Es war alles angerichtet für ein violettes Fußballfest. Nach dem in Unterzahl hart umkämpften 4:2 Heimerfolg gegen Hartberg, war das Etappenziel zum Greifen nahe... Analyse: Austria legt eine leistungstechnische Bankrotterklärung hin

Es war alles angerichtet für ein violettes Fußballfest. Nach dem in Unterzahl hart umkämpften 4:2 Heimerfolg gegen Hartberg, war das Etappenziel zum Greifen nahe und man konnte sich mit einem Heimsieg gegen den Tabellenletzten Altach aus eigener Kraft für die Meisterrunde qualifizieren. Was sollte schon gegen die abstiegsbedrohten Vorarlberger schiefgehen, die zudem noch unter der Woche einen Trainerwechsel vornahmen, dachten sich wohl nicht zu Unrecht die meisten Austria-Fans. Am Ende kam jedoch eine Leistung dabei heraus, die nicht nur ein wahrer Offenbarungseid, sondern eine Bankrotterklärung war und letztlich Thomas Letsch den Job kosten sollte.

Der Austria-Trainer Thomas Letsch kündigte im Vorfeld der Partie an, eine mutige und mit Selbstvertrauen ausgestattete Mannschaft auf das Feld zu schicken, die unbedingt die drei Punkte holen wolle, um aus eigener Kraft den Einzug in die Meisterrunde zu fixieren. Des Weiteren einigten sich die Mannschaft und die Fans im Vorfeld in einem Gespräch, sich gegenseitig zu pushen und alles dem Ziel unterzuordnen, um gemeinsam den Einzug in die Meisterrunde zu schaffen. Nach dem Schlusspfiff gab es trotz der Qualifikation für die Meisterrunde allerdings nicht nur ein gellendes Pfeifkonzert für die Mannschaft, sondern darüber hinaus wurden diese auch noch von „Letsch-Raus“ Rufen untermalt und es brodelte gewaltig in Wien-Favoriten. Doch wie konnte es soweit kommen und was war in den 90 Minuten zuvor passiert? Auf die Gründe, die das Fass zum überlaufen brachten, wollen wir nun etwas genauer eingehen.

Aufstellungstechnisches Harakiri führt zu defensiven Problemen

Blickte man im Vorfeld auf die Mannschaftsaufstellung der Austria, so dachten sich die meisten wohl, dass es eine äußerst mutige Variante war. Man blieb bei der 4-4-2 Grundordnung, im Zentrum lief man ohne einen klassischen Sechser auf – blieb also bei dem offensiven Pärchen Grünwald/Matic – und in der Offensive lief man mit drei nominellen Stürmern auf. Einerseits muss man zweifellos Anerkennen, dass Letsch das Risiko nicht scheute und durchaus Mut in dieser Situation bewies. Andererseits war die Ausführung allerdings alles andere als gut. Die Probleme der Aufstellung zeigten sich von der ersten Minute und speziell in der Defensive, wo man löchrig wie ein Schweizer Käse agierte. Das 4-4-2 legte man sehr breit aus und streckte die eigene Formation, weshalb man auf den Flügeln jeweils zwei Pärchen bildete und die Außenverteidiger und Flügelspieler ihr Positionsspiel in die Breite auslegten. Man versuchte dabei, die 5-4-1 Formation der Altacher zu strecken, nur ging das nach hinten los.

In der Defensive gab es vor allem das Problem, dass man im Zentrum dadurch keine Kompaktheit zustande brachte. Nach Ballverlust waren sowohl die Stürmer, als auch oft die breiten Flügelspieler Monschein und Sax zu weit weg, um schnell genug hinter den Ball zu kommen und die Kollegen im zentralen Mittelfeld zu unterstützen. Dadurch gab es für Altach große Räume in den zentralen Regionen und im Zwischenlinienraum, die sie auch gezielt anvisierten. So zu sehen beim 1:0 der Gäste, als Flügelverteidiger Karic mit einem diagonalen Pass das unterbesetze Mittefeld der Austria aushebelte und Altach plötzlich mit drei Spielern eine Überzahl gegen die zwei Innenverteidiger der Violetten vorfand, da Rechtsverteidiger Klein aus seiner Position gerückt war. Das kann man beim nächsten Bild gut erkennen:

Szene im Vorfeld des 0:1, Altach überlädt den Raum mit drei Spielern (gelbe Linie) und der Zwischenlinienraum steht vollkommen offen, da das Mittelfeld der Austria nicht kompakt genug agiert, weshalb Gebauer den Ball ohne Druck annehmen kann. Für die verbleibenden zwei Innenverteidiger der Veilchen eine nahezu unlösbare Aufgabe und Altach konnte dadurch problemlos in den Strafraum eindringen.

Diese Szene stand sinnbildlich für die erste Halbzeit der Austria. Man spielte ohne eine passende Absicherung und nach jedem Ballverlust brannte es bei den Veilchen vor allem im unterbesetzten Zentrum lichterloh. Erschwerend hinzu kam, dass der Altach-Stürmer Berisha den Ball sehr gut abdeckte und sichern konnte, wodurch er seinen Mitspielern Zeit gab aufzurücken und nachzustoßen. Normalerweise hätte da ein Sechser dem Innenverteidiger zur Hilfe kommen müssen, um Berisha von vorne unter Druck zu setzen, doch die zentralen Mittelfeldspieler hatten einfach zu viele Aufgaben auf einmal zu bewältigen und mussten das Mittelfeld quasi alleine bespielen. Es ist eigentlich kaum zu verstehen, wie man mit dem Zentrum die wichtigste Region im Fußball so vernachlässigen konnte. Die Austria kann im Nachhinein von Glück reden, dass Altach mit Fortdauer vom 5-2-3 immer mehr in das tiefe 5-4-1 zurückfiel, denn ansonsten hätten die Gäste das Spiel bereits viel früher entscheiden können. So konnte dann die Austria speziell in der zweiten Halbzeit Aufrücken und das Spiel besser absichern, weil einfach die Wege nach vorne für die Vorarlberger zu lang wurden.

Schlechtes Positionsspiel, kaum Abstimmung und schlechte Personalwahl

Doch nicht nur in der Defensive hatte die Austria große Probleme, das Ballbesitzspiel war mindestens ebenso eine einzige Katastrophe. Angefangen beim Spielaufbau, wo die Altacher mit gezielten Mannorientierungen die Austria so aus der Bahn warfen, dass die Violetten von Anfang an jegliche Sicherheit vermissen ließen. Von der Austria gab es keinerlei Reaktion darauf, keine alternative Bewegungsmuster und Anpassungen zu sehen, weshalb man sich solange die Altacher im 5-2-3 agierten, kaum einmal sauber nach vorne spielen konnte. Die Gäste konnten so mit einer minimalen Anzahl von Spielern viele Gegenspieler binden, was die Abwehrarbeit  der Altacher natürlich erleichterte. Erst in der zweiten Halbzeit kippte Kapitän Grünwald nach links ab, jedoch waren da die Altacher bereits im tiefen 5-4-1 angelangt und störten den Aufbau der Austria nicht mehr.

Ein weiteres Problem war im Allgemeinen das Positionsspiel der Austria. Mit dem breitangelegten 4-4-2, konnte man zwar die Flügelzonen doppelt besetzen, jedoch hatte dies zur Folge, dass im Zentrum und speziell im Zwischenlinienraum oft ein riesiges Loch klaffte. Vier Spieler standen auf der Außenbahn somit genau auf der gleichen Linie, wodurch klarerweise andere Positionen unbesetzt blieben. Die meiste Zeit der ersten Halbzeit wurde daher der Zwischenlinienraum kaum besetzt, weshalb sich die beiden Stürmer sehr weit nach hinten fallen lassen mussten. Doch so richtig wohl fühlte sich keiner der beiden Angreifer bei dieser Aufgabe. Turgeman hätte zwar die spielerischen Anlagen für diese Rolle, allerdings agierte er in diesem Spiel zu unsauber und leistete sich einige gefährliche Ballverluste. Edomwonyi wurde dabei meist gleich von mehreren Gegenspieler bearbeitet und stand unter permanenten Druck, da er vom Gegner scheinbar als Schlüsselspieler ausgemacht wurde.

Erschwerend hinzu kam, dass die beiden Stürmer überhaupt nicht miteinander harmonierten, was nicht nur an der Reaktion von Edomwonyi nach dessen Ausgleichstreffer zu sehen war. Oft standen sie zu weit voneinander entfernt, unterstützten sich gegenseitig zu wenig und öffneten kaum Räume füreinander. Die Abstimmungsprobleme der beiden waren offensichtlich, was wohl auch damit zusammenhängt, dass sie kaum miteinander auf dem Platz standen. Das wäre nicht so problematisch, wenn es nicht aus dem Mittelfeld heraus auch zu wenige Akzente gegeben hätte.

Mit Monschein spielte etwa ein nomineller Stürmer auf dem Flügel, der sich auf der Position allerdings schwer tut. Vom Einsatz und Kampfgeist vorbildhaft, ist Monschein allerdings ein auf Dynamik ausgelegter Spielertyp, der gerne die Tiefe sucht und ein gutes Raumgefühl besitzt. Auf dem Flügel fehlt es ihm an den Werkzeugen, wie er sich bewegen muss, wann er welchen Raum zu besetzen hat und vor allem die nötige spielerische Note gegen einen tiefstehenden Gegner. Nicht von ungefähr kam er nur auf eine Passquote von 46 (!) Prozent und agierte damit überaus fehlerhaft. Monschein kann in der richtigen Rolle ein sehr wichtiger Spieler sein, doch Letsch tat ihm keinen Gefallen damit, ihn auf der Außenbahn mehr oder weniger zu isolieren.

Letztendlich muss man konstatieren, dass Letsch lieber eine unliebsame Entscheidung vermeiden wollte, als Turgeman oder Monschein auf die Bank zu setzten. Dadurch fehlte es der Mannschaft lange Zeit einfach an Kreativität und Akteuren, die spielerische Lösungen im letzten Drittel kreieren konnten. Matic und Grünwald konnten nicht gleichzeitig aus der Tiefe und im letzten Drittel das Spiel ankurbeln, weshalb die gesamte Last für Ideen und spielerische Lösungen im letzten Drittel oft auf den Schultern von Max Sax lag. Man fühlt sich in ein Déjà-vu versetzt, denn die haargenaue Problematik hatte die Austria bereits im Herbst und gelernt hat man scheinbar wenig daraus. Natürlich kann man die schlechte Entscheidungsfindung den Spielern in die Schuhe schieben, doch bei kreativen Spielern wie Prokop, Sarkaria oder Ewandro ist nun mal die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie eher spielerische Ideen zum Durchbrechen eines Abwehrblocks entwickeln, als es bei Monschein, Turgeman oder Edomwonyi der Fall ist.

Strategisch beging man also schon von der Personalauswahl und Einbeziehung der Spielerrollen her einen schwerwiegenden Fehler. Doch auch von einem Muster und einer Vorgehensweise, wie man gedachte, den Defensivverbund des Gegners knacken zu wollen, war ebenfalls nichts zu sehen. Das Spiel ähnelte dem Versuch, unaufhörlich mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Entweder wurden die Angriffe nicht entsprechend vorbereitet und der Ball in Räume gespielt, wo der Gegner schon auf die Zuspiele lauerte, oder man schlug verzweifelte lange Bälle in Richtung Strafraum und hoffte, dass das Spielgerät irgendwie vor die Füße eines Mitspielers landen würde. Das gesamte Verhalten war schlichtweg plan- und kopflos, so drastisch muss man das gesamte Offensivspiel der Austria beschreiben. Dies hatte zur Folge, dass man sich gegen den Tabellenletzten in 95 Minuten nahezu keine, aus dem Spiel herausgespielte saubere Abschlussmöglichkeit erarbeitete. Daher siegte der Tabellenletzte Altach hochverdient mit 3:1 und entführte die drei Punkte aus Wien-Favoriten.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic