90 Minuten auf Ballhöhe, eine Entscheidung jagt die nächste – Schiedsrichter sind um ihre Tätigkeit nicht zu beneiden, egal ob in der Bundesliga oder... Kopfsache | “Schiedsrichter sind wie Topmanager” – Referee Harald Lechner im Interview!

90 Minuten auf Ballhöhe, eine Entscheidung jagt die nächste – Schiedsrichter sind um ihre Tätigkeit nicht zu beneiden, egal ob in der Bundesliga oder den Landesligen und Klassen im Landesverband. Während man sich für gute Leistungen keine Huldigungen zu erwarten braucht, werden die Unparteiischen bei Fehlentscheidungen medial und auch von den betreffenden Trainern und Spielern in die Mangel genommen.

Mag. Harald Lechner hat diese Erfahrungen allesamt schon hinter sich – in seiner nun schon 14 Jahre andauernden Schiedsrichterlaufbahn hat der Wiener so ziemlich alles erlebt. Im „Kopfsache“-Interview spricht die aktuelle Nummer-2 der österreichischen Referees über den schwierigsten Job auf dem Fußballplatz, den medialen Umgang mit seinem Hobby und dem Druck, dem er als Referee ausgesetzt ist.

 

Zur Person: Mag. Harald Lechner (geb. 30.07.1982) hat sich in den letzten Jahren nach seinem Bundesligadebüt im März 2008 als Fixgröße in der österreichischen Schiedsrichterelite etabliert. Er hat bisher 90 Spielleitungen in den beiden höchsten Österreischischen Ligen zu Buche stehen. Im vergangenen Herbst feierte Lechner beim Spiel Rubin Kazan – Shamrock Rovers sein Debüt in der Europa League, zudem leitete er das A-Länderspiel Spanien – Liechtenstein. Im Zivilberuf ist Harald Lechner Marketingmanger bei der Fitnesskette „John Harris Fitness“

 

Kopfsache-Red.: Beginnen wir mit dem Ereignis, das wohl den meisten Fußballfans noch im Gedächtnis ist. Am 19. November hat der deutsche Referee Babak Rafati aufgrund von Depression wegen des wachsenden Leistungsdrucks einen Suizidversuch begangen.

Welche Gedanken sind dir, nachdem du diese Meldung gehört hast, durch den Kopf geschossen?

Harald Lechner: Warum macht ein Mensch, von dem man denkt, er ist erfolgreich in seiner Sportart, so einen Schritt? War der Druck seitens des Fußballs zu groß oder gab es einen privaten Grund? Warum macht man das kurze Zeit vor einem Spiel, wo man weiß man steht im medialen Fokus? Welches Zeichen wollte er damit setzen? Fragen, die ich nach einiger Zeit des persönlichen Nachdenkens schon eventuell ansatzweise beantworten kann.

Kopfsache-Red.:Rafati hat in einer Stellungnahme den wachsenden medialen Druck und die eigene Angst Fehler zu begehen als Gründe für seine Depression auserkoren.

Geht man als Schiedsrichter mit der Vorgabe KEINE Fehler zu begehen ins Spiel, oder ist genau diese Formulierung der Beginn des schiedsrichterlichen Unglücks?

Harald Lechner: Ich habe im Laufe meiner sportlichen Karriere gelernt Entscheidungen zu fällen, aber auch mit Fehlentscheidungen umzugehen. Der ganz wesentliche Punkt ist, dass man seine Entscheidungen nur im Nachhinein bewerten kann. Ich persönlich gehe mit der Einstellung in ein Spiel, so wenig wie möglich Fehler machen zu wollen. Insbesondere als Schiedsrichter, aber auch als Spieler und Trainer, ist es im Zeitalter der ausführlichen medialen Aufbereitung einer Begegnung nicht immer möglich, fehlerlos zu sein.

Kopfsache-Red.: Stichwort Medien – inwieweit versteht man als Schiedsrichter, dass etwaige Fehler medial entsprechende Geltung in einer bekannt sensationsträchtigen Gesellschaft finden? Wie würdest du dir ein optimales Vorgehen der Medien bei etwaigen Fehlern wünschen?

Harald Lechner: Grundsätzlich sollte es einem Schiedsrichter völlig egal sein, was Medien über ihn sagen oder schreiben. Ich persönlich analysiere nach jedem Spiel sehr kritisch meine Leistungen, versuche daraus zu lernen und dadurch in den nächsten Begegnungen weniger Fehler zu machen. Oft ist es ja so, dass Medien zu Unrecht Entscheidungen eines Schiedsrichters kritisieren, da Sie das Regelwerk nur sehr ungenau kennen. Bezüglich Medien wäre mir persönlich sehr wichtig, dass jenen Personen, die als TV-Kommentatoren oder als andere Medienvertreter bei Spielen agieren, klar ist, dass das, was sie sagen/schreiben “ganz Österreich” hört/liest, auch glaubt und dann weiterträgt, oft ohne sich persönlich ein Bild davon gemacht zu haben. Diese Meinungsbilder müssen wissen, dass sie mit ihrer subjektiven Meinung auch viel Schaden anrichten können. Aber auch in diesem Fall bin ich ein Mensch, der sagt, dass auch ein Medienvertreter das Recht hat, sich zu irren, jedoch sollte ein etwaiger Fehler dann auch wieder korrigiert werden.

Kopfsache-Red.: In Österreich sind im Gegensatz zu Deutschland oder England keine Profischiedsrichter am Werk. Kann der Job da manchmal auch gut sein, um bewusst vom Fußballbusiness abzuschalten? In den beiden betreffenden Ländern sind die Referees ja ausschließlich mit ihrer Tätigkeit beschäftigt, und haben dementsprechend wahrscheinlich auch genügend (zu viel?!) Zeit, um sich über ihren “Beruf Schiedsrichter” den Kopf zu zerbrechen?

Harald Lechner: Ich bin froh, dass ich einen Job habe. Für mich wäre nur zu „schiedsrichtern“, eine zu wenig auslastende Beschäftigung. Durch meine Tätigkeit bei John Harris Fitness habe ich nebenbei höchst professionelle Trainings- und Erholungsmöglichkeiten. Ich kann zu jeder Tageszeit trainieren, habe einen Trainer und auch auf einen Masseur kann ich jederzeit zurückgreifen. Aber natürlich denkt man sehr viel über die “Schiedsrichterei” nach – egal ob über positive oder negative Erlebnisse.

Kopfsache-Red.: Gehen wir über zur schiedsrichterlichen Matchvorbereitung. Inwieweit informierst du dich als Schiedsrichter über die stattfindende Vorberichterstattung zu einem Spiel? Spielen schwierige Charaktere (Naumoski&Co) mit denen man in der Vergangenheit vielleicht schon einmal unliebsam aneinandergeraten ist, eine große Rolle?

Harald Lechner: Ich bereite mich sehr intensiv auf meine internationalen und nationalen Spiele vor. Ich versuche die verschiedenen Spielertypen zu kennen, etwaige Spielsysteme zu erkennen und insbesondere bei Standardsituationen kann man aus der Position der Schiedsrichter sehr viel analysieren. Aus meiner Sicht spielt es schon eine Rolle ob Manndeckung, Raumdeckung oder kombinierte Deckung gespielt wird. Denn je nach System kommt es eher zum Halten und Stoßen oder durch das Hineinlaufen zu Einsätzen mit den Armen oder Anspringen des Gegners. Namen spielen bei meinen Überlegungen keine Rolle und ich behandle alle Spieler gleich. Unabhängig davon, ob sie von mir schon einmal die rote Karte gezeigt bekommen haben oder nicht. Aber auch eine intensive Vorbereitung ist kein Garant für Fehlerfreiheit.

Kopfsache-Red.: Während dem Spiel musst du Entscheidungen in Sekundenbruchteilen fällen, egal ob richtig oder falsch. Zweifelst/denkst du über manche Entscheidungen und deren Richtigkeit den Rest des Spieles nach oder bleibt für sowas schlichtweg keine Zeit?!

Harald Lechner: Nein, ich denke nicht nach, denn dann würde gleich ein weiterer Fehler passieren. Es besteht dazu aber auch keine Zeit, denn als Schiedsrichter befindest du dich ja in einem permanenten Entscheidungsprozess. Auch der Entschluss, z. B. kein Foul zu pfeifen, ist ja auch eine Entscheidung, die ich innerlich treffen muss.

Kopfsache-Red.: Nach dem Spiel kommen wieder die Medien dran. Wie nimmt man es als Schiedsrichter auf, wenn Fans/Spieler/Medienvertreter nach der 6. Kameraeinstellung schlussendlich feststellen, dass eine Entscheidung nicht richtig getroffen wurde und die getroffene Entscheidung dann vielleicht auch noch kritisieren?!

Harald Lechner: Grundsätzlich muss mir klar sein, dass ich als Schiedsrichter weder einen Beliebtheitspreis noch Heldenstatus erlangen kann. Nach jedem Spiel wird es sicherlich angebrachte und auch unbegründete Kritik an meiner Leistung geben. Natürlich stehe ich zu meinen Fehlern und werde versuchen, daraus zu lernen. Oft wird aber der Schiedsrichter auch als Sündenbock verwendet, um von etwaigen eigenen Fehlern abzulenken und dadurch indirekt den Druck auf den Schiedsrichter allgemein zu erhöhen. Ich stehe ungerechtfertigter Kritik sehr locker gegenüber, wenn ich weiß, dass dies nur durch die Medien hochstilisiert wird. Denn ich denke, die Niederlage in einer Begegnung auf Grund eines Schiedsrichterfehlers zu 100% auf diesen zu schieben, ist meist einfach zu billig. Bezüglich Kameraeinstellung muss man festhalten, dass der Schiedsrichter fast immer einen ganz anderen Blickwinkel auf eine Situation hat. Der Begriff Wahrnehmungsfehler ist den Medien anscheinend kaum bekannt.

Kopfsache-Red.: Der Druck auf die Schiedsrichter wird, auch aufgrund der wachsenden Anzahl an Medien & Berichterstattung, immer größer, der Dank dagegen nicht mehr – welche positiven Aspekte kannst du dennoch jungen oder auch alten Menschen mit auf den Weg geben, damit diese Anreize finden können um Schiedsrichter zu werden?

Harald Lechner: Der Herausforderung Schiedsrichter muss man gewachsen sein. Es ist bestimmt nicht jedermann für diese Tätigkeit geeignet. Aber ich muss nach jetzt rund 14 Jahren aktiver Schiedsrichterkarriere sagen, dass die positiven Ereignisse ganz klar überwiegen. Man lernt viele Menschen kennen, lernt mit verschiedensten Persönlichkeiten umzugehen und es ist immer wieder spannend ein Spiel zu leiten. Was wirklich sehr entscheidend ist, ist die Tatsache, dass ein Schiedsrichter Eigenschaften mitzubringen hat, die auch einen Spitzenmanager auszeichnen. Nämlich permanent Entscheidungen zu treffen, diese gut zu verkaufen und auch zu wissen, dass man nicht fehlerlos ist. Ganz wichtig im Tagesgeschäft des Schiedsrichters ist vor allem sein Auftreten. Denn eines habe ich gelernt: Fehler machen wir alle, egal wie viel ich trainiere und wie ich mich auf ein Spiel vorbereite. Aber durch eine entsprechend positive und vor allem offene Kommunikation werden jedem Fehler verziehen – Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Manager,….

Kopfsache-Red.: Wie beurteilst du das Schiedsrichterwesen in Österreich im Allgemeinen? Müssen wir den Vergleich mit Deutschland, Spanien, England etc. scheuen?

Harald Lechner: Ich denke, dass wir im Schiedsrichterwesen in Österreich sehr gut aufgestellt sind. Aber entscheidend ist, was jeder Schiedsrichter aus sich selbst macht. So wie als Spieler, musst du es auch als Schiedsrichter schaffen auf deine Art und Weise einzigartig zu sein und nicht irgendjemanden kopieren zu wollen. Das Wichtigste an einem Schiedsrichter ist es, jederzeit für alle berechenbar zu sein. Die Spieler müssen wissen, auf seine Aktion X folgt Reaktion Y des Unparteiischen.

Kopfsache-Red.: Gibt es Gespräche mit anderen Schiedsrichtern über gewisse Personalien – und schafft man es, jedes Mal, wieder bei “Null” zu beginnen, wenn es um ein Verhältnis zu einem Spieler geht, der aufgrund von z.B. Schiedsrichterkritik/-beleidigung schon einmal vorgemerkt wurde? Geht man mit amtsbekannten Kritikern gleich härter ins Gericht?

Harald Lechner: Durch unser gemeinsames Training sind die Spiele am vorangegangenen Wochenende immer wieder ein Thema – und ich glaube, das ist bei den Spielern nichts anderes. Aber wie bereits gesagt, sehe ich alle Spieler mit den gleichen Augen. Der gute Schiedsrichter versucht immer präventiv zu agieren, Spannungsfelder zu vermeiden und nur auf die Aktionen der Spieler adäquat zu reagieren. Wenn es oft heißt, es fehlt das “Fingerspitzengefühl”, heißt das für mich nur, dass man das Regelwerk zugunsten des Täters biegen soll. Denn wenn der Tatbestand einer weiteren gelben Karte gegeben ist, kann ich nicht “Fingerspitzengefühl” zeigen. Das wäre die Bevorzugung einer Mannschaft und gleichzeitig die Benachteiligung der anderen Mannschaft. Wenn ein Spieler verwarnt ist, muss er diesem Umstand Rechnung tragen und nicht der Referee muss sich denken: “der hat schon eine gelbe Karte – dem zeige ich keine zweite”!

Kopfsache-Red.: Wie gut kennt man die Spieler, gibt es freundschaftliche Verhältnisse, bei denen man Beruf und Privat trennt und wie weit darf die Freundschaft während dem Spiel gehen!?

Harald Lechner: Wenn man sich auf der Straße begegnet, begrüßt man sich – denn der gegenseitige Respekt darf nie verloren gehen – aber Freundschaften im Sinne des Wortes mit Spielern pflege ich keine.

Kopfsache-Red.: Vielen Dank für das informative Gespräch!

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Kopfsache Redaktion

  • matt

    Liest sich sehr gut das Interview, Lechner gehört wohl im Schiedsrichter-Kreis zur denkenden Zunft.

    Ach ja ein kleiner Fehler ist mir aufgefallen, in Deutschland gibt es keine Profi-Schiedsrichter.