Die 1:3-Niederlage in Grödig war wie ein Spiegelbild für die allgemeine Verfassung des SK Rapid, was Mannschaft, Konzept und Transferpolitik betrifft. Rapid steht punktemäßig... 1:3 in Grödig als Spiegelbild grundlegender Probleme: Rapid ist zurück im Mittelmaß

Zoran Barisic (SK Rapid Wien)Die 1:3-Niederlage in Grödig war wie ein Spiegelbild für die allgemeine Verfassung des SK Rapid, was Mannschaft, Konzept und Transferpolitik betrifft. Rapid steht punktemäßig so schlecht da, wie seit acht Jahren nicht mehr. Trotz eines zwischenzeitlichen Hochs ist Rapid dort, wo man aufgrund von Konzept, Mannschaft, Personalpolitik und vieler anderer sportlicher Faktoren hingehört: Im Mittelmaß. Dafür, dass sich die Mannschaft aber in Grödig auch kämpferisch aufgab, ist dies keine Entschuldigung.

Jan Novotas Fehler vor dem 0:1 holte Grödig früh ins Spiel, aber eine beherzte Aktion von Philipp Schobesberger und Deni Alars Abstaubertor hievten Rapid schnell wieder zurück in die Partie. Mit dem Erfolg des Ausgleichstores im Rücken, sollte Grün-Weiß einen mentalen Vorteil haben und den überwundenen Schock in mehr Kontrolle bei Ballbesitz und eine stetige Strukturierung des Spiels ummünzen. Das Gegenteil war jedoch der Fall.

Grödig gibt den Kampf vor

Grödig nahm den Kampf an bzw. gab sogar den Kampf vor und erzeugte taktisch ein gutes Gleichgewicht, von dem man weiß (z.B. Admira, Altach) , dass man damit – richtig durchgeführt – Rapid dominieren kann. Das Defensivkonstrukt war engmaschig und körperlich robust, das Umschaltspiel schnell, die Zweikampfführung hart. Die Hütteldorfer fanden in diesen Kampf nie hinein und wurden schon beim Stand von 1:1 immer nervöser und unsicherer am Ball.

Schwächen in der Viererkette

Bei gegnerischem Ballbesitz zeigte Rapid Schwächen, wenn Grödig gezielte Diagonalbälle hinter die Abwehr spielte, oder die Flügel das Eins-gegen-Eins mit den Außenverteidigern suchten. Rapids Abwehrspieler verfolgten die Grödiger bis in den Strafraum, ohne konsequent zu attackieren. Das abwartende Agieren der Außenverteidiger sorgte dafür, dass der Bereich im Rücken der Spieler außer Acht gelassen wurde und die Schnittstellen vernachlässigt wurden. Später wurde dieses Problem noch drastischer und selbst die Schnittstelle zwischen den beiden Innenverteidigern wurde zur offenen Passschneise für die Salzburger, die so schnörkellos und unkompliziert das 3:1 erzielen konnten, aber auch sonst immer wieder gefährlich wurden.

Probleme im Aufbauspiel

Das Aufbauspiel Rapids war einmal mehr von zu vielen weiten Bällen am Flügel, schwachem Antizipationsspiel der Zentrale und leichtsinnigen, individuellen Fehlern geprägt. Alar tauchte als offensivster Mittelfeldspieler völlig unter und überließ Hofmann den Raum auf Höhe der Grödiger Mittelfeldreihe. Dadurch konnte dieser lediglich prallen lassen und Rapid in weiterer Folge auf Diagonalpässe auf die Flügel hoffen, um ebendiese Grödiger Mittelfeldreihe zu überwinden. Dies gelang nur in der ersten halben Stunde phasenweise gut. Schwabs Kampfkraft war auf seiner lange Zeit zu tiefen Position verschenkt und so gewann Rapid im Mittelfeld zwar viele, nicht aber die entscheidenden Zweikämpfe.

Asymmetrischer Spielaufbau

Wenn das Spiel über die Außenpositionen aufgebaut werden sollte, dann geschah dies zu hektisch und aufgrund der Pressingüberlegenheit Grödigs fehlerhaft. Speziell Stefan Stangl brachte sich immer wieder selbst in die Bredouille und reihe sich damit nahtlos in eine schwache Leistung der gesamten Viererkette ein, in der sogar der sonst sichere Mario Sonnleitner seine schwachen Momente hatte. Stangl spielte neun weite Pässe, brachte in der gegnerischen Hälfte gerade mal die Hälfte seiner Pässe an den Mann und riss somit das normalerweise kurzkettige Aufbaukonstrukt Rapids auseinander. Grödig konnte Rapids linke Seite nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Leichtigkeit verteidigen.

Grundlegende Probleme im Zentrum

Auch das Zentrum war für den Aufsteiger des letzten Jahres nicht schwer zuzustellen. Da die durchschnittlichen Feldpositionen von Hofmann, Beric und Alar höhentechnisch praktisch dieselben war, konnte die Viererkette weiter herausrücken und einen dichteren Block bilden, wodurch das Umschaltspiel Grödigs deutlich beschleunigt wurde. Wenn Grödig im eigenen Stadion konterte, wurde es praktisch immer gefährlich bzw. konnte man gleich mehrmals Überzahlsituationen schaffen. Wenn Rapid konterte, geschah dies im Schneckentempo, zu kompliziert, nicht zielgerichtet genug und ohne Fokus auf die direkte Gefahrenzone in der Laufkoordination der Spieler ohne Ball.

Grödig presst erfolgreich und über weite Wege mannschaftlich geschlossen

Nachdem Rapid im Oktober in einigen Spielen sehr gute presste, zeigte die Partie gegen Grödig, dass weiterhin zu wenig Plan im passiven Mittelfeldpressing vorhanden ist. Die Grödiger Mannschaft hielt die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen geringer und nützte die Fehler Rapids im Spielaufbau. Während das Anlaufen der aufbauenden Spieler energisch vonstattenging, wurden auch die Anspielstationen Rapids im Mittelfeld rechtzeitig zugestellt und vorsichtig attackiert, sodass sich Rapid sofort wieder defensiv orientieren musste und keinen Offensivspielfluss zustande brachte. Rapid lief den Gegner zwar auch immer wieder gut an, ließ den Grödiger Anspielstationen im Mittelfeld aber viel zu viel Luft, wodurch Ballsicherungen und –weiterverarbeitungen in der Zentrale ein Leichtes waren.

Rapids grundlegendes Pressingproblem über „weite Strecken“

Dies war jedoch kein situatives Problem Rapids, sondern zieht sich bereits durch die ganze Saison. Das gemeinsame Pressing am Flügel oder in engen Räumen (zumeist in den Halbräumen) funktioniert recht gut, allerdings bekommt Rapid Probleme, wenn das mannschaftlich geschlossene Pressing über weitere Strecken geschehen muss. Zum Beispiel: Wenn der Mittelfeldspieler, der für die letztendliche Balleroberung zuständig ist, zu weit vom anlaufenden Offensivmitspieler entfernt ist. Dies ist keine Frage der fußballerischen Qualität, sondern der taktischen Ausrichtung, Disziplin und des Verantwortungsbewusstseins bzw. der Eigeninitiative.

Barisic‘ Spielanalyse

Nach dem Spiel bemühte Rapid-Trainer Zoran Barisic, wie fast immer, mikrofon-adaptierte Floskeln. Die Klassiker lauten wie folgt:

Man dürfe nicht vergessen, dass Rapid Ausfälle zu verschmerzen hätte und einige Spieler gerade erst wieder ins Team kamen, nachdem sie zuvor ausfielen.
Rapid muss mit Dibon, Schimpelsberger und Behrendt gerade mal drei Ausfälle verkraften. Schimpelsberger und Behrendt fehlen bereits seit längerem. Für Deni Alar hätte es personelle, aber vor allem taktische Optionen gegeben, die ihn besser in Szene gesetzt und die Verantwortung getilgt hätten. Stefan Schwab wurde aufgrund der irrwitzigen, aufgrund der Startaufstellung zu erwartenden Mittelfeldstaffelung in eiskaltes Wasser geworfen. Dass in der zweiten Halbzeit der völlig indisponierte Dominik Wydra als „Hilfe“ diente, vereinfachte die Situation nicht gerade. Bei Grödig fehlten übrigens vier Spieler…

Man dürfe nicht vergessen („das vergesse man oft…“), dass es in der Mannschaft sehr junge Spieler gibt und es noch an Erfahrung fehlt.
Das vergisst oder übersieht niemand, der sich mit Rapid auseinandersetzt. Vielmehr fordert das Gros der sportlich überdurchschnittlich interessierten und informierten Fans und Beobachter seit jeher routiniertere Spieler für Rapid und stellt dabei gerne die Milchmädchenrechnung „lieber ein gestandener Profi, als zwei Junge, die man ewig aufbauen muss“ an. Eklatante Fehler in der Kaderplanung wurden nicht nur Grödig mehr als offenkundig zur Schau gestellt.

Entwicklung erfordert Entwickler

Damit einhergehend wird immer wieder von der Entwicklung junger Spieler gesprochen. Problematisch ist hier jedoch, dass diese sich kaum an „fertigen“ Spielern orientieren können und auch das Trainerteam bei weitem kein gefestigtes Konzept verfolgt. Dies beginnt bei den grundlegenden Problemen in diversen Matchplänen und endete zum Beispiel heute damit, dass Barisic‘ Coaching unzureichend ist, wenn ein Matchplan nicht aufgeht. Gerade in der zweiten Halbzeit gegen Grödig hätte die völlig verunsicherte Rapid-Mannschaft mehr Hilfe und Innovation von außen benötigt. Stattdessen spielte Rapid aber einfach so weiter wie immer.

  • Ein paar Doppelpässe am Flügel, um in den Strafraum zu kommen.
  • Falls dies nicht möglich ist, quer oder gegebenenfalls retour spielen, um das Spiel neu sortieren.
  • Weite Bälle auf die physisch allesamt schwachen Rapid-Offensivspieler, wenn die Hoffnung besteht, dass Grödig nicht schnell genug von Offensive auf Defensive umschalten kann.
  • Spielerwechsel ausschließlich „Position für Position“
  • Keine situativen Formationsänderungen, kein formativer Plan B

Bei Rapid verwies man vor einigen Wochen noch gerne auf die Tatsache, dass man zwischen Runde 6 und Runde 13 die meisten Punkte aller Bundesligisten auf dem Konto hätte. Zwischen Runde 14 und Runde 16 ist man nun aber Letzter. Einerseits wird von der Entwicklung junger Spieler gesprochen, andererseits überlässt man diese Entwicklung unter Wettkampfbedingungen aus vielerlei Gründen dem Zufall, auch wenn dies im Training positiver aussieht. Erfolgreich absolvierte Etappen werden als Fortschritte in ebendieser Entwicklung verkauft. Die Gründe für aus dem Nichts auftretende Schwächeperioden werden aber nicht klar benannt, sondern lediglich auf die immer noch laufende Entwicklung geschoben. Dass die schwierigen Bedingungen in Grödig nach der Niederlage auch nur ansatzweise angesprochen wurden, ist angesichts der dargebotenen blutleeren und taktisch chaotischen Leistung ein Zeugnis der Hilflosigkeit.

Spiegelbild

Das 1:3 in Grödig war „nur“ eine Niederlage, aber doch in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild für das, was Rapid 2014/15 noch blühen wird. Sportlich driftet der Verein in die Mittelmäßigkeit ab und die starke Phase zwischen Ende August und Ende Oktober war mehr ein Strohfeuer, als ein nachhaltiger Befreiungsschlag. Von Bequemlichkeit ist gar nicht die Rede. Jeder bei Rapid arbeitet hart und will sich und die sportlichen Gegebenheiten verbessern. Nur sollten die Verantwortlichen und Spieler selbstkritisch hinterfragen, ob das sportliche Bauwerk Rapid mit all seinen Spielern, Matchplänen, Transfers, Konzepten und dem großzügigen Zeitmanagement in der oft zitierten Entwicklung, den richtigen Weg einschlägt. Die Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit ist ohnehin schon weg, wenn sogar sonst eher zahme TV-Reporter und –Kommentatoren schnippisch Rapids Langzeitplan in Frage stellen…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • tramina

    22.November.2014 #1 Author

    Ich kann dem Artikel Großteils nur zustimmen. Bei einem Punkt muss ich aber widersprechen. Das ständige argumentieren mit der Unerfahrenheit der Mannschaft geht mir nämlich mittlerweile sowas von am Zeiger. S. Hofmann und Sonnleitner sind sehr erfahren. Schwab, Schrammel, Alar, Kainz haben deutlich mehr als 100 Bundesligaspiele bestritten, Beric über 100 Erstligaspiele und auch Schaub an die 100 BL-Spiele. Diese Spieler sind ja nicht unerfahren, wenn auch teilweise noch relativ jung. Ich wüsste keinen Spieler beim heutigen Gegner (soweit ich weiß war ja Wallner nicht im Kader) der mehr BuLi-Erfahrung hat.
    Ich sehe also das Problem weniger beim Spielermaterial. Außer Novota und Stangl würd ich niemandem der heute gespielt hat die Qualität für Rapid absprechen. Das Problem sehe ich eher darin dass die Spieler offenbar ohne Spielplan aufs Feld geschickt werden, bzw. das bisschen an „Plan“ das vorhanden ist, nicht zu den aufgestellten Spielern passt!!
    btw. wann wird Novota endlich mal ersetzt? Die ersten beiden Grödiger Tore hätte heute jeder Durchschnittstormann entschärft!!! So viele Fehler wie Novota diese Saison (Derby, Helsinki etc.) wären Maric sicher nicht unterlaufen!!!

    Antworten

  • Markus

    22.November.2014 #2 Author

    Was ich auch nicht ganz verstehe, ist der Einsatz von Spielern, die nicht ganz fit sind. Novota war die Woche krank und ein Maric hätte sicher genauso gut / oder schlecht gehalten. Schwab ist nach seinem Bänderriss auch noch nicht ganz da und man hat im Spiel gemerkt, dass er mit angezogener Handbremse spielt. Ist auch verständlich – eine blöde Bewegung, oder wenn bei einem Zweikampf wieder was passiert, dann sind die Bänder gleich wieder durch. So fehlt dir schon mal ein Feldspieler am Platz, denn wenn man nicht 100% geben kann, dann reicht es normalweise auf Profi-Level nicht.

    Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.