Draußen ist es kalt und im Café Schottenstift herrscht rege Betriebsamkeit, als ich Alain Hoxha treffe. Hoxha kommt von einem beruflichen Termin. Es habe... „Als Schiedsrichter kann man nicht sagen, dass man mit Fehlern leben kann.“ – Alain Hoxha im Interview

Draußen ist es kalt und im Café Schottenstift herrscht rege Betriebsamkeit, als ich Alain Hoxha treffe. Hoxha kommt von einem beruflichen Termin. Es habe ein bisschen länger gedauert, entschuldigt er sich. Der 46-jährige werkte einst jahrelang sowohl in der heimischen Bundesliga als auch bei internationalen Spielen als Schiedsrichter. Mittlerweile hat er seine Laufbahn beendet. Er bestellt Erdäpfelgulasch und erzählt, er würde gerade seine Ernährung umstellen: Pflanzliche Kost steigere ja angeblich die Leistungsfähigkeit. Ich bestelle Filet Wellington. Es ist der Beginn einer interessanten Unterhaltung, an deren Ende mir immer noch tausende Fragen im Kopf herumspuken. Da ist das Gulasch längst ausgelöffelt und das Soda geleert. Ein Gespräch über Schiedsrichterpersönlichkeiten, Bauchgefühl und das Cupfinale in Ägypten.

abseits.at: Warum haben Sie Ihre Schiedsrichterkarriere 2014 beendet?

Alain Hoxha: Ich habe ein sehr gutes Jobangebot bekommen und es war absehbar, dass kein österreichischer Schiedsrichter bei der EM in Frankreich oder der WM in Russland dabei sein wird. Eine internationale Endrunde wäre das Einzige gewesen, was mich noch gereizt hätte, denn sonst war ich überall dabei – U-20 WM, Europa League, Champions League.

Wie entscheidet sich, welcher Schiedsrichter bei internationalen Turnieren pfeifen darf?

Es gibt bei jedem Spiel eine Einzelbewertung des Schiedsrichterteams, aber auch die „Herkunftsliga“ spielt eine wesentliche Rolle. Das Problem ist diesbezüglich aber, dass das System veraltet ist: Schottland, zum Beispiel, ist fußballhistorisch ein wichtiges Land, aber die Liga selbst ist keine Topliga. Trotzdem haben die Schotten viel Einfluss und stellen viele Schiedsrichter bei wichtigen Spielen. Einzelkritik bei Schiedsrichtern ist generell schwierig. Bewertungen sind schwer vergleichbar, zwar kann man Einzelentscheidungen oft auf ihre Richtigkeit überprüfen, aber es gibt auch viele „soft facts“: Was soll „Spiel unter Kontrolle haben“ schon heißen?

Der Schiedsrichter wird in Österreich oft mit dem Spielverderber gleichgesetzt, mit Kritik wird definitiv nicht gespart. Sie waren siebzehn Jahre lang in der heimischen Bundesliga aktiv, wie sind Sie behandelt worden?

Der Stellenwert der Schiedsrichter ist grundsätzlich nicht besonders hoch. In Österreich wird darüber hinaus sehr viel kritisiert und die Leistungen meist sehr negativ beurteilt. Generell müsste man die Rolle des Schiedsrichters aufwerten und mehr investieren. Es macht Sinn, dass sich große Nationen Profischiedsrichter leisten. Der ÖFB ist ein mittlerer Verband, da ist es klar, dass man nicht nur Profis anstellen kann. Es wäre aber gut, wenn wir ein paar Leute hätten, die Voll- oder Teilzeit mit zusätzlichen administrativen Aufgaben pfeifen könnten. Wenn wir drei oder vier Schiedsrichter hätten, die ihr Handwerk zumindest semiprofessionell ausüben könnten, dann würde die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Österreicher höherklassige, internationale Spiele leiten wieder deutlich steigen.

Ist das in anderen Ländern anders?

Ja, wobei wir uns natürlich nicht mit den europäischen Topligen vergleichen dürfen. Aber auch ähnlich große und leistungsstarke Ligen sind teilweise schon einen Schritt weiter. In Österreich ist die Entlohnung in der höchsten Liga für Schiedsrichter durchaus in Ordnung, aber die Rahmenbedingungen können mit der notwendigen Professionalität nicht Schritt halten. Schiedsrichter müssen beispielsweise oftmals direkt vom Arbeitsplatz zu einem Spiel hetzen und die erforderliche Regeneration in ihrer beruflichen Freizeit unterbringen und eigenständig organisieren. Hier fehlt es leider am notwendigen Engagement für die Schiedsrichterzunft. Auch die zuständigen Funktionäre für den Elitebereich arbeiten ehrenamtlich und sind so oft nicht in der Lage, sich für die Anliegen der Schiedsrichter entsprechend „hineinzuhängen“.

Vor kurzem sorgte der Berliner Schiedsrichterstreik für Aufregung. Sehen Sie die Zustände in den unteren Ligen bei uns ähnlich?

Aktuell nicht, aber die Zustände vor 15 bis 20 Jahren waren teilweise auch sehr heftig. Heute bleibt es bei viel grundloser Kritik und Beleidigungen. Tätliche Übergriffe wie vergangenen Herbst in Deutschland gab und gibt es – zum Glück – nur selten. In den Stadien in Wien, Salzburg oder Graz höre ich am Platz den einzelnen Zuschauer nicht, aber auf anderen Plätzen höre ich jede einzelne Beschimpfung, die von der Tribüne kommt. In den untersten Ligen ist das natürlich noch viel intensiver wahrnehmbar. Es geht sehr oft nur gegen die Referees: Das muss verarbeitet oder eben ausgeblendet werden Der Sportklubplatz ist da die löbliche Ausnahme. Wenn dort am Ende – neben der Gästemannschaft – auch noch für das Schiedsrichterteam geklatscht wird, wird das von Verbandsseite zu wenig aufgearbeitet. Es ist schade, dass so etwas nicht als gutes Beispiel herausgestrichen wird.

Aber werden nicht überall auf der Welt Gegner und Schiedsrichter von Fans bepöbelt?

Ja, doch. Aber muss das sein? Vor allem im südlichen Raum ist es besonders heftig. In Skandinavien und den nördlichen Ländern gibt es allgemein weniger lautstarke Stimmung und daher auch weniger Diskussionen oder Kritik. Sehr schlimm und emotional kann es in Südosteuropa oder im arabischen Raum werden.

Die Sportklub-Fanszene ist ein Unikum. Man muss bedenken, dass sich hier eine bestimmte Subkultur (links, alternativ, etc.) einem Fußballverein zugewandt hat und nicht historisch-organisch gewachsen ist. Hier leben Leute ihre Weltanschauung auch am Fußballplatz aus. Das kann man doch nicht mit anderen Vereinen vergleichen.

Das stimmt. Trotzdem müsste man hier ansetzen. Es gibt ja immer wieder positive Ausnahmen, zum Beispiel bei St. Pauli. Zum Ende meiner Schiedsrichterkarriere habe ich nebenbei mit der Trainerausbildung begonnen. Die Art und Weise wie dort zum Teil über Schiedsrichter gesprochen wurde, spiegelt die geringe Wertschätzung für Referees wider. Natürlich gibt es vereinzelt auch Selbstdarsteller unter den Schiedsrichtern, die ihre Kollegen in ein schlechtes Licht rücken. Selbst wenn es mit der Durchsetzung der Fußballregeln oft schwierig ist und manchmal auch notwendig ist, sich in den Vordergrund zu stellen, muss aber klar sein, dass ein Match nicht nur wegen des Schiedsrichters angepfiffen wird.

Was hat Sie überhaupt dazu bewogen Schiedsrichter zu werden?

Ich habe selbst lange Zeit Fußball gespielt, war als Jugendlicher sogar österreichischer Meister und habe auch einige Spiele in der Zweiten Bundesliga gemacht. In einem Nachwuchsmatch habe ich eine rote Karte bekommen, obwohl mein Nebenmann das Foul begangen hat. Das war der Auslöser für mich, als Siebzehnjähriger eine Schiedsrichterausbildung zu beginnen. Bis zur Regionalliga habe ich Spiele gepfiffen, für die Bundesliga habe ich als „erster Offizieller“ aber nicht ins Profil gepasst. Die Besetzung war damals noch politischer, es musste aus jedem Bundesland einer dabei sein. Das ist heute nicht mehr so. Deshalb bin ich dann direkt vom Landesligaspieler zum Bundesliga-Assistenten aufgestiegen. Ich frage mich heute noch, wie ich es letztendlich geschafft habe. Die ungerechtfertigte rote Karte war jedenfalls der Knackpunkt. Ich war immer schon sehr kritisch und kenne keine Sportart, in der Spieler so wenig Regelkenntnis haben, wie im Fußball: Es gab Spieler, die in einem Bundesligamatch bei einem Abstoß „Abseits!“ schrien.

Als Außenstehende frage ich mich oft, wie man entscheidet, wenn man sich nicht sicher ist. Haben Sie – wie bei Schiris oft kolportiert wird – auf Ihren Bauch gehört?

Das ist typabhängig. Bei möglichem Abseits ist es üblich im Zweifel weiterspielen zu lassen. So wird es gelehrt und das spiegelt auch wider, was man im Laufe der Jahre an Erfahrung gewinnt: Im Zweifel soll das Spiel immer weiterlaufen. Sobald ich als Schiedsrichter nach kritischen Entscheidungen anfange nachzudenken, habe ich schon verloren. Ich kann ja sowieso nichts mehr ändern und mir fehlt dadurch nur die Konzentration für die nächste Situation. Das Headset hat viele Verbesserungen gebracht: In Graz war einmal ein kritischer Zweikampf an der Strafraumgrenze. Für uns – als Schiedsrichtertrio – war sofort klar, dass es Foulspiel war, aber wir wussten nicht, ob es Elfer oder Freistoß sein soll. Durch das Headset konnten wir uns viel besser abstimmen. Ich habe damals gesagt, es war ein Strafstoß und das war schlussendlich auch richtig. Ich bin meistens meinem ersten Gefühl, meinem ersten Eindruck treu geblieben. In siebzehn Jahren Schiedsrichtersein hatte ich nur eine (mit TV-Bildern belegte) falsche „Torentscheidung“ und die auch nur, weil ich in dieser Situation zu viel Zeit zum Nachdenken hatte: Der Ball ist ewig geflogen und mein Bauchgefühl hat mir „Weiterspielen!“ gesagt. Aber weil der Ball lange unterwegs war, habe ich dann doch Abseits angezeigt. Beim Fußball muss man auch die regionalen Besonderheiten beachten: Es gibt zwar ein Regelbuch, das für alle gleich ist, aber ein „österreichisches Foulspiel“ ist weder in England noch in der Champions League zwingend ein Vergehen. Dort kann man viel mehr laufen lassen, da dies von den Spielern auch so erwartet wird.

Was unterscheidet internationale Spiele von heimischen Matches aus der Sicht des Unparteiischen?

Im Ausland kennt dich niemand. Das ist schon anders als in unserer Liga, wo man sich regelmäßig über den Weg läuft. Es ist Vor- und Nachteil zu gleich: Du musst dir Respekt erarbeiten. Internationale Spiele sind viel schneller. Deshalb wird oft erst in der zweiten Halbzeit begonnen zu jammern, wenn sich Müdigkeit bei den Spielern einstellt. Starmannschaften und große Spieler glauben oft, sie können durch ihre Prominenz Entscheidungen für sich herausholen: Wayne Rooney, zum Beispiel, der wollte mir gegenüber klarmachen, wer er ist. Für mich gab es aber immer nur die Maxime richtig zu entscheiden – egal für wen. Je schneller Unparteiische Spiele laufen lassen können und je weniger sie eingreifen müssen, desto weniger werden sie im Anschluss kritisiert.

Bedeutet das, Schiedsrichter sind in CL-Matches zu feig zu unterbrechen?

Nein. Es ist wichtig als Schiedsrichter eine Entscheidung zu fällen und dann dazu zustehen. Gefährlich wird es, wenn sich Schiedsrichter ‑ aus Angst einen Fehler zu machen ‑ nicht trauen abzupfeifen. Auch hier ist der Verband gefordert. Es muss schon bei der Personalselektion beginnen: Man muss viel mehr Junge bewegen, diesen Weg einzuschlagen, um später aus einem größeren Reservoir Schiedsrichter für die Bundesliga fischen zu können. Es braucht starke Persönlichkeiten. Es kann nicht sein, dass sich Schiedsrichter – auch namhafte internationale Referees – nach einem Spiel Autogramme von Spielern holen.

Was war Ihre schönste Erfahrung auf internationalem Parkett?

Wembley, definitiv. Das muss 2011 gewesen sein. Ich war Schiedsrichterassistent beim „Battle of Britain“ – England gegen Wales. Als mehr als 80.000 Zuschauer „God save the Queen“ gesungen haben, ging mir das auch als Unparteiischer nahe. Normalerweise ist mir so etwas egal, aber das war schon ein einzigartiges Erlebnis. Ashley Cole und Wayne Rooney musste ich in dem Spiel ordentlich zurechtweisen. Es gibt eben gewisse Spieler, die Schiris für sich einnehmen wollen. Rooney musste ich sogar lauter anschreien, damit er sich endlich nur noch auf das Spiel konzentrierte.

Gab es auch in der österreichischen Bundesliga Spieler, die regelmäßig mit den Schiedsrichtern im Clinch lagen?

Natürlich gab es auch in Österreich einige Spieler, die dafür bekannt waren regelmäßig mit Gegenspielern und Schiedsrichtern zu diskutieren. Die Anzahl ist aber in den letzten Jahren vermutlich eher gesunken. Unabhängig davon müssen Schiedsrichter diese Tatsache aber ausblenden können und alle Spieler gleichbehandeln. Jedenfalls kann ich guten Gewissens behaupten, dass meine Entscheidungen nie dadurch beeinflusst worden sind, ob ich einen Spieler oder Trainer persönlich mochte oder nicht. Für Schiedsrichter, die das alles nie selbst als Spieler erlebt haben und dann ins kalte Wasser geschmissen werden, ist das sicher keine leichte Aufgabe.

Was muss die Grundeigenschaft eines Schiedsrichters sein?

Er sollte eine Linie haben und diese durchziehen. Nur so ist man berechenbar und setzt sich am Ende durch. Schörgenhofer und Stuchlik waren Typen, die zu ihren Entscheidungen gestanden sind. Fritz Stuchlik war bei den Spielern nicht sehr beliebt, aber er war akzeptiert, weil man ihn einschätzen konnte. Ich habe nie wieder einen Schiedsrichter erlebt, der so wenig mit Spielern reden musste. Er hat sie einfach nur angeschaut oder er hat nur eine Handbewegung gemacht und die Mauer ist schon zurückgegangen. Aber natürlich gibt es nicht nur diesen Weg der Autorität. Es gibt auch Schiedsrichter, die erarbeiten sich ihr Standing durch Kommunikation auf Augenhöhe und Kollegialität, wie Harald Lechner. Im modernen Fußball wird das aber immer schwieriger: Es gab einen Spieler, der als Achtzehnjähriger bei den Rapid Amateuren gespielt hat, heute spielt er in Deutschland, der zu mir aus Frust gemeint hat: „Was willst du von mir? Ich verdiene an einem Tag, was du im Monat bekommst!“. Er wird vermutlich recht gehabt haben, aber es zeugt nicht vom notwendigen Respekt.

Mit wem haben Sie als Assistent am liebsten zusammengearbeitet?

Stuchlik, Schörgenhofer, Lechner – mit denen habe ich die meisten Matches gepfiffen. Alle drei sind interessante Persönlichkeiten: Mit Stuchlik war ich erstmals in der Champions League unterwegs. Harald Lechner habe ich als ganz jungen Schiri kennengelernt und ihn auf seinem Karriereweg nach oben begleitet. Mit Robert Schörgenhofer habe ich meine Ausbildung bei der UEFA absolviert. Wir waren sehr viel international unterwegs, u.a. auch zusammen in Kolumbien oder Katar. Die Drei sind ganz unterschiedliche Charaktere, aber jeder für sich sehr professionell.

Aktuell wird der Videobeweis heftig diskutiert. Sie haben erlebt, dass das Headset eingeführt wurde. Herbert Prohaska hat einmal gesagt, beim Autofahren dürfe man auch nicht telefonieren, das Headset lenke die Schiedsrichter zu sehr ab. Stimmt das?

Nicht wenn es richtig gehandhabt wird. Bei Fritz Stuchlik und seiner oben angesprochen Art war es nicht die große Unterstützung, grundsätzlich ist es aber bei professioneller Verwendung ein sehr wichtiges Tool. In der Einführungsphase galt es zunächst einige Hindernisse zu überwinden: Kurz nach der Einführung habe ich in Israel gepfiffen und dort haben die Behörden die Frequenz unterbunden, sodass die Headsets nicht funktioniert haben. Beim nächsten Spiel dort haben wir dann auf Anweisung der UEFA eigene Geräte zur Verfügung gestellt bekommen. Bei diesem Match konnte ich dann prompt bei einer kniffligen Strafraumentscheidung über eine größere Distanz das Team über das Headset unterstützen, da die Anderen keine Sicht auf das Vergehen hatten.

Wie kommunizieren die Schiedsrichter über das Headset?

Grundsätzlich mit Kurzwörtern, aber das ist von Team zu Team etwas unterschiedlich. Vieles ist logisch wie, beispielsweise, „Elfer!“. Aber es gibt auch „Foul raus“ und „Foul rein“. Sehr oft werden zur Verdeutlichung auch mehrere schnelle Wiederholungen verwendet. Dafür ist eine genaue Absprache vorab notwendig. In diesem Punkt ist es absolut von Vorteil, wenn sich das Schiedsrichterteam untereinander schon gut kennt.

Wie stehen Sie zum Videobeweis?

Ich stehe dem Video-Assistent-Referee absolut positiv gegenüber. Unter anderem ist das Fehlen dieser Technik in der heimischen Liga mit ein Grund, warum aktuell kein österreichischer Schiedsrichter in der höchsten UEFA-Kategorie gelistet ist. Der VAR bringt sicher Anlaufschwierigkeiten mit sich. In Deutschland funktioniert er aber mittlerweile schon ganz gut. Es ist aber auch mit Videobeweis schwierig gewisse Situationen gänzlich richtig aufzulösen: Ob die Fußspitze bei möglichem Abseits vorne ist, kann man einfach nicht sehen und ist auch mit VAR nicht immer eindeutig erkennbar.

Es gibt die Kritik, der Video-Schiedsrichter töte die Seele des Fußballs.

Als Schiedsrichter bin ich absolut für die Einführung, da der VAR in Summe für noch mehr richtige Entscheidungen in den Stadien sorgt. Als Fußballkonsument bin ich natürlich auch etwas genervt von den teilweise sehr langen Unterbrechungen und jenen VAR-Entscheidungen, die dann doch auch wieder nicht eindeutig aufgelöst werden können.

Es gibt auch Schiedsrichter, die mit der Begründung, Fehlentscheidungen sind Tatsachenentscheidungen und gehören zum Fußball, gegen einen VAR sind.

Dem kann ich mich nicht anschließen. Ich finde, dass das Ziel eines Schiedsrichters sein muss für hundertprozentige Gerechtigkeit zu sorgen – natürlich im Bewusstsein, dass dies nicht immer umsetzbar ist. Ich kann nicht mit der Einstellung, dass Fehler passieren, weitermachen. Mein Ziel war immer, so oft wie nur möglich richtig zu liegen.

Sie wurden im März 2010 stark angefeindet, als Sie beim Wiener Derby einen „umstrittenen“ Elfmeter zugunsten der Grün-Weißen gepfiffen haben. Es gab einen Zweikampf zwischen Mario Konrad und Jacek Bak. Letzterer fuhr dem damaligen Rapid-Stürmer – aus Ihrer Sicht – mit dem Ellbogen ins Gesicht. Damals wurde Ihnen eine Affinität zu Rapid unterstellt, da Sie einst im Nachwuchs gespielt hatten. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Es war sehr heftig. Es ging im Grunde genommen nur um meine fußballerische Vergangenheit. Dass bzw. ob die Entscheidung regeltechnisch in Ordnung war, war kaum Thema.

Medial gab es die Forderung, Wiener Schiris sollten das Wiener Derby nicht mehr pfeifen.

Ja, das war eine Zeit lang so.

Gibt es – zum Abschluss – noch eine Anekdote von Ihren internationalen Spielen?

In Ägypten war ich beim Cupfinale dabei. Da spielten stark verfeindete Stadtrivalen – ähnlich wie Rapid und Austria in Wien – gegeneinander. Neun Stunden vor dem Anpfiff sind wir auf dem Rückweg vom Mittagessen zum Hotel am Stadion vorbeigekommen und haben gesehen, dass die ersten Zuschauer hineingelassen wurden. Unser Betreuer meinte, das müsse so sein, weil das Stadion drei Stunden vor Matchbeginn schon voll sei. Letztendlich fand das Endspiel vor 70.000 Fans statt. Kurz vor dem Anpfiff kamen beide Kapitäne zu uns in die Kabine. Jeder für sich hat uns darum gebeten mit ihren Bällen zu spielen. Das Unglaubliche dabei war, dass es sich dabei um absolut idente Bälle gehandelt hat. Doch es war für die Mannschaften einfach wichtig, schon vor Spielbeginn den ersten Erfolg zu feiern. Auch beim libanesischen Cupfinale war ich einmal Teil des Schiedsrichtertrios. Wegen der überaus heiklen politischen Situation standen zahlreiche Soldaten mit Maschinengewehren nahe am Spielfeld mit Blickrichtung Zuschauer. Die sehr spärlich besuchte VIP-Tribüne war mit Panzerglas geschützt.

Zur Person: Alain Hoxha (sprich: Hodscha) war von 1991 bis 2014 ÖFB-Schiedsrichter und pfiff auch internationale Spiele. Heute ist er als Vorstand in der Finanzbranche tätig.

Das Interview führte Marie Samstag.

Marie Samstag