Der SK Rapid ging als Außenseiter ins Auswärtsspiel vor ausverkauftem Haus in Graz. Nach dem Cup-Triumph von Sturm über Salzburg war zu erwarten, dass... Analyse: Starke Rapid-Elf scheitert an Kleinigkeiten und Abschlusskonsequenz

Der SK Rapid ging als Außenseiter ins Auswärtsspiel vor ausverkauftem Haus in Graz. Nach dem Cup-Triumph von Sturm über Salzburg war zu erwarten, dass die Ilzer-Elf den Hütteldorfern die Türe einrennen würde, auch weil Rapid gegen den WAC nicht immer sattelfest wirkte. Aber Zoran Barisic’ Truppe überraschte und scheiterte am Ende nur an Kleinigkeiten und dem zuletzt erwachsenen, individuellen Unterschied zu den Grazern.

Wie es zu erwarten war, schickte Zoran Barisic seine Mannschaft in einem 4-2-3-1-System aufs Feld. Denso Kasius gab als Rechtsverteidiger sein Bundesligadebüt und die Innenverteidigung, bestehend aus Sollbauer und Querfeld, war auch wegen Wimmers schwachem Auftritt im Cup so zu erwarten.

Greils interessante Rolle gegen den Ball

Am Interessantesten war die Personale Patrick Greil: Der einstige Klagenfurt-Schlüsselspieler, der bei den Grün-Weißen noch nicht hundertprozentig angekommen ist, wurde etatmäßig als Zehner aufgestellt und der erste Blick auf die Aufstellung legte nahe, dass sich Rapid vor allem gegen den Ball in einem 4-3-2-1, also einem „Tannenbaumsystem“ aufstellen würde. Ein zurückfallender Greil, zwischen die beiden Sechser Pejic und Kerschbaum, erschien hier logisch.

Doch Rapid agierte anders und formativ mutiger als erwartet: Bei gegnerischem Aufbau versuchte die Barisic-Elf das System der Grazer zu spiegeln. Während sich Grüll und Bajic in die zweite Pressinglinie zurückzogen und leicht zur Mitte einrückten, war Greil gemeinsam mit Burgstaller die erste Pressinginstanz, die nur anlaufen und nicht aktiv hoch pressen sollte.

Damit wollte Rapid eine größere Intensität in die zweite Pressinglinie bringen und gleichzeitig Greils Übersicht bei etwaigen Gegenstößen nützen. Nach Ballgewinnen im Mittelfeld sollte es mit dem eher statischen, guten Ballverarbeiter Greil und dem häufiger tiefgehenden Burgstaller zwei alternative Anspielstationen geben, während Grüll und Bajic die Flügel besetzen sollten. Durch die tieferen Positionen von Grüll und Bajic war es wahrscheinlicher, dass man nach Ballgewinnen die Sturm-Pendants Horvat und Prass stärker binden und diese zu intensiverer Defensivarbeit zwingen konnte.

Rapids rechte Seite stellt Sturm vor Probleme

Und tatsächlich ging dieses Konzept aus verschiedenen Gründen auf, obwohl Rapid in der hohen Intensität der Anfangsphase in der Verarbeitung gewonnener Bälle noch etwas fahrig war und zu viele Abspielfehler machte. Speziell die rechte Seite mit dem konsequent hochschiebenden Denso Kasius war von Beginn an vielversprechend, auch weil Sturm vor allem auf Zentrumsstabilität aus war, während Rapid mehr Breite gab.

Untypisch oft fand Rapid nach Diagonalpässen auf den rechten Flügel Abnehmer und gute Möglichkeiten für Eins-gegen-Eins-Duelle. Durch Kasius’ hohe Durchschnittsposition gelang es auch immer wieder, Überzahl zu schaffen. Da auf der linken Seite Moormann zögerlicher agierte als sein Kollege auf der rechten Seite, wurde der linke Flügel eher ausgespart und Grüll rückte immer wieder weit ein, wodurch er eher wie ein linker Mittelfeldspieler, als wie ein Linksaußen agierte.

Daraus folgte, dass Rapid 44,9% seiner Angriffe über die rechte Seite fuhr, während man über links nur in 31,4% der Fälle angriff. Überraschend gut funktionierte dabei die Abstimmung zwischen Kasius und Bajic. Ursprünglich musste man befürchten, dass der Offensivdrang beider Spieler zu Problemen im defensiven Umschaltverhalten führen könnte, aber im Endeffekt kam es nur selten zu brenzligen Situationen, auch weil Rapid diese Gefahr recht einfach durch das Pendeln eines Sechsers – auf der rechten Seite zumeist Pejic – abfedern konnte.

Rapid stark dank proaktiver Herangehensweise

Dies war womöglich das wichtigste Learning für Rapid im gestrigen Spiel: Die proaktive, offensive Spielanlage auf der rechten Seite lässt sich auch gegen starke Gegner durchziehen und resultiert nicht gezwungenermaßen in Umschaltgefahr nach Ballverlusten. Da Sturm sein durchaus offensives, eigenes Spiel durchzog und es nicht konsequent auf Rapids klaren Offensivgedanken auf rechts adaptierte, fand Rapid aber auch die nötigen Räume vor. So wird es für die Hütteldorfer kommende Woche zu Hause gegen Altach eine gänzlich andere Situation, zumal die Vorarlberger grundlegend tiefer stehen werden.

Rapid schaffte es weitgehend, die hohe Intensität in Pressing und Gegenpressing aufrechtzuerhalten und wirkte mannschaftlich deutlich gefestigter als in der Hinrunde unter Feldhofer. Die Wege für attackierende Spieler bei gegnerischem Ballbesitz waren kürzer und so konnte man immer wieder „Rudel“ bilden, die Sturm unter Druck setzten und den Aufbau der Grazer störten.

Zudem blieb Rapid äußerst geduldig und richtete sich auch an Kleinigkeiten auf. Selbst wenn man eine intensive Pressingsituation damit abschloss, dass Sturm nicht mehr spielte, sondern nur einen Einwurf herausholte (und Rapid keinen direkten Gegenstoß fahren konnte), war die Körpersprache der Wiener gut und man blieb fokussiert und hatte weiterhin die nötige Körperspannung.

Keine klare Linie beim Ausspielen der Möglichkeiten

Im Spiel gegen den Ball konnte Rapid-Coach Barisic also weitgehend zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft sein. Im Spiel mit dem Ball zollte Rapid allerdings dem hohen Tempo Tribut und war noch nicht gefestigt genug, was in manchen Phasen des Spiels zu einer zu hohen Fehlpassquote führte. Weil Sturm allerdings hinter dem Mittelfeld viele Räume anbot, kam Rapid dennoch immer wieder in vielversprechende, teilweise sogar Überzahlsituationen.

Diese wurden jedoch einfach zu inkonsequent ausgespielt. Sinnbildlich dafür stand eine Möglichkeit in der ersten Halbzeit, als Patrick Greil zu pomadig in Richtung Burgstaller querlegte und Sturm eine brandgefährliche Situation schließlich doch recht einfach klären konnte. In anderen Strafraumsituationen standen sich die Rapidler gegenseitig auf den Füßen und in wiederum anderen Umschaltsituationen waren die Laufwege der Spieler nicht gut aufeinander abgestimmt, weshalb etwa Kasius in der zweiten Halbzeit nicht ideal zum Abschluss kam und noch von Gazibegovic gestellt werden konnte.

Sturm hat derzeit ein bis zwei Schwachstellen weniger als Rapid

Als bereits alles nach einem leistungsgerechten, torlosen Remis aussah, traf eine Standardsituation Rapid mitten ins Herz und offenbarte die Unterschiede in der individuellen Qualität. Sturm gewann das Spiel schlussendlich deshalb, weil sie derzeit schlichtweg ein bis zwei Schwachstellen weniger haben, als die Hütteldorfer.

Eine dieser Schwachstellen, die qualitativ gegenüber den Sturm-Pendants abfallen, war Martin Moormann, der nur einen seiner sechs Zweikämpfe gewann und schließlich das entscheidende – und zugleich unnötige – Foul vor dem 0:1 beging. Dass Sturm danach den Lucky Punch doch noch erzwang, hat sicher auch mit dem „Lauf“ und dem Selbstverständnis der Grazer zu tun. Faktoren, die Rapid sich erst erarbeiten muss – allerdings zeigten die Hütteldorfer, dass man hierfür auf dem richtigen Weg sein dürfte. Sturm konnte es sich an diesem sogar „leisten“, das Jon Gorenc Stankovic einen seiner schwächeren Tage erwischte, sich mit Wüthrich der Abwehrchef verletzte. Sinnbildlich für den „Vorsprung“, den Sturm aktuell auf Rapid hat, war schließlich auch, dass ausgerechnet dessen Ersatzmann Affengruber für die Entscheidung sorgte.

Auch wenn Rapid in der ersten Halbzeit beim aberkannten Tor durch Tomi Horvat „VAR-Glück“ hatte, hätten sich die Hauptstädter ein Remis in Graz verdient. Aber auch wenn man am Ende mit leeren Händen zurück nach Wien fuhr, können Barisic und seine Mannschaft sehr viel Positives aus dem Auftritt bei Sturm Graz mitnehmen…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen