Der Fußball ist in der Gesellschaft keine Insel, auch kein autarkes, selbsterhaltendes System. Er beeinflusst vielmehr die Gesellschaft, die wiederum auf ihn abfärbt. Man... Fußball in totalitären Systemen: Wie die Corinthians zum Sprachrohr der Opposition wurden
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Fußball in BrasilienDer Fußball ist in der Gesellschaft keine Insel, auch kein autarkes, selbsterhaltendes System. Er beeinflusst vielmehr die Gesellschaft, die wiederum auf ihn abfärbt. Man kann den beliebtesten Sport der Welt nicht unabhängig von der Gesellschaft, in der er gespielt wird, betrachten. So wurde er in der Vergangenheit oft missbraucht, um ganze Bevölkerungen in autokratischen Systemen ruhig zu stellen und diente somit der Machterhaltung von Despoten. Das „joga bonito“ hat jedoch auch die Macht, die Gesellschaft ein Stück weit zum Positiven zu verändern. Davon handelt diese Serie, die mit der sogennanten „democracia corinthiana“ in Brasilien beginnt.

Am 1. April 1964 putschte sich das Heer in Brasilien, unterstützt von den USA, an die Macht. Den Militärs waren die angekündigten Reformen des amtierenden Präsidenten Joao Goulart zu sozialistisch. Die Militärdiktatur schränkte das öffentliche Leben ein, installierte die Zensur, internierte viele Menschen und trieb andere ins Exil. Im Vergleich zu den wesentlich tödlicheren Diktaturen in Argentinien oder Chile setzten die brasilianischen Militärs nicht auf breite Mord-und Folterkampagnen, unterhielten aber auch Todesschwadronen, die für das mysteriöse Verschwinden vieler Menschen verantwortlich waren. Während jedoch beispielsweise in Argentinien Zehntausende umgebracht wurden, belief sich diese Zahl in Brasilien vermutlich auf 800. Zu der geringeren Gewalttätigkeit des Regimes dürfte beigetragen haben, dass Fußballerfolge die Massen ruhigstellten.

Der Fußball war seit den dreißiger Jahren in Brasilien ein zentrales Element der Identifikation. Vor allem der WM-Triumph von 1970 spielte den Militärs in die Hände. Sie konnten mit Hilfe dieses Erfolges in der Öffentlichkeit das Bild eines „glücklichen Brasiliens“ propagieren.

Um die Siege zum Teil auch für sich beanspruchen zu können, galt es sich der politischen Verlässlichkeit oder zumindest der Gleichgültigkeit der sportlichen Akteure zu versichern. So wurde zum Beispiel der Teamchef Joao Saldanha, der dem Regime nicht passte, vor der WM 1970 durch Mario Zagallo ersetzt. Sogar Volksheld und der Fußballer des Jahrhunderts Pele ließ sich vor den Karren des Systems spannen und rührte in diversen Werbespots die Werbetrommel für das Regime.

Im Jahre 1982 befand sich Brasilien jedoch endlich im Aufschwung und die blutige Militärjunta lag in den letzten Zügen. Dies wirkte sich auch auf den Fußball aus. Der damalige Präsident von Corinthians Sao Paulo Vicente Matheus, ein Anhänger des Regimes, wurde durch den linken Soziologen Adilson Alves ersetzt. Unter ihm und dem Superstar des Teams, Socrates, begann ein einmaliges Experiment im brasilianischen Fußball: die komplett basis-demokratische Organisation – die democracia corinthiana.

„Wir haben jede Entscheidung kollektiv getroffen und uns an der gesamten Vereinsführung beteiligt“, so beschrieb es Socrates. „Der einfachste Angestellte hatte das gleiche Gewicht wie der Repräsentant des Vereins, seine Stimme hatte den gleichen Wert. Es war alles sehr demokratisch.“. Corinthians etablierte sich schnell als ein Sprachrohr der Opposition. Auf den Trikots der Spieler prangten immer wieder Anti-Regime Botschaften, die dadurch in der Öffentlichkeit maximale Aufmerksamkeit erhielten. Der Leitspruch lautete: „Verlieren oder gewinnen, aber immer mit Demokratie.“. Neben dem jungen Stürmer Walter Casagrande und dem Linksverteidiger und Kommunisten Wladimir war es Socrates, der dieses einmalige Kapitel der brasilianischen Fußballgeschichte prägte. Der Kinderarzt, durch seinen Beruf bekam er den Spitzname „Doktor“, verkörperte die Antithese zum klassischen Fußballspieler. Als bekennender Linker unterstützte er die „Direitas ja“ – Bewegung für demokratische Wahlen.

Für den 15. November 1982 organisierten die Militärs Parlamentswahlen. Sie dachten damit ihre Macht weiter legitimieren zu können. Die Spieler der Corinthians forderten die Bevölkerung in Interviews und mit Trikotslogans wie „Wählt am 15.“ dazu auf, wählen zu gehen. Das Engagement zahlte sich aus. Der Urnengang brachte einen Sieg der Opposition.

1984 wurde die Direktwahl des Staatspräsidenten beschlossen und 1985 beendete der Wahlsieg von Tancredo Neves über Diktator Joao Figueiredo die 21 Jahre währende Militärdiktatur.

2011 verstarb Socrates an den Folgen eines septischen Schocks. Er litt aufgrund seiner Alkoholsucht seit längerer Zeit an Leberzirrhose. Sein Einsatz für mehr Demokratie und gegen Unterdrückung wird, genau wie sein fußballerisches Können, in Brasilien nie vergessen werden.

Ral, abseits.at

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