die Falkland-Inseln zurück gebt, die uns gehören, dann kriegt ihr meine Stimme. Sie wurden dann traurig und gingen.“ Grondona hat sich später für seinen Angriff auf England entschuldigt…

Issa Hayatou

Der Kameruner ist bereits seit 23 Jahren Mitglied des Komitees und sitzt noch immer darin. In den 90er-Jahren soll er Bestechungsgelder angenommen haben, um wohlwollend über die TV-Rechte von Fußballweltmeisterschaften zu entscheiden. Dies deckte die BBC im Jahr 2010 auf. Dass sich Hayatou bis heute nicht groß verändert hat, zwitscherte ein Whistle Blower der Sunday Times im Jahr 2011. Ihm zufolge habe Hayatou 1.500.000 Dollar erhalten, um für eine WM in Katar zu stimmen… die Ermittlungen, auch durch das Internationale Olympische Komitee, in dem Hayatou ebenfalls Mitglied ist, laufen.

Ángel Maria Villár

Der Präsident des spanischen Fußballverbands, seit über 15 Jahren im FIFA-Exekutivkomitee, ging’s taktisch an: Er machte einen illegalen Vote-Swapping-Deal mit Katar, um die spanisch-portugiesische Kandidatur für die WM 2018 möglichst abzusichern. Die ging dann aber an Russland – und Spanien bekam recht schnell einen lukrativen Freundschaftsspieltermin im Nahen Osten. So kann man sich eben auch „entschuldigen“. Übrigens bestätigte Blatter später, dass es diesen Deal tatsächlich gab. Zu einer großen Sache machte man dies freilich nicht und so verliefen sich die Ermittlungen wegen fehlender Beweise – wie zynisch: – im Sand. Auch die bereits vorgestellten Julio Grondona und Issa Hayatou sollen, wie auch sechs weitere Mitglieder, involviert gewesen sein.

Michel D’Hooghe

Der Belgier ist Vorsitzender der Medizinischen Kommission der FIFA und die treibende Kraft hinter der Verlegung der Wüsten-WM in die Wintermonate. D’Hooghe meldete das Geschenk eines russischen Geschäftsmannes, um entsprechend für eine Weltmeisterschaft 2018 in Russland zu stimmen, der FIFA. D’Hooghe gilt im komplexen FIFA-Gefüge als integerer Mann. Ein kleiner schwarzer Fleck: Kurze Zeit nach der Entscheidung erhielt sein Sohn Pieter einen lukrativen Job in einem Krankenhaus in Katar.

Senes Erzik

Über die Entscheidung des 71-jährigen, türkischen Verbandspräsidenten ist wenig bekannt. Es wird gemunkelt, dass Erzik ein Fan der englischen Bewerbung für die WM 2018 war.

Worawi Makudi

Ein schwer ins gute Licht zu rückender Fall ist der 63-jährige Thailänder Worawi Makudi. Der zweigte vor einigen Jahren Gelder aus einem Entwicklungshilfeprojekts namens „GOAL“ ab, um seinen eigenen Grundbesitz aufzuwerten. Trotz zahlreicher Beweise gegen Makudi wurde er speziell von Joseph Blatter unterstützt und gedeckt. Der einstige FA-Boss und Politiker Lord Triesman erklärte vor dem britischen Parlament, dass Makudi den Engländern seine Stimme für die WM 2018 zusagte, wenn die Three Lions ein Freundschaftsspiel gegen die Thai Nationalmannschaft abhalten würden. Ein Schweizer Medium erklärte im Jahr 2012: „WM-Bewerber wissen laut Insidern, was sie an Makudi haben“.

Marios Lefkaritis

Dass der zyprische Industriemanager Marios Lefkaritis für eine WM in Katar gestimmt haben könnte, ist naheliegend. Katar kaufte aus Geldern eines Staatsfonds Land in Zypern, das Lefkaritis und dessen Familie gehörte. Diese lukrierte aus diesem Deal knapp 32 Millionen Euro. Lefkaritis betonte, dass dies aber nicht mit seiner Entscheidung im Bezug auf die WM 2022 in Verbindung steht.

Jacques Anouma

Genau wie der Kameruner Issa Hayatou soll auch der Ivorer Jacques Anouma 1.500.000 Dollar als Meinungsverstärker „Pro Katar“ angenommen haben. Dies wurde übrigens von Phaedra Al-Majid, einem Mitglied des katarischen Bieterkomitees, in den Raum gestellt. Erst als die FIFA eine Untersuchung gegen Hayatou und Anouma ankündigte, wiederrief Al-Majid. Sie lebt nun zurückgezogen irgendwo in Katar und äußerte sich nie wieder zu dem Thema.

Rafael Salguero

Laut einem ehemaligen Mitglied des Exekutivkomitees, Jack Warner, wurden dem einstigen Fußballer und heutigen Rechtsanwalt Rafael Salguero etwa fünf Millionen Dollar für eine Katar-Stimme angeboten. Ob der Guatemalteke annahm ist freilich nicht bekannt. 2007 wurde Salguero angeklagt, weil er Trikots der guatemaltekischen Nationalmannschaft fälschte und in Umlauf brachte. Und wieso ein Rechtsanwalt aus Guatemala, das nicht gerade als fanatische Fußballnation bekannt ist, in einem doch eher dünn besetzten Exekutivkomitee sitzen soll, das die Geschicke des Weltfußballs lenkt, könnte die FIFA auch irgendwann mal skizzieren…

Hany Abu Rida

Der Ägypter Hany Abu Rida war mit an Bord als das ehemalige, katarische Mitglied des Exekutivkomitees Mohammed bin Hammam in die Karibik flog, um dort Mitglieder der karibischen Fußballunion zu „kaufen“. Bin Hammam wollte für das Amt des FIFA-Präsidenten kandidieren und brauchte dafür noch einige sichere Stimmen. Neben Hany Abu Rida war auch der bereits vorgestellte Worawi Makudi mit von der Partie. Gegen Rida wird ermittelt.

Vitaliy Mutko

Der Russe Vitaliy Mutko war der Vorsitzende der russischen Bewerbung für die WM 2018 – die er bekanntlich bekam. Er erklärte, dass an der Bewerbung Russlands alles sauber war und sie mit rechten Dingen ablief. So richtig glaubt Mutko das aber niemand, denn auch der 55-Jährige hat eine Vorgeschichte, einerseits auf dem Gebiet der Korruption, andererseits in der Kunst auf die Fehler anderer hinzuweisen, um die eigenen, noch offensichtlicheren Fehler zu überdecken.

Diese 13 Herren sind auch heute noch Mitglieder im Exekutivkomitee der FIFA. Allerdings gab es seit 2011 zahlreiche „Abgänge“. Einige dieser Abgänge waren ebenfalls in die fragwürdige WM-Vergabe involviert.

Die unproblematischeren Herren waren hierbei etwa Chung Mong-joon, der als reichster Südkoreaner keine Bestechungsgelder nötig hat. Der englische Fußballfunktionär Geoff Thompson verließ das Komitee um sich der Bewerbung Englands als Ausrichter der Fußballweltmeisterschaft 2018 zu widmen. Der angesehene Japaner Junji Ogura verzichtete ebenso wie „Kaiser“ Franz Beckenbauer freiwillig auf eine Wiederwahl. Der bereits beschriebene Mohammed bin Hammam wurde aufgrund seiner karibischen Bestechungstour suspendiert. Aber die FIFA hatte zur entscheidenden Zeit noch mehr windige Gestalten zu bieten.

Jack Warner

Nicht nur, dass der mittlerweile suspendierte Jack Warner aus Trinidad & Tobago auch ein wenig zu gut mit Mohammed bin Hammam war, ließ er sich im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 bei einer ziemlichen Dummheit erwischen. Seine Familie und er sollen etwa eine Million Dollar mit Tickets für die WM 2006 lukriert haben, die Warner zuerst beorderte und dann auf dem Schwarzmarkt verscherbelte. Im Zuge von Freundschaftsspielen von Trinidad & Tobago wirtschaftete der 71-Jährige immer wieder gerne in die eigene Tasche.

Chuck Blazer

Mit dabei beim Ticket-Verheizen war auch Chuck Blazer. Doch der exzentrische US-Amerikaner hat noch mehr auf dem Kerbholz. Der ehemalige CONCACAF-Generalsekretär zweigte Verbandsgelder auf Offshore-Bankkonten ab und arbeitete fast 15 Jahre lang bei der CONCACAF ohne einen unterschriebenen, geschweige denn einen zu Papier gebrachten Vertrag dafür zu haben. Blazer verdiente im Laufe dieser 15 Jahre etwa 15 Millionen Dollar, die aktuell vom FBI durchleuchtet werden.

Ricardo Texeira

Der Brasilianer, der als „Architekt“ der WM 2014 in Brasilien gilt, zog sich 2012 wegen erwiesener Schmiergeldannahmen aus der FIFA zurück. Texeira war in den ISL-Skandal involviert und erhielt gemeinsam mit seinem Schwiegervater, dem ehemaligen FIFA-Präsidenten Joao Havelange, etwa 22 Millionen Schweizer Franken an Schmiergeld. Im Vorfeld der WM 2014 war Texeira sogar mehrmals Gegenstand von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen. Angeblich handelte der Funktionär einen Vertrag zwischen seinem Organisationskomitee und dem brasilianischen Fußballverband aus, nach dem Texeira im Falle eines finanziellen Gewinnes durch die WM 2014 zu 50% beteiligt wäre, ein Verlust aber zu 99,9% von brasilianischen Verband getragen würde. Texeira äußerte sich zu diesem Deal wie folgt: „Ich kann jede Untat begehen, die ich will“.

Nicolás Leoz

Auch der 85-jährige Paraguayer Nicolás Leoz war Teil des ISL-Skandals. In den 90er-Jahren nahm der mittlerweile zurückgetretene Funktionär und einstige CONMEBOL-Boss Schmiergelder an und verschob dafür TV-Rechte für Weltmeisterschaften nach Wunsch. Vor der Entscheidung wer die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 austragen sollte, soll Leoz dem englischen Bewerbungskomitee-Vorsitzenden Lord Triesman seine Stimme „angeboten“ haben, wenn Leoz eine Ehrenritterschaft bekommen würde. Des Größenwahns nicht genug, wäre es Nicolás Leoz aber eigentlich eh lieber gewesen, wenn die Engländer den FA-Cup nach ihm (um)benannt hätten

Das waren sie also, die feinen 22 Herren, die zum Zeitpunkt der Abstimmung das Sagen hatten. Kurz vor ebendieser Abstimmung wurden der Nigerianer Amos Adamu und der Tahitianer Reynald Temarii jahrelang gesperrt, weil sie versucht haben sollen, ihre Stimmen zu verkaufen.

Heute zählt das FIFA-Exekutivkomitee 25 Personen. Zusätzlich zu den oben genannten Herren 13 Herren, die sich weiterhin in der Machtzentrale des Fußballs festkrallen, was jedem Liebhaber des Sports den Angstschweiß auf die Stirn treiben muss, gibt es nun zwölf weitere Namen. Der einzige dieser Namen, den man hierzulande wiedererkennen würde, ist der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Die Namen der weiteren elf neuen Mitglieder seit 2011 sind aktuell nicht der Rede wert. Viel interessanter sind die Nationen aus denen sie kommen: Papua-Neuguinea, Jordanien, Nordirland, Cayman Inseln, Algerien, China, USA, Uruguay, Bahrain, Burundi und schließlich doch noch Brasilien. Die beiden ko-optierten Mitglieder für spezielle Aufgaben stammen aus Australien und von den Turks & Caicosinseln. Natürlich darf man nicht von den Nationen auf die Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees schließen, aber wie schon zuvor erwähnt: Warum man sich dermaßen auf Mitglieder aus Fußball-Entwicklungsländern versteift, die teilweise zuvor wenig bis nichts mit dem Sport zu tun hatten, muss erst von der FIFA skizziert werden, bevor wir versuchen wollen es zu verstehen.

Daniel Mandl, abseits.at

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Peda

    Danke für die Recherchearbeiten, ein schönes Nachschlagewerk.

    Ein Frage hätte ich noch:
    „Die unproblematischeren Herren waren hierbei etwa Chung Mong-joon, der als reichster Südkoreaner keine Bestechungsgelder nötig hat.“
    Ist das sarkastisch gemeint? Die Gier des Menschen kennt keine Grenzen, was nicht zuletzt durch eben diesen Artikel untermauert wird.

    • Teiwaz

      Lies es halt als „nötig hätte“ 😉

  • Teiwaz

    „Warum man sich dermaßen auf Mitglieder aus Fußball-Entwicklungsländern
    versteift, die teilweise zuvor wenig bis nichts mit dem Sport zu tun
    hatten, muss erst von der FIFA skizziert werden“

    Nun, man könnte seitens der FIFA durchaus damit argumentieren, dass Funktionäre aus solchen Ländern neutralere Entscheidungen treffen (bei zB. WM-Vergabe), weil sie nicht irgendwelchen Rivalitäten/Animositäten unterliegen (zB. England-Deutschland-Holland)… Das wäre die Utopia-Optimismusvariante.

    Die Realität: diese Funktionäre verfügen über/bieten zumindest 1 von 2 Dingen:
    -) Extrem viel Geld
    -) Extrem niedrige Steuersätze + Bankgeheimnis