Eine Woche vor Wiederbeginn der Bundesligasaison verpflichtete Rapid den offensiven Mittelfeldspieler Thomas Murg von der SV Ried. Rapid tätigte damit nach einer bitteren Legionärs-Absage... Eine neue Alternative für drei Positionen: Thomas Murgs Rolle beim SK Rapid

Wappen Rapid Wien am Trainingsplatz_abseits.atEine Woche vor Wiederbeginn der Bundesligasaison verpflichtete Rapid den offensiven Mittelfeldspieler Thomas Murg von der SV Ried. Rapid tätigte damit nach einer bitteren Legionärs-Absage zu Beginn der Woche einen „logischen“ Transfer, der vielleicht nicht den Unterschied ausmachen, Rapid aber in der Breite stärken wird.

Für den jungen Steirer beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Im November wurde Murg Vater, im Februar geht’s mit Kind und Kegel zurück nach Wien, wo der quirlige Mittelfeldspieler schon von 2012 bis 2014 kickte. Auch bei der Wiener Austria galt Murg als riesiges Talent, das damals seinem Trainer aus GAK-Zeiten, Peter Stöger, folgte. In 26 Pflichtspielen für die Veilchen erzielte er zwei Tore und bereitete drei vor. In Wiener Derbies stand der Neo-Rapidler 28 Minuten lang auf dem Feld.

Mit 15 in der Regionalliga

Die eigentliche Karriere des Thomas Murg begann aber schon im Sommer 2010. Im Alter von 15 Jahren gab Murg sein Regionalliga-Debüt für den GAK und traf beim 3:1 über den DSV Leoben prompt zum 2:1. In zwei Jahren GAK standen unterm Strich 13 Tore und vier gespielte Positionen.

Von links nach rechts

Apropos Positionen: Unter Peter Stöger spielte Murg beim GAK auf einer ähnlichen Position, wie Kainz derzeit beim SK Rapid. Im linken Mittelfeld lag der Fokus auf Sicherheit, Einrücken, nicht unbedingt auf Läufe oder Dribblings bis zur Grundlinie. In Peter Stögers Austria spielte Murg selten, wenn dann aber auch links – diesmal in einer offensiveren Grundordnung. In der darauffolgenden Saison fand Nenad Bjelica eine andere Verwendung für den 174cm-Mann: Die rechte Seite war nun Murgs Zuhause – so auch in vier Gruppenspielen der UEFA Champions League.

Von rechts aufs gesamte Feld

Im Sommer 2014 lehnte sich die SV Ried weit aus dem Fenster um den damals 19-Jährigen ins Innviertel zu holen. Eine höhere Ablösesumme als für Murg bezahlte Rieds ausgefuchster Manager Stefan Reiter nie. Auf Anhieb war Murg Stammspieler, spielte im Laufe der Saison 2014/15 auf sieben Positionen – praktisch auf jeder Position im Mittelfeld, sowie an den Seiten bzw. Flügeln. Die Anzahl der Einsätze auf den verschiedenen Positionen hielten sich die Waage. Links spielte Murg elfmal, rechts achtmal und zentral zehnmal. Zwar wurde die Saison von Leerläufen begleitet, allerdings war schnell klar, dass aus diesem hochveranlagten Spieler ein Schlüsselakteur für die SV Ried werden sollte.

Leistungsanstieg gegen Ende des Herbsts

In einem für die Rieder mühsamen Herbst war Murg neben Elsneg, Trauner und Kragl einer der Besseren. Speziell gegen Ende der ersten Halbserie stieg Murgs Formkurve rasant an und die Leistungen wurden konstanter – ein Treffer gegen Rapid und ein Doppelpack als überragender Spieler beim 4:2-Sieg über die Austria war die zählbare Ausbeute. Vor allem wurde er aber seiner Rolle als Tausendsassa einmal mehr gerecht. Murg spielte als Linksaußen, Rechtsaußen, Zehner, Halbspitze und in einer Partie sogar als klassischer Stürmer.

Flexible Option für mehrere Aufgaben

Obwohl Murg nicht hundertprozentig ins eigentliche Anforderungsprofil des SK Rapid passt, ist es wohl diese Flexibilität, die Zoran Barisic und Co. schon des Längeren vom gebürtigen Voitsberger schwärmen lassen. Mit Murg fand Rapid keinen Spieler, der den letzten Punch auf dem Weg zum Meistertitel in die Mannschaft bringt, dafür aber eine verlässliche und entwicklungsfähige Alternative für drei Positionen des Rapid-Systems.

Drei mögliche Positionen

Rapid war nicht gezwungen einen Spieler für die Startelf zu holen, da der drohende Abgang von Florian Kainz nach Deutschland abgeblockt werden konnte. Auf dem Papier musste man in Hütteldorf mit Philipp Huspek einen der schwächsten Akteure des Herbsts ersetzen. Mit Murg holte Rapid allerdings nicht nur ein Backup für Florian Kainz, sondern auch für Schaub, Schobesberger und zentral agierende Spieler wie Steffen Hofmann. Zusätzlich wird durch den Neuankömmling auch der Druck auf die Wackelkandidaten Tomi und Deni Alar größer. Es wäre gemäß der Vereinsphilosophie verwunderlich, wenn ein fitter Murg zu weniger Frühjahrseinsätzen kommen würde, als die zuvor Genannten.

Kein Gegenentwurf, sondern wieder ein „Ähnlicher“

Murgs größter Vorteil in Rapids unter Barisic typischem Spiel sind seine technischen Fähigkeiten. Der 21-Jährige wird wahrscheinlich keine großen Probleme haben, sich im schnellen, engmaschigen Kurzpassspiel Rapids zu Recht zu finden. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, würde er gut in den aktuellen Stil Rapids passen. Gleichzeitig ist der Spielertyp Murg ähnlich gepolt wie Kainz, Schaub oder Kuen, weniger wie Schobesberger oder der abgewanderte Huspek. Der stilistische Gegenentwurf zur ersten Wahl Kainz ist mit Murg nicht gegeben. Es kommt der technisch feine Murg anstelle des dynamischen Huspek, dessen präferierte Seite noch dazu die andere ist.

Raumdeuten und Pressen

Ein großer Vorteil, den sich Murg im letzten halben Jahr erarbeitete, ist das immer besser werdende Deuten und Finden von Räumen. Der Steirer hat grundlegendes Talent im Erahnen von Offensivaktionen, sowohl mit, als auch ohne Ball. Auch findet er Lösungen und trifft gute Entscheidungen, wenn er sich selbst am passiven Flügel befindet. Murg kann durchaus markant mitbestimmen, wie breit das Spiel seiner Mannschaft gemacht wird und ist zudem eine wichtige erste oder zweite Pressinginstanz.

Problem Endzweck

Murg eroberte im Schnitt mehr Bälle als Kainz, hat ähnliche Pass- und Zweikampfquoten. Wenn es jedoch konkreter wird, tun sich Murgs Schwächen bzw. ungeschliffene Seiten auf. Dem Ex-Rieder gelangen in der laufenden Bundesligasaison drei Tore, aber kein einziger Assist. In 713 gespielten Minuten lief der Neo-Rapidler 19-mal ins Abseits, bereitete aber nur sieben Torschüsse vor.

Andere Voraussetzungen bei Rapid

Der Aktionsradius Murgs war in Ried größer als der, der ihn bei Rapid erwartet. Bis auf gelegentliche Rochaden ist das Positionsspiel Rapids in der offensiven Dreierreihe positionstreu. Den größten Unterschied wird aber die Positionierung der Gegner ausmachen, denn während Murg bei Ried ein wichtiger Konterspieler war und im Umschaltspiel von Defensive auf Offensive die richtigen Wege ging, ist bei Rapid mehr Geduld bei höherer Schlagzahl gefragt. Neue Spieler hadern bei Rapid am ehesten damit, dass sie innerhalb eines Spiels sehr viele Bälle erhalten und auch bei den einfachsten Pässen voll konzentriert bleiben müssen. Durchschnittlich machte Florian Kainz im Herbst zwei Pässe, wenn Murg einen machte – bei derselben Genauigkeit.

Früherkennungshilfe

Die tiefer stehenden Gegner und die dadurch engeren Räume werden für Murg die größte Umgewöhnung darstellen. Der Umgang des einstigen Juniorenteamspielers mit dieser neuen Situation, speziell in den ersten Monaten, wird aber auch ein früher Indikator dafür sein, ob die Konstellation „Murg und Rapid“ passt. Nur die besten (Offensiv-)Spieler – so zum Beispiel Florian Kainz – lebten sich ohne Anlaufschwierigkeiten in Barisic‘ Kurzpasskonzept ein. Die an Murg zu beobachtenden Faktoren sind also die höhere Schlagzahl im Passspiel, das Suchen und Finden von Räumen bei allgemein weniger Platz und tieferstehenden Gegnern, sowie der Abschluss oder das konkrete Herausarbeiten von Chancen.

Defensive Adaptierung wohl anlagenbedingt einfacher

Die Frage, ob Murg diesen offensiven Anforderungen gerecht werden kann, ist sogar interessanter als die, ob er defensiv Schwierigkeiten bekommen könnte. Rapid tritt mit dem Ball sehr dominant auf, Murgs Aktionsradius wird grundsätzlich kleiner, dafür die Ballaktionen häufiger. Da er aber als Spieler gilt, der gut ins Gegenpressing kommt und auch die nötige Aggressivität und Agilität mitbringt, ist anzunehmen, dass seine Defensivaktionen schnell sitzen werden. Auch weil Rapid dafür bekannt ist – je nach horizontalem Angriffsdrittel – die jeweiligen Zonen oder Seiten zu überladen und selbst nach Ballverlusten im Fall von erfolgreichem Gegenpressing sofort mehrere Anspielstationen parat stehen. Dies ist eine Situation, die Murg etwa in Ried oder auch bei der Austria nicht immer vorfand.

Zwei Toptalente für SK Rapid II

Zwei hochinteressante Transfers tätigte Rapid übrigens bereits einen Tag zuvor: Die Rückholaktion von Alex Sobczyk vom FC Liefering und die Verpflichtung von Lukas Heinicker, ebenfalls ein Talent aus dem Bullenstall, sollen endlich der Stürmermisere in der zweiten Mannschaft ein Ende setzen. Die beiden 18-Jährigen sind unterschiedliche Typen, aber in der Tatsache vereint, dass sie beide über kurz oder lang Kandidaten für die Kampfmannschaft sein werden. Heinicker, so er sich gut einlebt, sogar noch eher als Sobczyk.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen