Die Seele eines Vereines sind bestimmt nicht die wechselnden Profis, Trainer, Manager und Funktionäre, sondern die kleinen Leute, die oft jahrelang aus purem Spaß... Anekdote zum Sonntag (91) – Das Herz eines Boxers

Die Seele eines Vereines sind bestimmt nicht die wechselnden Profis, Trainer, Manager und Funktionäre, sondern die kleinen Leute, die oft jahrelang aus purem Spaß an der Freude für kleine Gehälter bei ihren Herzensklubs arbeiten. Es gibt sie, die Zeugwarte, Busfahrer, Sekretäre (meistens -innen), Platzwarte, Betreuer, die den Werdegang von schlaksigen Burschen, die zu Profis reifen und das Nest verlassen oder gar für immer bleiben beobachten.

Sie erleben Erfolge und Niederlagen mit und halten ihrem Verein still die Treue. In den 80er/90ern gab es in Innsbruck so ein Faktotum namens „Mucky“ Mayerhofer. Er war Zeugwart aus Leidenschaft und ein Tiroler Original. Wegen seiner Liebenswürdigkeit mochten ihn die Spieler und Fans gleichermaßen. „Mucky“ war – böse formuliert – ein abgebrannter Amateurboxer, der gerne fragwürdige Anekdote aus seiner Zeit im Ring zum Besten gab, und jetzt als Mädchen für alles in der Kabine Dienste verrichtete. Als der dickliche Tiroler wieder einmal große Reden von seiner einstigen Micky-Maus-Sportkarriere schwang, schlugen die Spieler vor, ein internes Turnier zu veranstalten: Da könne „Mucky“ doch zeigen, was er noch draufhabe. Der Zeugwart war Feuer und Flamme. Tatsächlich buchten die Fußballer einen Boxring und engagierten sogar eine Dame, die als Rundengirl posieren sollte: „Mucky“ war als Verehrer der holden Weiblichkeit bekannt und hatte für erotische Séparées aller Art beinahe eine Stammkundenkarte.

Ausgestattet mit Kopf- und Mundschutz standen sich im ersten Kampf der Ex-Boxer und Innenverteidiger Kurt Garger gegenüber. Garger hatte zwar noch nie geboxt, war aber ein topfitter Profi und fest entschlossen gegen den fünfzigjährigen „Mucky“ durchzuhalten. Mayerhofer wollte den Burgenländer – wie der gealterte Rocky – mit kräftigen Hieben zur Räson bringen, während die Kollegen Kurt rieten den Kampf möglichst in die Länge zu ziehen. Klarerweise zeigte sich schnell, dass der Fußballer im Vorteil war: Er tanzte den schnaufenden Mayerhofer aus und verließ sich auf Muhammad Alis Motto „Float like a butterfly, sting like a bee“. Tatsächlich konnte Garger einige schmerzhafte Treffer landen, die seinen Gegner mehrmals an den Rand der Niederlage brachten. „Mucky“ taumelte, doch aufgeben: Niemals.

Man hatte sich auf die Amateurregeln geeinigt: Drei Runden à drei Minuten. Schon nach kurzer Zeit hatte der korpulente Zeugwart einen brandroten Schädel und der Schweiß rann ihm in Bächen vom Körper, abgesehen davon hörte er sich wie eine uralte Dampflok an.  „Er war schon ziemlich groggy, allein von seinen Bewegungen her.“, erinnert sich Alfred Hörtnagl, der dem legendären Schaukampf beiwohnte. Tapfer hielt „Mucky“ bis zum Ende durch. Die engagierte Jury krönte (selbstverständlich) Kurt Garger zum Sieger nach Punkten. Die Innsbrucker Spieler spendeten beiden Boxer jedoch reichlich Applaus. Die Witze à la „Der „Mucky“ hat als Boxer seine Sponsorenaufkleber auf den Schuhsolen gehabt. Dort ist die Werbung am besten zu sehen – weil er schon in der ersten Runde flachliegt.“, die sich die Kicker schon vorher fertig auf die Zungenspitze gelegt hatten, mussten sie nun hinunterschlucken. Mayerhofers körperliche Topverfassung lag zwar schon Jahrzehnte zurück, eines hatte er sich aus seiner Zeit im Ring jedoch behalten: Das Herz eines Boxers.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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