ATV ist immer wieder für eine Sensationsmeldung gut. Gingen im Jahr 2004 die Rechte der Bundesliga erstmals an einen Privatsender, so kann sich der... Kollers Jungs, Sambakick und Faustkampf: ATV schlägt am TV-Rechtemarkt zu

ATV ist immer wieder für eine Sensationsmeldung gut. Gingen im Jahr 2004 die Rechte der Bundesliga erstmals an einen Privatsender, so kann sich der Kanal aktuell damit rühmen, alle Auswärtsspiele des österreichischen Nationalteams in der WM-Qualifikation für 2014 erworben zu haben. Gerade auf dem kargen hiesigen Medienmarkt gilt diese Meldung als Erdbeben, da der ehemalige Monopolist ORF ein weiteres wichtiges Sportrecht verloren hat.

Für ATV bedeutet der Erwerb der fünf Qualifikationsspiele der österreichischen Nationalmannschaft nicht nur einen enormen Imagegewinn, auch was die Zuschauerzahlen angeht wird man seinen bisherigen Rekord wohl ohne Probleme brechen können. Dieser lag bisweilen bei etwas über einer halben Million, aufgestellt bei „Bauer sucht Frau“ vor zwei Jahren. Die im Herbst dieses Jahres abgelaufene EM-Qualifikation verfolgten im ORF hingegen bis zu einer Million Zuschauer.

Experte oder Co-Kommentator?

Bevor jedoch im Oktober 2012 das erste der fünf Spiele aus Kasachstan über die Bildschirme flimmert, hat ATV noch zahlreiche Hausaufgaben zu erledigen. Zum einen sollte der Sender die Bildqualität weiter verbessern – optimal wäre ein Ableger in HD und zudem wäre es angebracht, Co-Kommentatoren einsetzen; in den Medien wird hier bereits über Josef Hickersberger spekuliert, der zumindest als Experte auf den Färöer zugegen sein soll. Gerade diesen begleitenden Kommentar wünschen sich zahlreiche Fußballfans und es ist unverständlich, warum im deutschen Sprachraum praktisch nie ein zweiter Mann am Mikrofon eingesetzt wird. Sky probierte dies in der vergangenen Frühjahrssaison mehrfach mit Markus Schopp und Heribert Weber, ließ die Idee dann jedoch bis zum letzten Wochenende wieder fallen, als Werner Gregoritsch beim Spiel zwischen Mattersburg und Kapfenberg eingesetzt wurde, was jedoch vermutlich in erster Linie den aktuellen Geschehnissen rund um seine Person geschuldet war. Während der ORF jedes Skirennen co-kommentieren lässt, herrscht beim Fußball diesbezüglich absolute Ebbe. Gerade einmal beim ersten Wiener Derby der Saison konnte er sich dazu durchringen, dem Kommentator einen Experten zur Seite zu stellen.

Mehr Rechte für Privatsender

Was bedeutet dies nun jedoch für den heimischen Medienmarkt? Zweifelsfrei sind gerade Sportrechte äußerst begehrt, da sie gute Zuschauerzahlen und damit Aufmerksamkeit bedeuten. Mit der Saison 2004/05 kam es zu einer Filetierung des österreichischen Sportrechtemarkts, da damals der Zuschlag für die Bundesligarechte erstmals nicht an den ORF, sondern an ATV (gemeinsam mit Premiere, heute Sky) erfolgte. Seither musste der öffentlich-rechtliche Sender immer mehr Sportübertragungen der Konkurrenz überlassen, denn so laufen die Europa League und die NFL auf Puls4, die Erste Bank Eishockey Liga bei Servus TV und auch den ÖFB-Cup muss sich der ORF mittlerweile mit ATV teilen, wo auch schon Europacupschlager wie Aston Villa – Rapid und Juventus Turin – Sturm zu sehen waren.. Ab kommender Saison verfügt der ORF über die Rechte an der Europa League, muss sich dafür erstmals in der Sendergeschichte von der Champions League trennen, die nun zu Puls 4 wechselt.

ORF nur im Skisport unantastbar

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Einerseits verliert der ORF seit Jahren beständig Zuschauer und erreicht nahezu monatlich neue Tiefstwerte, was den Marktanteil angeht, was am schwächer werdenden Programm und dem immer vielschichtigeren Fernsehmarkt liegt. Dies wirkt sich freilich auch auf die Werbeeinnahmen aus, so konnte der ORF im Jahr 2000 noch 84% der in Österreich ausgeschütteten Werbegelder lukrieren, während die Privatsender bei nur 16% hielten, im laufenden Jahr kommen die Privaten mittlerweile auf 65% und haben das öffentlich-rechtliche Fernsehen längst überholt.. Angesichts dieser Zahlen ist es verständlich, dass der Rubel nicht mehr in einem solchen Ausmaß wie früher rollt, zumal dem Sender strikte Sparvorschriften auferlegt wurden, die auch nicht durch die geplante Gebührenerhöhung abgefedert werden können. Somit muss sich der ORF auf weniger und aus seiner Sicht besonders wichtige Rechte beschränken, wie beispielsweise jene aus dem Bereich des Skisports, die jüngst bis 2017 verlängert wurden.

Politikänderung seit Oberhauser

Seit Elmar Oberhauser, seines Zeichens langjähriger Sportchef und zuletzt Informationsdirektor, das Unternehmen verlassen hat, hat andererseits auch eine etwas gemäßigtere Politik am Küniglberg Einzug gehalten. So munkelte man in Medienkreisen, dass es Oberhauser niemals zugelassen hätte, die Champions-League-Rechte an Puls4 zu verlieren und auch soll er treibende Kraft dahinter gewesen sein, dass der ORF weiterhin 36 Bundesligaspiele pro Saison überträgt, während viele andere Personen im Haus damit keine rechte Freude haben.

Bundesliga schreibt Medienrechte aus

Stichwort Bundesliga: Diese schreibt im kommenden Jahr wieder einmal ihre Medienrechte aus und man darf gespannt sein, wie das Bieterverfahren abläuft. Sky hat wiederholt angekündigt, dass man den Anteil der Spiele im Free-TV reduzieren möchte, was angesichts der zuletzt verlautbarten guten wirtschaftlichen Kennzahlen des Senders wohl mehr als nur eine leere Forderung ist. Möglich, dass sich hier neue Allianzen ergeben, wobei bereits im letzten Bieterverfahren Servus TV das Höchstgebot abgegeben hat, der Zuschlag allerdings dennoch an den ORF ging. ATV und Puls4 hielten sich damals zurück, was auch der Bundesliga zu denken geben sollte, womöglich wäre es von Vorteil, mehrere kleine Rechtepakete auszuschreiben. Zu guter letzt muss auch der Onlinemarkt wesentlich intensiver bearbeitet werden, denn diese Rechte wurden bisher immer an Sky bzw. den ORF mitverkauft, sind jedoch wesentlich mehr wert, als für sie eingenommen wurde.

Konkurrenzkampf

Grundsätzlich ist es als sehr positiv zu bezeichnen, dass auch die Privatsender in Sportrechte investieren, denn dies bedeutet Wettbewerb und der kommt schlussendlich vor allem den Verbänden und Vereinen, aber auch dem Zuschauer zugute. Nichts ist schlechter als ein Monopolist, der sich auf keiner Ebene dem Wettbewerb stellen muss.

Auch Zuckerhutkicks auf ATV

Aber zurück zu ATV. Neben den Qualifikationsspielen der österreichischen Nationalmannschaft wurden auch die Rechte an allen anderen Spielen der Qualifikationsgruppe C erworben (exklusive den Heimspielen der Österreicher, die beim ORF liegen), so dass es auch möglich ist, andere Begegnungen zu übertragen. Weiters hält der Sender nun Rechte an zehn Freundschaftsspielen der brasilianischen Nationalmannschaft und an mehreren Kämpfen des Sauerland-Boxstalls. Gerüchteweise sollen diese Rechte mit jenen der WM-Qualifikation verquickt gewesen sein, was den ORF neben den Kosten zusätzlich abgeschreckt hat. Es wird an ATV liegen, wie viel Kapital der Sender aus diesen zweifelsfrei hochwertigen Rechten schlagen kann.

OoK_PS, abseits.at

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