„Public Viewing“ ist in. Was vor acht Jahren bei der Europameisterschaft in Portugal erstmals durchgeführt wurde und 2006 beim Sommermärchen zu einem DER Wörter... Euro-kritisch: Fanzonen überall gleich – Hauptsache, die UEFA verdient

„Public Viewing“ ist in. Was vor acht Jahren bei der Europameisterschaft in Portugal erstmals durchgeführt wurde und 2006 beim Sommermärchen zu einem DER Wörter des frühen 21. Jahrhunderts wurde, ist vor allem eines – ein Geschäft.

 

Was „public viewing“ eigentlich heißt

Wie bei einigen anderen ans Englische angelehnten Neologismen greift der deutsche Sprachraum hierbei grundsätzlich ins Klo. Ein US-Amerikaner wird jemanden, der nach dem lustigsten „public viewing“ fragt, genauso verdattert anschauen, wie wenn er ein „handy“ haben möchte. Während „cell bzw. mobile phones“ in europäischen Public-Viewing Zonen erlaubt sind, gilt die Benutzung jenseits des Atlantiks für verpönt. Dort bedeutet das Wort nämlich das Aufbahren eines von uns gegangenen Menschen. Dennoch hat sich dieses Wort im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Journalisten, die vor Ort berichten, twitterten bereits Fotos, demnach die Innenstadt von Warschau von der von, zum Beispiel, Wien in den Fanzonen kaum zu unterscheiden ist – dem Corporate Design sei Dank.

Mailand, Madrid – Hauptsache Europa

Wer sich gerne bei einem kühlen halben Liter Żywiec mit Freunden auf einer großen Leinwand die Spiele anschaut, wird herb enttäuscht werden. Das lokale, polnische Bier, welches seit geraumer Zeit ohnehin der Heineken-Gruppe gehört, gibt es in den Fanzone genauso wenig wie Ottakringer, Stiegl und Co. Ausgeschenkt wird exklusiv das dänische Carlsberg. Fastfood gibt es in den Zonen von McDonalds. Lokale Betreiber sind dabei Spielbälle der UEFA. Die zum Teil horrenden Standmieten brachten den Betreiber der Fanzone Wien, „Event & Gastro GmbH“, in die Insolvenz. Aufgrund schlechter Besucherzahlen musste der Generallizenzinhaber die Standgebühren zum Teil zurückzahlen.

Branding, Branding

Welch skurrile Formen das Branding des US-Konzern Warner Bros annimmt, berichtet die Wiener Zeitung: „Diesmal wurden die zwei minderkreativen Comic-Kicker Slavek und Slavko getauft. Slavek ist ein tschechischer Name, Slavko ein serbischer und kroatischer. Knapp daneben.“ Auf der Fanzone in Wien wurden eigens Menschen beschäftigt, die darauf achten sollten, dass nur (vor allem Getränke) Produkte verkauft werden dürfen, die auch offizielle Sponsoren der UEFA Euro 2008 waren, in Polen ist das nicht anders. Wurde ein koffeinhaltiger Softdrink gesehen, der bei den Ständen stand, der nicht von Coca Cola war, musste dieser entfernt werden – selbst wenn einer der Angestellten diesen zur Eigenkonsumation mitgebracht hatte. Mitarbeiter mussten sich auch penibel genau an den Dress-Code halten. Bei heißen Sommertemperaturen durften Arbeitende auf der Fanzone Kapperl von Nike nicht tragen, weil die Herzogenauracher von Adidas einer der Großsponsoren der UEFA sind.

Nationale Identität letzten Endes egal

Die UEFA nahm 2008 1,3 Milliarden Euro ein, verbuchte einen Gewinn von 700 Millionen Euro. Welches Land bzw. welche Länder sich in die Unkosten der Ausrichtung der Europameisterschaften stürzt, ist den Herren in Nyon herzlich egal, so lange damit ordentlich Geld verdient werden kann. Dass dabei lokalen Standlbetreiber ohnehin alles aufgezwungen wird, was namhafte Beträge in die Schweiz überweist, ist mit ein Grund. Klappt etwas nicht, dann blechen die Lizenzinhaber.

Da fällt das Wegschauen leicht

Aufgrund dieser Basis scheint es dann nicht unverständlich, dass sich die Fußballverbände UEFA und FIFA heutzutage mehr als leicht tun, Probleme zu übersehen. Eine fragwürdige Menschenrechtssituation in der Ukraine? Egal. Rassismus in Polen? Wurscht. Hauptsache der Rubel rollt vom ehemaligen Ostblock in die Schweiz. Nachdem die lokale Identität der Ausrichter ohnehin nichts zählt und nur durch Momente vergangener Zeiten auffällig wird, muss man sich damit auch nicht tiefer beschäftigen. Ältere Stadien mit Charakter wie das Berliner Olympiastadion oder das Wiener Ernst-Happel-Oval wirken beinahe schon anachronistisch, denn auch die Stadien werden zum Teil von denselben Architekten geplant. So stammen die Kölner Arena und das Stadion in Kapstadt aus einer Feder, ebenso der St. Jacobs-Park in Basel und die Allianz Arena in München.

EM ist überall

Aufgrund dieser Basis könnte eine EM auch ohne Weiteres in China, den USA oder Südafrika ausgetragen werden. Die Stadien gleichen sich mehr oder weniger, die Fanzonen schauen so gut wie ident aus, lokale Probleme werden ignoriert. Das Label der Völkerverbindung funktioniert im Grunde genommen gar nicht in Zeiten der Kartenkontingente. Ein paar Bilder von europäischen Städten und die Sache hat sich. Hauptsache die Kassa klingelt. In Nyon.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

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