Rapid verliert mit 1:3 in Wolfsberg und kassierte das entscheidende 1:2 aus einem Elfmeter in der Nachspielzeit – der keiner war. Trotzdem sucht man... Charakterstarke Teams schaffen viele Spiele – Rapid nicht…

Rapid verliert mit 1:3 in Wolfsberg und kassierte das entscheidende 1:2 aus einem Elfmeter in der Nachspielzeit – der keiner war. Trotzdem sucht man bei Rapid nicht den Schiedsrichter als Ausrede. Dazu war die Niederlage zu verdient. Der WAC stellte gegen inferiore Rapidler einen neuen statistischen Saisonrekord auf.

Didi Kühbauer rotierte nach dem 0:0 gegen Villarreal nur zwei neue Spieler ins 4-2-3-1-System Rapids. Eine Handschrift des Trainers erkennt man weiterhin nicht. Wenn sich die Spieler dazu entschließen, nicht nach dem Musketier-Motto „Einer für Alle, Alle für Einen“ zu spielen, läuft Rapid konzeptlos und vogelwild über den Platz. Es gibt schlichtweg keine gruppentaktischen Konzepte, keine klaren Offensivstrukturen, keine Positionstreue gegen den Ball.

WAC stellt Saisonrekord an Expected Goals auf

Die Mischung aus Unvermögen und Arroganz, die Rapid auswärts im Lavanttal an den Tag legte, bescherte dem WAC einen Saisonrekord: Kein anderes Team schaffte es in der laufenden Saison auf mehr „Expected Goals“ in einer Partie. Laut der zu erwartenden Treffer hätte der WAC das Spiel demnach rund mit 5:0 gewinnen müssen. Das Heimteam brachte es auf 4.81 xG, während Rapid das Spiel bei 0.42 xG beendete. Eine richtige Packung hätte Rapid womöglich sogar besser getan. Denn mit dem unglücklichen 1:3 glaubt man in der Führungsetage wohl weiterhin, dass es sich einfach um einen schlechten Tag oder eine schwächere Phase und nicht um grundlegende Konzept-, Mentalitäts- und Charakterprobleme handelt.

Die vielen Spiele sind scheinbar nur ein Rapid-Problem

Wenn man Rapid-Verantwortliche oder Spieler auf einen der regelmäßigen Katastrophenauftritte anspricht, wird gerne die „Doppelbelastung“ durch die Europa League vorgeschoben. So auch nach dem 1:3 in Wolfsberg, wo Trainer Kühbauer erneut die „vielen Spiele“ betonte. In den beiden europäischen Gruppenphasen spielen 80 Mannschaften und es ist schwer vorstellbar, dass es eine Mannschaft gibt, die die englischen Wochen noch inflationärer als Ausrede für miserable Liga-Leistungen nimmt, als es bei Rapid getan wird.

Man wusste, dass es viele Spiele geben könnte

Jeder im Verein wusste, dass es zumindest die Möglichkeit von englischen Wochen geben wird. Angefangen vom Präsidenten, über die Geschäftsführer, bis hin zum Trainerteam und den Spielern. Nach dem glücklichen Aufstieg gegen den FCSB war die „Doppelbelastung“ schließlich Gewissheit. Hat Rapid einen zu kleinen Kader? Zu viele Verletzte? Wird schlichtweg falsch trainiert? Oder ist es vielleicht einfach eine Charakterfrage, dass man in Wolfsberg, Hartberg oder Altach ein ganzes Stück weniger arbeitet, als wenn man zu Hause vor ausverkauftem Haus Spartak oder Villarreal empfängt.

Keinen Ball aufgeben: Die Rangers zeigen’s vor

Nehmen wir den letzten Heim-Gegner Rapids in der Europa League als Beispiel: Die Glasgow Rangers sind heuer ein heißer Kandidat auf den schottischen Titel. Nach dem 1:3 Rapids im Ibrox Park war das einhellige Echo, dass die Schotten keineswegs die besseren Spieler haben, als die Hütteldorfer. Der Unterschied ist aber, dass die Rangers für ihren Trainer und füreinander sterben würden. Kein Ball wird aufgegeben, die Spieler sind stolz das Wappen des Traditionsklubs auf der Brust zu tragen. Gestern zeigte man mit einem 7:1-Heimsieg gegen Motherwell nicht die erste Top-Reaktion auf eine harte Partie unter der Woche. Nur drei Tage zuvor hatten die Rangers einen harten Kampf in Moskau mit 3:4 verloren.

Auch Salzburg, Leipzig, Frankfurt und Jablonec zeigen’s vor

Für guten Umgang mit Doppelbelastungen muss man aber gar nicht in ferne Ligen schauen: Salzburg zog in der Schlussphase gegen die Austria noch einmal an, anstatt körperlich einzubrechen, gewann am Ende mit 2:0. Leipzig reagierte perfekt auf die 1:2-Niederlage bei Celtic und schlug Leverkusen drei Tage später mit 3:0. Ebenfalls 3:0 siegte Frankfurt gegen Schalke, drei Tage nach dem anstrengenden 3:2-Erfolg bei Apollon Limassol. Selbst eine Reise nach Kasachstan muss nicht belastend sein – aber eben nur wenn man will. Der tschechische Klub Jablonec gewann mit 3:1 gegen die Bohemians Prag, nachdem man erst zwei Tage zuvor von einer äußerst bitteren 1:2-Niederlage aus Astana nach Hause kam. Das entscheidende Tor in Astana fiel erst nach 88 Minuten.

Das ewige, leidige Mentalitäts-Thema

Aber bei Rapid ist das seit jeher anders. Schon unter Zoran Barisic wurde die Mentalitätsschwäche auf den so genannten Dorfplätzen kritisiert. Seitdem verbrannte Rapid inklusive Barisic vier Trainer und immer noch sind die kleinen Bühnen des österreichischen Fußballs den Spielern zu minder. Schlimmer noch: Auch den Status als Heimmacht hat Rapid bereits verloren, auch weil die kleineren Klubs vor den weichen Rapid-Protagonisten keine große Angst mehr haben. Sowohl Ex-Trainer, aktueller Trainer und Staff müssen ebenfalls in die Kritik genommen werden, denn die gruppentaktischen Aspekte blieben auch beim 1:3 in Wolfsberg vollständig verborgen. In der Bringschuld sind dennoch hauptsächlich die Spieler.

Wenn der Kapitän in einem großen Spiel plötzlich wieder rennt…

Ein gutes Beispiel ist Stefan Schwab. Der Rapid-Kapitän wird von Offiziellen gegen Kritik abgeschirmt, als wäre er der Heilige Gral. Mal sind’s die großen Fußstapfen des Steffen Hofmann, dann die Doppelbelastung, dann wieder die Verletzungen oder sein mangelndes Selbstvertrauen, weil die böse Öffentlichkeit eben da und dort Kritik übt. Bei Schwab hat man immer eine halbbackene Ausrede, wieso es gerade nicht läuft. Fakt ist aber, dass er beim 2:2 gegen Altach einer von Rapids Schwächsten war und eine Körpersprache an den Tag legte, die einem Kapitän unwürdig ist. Beim 0:0 gegen Villarreal ging Schwab selbst in der Schlussphase noch die schmerzenden Meter und überraschte damit so manchen Zuseher.

…und im darauffolgenden kleinen Spiel wieder nicht

Es sah wieder kurz nach einem Schritt in die richtige Richtung aus – aber gegen Wolfsberg war Schwab in einer grottenschlechten Rapid-Mannschaft der Allerschlechteste. Katastrophale Abspielfehler, das Gegenteil von Pressingresistenz und stets eine aufrechte, fast wurschtige Körpersprache, im besten Fall das Nachtraben nach Fehlern. Wenn die Gründe dafür körperlicher Natur sind, muss Schwab als Kapitän klarmachen, dass er eine Pause braucht und der Mannschaft aktuell nicht helfen kann. Was allerdings das Aufbäumen des Kapitäns gegen Villarreal nicht erklären kann. Nicht nur dem so ganz und gar Rapid-untypischen Kapitän sind Spiele in Österreichs Provinzen eben zu minder. Anders lässt sich der Trend der letzten Jahre (!) schlichtweg nicht mehr erklären.

Nahezu jeder Akteur verdient aktuell Kritik

Und damit ist Schwab natürlich nicht alleine. Neben ihm liefert auch Ljubicic eine körper- und lustlose Vorstellung nach der anderen ab. Vor ihm ist Knasmüllner permanent von seinen ersten Aktionen abhängig: Wenn er gut reinkommt, kann er Top-Partien spielen, wenn nicht, steckt er schnell den Kopf in den Sand. Die unangebrachte Leichtfüßigkeit von Bolingoli, Potzmann, Ivan oder Murg wäre nur dann erfolgsversprechend, wenn man bei Rapid wenigstens zusammenarbeiten würde. Aber so macht man sich im der „Röhre“ am Gerhard-Hanappi-Platz 1 nur noch lächerlich, wenn vom Motto „Gemeinsam – Kämpfen – Siegen“ gesprochen wird. Gemeinsam machen die Spieler schon mal nur etwas, wenn ihnen gerade auf größerer Bühne danach ist. Gekämpft wird vollkommen unzureichend und Siege gab es heuer erst neunmal in 24 Pflichtspielen. Das 1:3 in Wolfsberg war allerdings die zehnte Niederlage.

Wann wird Rapid endlich wieder zu Rapid?

Anleihen an den bereits erwähnten Rangers zu nehmen, wäre ein erster Schritt für die Rapid-Spieler. Dort können sie ihr blasses, aber gerne zitiertes „Gemeinsam“ live beobachten. Vorgetragen von Spielern, die stolz auf ihr Trikot sind und nicht Minuten nach einer peinlichen Niederlage schon eine Instagram-Story über ihre Nationalteamehren posten. Die Rangers hatten in der laufenden Saison bereits 27 Spiele und nach Silvester folgen gerademal drei Wochen Winterpause, bevor’s auf der Insel wieder weitergeht. Charakterstarke, fleißige, mutige Teams können mit Doppelbelastung oder vielen Partien umgehen – Rapid allerdings nicht, zumal man 2018 eindeutig in keine dieser Kategorien fällt.

 

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen