Modernes Theater kann schrecklich sein. Genauso wie altmodisches, verstaubtes Theater. Genauso wie jede Form von Theater. Das gilt auch für jede Art von Fußball.... Hakoah Wien im Volkstheater –  Ein Abend für Fußballfans?
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_Flagge IsraelModernes Theater kann schrecklich sein. Genauso wie altmodisches, verstaubtes Theater. Genauso wie jede Form von Theater. Das gilt auch für jede Art von Fußball. Verbinden lassen sich diese beiden – ob guten oder schlechten – Volksereignisse jedenfalls selten. Die Wahrscheinlichkeit eines Zusammentreffens ist nicht größer als die Möglichkeit, dass ein Verein wie Leicester City die Premier League gewinnt, doch wie wir schon seit einiger Zeit wissen: Nicht nur im Lotto ist alles möglich.  

Am Spielplan des Wiener Volkstheaters steht derzeit ein Stück mit dem Namen „Hakoah Wien“: Hakoah, wie der Name des altehrwürdigen jüdischen Sportvereines. Dies hat bei mir zu der irrigen Annahme geführt, dass es in der knapp 105-minütigen Komödie um Fußball geht. Das launige Werk behandelt aber zahlreiche Themen von A wie Anschluss über D wie Depression und P wie Pflichterfüllung bis Z wie Zionismus – verknüpft über drei Generationen. Die Hakoah bleibt maximal der grobgeschnitzte Rahmen der Handlung, der Punkt an dem die biografischen Stränge ihren Ausgang nehmen.

Nicht ganz koscher

Regisseurin und Autorin Yael Ronen arbeitet mit „Hakoah“ ihre eigene Vergangenheit auf: Die gebürtige israelische Staatsbürgerin lebt heute in Berlin und inszeniert ihr 2012 uraufgeführtes Stück (nach Graz) bereits zum zweiten Mal in Österreich. Schnell erkennt man, dass die 39-jährige „Hakoah“ mit den Schauspielern – darunter ihr eigener Bruder – zusammen aufgefrischt hat. Vieles wirkt improvisiert, manches ist gar so verklärt, dass man nicht recht erkennen kann ob nun der Schauspieler oder die Figur spricht. Beispielsweise werden – untypisch – die Akteure des Abends anfangs wie Boxer vorgestellt und auch verabschiedet. Herrlich abwechslungsreich! Diese Realitätsnähe, die viele Probleme dieser Tage nicht unerwähnt lässt, ist einer der großen Pluspunkte des Stückes. Langweilig wird es wirklich keine Sekunde lang. Die ständigen Personenwechsel und der erfrischende Humor sorgen für Abwechslung. Das alles spielt sich vor einem überdimensionalen aufgestellten Fußballfeld à la Mondrian ab. Die Ausstattung ist minimal und zweckmäßig, die Handlung voller Abwechslung: Zeitlupe, ein, der Erinnerung entsprungener Opa mit Hut, Kommentare aus dem Off oder eine Gaberl-Aktion, die im Publikum landet. „Hakoah Wien“ gleiche einem Woody-Allen-Film in der Leopoldstadt schrieb der Standard. Das ist doch eine andere Gewichtsklasse, immerhin blitzt zeitweise ein Allen verwandter Witz auf: Zum Beispiel, wenn der erfolglose Tormann Oliver Aftergut eine neue FIFA-Version testet und selbst auf der Playstation daran scheitert sich selbst zwischen die Pfosten zu stellen: „Was heißt, Sie wollten das Spiel so realistisch wie möglich halten?“

(Ersatz)-Torwart Aftergut (Knut Berger) ist einer der fünf Protagonisten dieses Abends: Der junge israelische Offizier Michael (großartig: Michael Ronen) kommt in die Heimat seines Großvaters (Julius Feldmeier) um einen Vortrag zu halten. Er trifft auf seine Namensvetterin Psychotherapeutin Michaela (Birgit Stöger), die mit dem oben erwähntem Tormann verheiratet ist. Michaela konfrontiert den Soldaten mit Fotos seines Großvaters Wolf Fröhlich, die ihn als Hakoah-Fußballer zusammen mit ihrer eigenen Großmutter zeigen. Michael desertiert und lernt einen deutschen Fußballfanatiker kennen (der Beste des Abends: Sebastian Klein), der – wie es der Zufall will – in Wolfs alter Wohnung in der Rembrandtstraße lebt. Die ineinander verschlungenen Geschichten der beiden Michael(a)s werden nun schrittweise aufgedröselt: Opa Wolf und Oma Fania hatten einst als junge Menschen jene Beziehung, die man in Wien Pantscherl nennt. Doch die Wege trennen sich: Zionist Wolf emigriert 1936 ins gelobte Land, Fania bleibt in der Leopoldstadt. Unter falschem Namen überlebt sie die Nazi-Zeit, heiratet einen „Arier“ – oder was sich für einen hält -, bekommt Kinder und wird schlussendlich Michaelas Großmutter. Von ihrer jüdischen Herkunft erzählt sie niemandem, schon gar nicht der kleinen Michaela. Die muss sich jetzt als gestresste Mit-Dreißigerin nicht nur mit dem frustrierten Oliver in einer lauwarmen Ehe herumschlagen, sondern hat auch Transvestit Sascha (ebenfalls und täuschend echt: Julius Feldmeier) in Behandlung. So weit, so lustig. Ich habe mir eindeutig anders erwartet: Synchrones Massenturnen in mit Davidstern beflockten Feinripphemden oder ähnliches. Wie in Elfriede Jelineks Sportstück und ganz und gar nicht lustig. Da war mir dieser Abend doch lieber.

Techtelmechtel jetzt und früher

Auch wenn das Stück letzten Endes doch klischeehaft in einer fast perfekten Romanze der Michael(a)s, die dort anfangen, wo die eigenen Großeltern einst aufhörten, mündet, bringt der Abend im Volkstheater jede Menge Lacher und gute Laune. Inhaltlich schöpft er nicht aus dem Vollen. Tacheles wird schlussendlich nicht geredet: Hierbei ist die große Stärke des Abends – die Nähe zum Publikum – seine größte Schwäche: Kritische Haltung zu Israel, der Selbstmord Robert Enkes oder Homosexualität im Sport, sind Probleme, die zwar angerissen, jedoch ungenügend mit den Mitteln der Satire bearbeitet werden. Vorteil: Ronen erspart dem Zuschauer den moralische Zeigefinger und überlässt es ihm sich seine eigene Meinung zu bilden. Nach 90 Minuten plus deutlicher Nachspielzeit bleibt der hochkulturbeflissene Fußballfan, der mehr über die Hakoah wissen wollte, zwar gänzlich auf der Strecke. Dank der launigen Wendungen, der gut verwebten Geschichten und (nicht zuletzt) dem sehr guten Ensemble erlebt man aber einen lustigen Abend, bei dem die Zeit wie im Flug vergeht. Frei nach Michael Ronens Spiel-Schlussanalyse: „Das ist nicht das Ergebnis auf das ich vor dem Spiel gehofft habe, aber ich hab‘ viel Risiko genommen und im Rückblick…. so ist das Leben.“ Recht hat er!

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag