Rapid bleibt weiterhin in der – so genannten – Ergebniskrise stecken. Dass es sich tatsächlich um eine handfeste sportliche Gesamtkrise handelt, will man weiterhin... 1:1 gegen Mattersburg: Wieder keine 100%-Leistung der Hütteldorfer

_Steffen Hofmann - SK Rapid Wien

Rapid bleibt weiterhin in der – so genannten – Ergebniskrise stecken. Dass es sich tatsächlich um eine handfeste sportliche Gesamtkrise handelt, will man weiterhin nicht explizit in den Mund nehmen. Dabei wurden beim schwachen 1:1 gegen Mattersburg wieder einmal die Eckpfeiler der Unserie verdeutlicht.

Der 173cm große Steffen Hofmann geht fuchsteufelswild Kopf an Kopf mit dem 202cm großen Stefan Maierhofer, nachdem dieser ihn umgrätschte. Es war die markanteste Szene in einer zerfahrenen Partie, die zwar weitgehend fair blieb, aber dennoch von intensiver Zweikampfführung lebte. Es war das Duell zweier Protagonisten, die polarisierten. Was wiederum kaum überraschte.

Nur zwei, die Rapid verkörpern

Die nur noch sporadisch eingesetzte Rapid-Legende Hofmann verkörperte den Rapid-Geist bis über seine Auswechslung hinaus, holte sich auf der Bank sitzend noch eine gelbe Karte ab. Maierhofer war erwartungsgemäß on fire, scheute keinen unangenehmen Laufweg und führte seine Duelle wie immer ohne Rücksicht auf Verluste. Der „Major“ war damit gemeinsam mit Hofmann der Einzige, der auf den Zuschauerrängen echte Emotionen weckte. Gut zu sprechen sind die Rapid-Fans auf den einstigen Goalgetter zwar nicht, allerdings sprachen nicht wenige Zuschauer davon, dass ein Mentalitätsmonster wie der oft verschmähte Maierhofer das wäre, was Rapid momentan wie einen Bissen Brot brauchen würde.

Wieder keine 100%

Der Rest in Grün-Weiß: Farb- und mutlos, fehlerbehaftet, schlampig. Einmal mehr fehlte der unbedingte Wille, tatsächlich 100% rauszuhauen. Rapid pendelte sich wieder mal bei 90% ein, der Mut zum offensiven Risiko war nicht spürbar. Zu viele Bälle wurden zu früh aufgegeben, einige aussichtsreiche Ansätze von Spielzügen, wurden durch arrogante Pässe zunichte gemacht. Der Gegner hielt physisch dagegen, scheute keinen Zweikampf – und das reichte, um einen Punkt aus Hütteldorf zu entführen.

Zu wenig Fokus im offensiven Kombinationsspiel

Rapid war in den meisten Angriffen nicht konkret genug, verlor immer wieder den Fokus. Die zahlreichen Alleingänge, etwa von Kvilitaia, oder die oft ohne Not verlorenen Bälle oder schlecht gespielten Pässe des inferioren Schwab, blieben Sinnbilder für die fehlende Offensivstruktur in Grün-Weiß. Die einzige am Boden herausgespielte Torchance vergab der neuerlich blasse Schaub freistehend. Gleichzeitig wurden gerade aus der Etappe gute Möglichkeiten vergeben, Schnittstellenpässe zu spielen. Einerseits weil mit Dibon der potentielle Passgeber nicht als dominanter Einfädler oder Assistgeber bekannt ist, andererseits, weil erneut kaum jemand die Läufe in ebendiese Räume suchte – wie es etwa David Atanga vor dem frühen 1:0 für den SVM machte.

Offensiv mau, defensiv trotzdem anfällig

Auffällig war auch die Diskrepanz zwischen offensiver Dominanz und defensiver Unsicherheit. Obwohl Rapid den Gegner nicht einschnürte und die Burgenländer in der Rapid-Viertelstunde sogar das optische Kräfteverhältnis ausgleichen konnten, waren die Hütteldorfer bei gegnerischen Kontern nicht immer stabil. Bei einer zu Unrecht geahndeten Abseits-Stellung von Thorsten Röcher hatte Rapid Glück. Dass Mattersburg-Coach Baumgartner mögliche Probleme der Wiener im defensiven Stellungsspiel ortete, wenn der Tabellensiebte Bälle unerwartet verliert, zeigte auch die Tatsache, dass Rapid Mattersburg insgesamt elfmal ins Abseits stellte. Das ist zwar einerseits ein Indiz dafür, dass die Canadi-Elf diese Situationen gut behandelte, andererseits aber auch alarmierend, dass Mattersburg dermaßen häufig die Möglichkeit bekam, Schnittpässe in die Spitze zu spielen, während Rapid offensiv viel zu ungefährlich blieb.

Keine Wut im Bauch

Durch Steffen Hofmanns Einsatz konnte Rapid die Passquote im zweiten und dritten Drittel wieder ein wenig nach oben schrauben. Anders sah es mit der Zweikampfbilanz aus. Rapid gewann nur 47,1% der Zweikämpfe, einige der verlorenen Duelle waren durchaus vermeidbar. In der gesamten Partie begingen die Hütteldorfer nur drei Fouls. Schön für die Fairplay-Wertung, aber auch ein Zeichen dafür, dass kaum jemand wachrütteln wollte oder mit der längst nötigen Wut im Bauch zur Sache ging.

Sechs Defensive und ein unrentables System

Auch das Wording nach dem Spiel muss kritisiert werden. Canadi stellte in seinem – nach wie vor nicht funktionierenden – 3-4-2-1-System mit Schösswendter, Sonnleitner, M.Hofmann, Dibon, Pavelic und Schrammel sechs Defensivspieler auf, deklarierte dies danach als Notwendigkeit, um die häufig auf Zweikämpfen und Zufall basierenden Mattersburg-Angriffe besser verteidigen zu können. Pavelic und Schrammel wurden als „hoch stehend“ charakterisiert und somit nicht als Defensivspieler gezählt. Das sind sie allerdings sehr wohl. Immerhin handelt es sich hier um zwei Spieler, die zum Beispiel in einem 4-2-3-1-System niemals an den offensiven Flügeln eingesetzt wurden. Das nicht vorhandene Umschaltverhalten ebendieser Spieler nach Ballgewinnen in der eigenen Hälfte (vor allem in der zweiten Halbzeit) spricht Bände über deren Grundausrichtung und wirft die Frage auf, ob das alteingespielte 4-2-3-1 aktuell nicht sogar die bessere Lösung wäre.

„Drei Stürmer“

Gleichzeitig war beim Rapid-Coach von drei Stürmern die Rede. Selbst der einzige echte Stürmer Giorgi Kvilitaia konnte sich zu selten in der unmittelbaren Gefahrenzone festsetzen und musste immer wieder an die Flügeln ausweichen. Steffen Hofmann und Arnor Traustason in der ersten Halbzeit, sowie Louis Schaub in der zweiten Halbzeit hatten mit im 3-4-2-1-System aber rein gar nichts mit der Stürmerposition, nicht mal mit der Position des offensiven Flügels oder „Außen“ zu tun. Der später eingewechselte Matej Jelic war im umgeformten 3-5-2 ebenfalls nie in der Rolle eines zusätzlichen Brecherstürmers oder Präsenzgebers in der „Zone der Wahrheit“ zu finden.

Die Heatmaps von Steffen Hofmann, Arnor Traustason und Louis Schaub.

Die Heatmaps von Steffen Hofmann, Arnor Traustason und Louis Schaub.

Im 3-4-2-1-System auf Halbpositionen zu setzen, wie sie etwa Steffen Hofmann recht gut bekleidete, ist kein Problem. Diese Hybridspieler plakativ als Stürmer zu bezeichnen, nur um eine offensive Denkweise herauszustreichen, ist jedoch Augenauswischerei. Bei Rapid ist es längst an der Zeit das Kind beim Namen zu nennen, aber auch wenn es nach dem Remis gegen Mattersburg etwas lauter und direkter wurde (Bickel, Canadi), werden die Gründe für die Krise und die möglichen eigenen Fehler – die ja passieren dürfen! – nach außen viel zu unverbindlich kommuniziert. Das Ergebnis daraus erleben alle Beteiligten jetzt: So gut wie niemand kann sich mit Spiel und Idee identifizieren, die Lethargie im Umfeld wächst und auch wenn der Block West sich der eigenen Mannschaft gegenüber vorbildlich verhält, kocht das Gesamtkonstrukt im Erdkern des Rapid-Planeten immer heißer. Taten, Kampf und ein sichtbares sportliches Konzept ohne Ausflüchte und Schönfärbereien werden Abhilfe beim Abkühlen schaffen.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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