Der SK Sturm Graz zählt zu den formstärksten Team in der Bundesliga. In der Frühjahrssaison holten nur zwei Teams mehr Punkte als die Steirer,... Der weiße Paul Pogba: Simon Piesingers Rolle und Entwicklung beim SK Sturm Graz

SK Sturm Graz - Wappen mit FarbenDer SK Sturm Graz zählt zu den formstärksten Team in der Bundesliga. In der Frühjahrssaison holten nur zwei Teams mehr Punkte als die Steirer, die drei der letzten vier Spiele gewannen. Und das obwohl sie in der Winterpause mit Marco Djuricin ihren besten Torschützen verloren. Der neue Topscorer ist kurioserweise ein defensiver Mittelfeldspieler.

Beim LASK ausgebildet und beim FC Wacker Innsbruck seine ersten beiden Saisonen in Österreichs höchster Spielklasse hinter sich wechselte Simon Piesinger nach dem Abstieg der Tiroler im letzten Sommer nach Graz. Dort hatte er zunächst Schwierigkeiten, kam hauptsächlich zu Kurzeinsätzen. Gegen Ende der Herbstsaison zeigte er dann immer mehr auf und konnte im Frühjahr sogar noch nachlegen. Seit seinem Premierentreffer für Sturm in der 17. Runde traf nur Rapids Robert Beric öfter.

Drei „komplette“ Spieler für defensives Mittelfeld

Dass Piesinger brauchte, um sich bei Sturm durchzusetzen lag an verschiedenen Faktoren. Einer davon war der Trainerwechsel mitten in der Saison. Unter Darko Milanic gab es zwar regelmäßig Einwechslungen, der 47-Jährige setzte aber fest auf Anel Hadzic und Daniel Offenbacher als Doppelsechs, was zur eher offensiven Ausrichtung passte. Dann kam Franco Foda, der den primären Fokus auf eine stabile Defensive legt. Dementsprechend kam Piesinger unter dem Deutschen häufiger zum Einsatz. Ein Vergleich: unter Milanic hatte er weniger als die Hälfte der Spielminuten von Hadzic und Offenbacher, unter Foda sind die drei nahezu gleichauf.

HadOffPie

Hadzic und Offenbacher werden zwar landläufig gerne auf ihre Passstärke reduziert, dabei wird aber gerne übersehen, dass sie sich sehr gut ergänzen und variabel agieren können, was sich auch in den Statistiken niederschlägt. Andererseits ist es bei Piesinger so, dass hauptsächlich dessen Zweikampfstärke herausgestrichen wird. Tatsächlich ist der U21-Teamspieler aber auch offensivtaktisch ein interessanter Spieler. Auf Twitter gab es sogar einen treffenden Vergleich mit Juves Ausnahmetalent Paul Pogba, inklusive passender Fotomontage.

Omnipräsent, stabilisierend, strukturierend

Piesingers Heatmap gegen den Wolfsberger AC (24. Runde)

Wie der Franzose ist auch Piesinger ein physisch starker Spieler, der in manchen Situationen schlaksig wirkt, in Wirklichkeit aber über ein sehr gutes Bewegungsspiel verfügt. Passenderweise ist ein weiterer Weltklassespieler, der auf den ersten Blick ähnlich wirkt, das Vorbild des gebürtigen Oberösterreichers – nämlich Yaya Toure. Dass man ihm Unrecht tut, wenn man ihn auf seine Defensivstärke beschränkt, zeigen seine Scorerwerte: nach Djuricins Abgang ist Piesinger mit sechs Treffern der beste Torschütze; nur Thorsten Schick war an mehr Toren direkt beteiligt.

Wie prägend der 22-Jährige für das Spiel der Grazer ist, zeigen die Statistiken der jüngsten Spiele. Im Auswärtsspiel gegen den SV Grödig hatte er beispielsweise 98 Ballaktionen, gegen den WAC in Runde 24 waren es sogar 114. Selbst beim 2:1-Sieg gegen die Austria, wo er mit seinen beiden Toren der Matchwinner war, hatte er 32 Ballaktionen, obwohl er erst in der 67. Minute eingewechselt wurde. Bei einer derart hohen Anzahl an Aktionen ist es unvermeidlich, dass der eine oder andere Alibipass dabei ist, dennoch sorgt Piesinger mit seinen Pässen, Bewegungen und Defensivaktionen sowohl für Stabilität als auch für Struktur im Sturm-Spiel.

Ein Beispiel für die Handlungsschnelligkeit des Mittelfeldspielers wollen wir uns im Detail ansehen – und zwar die Szene, die im Spiel gegen den WAC zu einem frühen Ausschluss für die Kärntner führte. Man sieht sie im nachstehenden Video. Der Gegner macht hier im Mittelfeld an und für sich gut Druck auf die Grazer, sodass diese zurückspielen müssen, auf Piesinger. Dieser stoppt sich den Ball und spielt dann einen präzisen Pass zwischen die Linien, von wo aus das Spiel schnell Dynamik aufnehmen kann. Das Timing des Zuspiels ist dabei nahezu perfekt.

Es kommt erstens zum richtigen Zeitpunkt. Zwei WAC-Spieler attackieren den Rückpass sofort, während dahinter der Sechser sich erst richtig positionieren muss, um den entstandenen Raum abzudecken. Genau in diesem kurzen Zeitfenster kommt der Pass, der noch dazu die richtige Geschwindigkeit hat, dass er nicht abgefangen werden kann. Gleichzeitig ist er aber so in den Fuß seines Mitspielers gespielt, dass ihn dieser problemlos weiterverarbeiten bzw. sich drehen kann.

Weiträumiges Defensivspiel

Die Defensivstatistiken Piesingers sind ebenfalls sehr überzeugend. Er verzeichnet pro 90 Minuten Einsatzzeit durchschnittlich drei erfolgreiche Tacklings, 3,4 Ballsicherungen, zwei klärenden Aktionen und fängt 2,7 Bälle ab. Seine Zweikampfbilanz ist exakt ausgeglichen, in den bisherigen Luftduellen ging er zu 58% als Sieger hervor. Interessant ist dabei, dass die Defensivaktionen durchaus weitgestreut sein können. Das Paradebeispiel ist wieder das Spiel gegen den WAC, wo er sowohl auf beiden Seiten als auch hinten und vorne Bälle eroberte und Angriffe stoppte.

Keine Scheu vor offensiven Räumen

Piesingers Heatmap gegen Rapid Wien (22. Runde)

Die erwähnten Eigenschaften erlauben Foda, dass er gegnerbedingt Anpassungen vornehmen kann ohne personell wechseln bzw. auf Piesingers individuelle Qualität – vor allem bei Standardsituationen – verzichten zu müssen. So gab es in der Frühjahrssaison bereits zweimal eine Dreier- bzw. Fünferkette, einmal gegen Red Bull Salzburg, einmal gegen Rapid Wien. Während man gegen die Bullen von Beginn an mit Hadzic als zentralen Verteidiger agierte, kam im Ernst Happel Stadion die Umstellung erst für die zweiten 45 Minuten.

In beiden Fällen war Piesinger ein wichtiger Baustein. Er fokussierte sich nicht nur auf die defensiven Räume, sondern pendelte auch immer wieder nach vorne und spielte dort Pässe. Insbesondere im Spiel gegen Rapid konnte man erkennen, dass er keine Scheu davor hat, auch die Verbindungen ins Angriffsdrittel herzustellen.

Wie man anhand der nebenstehenden Heatmap sehen kann, hatte Piesinger einen höheren Schwerpunkt. Er sollte einerseits mit seiner Physis, dank der er Bälle gut abdecken kann, für Entlastung bei den dezimierten Grazern sorgen, andererseits gezielt Gegenstöße einleiten. Piesinger ging sogar vergleichsweise oft ins Dribbling und hatte dabei sogar eine positive Bilanz: vier seiner sieben Versuche waren erfolgreich.

Ein weiteres Beispiel, wo man seine vorausschauende, taktisch kluge Spielweise sah, ist das Tor zum 1:0 im Spiel gegen den WAC. Die Kärntner waren in Unterzahl, Sturm dominierte den Ballbesitz und versuchte den kompakt- und tiefstehenden Gegner mit Verlagerungen auseinanderzuziehen. Piesinger bewegte sich entgegen der Verschiebebewegung, ging zunächst in den Halbraum und dann weiter in den Rücken der Verteidigung. Dort wurde er angespielt und passte anschließend zur Mitte, wo Roman Kienast den Ball über die Linie drückte und drei weitere schwarz-weiße Punkte im Kampf um die Champions-League-Qualifikation fixierte.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.