Andrea Pirlo tritt zum Elfmeter an – und in dem Moment, in dem der Ball seinen Fuß verlässt, macht sich Gänsehautstimmung im Stadion breit....

Andrea Pirlo tritt zum Elfmeter an – und in dem Moment, in dem der Ball seinen Fuß verlässt, macht sich Gänsehautstimmung im Stadion breit. Der 33-jährige Juventus-Routinier lupft den Ball in Panenka-Manier in die Mitte des Kastens und lässt Joe Hart keine Chance. Mit der Selbstsicherheit, die er damit ausstrahlt kippte das Elfmeterschießen – und Italien qualifiziert sich fürs Halbfinale.

Zuvor hatte Riccardo Montolivo seinen Elfmeter neben das Tor von Joe Hart gesetzt, Wayne Rooney brachte England sicher in Front. Die Quoten internationaler Wettanbieter für einen englischen Aufstieg standen nach Rooneys Elfmeter durchschnittlich bei 1 : 1,30 – England stand also laut den Buchmachern bereits mit einem Bein im Halbfinale. Die Art und Weise wie Andrea Pirlo seine Italiener danach wieder zurück ins Spiel brachte, war für die Mannschaft von Cesare Prandelli wichtig. Er verlud nicht einfach den Keeper und knallte den Ball ins Eck, sondern impfte mit seinem Auftreten seinen Mitspielern frisches Selbstvertrauen ein. Young und Cole verschossen, Nocerino und Diamanti trafen – das nächste englische Penalty-Trauma war perfekt.

Chef der Squadra Azzurra

Andrea Pirlo ist jedoch nicht nur aufgrund seines genialen Elfmeters Italiens Lebensversicherung. Auf der Position des tiefen Spielmachers ist der langjährige Milan- und jetzige Juventus-Spieler ein Meister seines Fachs. Er fungiert für Italien als Ballverteiler, Anspielstation in schwierigen Situationen und absolute Integrationsfigur innerhalb des Teams. Das Ganze bewerkstelligt der 87-fache Teamspieler auf eine ansehnliche, elegante Art. Wenn Pirlo den Ball am Fuß hat, sieht man ihm einfach gerne zu.

Alleine mehr Pässe als das gesamte englische Mittelfeld

Pirlos Leistungswerte im Spiel gegen England beweisen seine enorme Wichtigkeit: Der Engländer mit den meisten Ballkontakten war Ashley Cole, der die Kugel 65 am Fuß katte. Pirlo kommt auf sagenhafte 155 Ballkontakte, hat damit 37 Ballkontakte mehr als Balzaretti und 38 mehr als Montolivo. Daraus kann man herauslesen, dass seine Mitspieler ihren „Chef“ immer wieder suchen. Dem Antreiber und Taktgeber in der Mittelfeldzentrale kann man das Leder schließlich immer anvertrauen. Mit 131 Pässen spielte Pirlo mehr, als das gesamte englische Mittelfeld (Milner, Gerrard, Parker, Young und der eingewechselte Walcott) zusammen! 87% seiner Pässe kamen an den Mann – angesichts der vielen Pässe ein toller Wert.

Präziser Taktgeber

Der Mittelfeldspieler ist aber nicht nur die passtechnische Jokerkarte im Mittelfeld der Italiener, sondern macht auch stets etwas aus den sich ihm bietenden Spielsituationen. Kaum ein Spieler bestimmt das Tempo seines Teams so markant wie Pirlo. Wenn Pirlo vorgibt, dass es jetzt schnell gehen muss, geht’s schnell. Dasselbe gilt für die Verlangsamung des Spiels. Und obwohl der Spielmacher stets wenig Zeit hat, um seine Bälle zu verarbeiten, findet er dank seines spielerischen Facettenreichtums Möglichkeiten, seine Aufgaben ohne Hektik und sehr präzise zu lösen. 23 seiner 30 langen Pässe kamen an den Mann und mit seinen Körpertäuschungen und darauffolgenden kurzen Dribblings waren die Kicker von der Insel ohnehin überfordert. Insgesamt leitete Pirlo sechs Torchancen ein und schoss selbst zweimal aufs Tor.

Balleroberungen statt geblockten Bällen

Auch defensiv ist Pirlo für sein Team äußerst wichtig. Er ist der Spieler, der vor der Viererkette beim Schutz der zentralen Achse vor gegnerischen Angriffen am dominantesten auftritt. Auch die Höhe oder Tiefe der italienischen Defensive wird weitgehend von Pirlo bestimmt. Er musste gegen England keinen einzigen gegnerischen Schuss blocken, konnte jedoch fünf Bälle bei englischer Vorwärtsbewegung erobern und direkte Konter einleiten.

Pirlo kann für Italien den Unterschied ausmachen

Die „Squadra Azzurra“ ist insgesamt qualitativ etwas zu unausgeglichen und wohl unter Teams wie Deutschland oder Spanien zu stellen. Aber Andrea Pirlo ist eine Facette innerhalb des Teams, die Italien zum Europameister machen könnte. Er ist der bedächtige, konzentrierte Spieler, der Teams wie England oder Frankreich im Mittelfeld fehlt – und auch Überraschungsmomente, wie etwa jenen, den Pirlo im Elfmeterschießen präsentierte, können in hitzigen K.O.-Phasen den Unterschied ausmachen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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