Ernst Happel, der Entführer. Das Spieler-Kapern hatte bei Rapid lange Tradition, begonnen hat diese zweifelhafte Praxis mit dem legendären Torjäger Franz „Bimbo“ Binder: Als... Anekdote zum Sonntag (112) –  Ernst sein ist alles (Teil VII)

Ernst Happel, der Entführer. Das Spieler-Kapern hatte bei Rapid lange Tradition, begonnen hat diese zweifelhafte Praxis mit dem legendären Torjäger Franz „Bimbo“ Binder: Als Sektionsleiter war dieser die treibende Kraft hinter dem Kid(!)napping von „Gschropp“ Hanappi, später lockte er auch das Simmeringer Talent Gustl Starek nach Hütteldorf. Starek befand sich damals bereits im Trainingslager des Stadtrivalen und hatte sich auch schon im Austria-Trainingsanzug fotografieren lassen, als Binder auftauchte um ihm Honig ums Maul zu schmieren.

Auch der „Wödmasta“ war niemand der das Buch der Moral las, wenn es um Erfolg ging. Bereits als Spielertrainer pflegte der Hochtalentierte etliche Verbindungen zu europäischen Topvereinen. Artur Kolisch hieß der Manager, der mit Happel in Ost-Europa zusammenarbeitete. Damals fasste Ernstl einen 17-jährigen Jungspund von Roter Stern Belgrad ins Auge: Branko Milanovic spielte schon mit 16 Jahren in der Kampfmannschaft von Osijek, ehe er vom Belgrader Kultklub verpflichtet wurde, wo ihn Spieler wie Zajic, Bajic oder Sekularac schliffen. Happel hatte den Angreifer bei Jugendturnieren in Italien beobachten können und wollte ihn unbedingt verpflichten. Doch ein Auslandstransfer war damals komplizierter als der Nachweis des elementaren Gottesteilchens heute. Spieler, die über die Grenzen wechselten, mussten ein Jahr vertragslos sein. „Aschyl“ war das – auf gut wienerisch – „blunzn“. Er wies Kolisch an mit Branko nach Zagreb zu kommen. Dort erwartete er die Beiden in einer Simca-Rostschüssel und sagte dem Spieler, dass nun sein Wien-Abenteuer losgehen würde.

Ungeniert navigierte der Spitzenverteidiger mit Zigarette in der linken Hand und Temponadel auf der Höchstgeschwindigkeit das klapprige Auto mit wertvoller Fracht Richtung Grenze. Als er jedoch die polizeilichen Kontrollen erspähte, entschied sich Rapids berühmtester Grantler um: Er fuhr zum nächsten Wirtshaus und telefonierte. Branko wähnte sich schon in einem schlechten Agentenkrimi. Es vergingen einige Stunden bis ein Vertrauter Happels auftauchte. Dieser begleitete Milanovic zum Bahnhof, wo sie den ersten Zug in die österreichische Hauptstadt nahmen. Es war früher Morgen als sie in Wien ankamen. Happel erwartete sie erneut: Mit zerzaustem Haar, Augenringen und brennender Zigarette in der Hand. Den Vertrag mit Rapid hatte Milanovic bereits in Belgrad unterschrieben, so gesehen war rechtlich alles ok. Sein Ex-Klub schäumte allerdings vor Wut und wollte dem Serben Steine in den Weg legen. Dadurch dass der Angreifer allerdings das Land bereits verlassen hatte, war es schwer ihm etwas anzuhaben. Happels Wendemanöver an der Grenze war eine gute Entscheidung gewesen: Wer weiß, welche Mittel und Wege der Militärklub Roter Stern sonst gefunden hätte…

Das Unangenehmste hatte er hinter sich, dachte Branko. Doch seine Zeit bei Rapid sollte schwierig werden. Mit Flögel, Skocik, Hanappi und Co. wurde in Hütteldorf höchst attraktiver Fußball gespielt, dazu kam, dass Branko anfangs kein Wort Deutsch sprach. Sein Trainer ließ ihn jedoch nicht fallen: Jeden Vormittag absolvierte „Aschyl“ mit dem Stürmer Einzeltraining und brachte ihm nebenbei spielerisch die deutsche Sprache bei. Nun ja, Happels Deutsch eben. Branko dazu: „Natürlich hab‘ ich auch allerlei Dummheiten auf Deutsch gelernt.“ Eh, kloar!

Marie Samstag