Er bestritt in den letzten zwei Jahren 86 Pflichtspiele für den SK Rapid Wien und ist dennoch eine der umstrittensten Figuren des Teams. Der... Der Einzige, der sich DVDs besorgt: Wird Ragnvald Soma doch noch zur Stütze in der Rapid-Viererkette?

Er bestritt in den letzten zwei Jahren 86 Pflichtspiele für den SK Rapid Wien und ist dennoch eine der umstrittensten Figuren des Teams. Der 31jährige Norweger Ragnvald Soma diente vielen Fans im Zuge der wechselhaften Saison 2010/11 als Buhmann – und dennoch verlängerte die Vereinsführung seinen Vertrag. Was wiederum Gründe hatte, die abseits.at im Zuge dieses Portraits aufzudecken versucht.

Als Rapid im August 2009 einen neuen Abwehrchef suchte, kamen die heißesten Kandidaten aus Skandinavien. Rapids wiedergewonnener Faible für Skandinavier bzw. Fennoskandier hat seinen Ursprung in der allgemeinen Arbeitseinstellung der Nordmänner. In Norwegen etwa haben nicht nur Fußballer, sondern Arbeiter im Allgemeinen, eine sehr professionelle und menschliche Einstellung gegenüber ihrer Mitmenschen und Mitarbeiter. Wie der heutige KAA-Gent-Trainer Trond Sollied erklärt, leben Norweger stark nach dem Motto „wie du mir, so ich dir“ und fordern von anderen denselben Respekt ein, den auch sie ihrem Gegenüber entgegenbringen. Das macht Skandinavier zu angenehmen Zeitgenossen, deren Einstellung zum Sport zumeist keine Bedenken hervorrufen und die kaum Probleme bei der Akklimatisierung in einem anderen Land haben.

DER EINZIGE, DER SICH DVDS HOLT

Dies bewahrheitete sich auch im Fall Ragnvald Soma: Der in Kverneland geborene Defensivspieler erlernte schnell die Sprache, ist zwar ein sehr introvertierter, gläubiger Mensch und lässt privat nicht viel an sich und seine Familie heran, ist in der Mannschaft jedoch allseits beliebt und wird geschätzt. Und nicht nur das: Ragnvald Soma ist der einzige aktuelle Rapid-Spieler, der nach einer Partie regelmäßig in der Rapid-Pressestelle anklopft, um sich ein Video der letzten Partie zu besorgen. Schließlich weiß Soma, dass er Fehler macht und möchte diese im Nachhinein zur weiteren Prävention selbst (in seiner Freizeit) analysieren. Auch die anderen Kicker bekommen in die Kabine DVDs geliefert, nehmen sie mit nach Hause, aber kein Rapid-Spieler setzt sich so intensiv mit seinen eigenen Fehlern auseinander, wie Rage Soma.

EINER, DEM MAN NICHT BÖSE SEIN KANN

Menschen machen Fehler und Soma war in der vergangenen Saison auch nicht frei von Schnitzern. Doch das beschriebene Gesamtpaket, die Fähigkeit zur Selbstkritik und der Wille seine Fehler nicht nur einzugestehen, sondern auch noch etwas dafür zu unternehmen, dass sie nicht mehr vorkommen, führten zu einer einjährigen Vertragsverlängerung mit dem Norweger. Trainer Peter Schöttel – ebenfalls ein ruhiger Mensch, der gegenseitigen Respekt als wichtigere Basis ansieht als Autorität – ist von den Fähigkeiten Somas überzeugt und plant daher mit ihm als Abwehrchef. Somas allgemeines Verhalten auf und abseits des Platzes machte die Entscheidung für die Verantwortlichen leichter: Wäre Soma zusätzlich zu schwachen Leistungen auf dem Platz durch Dummheiten in die Schlagzeilen gekommen, wie man sie immer wieder von anderen Abgängen wie Andreas Dober oder Yasin Pehlivan lesen musste, hätte der Innenverteidiger seine Sachen packen können. So geht Rapid mit der Verlängerung des Abwehrchefs womöglich ein sportliches Risiko ein, verlängert aber nicht nur einen professionellen Fußballer (im eigentlichen Sinn), sondern auch einen starken Charakter, der für das Team noch wichtig sein könnte.

SONNLEITNER MIT MEHR FEHLERN

Doch wieso wurde Soma eigentlich kritisiert? Welche Fehler waren es, durch die der Norweger bei den Fans in Ungnade fiel? In der etatmäßigen Viererkette der Saison 2010/11 spielten Kayhan, Soma, Sonnleitner und Katzer. Zeitweise spielte (bzw. joggte) Dober statt Kayhan. Der Chef einer solchen Abwehr zu sein, gestaltet sich nicht einfach. Es ist eine statistische Tatsache, dass Sonnleitner mehr individuelle Fehler aufzuweisen hatte als Soma. Doch was bei Sonnleitner in den Köpfen der Menschen hängen blieb, waren nicht primär seine Fehler, sondern viel mehr seine Schnelligkeit, Kopfballstärke auch in der Offensive, das zwischenzeitliche 2:2 in Birmingham gegen Aston Villa. Positive Assoziationen, mit denen Soma nicht dienen konnte. Zudem wurde es für Soma immer dann heikel, wenn seine Außenverteidiger Fehler begingen. Gegen Kapfenbergs Felfernig oder Wiener Neustadts Burgstaller sah Soma stets schlecht aus, beging Fehler, wurde nervös, traute sich nicht immer zu, sein großes Antizipationsvermögen auszuspielen, aus der Angst zu spät zu kommen. Wenn Soma gegen derartige Kicker Fehler machte, ging diesen Fehlern aber nahezu immer ein Fehler eines Mitspielers voraus. Die linke Abwehrschnittstelle Rapids – Soma und Katzer – war bereits ligabekannt und ausgerechnet der heutige Rapid-Trainer Peter Schöttel nutzte die langsame linke Seite Rapids als Neustadt-Coach oft gnadenlos aus.

BESSERE AUSSENVERTEIDIGER, BESSERER SOMA

Ragnvald Soma wird durch die personellen Änderungen vor der Saison 2011/12 kein besserer Fußballer werden und dennoch ist es nicht unwahrscheinlich, dass er sich in der kommenden Saison stabiler präsentiert. Die Außenverteidigerpositionen werden in Zukunft von Schimpelsberger und Schrammel bekleidet, auch Thonhofer ist wieder ein Kandidat. Dies wird den defensiven Flügeln Rapids im Vergleich zur letzten Saison große Vorteile verschaffen und die gesamte Abwehrmaschinerie kompakter und dynamischer machen. Konkrete Begleiterscheinung dessen: Bei fehlerfreiem Spiel der Außenverteidiger muss Soma nicht gezwungenermaßen auf den Flügel ausweichen und trifft somit nicht (oder zumindest selten) auf den Spielertypus, der ihm missfällt. Wenn „Rage“ Soma sich auf seine eigentlichen Stärken besinnen kann, kann er Rapid 2011/12 Freude machen: Präzises Herausspielen, Antizipation bei gegnerischen Steilpässen, Kopfballspiel, das Organisieren eines kleineren, kompakteren Aktionsradius.

WIRD DER NORWEGER ÜBERHAUPT SPIELEN?

Soma auf der Bank? Zumindest kommende Saison, so er verletzungsfrei bleibt, sicher nicht. Einerseits präsentiert sich Soma im Training regelmäßig als einer der technisch besten Spieler des Teams. Andererseits zeigte das Testspiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim, bei dem Soma fehlte, dass eine Innenverteidigung mit Sonnleitner und Pichler Probleme mit dem Spielaufbau hat. Pichler gelangen zwei gute Pässe, Sonnleitner im Grunde keiner, das Mittelfeld wurde nicht selten unclever überbrückt. Zudem sind sich Sonnleitner und Pichler sehr ähnlich, wodurch Soma einen Konterpart darstellen kann. Es ist also von einer Innenverteidigung mit Soma und Pichler auszugehen – außer Pichler, der gegen Hoffenheim im defensiven Mittelfeld überzeugen könnte, findet noch unerwartet seine wahre Bestimmung auf der 6er-Position. Dann würde das Duo Soma-Sonnleitner wieder aktuell – aber eben mit anderen „Außendeckeln“…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen