„Wir brauchen diesen Tabellenführer nicht!“ So sprach Hans Joachim Watzke vor den BVB-Aktionären (!) Anfang dieser Woche. „Und wie ich Herrn Mateschitz kenne, wird... Kommentar: Reagenzglas-Vereine, Kommerz und Kapitalismus – Eine scheinheilige Doppelmoral in der deutschen Bundesliga
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Tango mit Red Bull Dose_abseits.at„Wir brauchen diesen Tabellenführer nicht!“ So sprach Hans Joachim Watzke vor den BVB-Aktionären (!) Anfang dieser Woche. „Und wie ich Herrn Mateschitz kenne, wird er, wenn es an Weihnachten notwendig ist, noch ein paar Milliönchen drauflegen“, meinte Uli Hoeneß noch vor wenigen Tagen, leicht gereizt auf den neuen Konkurrenten an der Tabellenspitze angesprochen. Dazu abgehackte Bullenköpfe die durch Fanblocks ebenso fliegen, wie Farbbeutel oder Steine Richtung Mannschaftsbus. Zweifellos: Keine Mannschaft polarisiert und emotionalisiert derzeit so stark wie Red Bull… Verzeihung: Rasenballsport Leipzig.

Die Giftpfeile und Hasstiraden Richtung des neuen Tabellenführers inklusive derer Sympathisanten gehen auch  Monate nach dem Aufstieg munter weiter. Auch wenn sich die deutsche Bundesliga gerne selbst als die ehrliche Kommerz-Alternative voller Schweiß, Tränen und Ehrgeiz gibt, auch im Land des Weltmeisters regiert der Mammon bei den „Traditionsklubs“. Wir stechen an dieser Stelle in ein Wespennest: Wer sind die Hauptgeldgeber der 18 Bundesligisten? Dies versuchen wir möglichst wertfrei und emotionslos, es soll nicht verurteilt sondern nur aufgezeigt werden. Denn neben Leipzig gibt es auch noch einige andere Mannschaften die eigentlich selber im Glashaus sitzen.

Rasenball Leipzig

 Ein klassisches Marketingprojekt, in dem der Brause-Hersteller 2009, einer fußballerischen Einöde im Osten Deutschlands, einen Fußballklub schenkte und das für die WM errichtete Stadion mit Leben füllte. Tradition, Wurzeln und Beziehungen gab es vom Konzern keine zum neuen „Standort“. Mit Know-How und doch einiges an Geduld (in England könnte man mit dem nötigen Kleingeld quasi über Nacht in der höchsten Liga einsteigen) wurde an einem rasanten Projekt gebastelt, dass in der fünften Liga startete und am Wochenende vorläufig mit der erstmaligen Tabellenführung gipfelte. Da viele der offiziellen Vereinsmitglieder engen Kontakt zum Getränkehersteller hegen, wird dadurch die 50+1 Regel de facto außer Kraft gesetzt und der Verein faktisch vom Konzern gelenkt. Dazu stößt die in Deutschland eigentlich noch unerlaubte Sponsorennennung im Vereinsnamen – auch wenn sie offiziell kreativ umgangen wurde – sauer auf.

Borussia Dortmund

 Der BVB wurde bereits vor einiger Zeit zum Aktienklub umfirmiert und wird an der deutschen Börse von den Brokern gehandelt. Auch wenn es unromantisch klingt: Die Interessen der Aktionäre würden im Härtefall jene der Mitglieder oder gar der Fans stechen. Geld muss erwirtschaftet werden, denn auch ein Pierre-Emerick Aubameyang streift das gelb schwarze Trikot nicht aus bloßer Solidarität mit den Borussen über. Auf eben diesem Leiberl präsentiert sich ein bei Umweltaktivisten unbeliebter, mit dubiosen Parteispenden in die Schlagzeilen gekommener Engergiekonzern. Gekickt wird nicht mehr im „Westfalen-Stadion“, der Namensgeber für das größte und emotionalste, wahrscheinlich auch das schönste Stadion Deutschlands ist ein Versicherungs- und Finanzkonzern.

FC Bayern München

Zum Jahresbeginn wurden ungeachtet der breiten Kritik – auch innerhalb der eigenen Fanbase – Verträge mit dem Flughafen von Doha abgeschlossen. Eigentümer ist das wegen unzähliger Menschenrechtsverletzungen bezichtigte Königshaus aus Katar. Trainingslager werden im Wüstenstaat abgehalten, unweit der von Menschenrechtlern viel kritisierten WM-Baustellen. Das Stadion in München ist mittlerweile selbst abbezahlt, der Namensgeber hat auch hier wenig mit „No Kommerz“ zu tun. Dazu giert man immer wieder nach neuen, leistungsorientierten TV-Verträgen die die eigene Vormachtstellung in der Liga zementieren und den kleineren Mannschaften Finanzströme abgraben würden.

FC Schalke 04

Zum Hauptsponsor der „Königsblauen“ könnte man jetzt viel Fragwürdiges schreiben. Jürgen Roth hat dazu ein ganzes Buch herausgebracht, „Gazprom – das unheimliche Imperium“. Mit  dubiosen Firmengeflechten nutzen russische Oligarchen und Politiker den umstrittenen staatlichen Gaskonzern als Melkkuh.

Bremen und Hamburg

Zwei Negativbeispiele, wie wirtschaftliche und strategische Fehlentscheidungen klassische Traditionsvereine ins Schleudern gebracht haben. Bei Hamburg hat ein in der zweiten Reihe stehender Millionär das eigentliche, sportliche Sagen, während am Trikot arabische Scheichs um Fluggäste werben. Bei Werder träumt man sich an alte Champions-League-Abende zurück, während die Elf im Dress des landesweit umstrittensten Legehenne-Betriebs aufläuft.

Hoffenheim und Leverkusen

Der TSG 1899 Hoffenheim ist quasi Leipzig’s Vorgängerverein punkto Antipathie. Hier hat ein global agierender deutscher Softwaregigant aus einem schnöden Unterhausklub einen Bundesligisten geschnitzt. Dies nun schon seit mittlerweile acht Jahren, gleich in der ersten Saison gab’s den Herbstmeistertitel zu feiern. Ebenfalls in der Hand eines Weltkonzerns – einem umstrittenen Pharmaunternehmer – steht Leverkusen, jedoch schon deutlich länger im Oberhaus aktiv. Hier sollte man im Gegensatz zu Leipzig anmerken, dass die Betriebe aus der Stadt stammen und dementsprechend dort verwurzelt sind.

Wolfsburg und das VW Imperium

Dieses Argument gilt auch für den VfL Wolfsburg, der seit den Neunzigern im Oberhaus – dank der finanziellen Power des lokalen Autobauers – mitmischt. Dieser machte zuletzt aber wenig positive Schlagzeilen. Dazu ist der VW-Konzern bei 13 anderen Mannschaften in der Liga direkt oder indirekt (durch Tochterfirmen) beteiligt. Die Wettbewerbshüter der UEFA beobachten diese Allmachtstellung bereits kritisch. Dazu ist man Hauptsponsor des DFB-Pokals, jeder Teilnehmer spielt mit dem Logo des Autobauers am Trikot. 2009 krönte sich der VfL gar zum deutschen Meister.

Ingolstadt und Augsburg

Auch beim FC Ingolstadt wäre Erstliga-Fußball unmöglich, stünde nicht ein großer deutscher Autobauer – eine Tochterfirma des vorhin erwähnten Konzerns – Gewehr bei Fuß. Beim bayerischen Lokalrivalen FC Augsburg ginge ohne einen schwerreichen Namen ebenfalls nichts mit Bundesliga: Walther Seinsch finanzierte die Bayern bis ins Oberhaus.

Köln, Hertha, Frankfurt, Gladbach und Darmstadt

Fußballfans aus Köln (Lebensmittel-Einzelhandel), Berlin (Online Sportwetten / staatlicher Bahnbetreiber), Frankfurt (Bier / städtischer Flughafen), Gladbach (Bank) und Darmstadt (Software) sollten zumindest mit den Begriffen „Kommerz“ und „Kapitalisierung“ ebenfalls vorsichtig sein.

Freiburg und Mainz

Im harten Profigeschäft noch etwas anders ticken die Uhren unserer Meinung nach im Schwarzwald, nämlich beim SC Freiburg. Im Breisgau bietet man mit Geschick und verhältnismäßig bescheideneren Mitteln den finanztechnisch überlegenen Gegnern schon seit mehr als zwei Jahrzehnten – mit kleinen Unterbrechungen – die Stirn. Gesponsert von einer schwäbischen Genossenschafts-Molkerei und anderen teils regionalen Betrieben. Dazu geht der Fan bei den Heimspielen ins Schwarzwald-Stadion.

Auch der FSV Mainz zählt nicht zu den ganz großen Traditionsnamen in Deutschland. Doch etablierte man sich mittlerweile mit Weitsicht und wirtschaftlich gewieften Entscheidungen ebenfalls gegen finanzkräftigere Gegner.  Das Geld kommt hier von einem Fenster-Lieferanten, der Stadionname ist an einen Autobauer verpachtet.

Die große Angst vor den Fremden, den Ossis?

Aber was sind die Gründe für diese ganz neue Hass-Dimension, die sich in diesem Ausmaß damals so auch nicht auf Hoffenheim entlud? Neben der Tatsache, dass der Geldgeber, der Mäzen eines ernst zu nehmenden Bundesligisten erstmals aus dem Ausland kommt, gibt es noch einen zweiten wesentlichen Unterschied: Die Angst der ehemaligen Größen aus der geschlossenen Veranstaltung „West-Liga“ vor dem plötzlich aufkommenden Ostklub! Nachdem die Ex-DDR-Vereine nach dem Mauerfall relativ rasch mangels wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit auch die sportliche Daseinsberechtigung einbüßten, stößt nun erstmals ein Ost-Verein ins Konzert der Etablierten ein. Traditionsklub aus Stuttgart, Nürnberg oder vielleicht bald Bremen oder Hamburg müssen Platz machen, für etwas Neues, Unbekanntes. Das macht Traditionalisten Angst.

Fazit

Man könnte diesen Bericht noch auf zig Seiten ausweiten und jeden Verein tiefgründig bis ins Detail analysieren. Was aber hier gar nicht im Sinn der Sache ist. Vielmehr soll dies eine kleine Bewusstseins-Schärfung, eine Diskussionsbasis sein! Vielleicht um das Produkt Bundesliga und die Aussagen deren Vertreter kritischer zu hinterfragen. Heuchlerische, oft scheinheilige, meist nicht reflektierte Parolen finden schnell reißerisch den direkten Weg in den Boulevard.

Natürlich darf, kann oder muss man die Praktiken vom Fuschler Energy-Drink-Hersteller nicht gutheißen, man soll dieses Projekt durchaus auch kritisch hinterfragen. Genauso aber, wie man auch gegen die Praktiken der „Traditionsklub“ oder gar des eigenen Lieblingsvereins auch mal durchaus kritisch sehen kann.

Werner Sonnleitner, abseits.at

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Werner Sonnleitner