Der Wolfsberger AC und Sturm Graz trennten sich in einem intensiven und hart umkämpften Spiel mit einem 1:1 Unentschieden. Die Vorzeichen hätten dabei vor... Analyse: WAC auch für Sturm Graz nicht zu bezwingen

Der Wolfsberger AC und Sturm Graz trennten sich in einem intensiven und hart umkämpften Spiel mit einem 1:1 Unentschieden. Die Vorzeichen hätten dabei vor der Partie nicht unterschiedlicher stehen können. Neo-Coach Christian Ilzer verpasste seinen Wolfsbergern in den ersten Wochen dieser Saison ein sehr erfrischendes und effektives Facelifting und konnte bereits viele Elemente seiner Spielidee mit Erfolg implementieren.
Bei den Blackies aus Graz findet man genau die konträre Situation vor. Großer Umbruch im Sommer, krachendes Europacup-Aus, durchschnittliche Leistungen zum Ligastart. Dazu ortete Trainer Heiko Vogel zuletzt Probleme im „spielphilosophischen Bereich“.
Trotz der eben genannten Ausgangssituationen kontrollierte Sturm die Begegnung mit mehr Ballbesitz, bissen sich aber häufig am unangenehmen Wolfsberger Defensivblock die Zähne aus und kamen durch das gut abgestimmte und blitzschnelle Umschaltspiel des WAC einige Male in defensive Schwierigkeiten.
Wir analysieren das Defensivkonzept der Kärntner, schauen uns die Aufbaustaffelungen von Sturm an und erklären anhand des Treffers von Schmerböck auch die defensiven Instabilitäten von Sturm innerhalb ihrer genutzten 5-2-1-2 Ordnung gegen den Ball.

Der WAC wird für alle Teams ein unangenehmer Gegner sein

Was man bereits nach den ersten Spielen festhalten kann ist die Tatsache, dass der WAC in dieser Saison für jede Mannschaft einen unangenehmen und äußerst schwierig zu bespielenden Gegner darstellen wird, vor allem für die potentiellen Topteams der Liga. Dafür allein ist die Ordnung und Struktur auf dem Feld zu kompakt, die Laufbereitschaft zu hoch und das Zweikampfverhalten zu aggressiv. In den ersten Runden gelang es den Mannen von Christian Ilzer sehr gut, diese Elemente zu verbinden und in Einklang zu bringen, wodurch viele Gegner große Probleme damit hatten, Zugriff auf das Spiel zu bekommen. Rapid kann ebenfalls ein Lied davon singen.

Wie schon auswärts in Hütteldorf gegen Rapid griff Ilzer auch gegen den amtierenden Cupsieger aus Graz auf eine 4-3-2-1 Formation im Spiel gegen den Ball zurück. Mario Leitgeb besetzte darin wieder die Sechserposition im Zentrum, Ritzmaier und Wernitznig sortierten sich auf den beiden Achterpositionen neben Leitgeb in den jeweiligen Halbräumen ein. Beide Achter sind im Spiel des WAC mit hohen Aktionsradien ausgestattet und haben sowohl bei eigenem als auch bei gegnerischem Ballbesitz Aufgaben zu erfüllen, die mit einem erheblichen Laufaufwand verbunden sind. Die beiden Zehner-Positionen eine Linie höher nahmen natürlich wieder die derzeit überragenden Liendl und Schmerböck ein, Mittelstürmer Orgill ist im Konstrukt von Ilzer derzeit ebenfalls nicht wegzudenken.

Zu Spielbeginn gingen es die Kärntner gegen den Ball sehr forsch an. Der Mannschaftsverbund positionierte sich hoch und man praktizierte ein sehr aktives Angriffspressing. Orgill war dabei der erste Impuls und lief aggressiv einen der beiden Halbverteidiger von Sturm an (meist war es Spendlhofer), mithilfe der nahe gelegenen Seitenoutlinie und der nachschiebenden Mitspieler konnte meist auch eine gute Drucksituation hergestellt werden und die Grazer sahen sich in dieser Frühphase des Spiels häufig zum langen Ball greifen. Selbst Aktivität ausstrahlen und Rhythmus brechen beim Gegner waren wohl die Hauptziele dieser forschen Anfangsphase.
Es war aber natürlich auch zu erwarten, dass der WAC dies nicht über die gesamten 90 Minuten durchziehen wird und sich stattdessen mit dem eigenen kompakten Block etwas zurückziehen wird. So kam es dann nach etwa zehn Minuten auch. Die Wolfsberger formierten sich in ihrem 4-3-2-1 und ließen die Ballzirkulation zwischen den drei Aufbauspielern von Sturm in deren ersten Linie zu. Dahinter kamen die gewohnten Pressingmechanismen zum Zug. Die erste Pressinglinie um Orgill, Liendl und Schmerböck positionierte sich in ihrer 2-1 Ordnung und konnte so neben dem Zentrum und den defensiven Halbräumen auch die drei Aufbauspieler von Sturm direkt neutralisieren. Durch die tannenbaumförmige Ordnung sollte wie schon gegen Rapid der Aufbau des Gegners auf die Flügel gelenkt werden, um dann unter hohen Raum- und Zeitdruck den ballführenden Gegenspieler aggressiv unter Druck zu setzen und ihn so zu überhasteten Aktionen zu zwingen. Dafür besetzten die beiden Achter Wernitznig und Ritzmaier die defensiven Halbräume neben Sechser Leitgeb und schoben dann bei einem Pass auf die Grazer Flügelverteidiger Koch und Hierländer auf die Seite durch. In der folgenden Videoszene sind viele Elemente des Wolfsberger Defensivspiels enthalten:

Hier zu sehen die etwas zurückgezogene 4-3-2-1 Ordnung der Wolfsberger. Schmerböck, Liendl und Orgill bilden eine enge erste Pressinglinie und drängen die Aufbauversuche der Steirer immer wieder auf die Flügel ab. Bei Bedarf konnten diese drei Akteure durch die nummerische Gleichzahl auch gelegentlich nach vorne schieben und den jeweils ballführenden Grazer aktiv anlaufen, so wie das in dieser Situation Schmerböck sehr dosiert macht. Das Dreier-Mittelfeld dahinter ist schon leicht nach links verschoben und der linke Achter Ritzmaier ist auf dem Sprung heraus zu Koch, der den Ball von Spendlhofer kurz darauf zugespielt bekam. Auch in Ansätzen zu erkennen ist die Aufbaustaffelung von Sturm Graz. Aufbau aus der Dreierkette heraus, breite Flügelverteidiger, Lovric besetzt allein den Sechserraum, Zulj ist in die höchste Linie vorgerückt und Neuzugang Kiteishvili rochiert fluide durch die Linien. 

Diese intakte Ordnung wurde durch eine hohe Laufbereitschaft, einer aggressiven Zweikampfführung und sehr konzentrierten individuellen Leistungen auf den einzelnen Positionen mit Leben gefüllt und die Blackies hatte große Probleme damit, im zweiten und dritten Drittel konstruktiv zu kombinieren und durchzubrechen, auch wenn die Ansätze teilweise sehr gut waren.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass sich die Wolfsberger Viererkette im Abwehrpressing sehr eng um den eigenen Strafraum herum positioniert und damit im Regelfall viel eingerückter steht als das Mittelfeld davor (vor allem aufgrund der herausgeschobenen Achter). Dies hat den Vorteil, dass auch bei etwaigen Durchbrüchen des Gegners durch das Mittelfeld der eigene Sechzehner sehr kompakt und dicht verteidigt werden kann und häufig die gewünschte Überzahlsituation hergestellt werden kann. Ein Aspekt, der ziemlich unspektakulär ist, dafür umso effektiver sein kann.

Ein weiterer interessanter Punkt im Wolfsberger Defensivkonzept waren auch die wechselhaften Anordnungen in der ersten Pressinglinie. Wie weiter oben beschrieben war es zu Beginn und über weite Strecken des restlichen Spiels die bekannte 4-3-2-1 Ordnung mit Liendl und Schmerböck auf den Zehner-Positionen hinter Mittelstürmer Orgill. Gegen Sturm war es situativ aber auch der Fall, dass Liendl alleine hinter den beiden Spitzen Schmerböck und Orgill die Zehn besetzte und dadurch eine 4-3-1-2 Ordnung herstellte. So zum Beispiel zu sehen im folgenden Videoausschnitt.

Zu sehen die eben erwähnte 4-3-1-2 Ordnung, die öfters in diesem Match genutzt wurde und auf die flexibel im Spiel geswitcht werden konnte. Michael Liendl besetzte dabei allein die Zehn und orientierte sich an Lovric. Orgill und Schmerböck besetzten die erste Linie und konnten je nach Situation nach vorne verteidigen. Dahinter das gewohnte Bild. Auch in dieser Szene folgte der Pass von Spendlhofer auf den „freien“ Koch.

Der Zweck und Sinn dahinter blieb gleich. Zentrum dichthalten, Pass auf den Flügel provozieren und dann aggressiv draufgehen und nachschieben. Dazu ist diese Anordnung extrem gut und verheißungsvoll für die offensiven Umschaltaktionen nach Ballgewinnen. Auch das muss natürlich bei der Wahl der „richtigen“ Defensivordnung mitberücksichtigt werden, vor allem wenn man so stark über das Umschaltspiel kommt wie der WAC.

Gute Struktur mit zu wenig Vertrauen bespielt

Wenn man das gute Spiel gegen den Ball von Wolfsberg erwähnt muss man gleichzeitig aber auch das phasenweise gut aufgezogene Ballbesitzspiel von Sturm anfügen. Es war diesbezüglich definitiv wieder ein Schritt in die richtige Richtung, vor allem nach den doch äußerst überschaubaren Spielen in den vergangenen Wochen. Heiko Vogel beweist immer wieder, dass er unabhängig vom derzeitigen Form-Zustand seiner Mannschaft die passende Ordnung und Struktur für sein Team bei eigenem Ballbesitz findet.
Dies war auch gegen den WAC der Fall. Durch das schon mehrfach in dieser Saison genutzte 3-1-4-2 gab es eine saubere Raumaufteilung, welche aber durch verschiedene Positionsrochaden selten statisch wirkte. Das 3-1-4-2 kam vor allem deshalb zustande, weil sich Peter Zulj von seiner nominellen Sechserposition konstant höher positionierte und so mit dem sehr variablen Kiteishvili häufig eine Art Doppelacht bildete. Der flache Spielaufbau von hinten heraus erfolgte derweil klassisch aus der aufgefächerten Dreierkette, Lovric besetzte alleine den Sechserraum und die beiden Flügelverteidiger hielten konsequent die Breite. Die beiden Stürmer Hosiner (zweite Halbzeit Pink) und Grozurek agierten wie schon die gesamte Saison über sehr beweglich und ausweichend und interagierten oft mit dem vorrückenden Zulj. Besonders Lukas Grozurek steht dieses Profil ganz gut zu Gesicht, kann er sich doch von seiner zentralen Position variabel in offene Räume auf dem Flügel fallen lassen und dort seine Qualitäten im 1 gegen 1 einsetzen.
Diese klare Raumaufteilung in Verbindung mit einigen fluiden Bewegungen sorgte dafür, dass Sturm gegen das zentrumslastige Defensivspiel der Kärntner viele Spielverlagerungen spielen konnte und kurzzeitig immer wieder Überzahlsituationen im Mittelfeld herstellen konnte. Dazu war das Passspiel in Ordnung und der erste Kontakt bei der Ballannahme bei vielen Spielern richtig gut. Dies sorgte dafür, dass Sturm das Spielgeschehen mit mehr Ballbesitz kontrollierte und auch gefällig kombinierte, die letzte Durchschlagskraft und Klarheit im letzten Drittel fehlte aber zu häufig. Neben der dichten Strafraumverteidigung des WAC ist dies vermutlich auch der derzeitigen (mentalen) Situation des SK Sturm Graz geschuldet. Es fehlte in vielen Situationen das Vertrauen, der Mut und die Selbstverständlichkeit. Dinge, die schwer zu beschreiben oder festzuhalten sind, definitiv aber einen Einfluss auf die Umsetzung der Spielidee haben. Im Fußball darf eben kein Teilaspekt isoliert betrachtet werden.

Luftige Defensivordnung wird Sturm zum Verhängnis  

Um dieses intensive und interessante Bundesliga-Spiel abzuschließen, blicken wir noch kurz auf das Spiel gegen den Ball von Sturm und erörtern anhand des Führungstreffers von Schmerböck ein paar strukturelle Probleme der Grazer Defensivordnung, die man aber auch unabhängig von der jeweiligen Mannschaft festhalten kann.
Heiko Vogel ließ ähnlich wie im Cupfinale gegen Salzburg in einer 5-2-1-2 bzw. 5-2-3 Ordnung verteidigen (vielleicht auch deshalb, weil der WAC aus einer ähnlichen Staffelung heraus aufbaut wie Meister Salzburg). Zulj und Lovric besetzten die beiden Sechserpositionen, Kiteishvili bekleidete die Zehn hinter den beiden Stürmern. Je nach Bewegung von Leitgeb (hauptsächlich wenn dieser abkippte) rückte er auch nach vorne und stellte so eine flache Dreierreihe in der ersten Pressinglinie her.
Problematisch wird es in dieser Anordnung dann, wenn die erste Pressinglinie überspielt wird, der Ball auf die Flügel oder in die Halbräume gespielt wird und die Flügelverteidiger tief bleiben und nicht aggressiv ins Mittelfeld vorrücken. Die beiden Sechser müssen dann nämlich die gesamte Breite des Platzes abdecken und häufig auf die Flügel herausschieben, wodurch sie selten Zugriff auf Ball und Gegner bekommen. Die Räume im Mittelfeld werden dadurch einfach zu groß. Wirklich effektiv funktioniert diese Herangehensweise nur, wenn die erste Pressinglinie absolut aufmerksam und permanent dicht gestaffelt die gegnerische Aufbaustruktur spiegelt und zustellt und die Flügelverteidiger der Fünferkette antizipativ agieren und aggressiv ins Mittelfeld vorrücken, sodass die beiden Sechser zur Ballnähe verschieben können, aber nicht komplett durchschieben müssen. Dass die restlichen vier Verteidiger der Fünferkette ebenfalls nachschieben, erklärt sich von selbst.

Dies war aber bei Sturm nicht der Fall und deshalb kam auch der Gegentreffer zum 0:1 zustande.

Hier die Entstehung zum 0:1 aus Sicht von Sturm. Der WAC baut das Spiel über die beiden Innenverteidiger flach von hinten auf. Man erkennt die 5-2-3 Ordnung der Grazer und der große offene Raum auf der linken Seite. Die erste Pressinglinie arbeitet hier zu lasch und auch Fabian Koch hätte sich schon früher aus der Fünferkette lösen können, weil einerseits der Pass auf Schmitz offensichtlich war und andererseits die notwendige Absicherung hinter ihm vorhanden gewesen wäre.

Das Zuspiel kommt auf Schmitz, Zulj schiebt darauf hin auf den WAC-Außenverteidiger heraus und kommt in eine unlösbare 1:3 Unterzahlsituation. Wernitznig und Schmerböck tauschten kurz die Positionen, Schmerböck löste sich aus dem Deckungsschatten von Zulj und konnte nach erfolgtem Pass problemlos auf die Abwehrlinie der Grazer zudribbeln. Man sieht auch, dass die Fünferkette als Ganzes etwas zu tief und passiv agiert. Fünf Verteidiger kümmern sich um zwei WAC-Stürmer. Mit den oben angesprochenen Mechanismen hätte vieles dynamischer und griffiger umgesetzt werden können.

Schmitz geht nach seinem Pass auf Schmerböck durch und erkennt den freien Raum vor ihm. Diesen öffnet auch Wernitznig, der mit einem guten Laufweg in die Tiefe sowohl Koch als auch Spendlhofer binden kann. Kiteishvili eilt zwar zurück und hilft, kommt logischerweise aber zu spät und kommt nicht mehr wirklich in den Zweikampf. Eine schwache Zweikampfführung von Koch und eine zu flache Strafraumverteidigung (Rückraum) komplettierten diese entscheidende Szene.

Fazit

Die Zuseher haben ein flottes und intensives Spiel erlebt und auch taktisch entwickelte sich ein wechselhaftes und interessantes Match. Der WAC hat erneut unter Beweis gestellt, dass er für jede Mannschaft in dieser Liga einen äußerst unangenehmen Gegner darstellen wird. Interessant zu beobachten wird sein, wie Christian Ilzer seine Mannschaft bei eigenem Ballbesitz in den nächsten Wochen weiterentwickeln wird. Sie haben aber bereits mit ihrem schnellen Umschaltspiel, den langen Bällen auf Zielspieler Orgill und Michael Liendl als Standardschützen bereits echte Waffen im Repertoire. Dazu mit Akteuren wie Marc-Andre Schmerböck Spieler in den Reihen, die über hohes individuelles Potential verfügen. In Verbindung mit einem stabilen Spiel gegen den Ball eine Mischung, die durchaus zum Erfolg führen könnte, und zwar über einen längeren Zeitraum. Ilzer hat dies letztes Jahr mit Hartberg bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Sturm Graz bleibt in dieser Saison eine echte Wundertüte. Bei eigenem Ballbesitz waren wieder gute Ansätze zu beobachten und in der zweiten Halbzeit war man die bessere Mannschaft. Heiko Vogel muss in der nächsten Zeit aber wieder vermehrt den Hebel in der Verteidigungsarbeit ansetzen. Viele Basics laufen dort noch nicht so wie sie eigentlich sollten. Vogel hat durch das Ausscheiden im Europacup aber nun viele „lange“ Trainingswochen vor sich, die er sicher mit den entsprechenden Schwerpunkten ausfüllen wird.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank