Jeden Sonntag wollen wir in dieser Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im... Men to (re)watch (19) –  Kevin Pannewitz (KW 19)

Jeden Sonntag wollen wir in dieser Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im Konjunktiv stecken blieb, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt radikal verändert haben oder sonst außergewöhnlich waren und sind: Sei es, dass sie sich nach dem Fußball für ein völlig anderes Leben entschieden haben, schon während ihre Profizeit nicht dem gängigen Kickerklischee entsprachen oder aus unterschiedlichen Gründen ihr Potenzial nicht ausschöpften. Auf jeden Fall wollen wir über (Ex)-Fußballer reden, die es sich lohnt auf dem Radar zu haben oder diese (wieder) in den Fokus zu rücken. Wir analysieren die Umstände, stellen Fragen und regen zum Nachdenken an. Heute sprechen wir über einen Ex‑Spieler, der zu wenig Disziplin für den Profisport besaß und so seine Karriere aufgeben musste…

„Ich sammle den Müll ein, mache die Straßen sauber.“, erzählt Kevin Pannewitz. Das war einmal. Bis vor mehr als einem halben Jahr arbeitete der heute 30-jährige bei der Berliner Stadtreinigung. Zuvor hatte er Waschmaschinen transportiert, in Haushalte geschleppt und angeschlossen. 10 bis 12 Stunden täglich; ein Knochenjob. Dabei war „Pannewitz“ einmal Fußballer, absolvierte 90 Partien als Profi und galt vor über zehn Jahren als eines der größten deutschen Defensivtalente. Doch aus ihm wurde kein Bundesligaspieler, kein DFB-Sechser, sondern ein ungelernter Arbeiter. „Ich bin jemand, der sich schwer was sagen lässt. Das ist heute noch manchmal so. Aber mit 30 Jahren bin ich gereift.“, ist heute ein erster Versuch der Erklärung. Mittlerweile plant der Ex-Mittelfeldspieler eine Art Social-Media-Karriere, außerdem will er wieder kicken, denn Fußball ist seine Leidenschaft.

„Kiki kenn ich schon seit den Minispielern…“

Ein sonniger Samstag im Frühling 2015. Eine rundliche Frau erklärt einem Kamerateam auf dem Platz der Volkssportgemeinschaft Altglienicke am Rande Berlins, woher sie Kevin kennt: Damals hätte er mit ihren Söhnen zusammengespielt; erst beim MSV Normannia 08, dann beim Frohnauer und Nordberliner SC. Ernster wurde es für Klein-Kevin als er in das Trikot des Kultvereins Tennis Borussia Berlin schlüpfte, es sollte die letzte Vereinsstation in seiner Heimatstadt sein. Erst sieben Jahre später kehrte er zurück – mit 104 Kilogramm Körpergewicht: Selbst für die Kreisliga zu fett, aber mit bundesligareifer Technik und Spielintelligenz. Damals steht er direkt neben der Dame, die ihn „Kiki“ nennt. Sie pflichtet Kevin mit entschuldigendem Lachen bei, als er scherzt, er hätte auch woanders landen können, anstatt mit 23 Jahren wieder in der sechsten Liga aufzulaufen, wo die Duschen nur über einen begrenzten Vorrat an Warmwasser verfügen.

Nur wenige wissen, dass Kevin schon als Kind pummelig war, weswegen sein Talent – was nicht weiter ungewöhnlich ist -, länger unentdeckt blieb. Erst in der C-Jugend löste ein Wachstumsschub den sprichwörtlichen Knoten. Damals verfügte der spätere Rostock-Profi über genügend Disziplin, denn er konnte sich in seinen Jugendteams durchsetzen, obwohl er nie als Supertalent gegolten hatte. Konträr zu den meisten Fußballern rückte er außerdem von der Innenverteidigung zum Libero und später zum Zentralspieler auf, während viele, um den Sprung zum Profi zu schaffen, defensivere Positionen einnehmen. Nach zwei Saisonen bei TeBe rissen sich Wolfsburg, Bayern und Co. um den mittlerweile 16-jährigen. Pannewitz entschied sich für das Jugendinternat von Hansa Rostock, nachdem er dort größere Chancen sah, es bis in die Kampfmannschaft zu schaffen. Dort spielte er u.a. mit Felix Kroos oder Alexander Walke zusammen. Für den gebürtigen Berliner ging es damals verdammt schnell und auf den A-Jugend-Meistertitel sollte rasch das Profidebüt folgen.

Am 2. November 2009 lieferte der Jungspund sein erstes Match in der zweiten Bundesliga ab und stellte sich mit einem Weitschuss-Lattentreffer in der zwanzigsten Minute dem Ostseestadion vor. Kevin knallte den Ball aus vollem Lauf knapp nach der Mittellinie gegen das Metall und sah danach zu seinen entgeisterten Eltern im Publikum: Extase im Hause Pannewitz. Der 18-jährige zeigte keine Nervosität und lieferte ein glanzvolles Debüt ab. Man werde mit ihm noch viel Freude haben, sagte sein Trainer nach dem Match. Zu diesem Zeitpunkt galt Pannewitz als Riesentalent im zentralen Mittelfeld: Er war ein zweikampfstarker Sechser und guter Vorbereiter, der Vollgas gab. Hansa unterbreitete ihm einen Profivertrag bis 2013, „Panne“ sollte in der abgestiegenen Truppe Verantwortung übernehmen und zu einem Fixstarter werden. Zunächst ging dieser Plan auf: In der Saison 2010/11 fungierte der Defensivspieler als Dauerbrenner und verpasste nur drei Meisterschaftsspiele. Als er jedoch aus dem Urlaub zurückkam, durfte er nicht mehr mit der Mannschaft trainieren. Der Grund: Übergewicht.

Im Paradies gibt’s nicht nur Heilige.

Kevin schüttelt den Kopf. Es war nicht mal ein halbes Kilo zu viel, das er damals auf den Rippen hatte. Trainer Vollmann zeigte sich jedoch erbarmungslos: „Er wird noch Ärger bekommen.“ Diesen Ärger bereitete sich der Kicker allerdings selbst. Es kam zu weiteren Vorfällen: Zuspätkommen, Alkoholfahne beim Vormittagstraining. Pannewitz erinnert sich: „Da habe ich mir einen Lebensstil angewöhnt, der für einen Fußballprofi nicht besonders geeignet war.“ Bis zu vier Mal pro Woche sei er im Rostocker Nachtleben unterwegs gewesen, ernährte sich von Pizza und Burger. Die Polizei klingelte ihn einmal nackt und betrunken aus einer fremden Wohnung.

Nachdem Pannewitz im November 2011 erneut zu viel auf die Waage brachte, wurde er in die zweite Mannschaft strafversetzt. Es sollte der Anfang vom Ende bei Hansa sein. Zwar war er unter Vollmanns Nachfolger Wolfgang Wolf wieder Teil der Mannschaft, sein Vertrag wurde am Ende der Saison jedoch aufgelöst. Hansa stieg erneut in die dritte Liga ab und Kevin wurde aus der Kogge geworfen. Sein Berater verschaffte ihm daraufhin ein Probetraining bei Wolfsburg, wo er einen Vertrag für ein Jahr unterschrieb. „Quäler“ Magath, der damals die Wölfe trainierte, sollte aus ihm einen Bundesligaprofi machen: Kevin speckte ab und war topfit. Magath, der sich in den ersten Gesprächen freundlich und zuvorkommend gezeigt hatte, nahm aber keine Notiz mehr von ihm. Pannewitz selbst war zwanzig, einundzwanzig Jahre alt und wollte nur kicken, doch die einzigen Bälle, die er zu sehen bekam, waren Medizinbälle. „Wer bei Magath Schwäche zeigt, war für ihn nicht gut genug.“, urteilt er später über das knallharte Fitnessprogramm der HSV-Legende.

Trotz körperlichem Topzustand, wurde aus ihm kein Bundesligaprofi. „Ich bin unter Magath zerbrochen.“, rekapituliert Kevin. Zitternd erbat er sich beim Chef die Erlaubnis für die U 23 der Wölfe aufzulaufen. Die zwei Spiele, die er für die Amateure machte, änderten jedoch nichts daran, dass er am Ende der Spielzeit den Verein wieder verlassen musste. Der Spieler flüchtete daraufhin zu einem Probetraining nach Colorado (USA). Während seines Aufenthalts dort, starb in Berlin seine Mutter mit nur 43 Jahren an Krebs. Das Angebot in Amerika zerschlug sich, ihm fehlte die Matchpraxis, er trauerte um seine Mutter. Kevin Pannewitz bekam damals die Breitseite des Lebens voll zu spüren, auf einmal war alles weg: Der Job, die Mutter, die Fitness. Schwer zu sagen, welchen Einfluss diese Erfahrungen auf den Verlauf seiner Sportkarriere gehabt haben, förderlich waren sie jedoch sicherlich nicht.

Beim SC Goslar 08 verdiente Pannewitz noch einmal gutes Geld mit dem Kicken. Auf dem Platz gab er zwar nach wie vor alles, doch er stieß an seine Grenzen. Man sah es ihm 2013 bereits an: Der Kampf Kevin vs. Kühlschrank war verloren. Immer wieder sollte er in den folgenden Jahren vor diesem Problem stehen: Die Hosen passen nicht mehr, das Treppensteigen fällt schwer.

Ob er ein schlechtes Gewissen habe, sein Talent wegen mangelnder Disziplin weggeschmissen zu haben, wo doch Millionen den Traum vom Profi träumen und ihn sich nur die wenigsten erfüllen, wurde Kevin einmal gefragt. Er schüttelte daraufhin den Kopf: „Ich hätte auch mit 22 Jahren sagen können, dass ich keinen Bock mehr auf Fußball habe.“ „Es braucht nicht viel, damit ich glücklich bin.“, setzte er nach. Kevin ist ein Mensch mit einer klaren Meinung, ein bodenständiger Bursche, der sich zu oft bockig zeigte. Nach seinem letzten Rausschmiss aus dem Profi-Fußball verkaufte sein Ex-Verein ein Abschieds-T-Shirt mit dem Aufdruck: „Im Paradies gibt’s nicht nur Heilige.“ Was könnte ihn besser beschreiben?

An diesem Samstag im Frühsommer 2015 als die Volkssportgemeinschaft Altglienicke Tabellenführer ist, zur Pause aber zurückliegt, soll Kevin das Spiel drehen. Mit seinem Übergewicht kann er keine 90 Minuten durchlaufen, aber für geniale Momente sorgen. Das klappt an diesem Samstag jedoch nicht, Altglienicke verliert mit 2:1. Für Pannewitz ist das nicht weiter schlimm, der Ex-U 19-Teamspieler kickt nur mehr hobbymäßig und hat mit dem Profisport abgeschlossen. Ohne großes Federlesen, ohne Selbstkritik: „Ich hätte Glück gehabt, wenn ich das hätte machen können. Aber ich bin nicht traurig, dass ich es nicht mache.“ Sein neues Berufsziel ist damals Müllmann. Pannewitz braucht einen ordentlichen Job, schließlich ist Sohn Milo, der im Oktober 2015 zur Welt kommen soll, bereits unterwegs.

Disziplin. Diät. Drittligist.

Kevin schlägt sich drei Jahre lang mit Gelegenheitsjobs durch, bis er die Chance seines Lebens bekommt: Timmy Thiele, damals Profi beim FC Carl Zeiss Jena, der mit der Zwillingsschwester seiner Freundin verheiratet ist, verspricht ihm ein Probetraining bei seinem damaligen Arbeitgeber zu arrangieren. Kevin hängt sich voll ein. Er verrät: „Wenn ich abnehmen will, esse ich Suppen. Mein Körper kann mit Kohlehydraten nicht so gut umgehen.“ Mit 90 kg ist er kaum wiederzuerkennen und besteht den Fitnesstest in Thüringen. Jena und er einigen sich im August 2017 auf einen leistungsbezogenen Vertrag und plötzlich ist der Berliner wieder Profi-Kicker: Pannewitz absolviert 25 Spiele für die erste Mannschaft, alles läuft gut. Doch dann ist wieder spielfrei.

Beim Trainingsstart im Jänner 2019 wiegt er erneut zu viel. Mit einer knapp dreizeiligen Pressemitteilung teilt der Drittligist mit, dass der Vertrag sofort aufgelöst wird. Im April vergleicht man sich vor dem Arbeitsgericht, es war wohl Kevins letzte Chance im Profisport: Mit „Man hätte mir die Türe nicht so zu schlagen müssen, weil danach habe ich nicht einmal einen Regionalligisten gefunden. Ich war ja noch gut genug. Wir reden hier von vier bis fünf Kilo Übergewicht.“, zeigt er keine Einsicht. Über den Grund, warum er beim Thema Essen so wenig Disziplin besitzt, hüllt er sich in Schweigen. Tatsache ist, dass sich „Panne“ am Feld stets die Sohlen wund lief, es aber nach Trainingsschluss vorbei mit jeder Selbstkontrolle war: „Ich bin ein sehr bequemer Mensch. Ich mag es vor dem Fernseher zu sitzen und Pizza zu essen oder zu naschen.“, erklärt er. Es ist zwar durchaus denkbar, dass Kevin zu jenem Menschenschlag gehört, der schneller Fett ansetzt als der Durchschnitt, dennoch wäre es für ihn – als Profisportler – möglich gewesen, sein Kampfgewicht zu halten. Vielleicht hätte dem ehemaligen Defensivspieler auch ein Mentaltrainer gutgetan. Inwieweit er Hilfe zurückgewiesen hat, kann nur er selbst wissen.

Nach dem Engagement in Jena versucht er sich bei weiteren Berliner Regionalligisten bis ihn das Fernsehen entdeckt: Bei einem Trash-TV-Format streicht er 50.000 Euro ein und äußert den Wunsch ins Big-Brother-Haus einzuziehen. Heute lebt Kevin mit seiner Familie wieder in Berlin. Seine Freundin fährt als Polizistin Streife, Kevin kümmert sich um Haushalt und Sohn. Erst im Herbst 2021 heuert er beim Nordberliner SC als Jugendtrainer an. Eigentlich ideal: Ein noch junger Ex-Profi, der die Jugendlichen mit seiner eigenen Erfahrung zähmen könnte. Doch schon im Jänner 2022 wird das Dienstverhältnis wegen unüberbrückbarer Differenzen wieder aufgelöst. Pannewitz scheint kein einfacher Zeitgenosse zu sein. Wenn man ihn nach seiner kurzen Profizeit fragt, sagt er, dass er nie Druck empfunden hätte, aber zu naiv und unreif für das Fußballgeschäft gewesen zu sein. „Man hat viel Zeit, um Blödsinn zu machen. Ich habe immer gemacht, worauf ich Lust habe.“, ergänzt er. Angesichts seines weiteren Lebensweges kann man sich nur fragen, ob das jetzt anders ist.

Marie Samstag