Nach der polnischen Nationalmannschaft schied gestern Abend mit dem ukrainischen Team auch der zweite Gastgeber aus. Die Ukraine war zwar über weite Strecken die... England gewinnt nach 1:0-Sieg gegen die Ukraine die Gruppe D – Wayne Rooney trifft bei seinem “Comeback“

Nach der polnischen Nationalmannschaft schied gestern Abend mit dem ukrainischen Team auch der zweite Gastgeber aus. Die Ukraine war zwar über weite Strecken die spielbestimmende Mannschaft,  schaffte es jedoch nicht die diszipliniert spielenden Abwehrketten der Engländer zu überwinden, die nach dem 1:0-Sieg die Gruppe D für sich entschieden.

Roy Hodgson bleibt seiner Linie treu

Roy Hodgson ist kein Trainer, der seine Startaufstellungen radikal umstellt und so nahm er gegen die Ukraine auch nur eine logische Änderung vor und setzte ansonsten auf die Sicherheitsvariante. Der zuletzt gesperrte Rooney ersetzte Andy Caroll und spielte im einem 4-4-1-1-System hinter der einzigen echten Sturmspitze Welbeck. Einige englische Fans hatten sich erhofft, dass Theo Walcott, der als Joker eine starke Leistung im Spiel gegen die Schweden ablieferte, von Anfang an im rechten Mittelfeld beginnen würde.  Roy Hodgson verzichtete jedoch auf seine Walcotts Offensiv-Qualitäten und ließ stattdessen Milner auflaufen, der wie gewohnt unspektakulär spielte, jedoch viel nach hinten arbeitete.

Oleg Blochin stellt Mannschaft um

Für einen Start von Beginn an reichte es für den angeschlagenen Nationalhelden Shevchenko nicht, der Stürmer kam erst in der 70. Minute für Devic in die Partie, der neben Milevsky im Angriff der Gastgeber begann. Rakitskiy startete in der Innenverteidigung neben Khacheridi, Gusev interpretierte seine Rolle als rechter Außenverteidiger wie erwartet äußerst modern und machte viel mehr Druck über seine Seite als Selim, sein Gegenpart auf der linken Seite. Dynamo-Kiev-Mittelfeldspieler Garmash spielte zentral im Mittelfeld vor Tymoshchuk, die Flügelspieler Konoplyanka und Yarmolenko rückten nach innen, wobei insbesondere Konoplyanka oft in die Mitte zog und es aus der Distanz versuchte.

ARD-Experte Mehmet Scholl überrascht

Wie oben bereits angedeutet interpretierte Gusev seine  Rolle als rechter Verteidiger äußerst offensiv und bereitete so den Engländern, allen voran Ashley Young und Ashley Cole, besonders in der Anfangsphase einige Schwierigkeiten. Diese Spielweise kam jedoch alles andere als überraschend, denn der Dynamo-Kiev-Spieler agierte etwa gegen Schweden in derselben Art und Weise, wie man hier nachlesen kann. Um bei einem Ballverlust nicht blindlings in einen Konter zu geraten sicherte der defensive Mittelfeldspieler Tymoshchuk bei  Gusevs Vorstößen die rechte Seite ab, eine Maßnahme die nicht wirklich revolutionär neu, sondern gang und gäbe ist. Diese Spielausrichtung, verbunden mit den zahlreichen Positionswechseln der ukrainischen Offensivspieler,  versetzte den ARD-Experten Mehmet Scholl in großes Erstaunen und der ehemalige Bayern-München-Spieler meinte verdutzt, dass er so etwas noch nie zuvor sah.

Spielbestimmend aber eher ungefährlich

Die Engländer ließen zu, dass die Ukraine das Spielgeschehen bestimmte und stellten sich besonders in der ersten Halbzeit in zwei Ketten tief in der eigenen Hälfte auf. Die Ukrainer kamen nach den 90 Minuten auf 57% Ballbesitz und spielten 487 Pässe, um 119 mehr als die Engländer, die in dieser Statistik auf 368 Pässe kamen. Es gelang den Ukrainern jedoch relativ selten, sich durch die beiden Ketten durchzuspielen, sodass sie es 16 Mal mit Schüssen probierten. Von diesen 16 Schüssen gingen jedoch nur drei Versuche aufs Tor, die anderen verfehlten ihr Ziel oder wurden von einem der vielen englischen Beine abgeblockt. Gleich 12 der 16 Schüsse wurden von außerhalb des Strafraums abgegeben.

Zu wenig Druck über die linke Seite

Während über die rechte Seite viel Druck aufgebaut wurde und 41% aller Angriffe über den rechten Flügel kamen, agierte Selin auf der linken Seite wohl ein wenig zu passiv. Nur 32% aller Angriffe liefen über den linken Flügel und man konnte Konoplyanka einige Male verzweifelt zu Selim deuten sehen, dass er sich öfter und schneller in das Spiel nach vorne einschalten sollte. Konoplyanka zog oft nach innen, sodass mehrere Male viel Platz auf der linken Seite für den Außenverteidiger gewesen wäre. Zugutehalten muss man Selim aber, dass er einige schöne weite Bälle nach vorne spielte und so gefährliche Situationen kreierte.

Wayne Rooney mit ordentlicher Partie, aber noch nicht in Bestform

Man merkte es Rooney ein wenig an, dass sein letztes Pflichtspiel nun schon eine Weile her ist. Sein Timing stimmte noch nicht, was man besonders bei einer großen Kopfballchance und einigen schwachen Abspielen sah. Dennoch lobte Trainer Hodgson seinen Starstürmer, denn er erzielte nicht nur den einzigen Treffer des Abends, sondern arbeitete zusammen mit Sturmpartner Welbeck viel nach hinten und unterstützte die restliche Mannschaft bei der Defensivarbeit ausgezeichnet. Man darf davon ausgehen, dass das Tor und der Sieg dem Stürmer Selbstvertrauen für die kommenden Aufgaben gab – mit Rooney ist die englische Nationalmannschaft jedenfalls deutlich gefährlicher, da alleine schon seine Persönlichkeit am Platz einiges ausmacht und den anderen Spielern ebenfalls Sicherheit gibt.

Steven Gerrard – Man of the Match

Das Liverpool-Urgestein war zusammen mit Innenverteidiger John Terry, der die Abwehr ausgezeichnet organisierte, der beste Spieler am Platz. Gerrard hatte ein hohes Laufpensum, kämpfte wie ein Löwe und hatte mit sechs Tacklings die meisten seiner Mannschaft. Bei Ballbesitz waren seine Qualitäten jedoch mindestens ebenso gefragt, denn von ihm gingen eindeutig die meisten Impulse aus. Er spielte die meisten Pässe seiner Mannschaft (53) und kam, so wie Scott Parker,  auf eine erfolgreiche Passquote von 91%. Er war auch derjenige Akteur, der das Spiel am besten auf den anderen Flügel verlagern konnte – von sieben weiten Pässen kamen sechs bei seinen Mannschaftskollegen an. Neben seiner Torvorlage für Rooney, der ein schönes Dribbling voranging, spielte er drei weitere Schlüsselpässe, aus denen gute Chancen entstanden. Gerrard wurde außerdem kein einziges Mal von einem Gegenspieler vom Ball getrennt. Er ist sicher einer jener Spieler, die unter Hodgson aufblühen.

Die Kontroverse um den nicht gegebenen Treffer

Marko Devic erzielte in der 62. Minute ein Tor, das jedoch vom Schiedsrichtergespann nicht gegeben wurde. Der ukrainische Trainer Oleg Blochin hatte nach der Partie sofort die Schuldigen ausgemacht und sagte, dass der Schiedsrichter sie um ein Tor betrogen habe und dass der Ball einen Meter hinter der Linie war. Der ukrainische Trainer übertrieb ein wenig, wobei er recht damit hat, dass der Ball deutlich hinter der Torlinie landete. Was er jedoch verschwieg war, dass der Treffer sowieso nicht hätte zählen dürfen, da das Zuspiel auf Devic ein Abseits war, das der Linienrichter übersah. Der ansonsten starke Schiedsrichter Viktor Kassai musste sich in der ersten Szene auf seinen Linienrichter verlassen, in der zweiten auf den Torrichter, der eigentlich perfekte Sicht hätte haben sollen. Diese Szene könnte Folgen haben, denn wenn die ohnehin stark kritisierten Torrichter in solchen Situationen die falschen Entscheidungen treffen, dann kann man sich die beiden Herren neben den Toren wirklich einsparen.

Fazit

Im Vorfeld betonten die ukrainischen Spieler, dass die Partie gegen England die wichtigste in der Geschichte der Ukraine sei. Unter diesen Voraussetzungen zeigte die Gastmannschaft wohl zu wenig, auch wenn die englische Mannschaft aufgrund der taktischen Disziplin nicht leicht zu überwinden ist. Oleg Blochin präsentierte sich nach der Partie leider als schlechter Verlierer und machte alle anderen für das Ausscheiden der Ukraine verantwortlich, nur nicht sich und die Spieler.

England wurde nun etwas überraschend Gruppensieger, eine Leistung die man dem Team nach dem Capello-Abgang, den Ausfällen und den Kontroversen um die Einberufungen nicht ohne weiteres zutrauen konnte. Die Disziplin in der Mannschaft ist ausgezeichnet und mit Rooney kommt eine große Persönlichkeit zurück in die Mannschaft. Hodgson wirkte während der Partie äußerst ruhig und bedacht und egal was man von ihm hält – der englische Nationaltrainer hat bis jetzt sehr viel richtig gemacht. Die Abwehr steht recht gut, Gerrard und Parker harmonieren im zentralen Mittelfeld und auf den Flügeln hat Hodgson mit Walcott und Oxlade-Chamberlain interessante Alternativen zu Young und Milner. Wir dürfen uns auf ein äußerst interessantes Viertelfinalspiel zwischen England und Italien freuen!

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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