Traditionell viele Spielerwechsel, ein Trainerwechsel und lediglich drei Saisonsiege. Der KSV 1919, wie er seit Sommer offiziell heißt, hat einen stürmischen Herbst hinter sich.... Einer flog aus dem Falkennest – turbulente Hinrunde beim Kapfenberger SV

Traditionell viele Spielerwechsel, ein Trainerwechsel und lediglich drei Saisonsiege. Der KSV 1919, wie er seit Sommer offiziell heißt, hat einen stürmischen Herbst hinter sich. Aber auch davor war es nicht unbedingt besser

Wie in jeder Übertrittszeit herrschte ein reges Kommen und Gehen in der Obersteiermark. Neben dem Haupttransfer von Deni Alar in die Bundeshauptstadt zu Rapid Wien fiel vor allem auf, dass Hoffenheim sich die Dienste von Trainersohn Michael Gregoritsch zur Saison 2012/13 sicherte. Milan Fukal ging zum Karriereende zu Hradec Králové nach Tschechien in die Gambrinus Liga. Kanonier Umut Kocin und Steven Lewerenz wechselten (bzw. kehrten zurück) zu Rasenball Leipzig. Auch ansonsten gingen viele aus dem Falkenkader in den Amateurfußball. Michael Rabko (SV Gleinstätten), Oliver Schopf (FC Gratkorn), Christian Goller, Daniel Penz, David Otter (KSV II) und Dominik Scherr (KSV III) nahmen den Umweg über die Regionalligen oder die Jugendliga. Manuel Schmid befindet sich dem Vernehmen nach seit Sommer auf Jobsuche.

Die Zugänge dürfen sich allerdings sehen lassen. David Harrer kam leihweise von den Austria Amateuren. Thomas Hirschhofer wurde vom Zweitteam hochgezogen. Mit Dieter Elsneg und Christoph Kröpfl kamen von Frosinone und Red Bull Salzburg zwei hochveranlagte Nachwuchsspieler. Marc Sand war einmal ein solcher. Der Weltenbummler war zuletzt bei Bayer Leverkusen II unter Vertrag. Dominique Taboga kehrte aus dem hohen Norden von Tromsö zurück. Danijel Micic (Austria Lustenau) kam aus der Heute-für-Morgen-Erste-Liga, aus der Regionalliga wurde Marco Sahanek (WAC/St.Andrä) geholt, aus der Salzburger Liga Franck Matondo (SV Straßwalchen). Mit Mark Prettenthaler wechselte ein zuletzt Gestrauchelter zu den Falken. Die Legionäre Roman Prokoph (GER/VfL Bochum) und Michael Ordos (CZE/Sigma Olmütz) rundeten das Einkaufsprogramm ab.

Alles in allem ergab sich ein ansprechender Kader. Rund um die Routiniers Taboga, Mavric, Pavlov oder Ordos sollten die teilweise hoch veranlagten Jungprofis wie Elsneg, Gregoritsch oder Gucher ihre Fähigkeiten entfalten können. Moderate neun Legionäre, darunter Goalie Wolf oder Makhmadnaim Sharifi, sollten möglichst schnell den Klassenerhalt sichern, um sich dann eventuell Richtung Mittelfeld zu orientieren. Auf einen langen Dreikampf mit Mattersburg oder Wiener Neustadt wollte sich in Kapfenberg niemand einlassen. Doch es kam anders, als erhofft.

Durchwachsener Saisonstart

Die Kapfenberger starteten engagiert in die Saison. Einer Niederlage daheim gegen Wacker folgten ein Remis gegen Aufsteiger Admira und der so bedeutende Sieg gegen Sturm Graz im Duell der beiden steirischen Oberhausklubs. Darauf folgten fünf Spiele mit teilweise hohen Niederlagen. Austria (0:5), Ried (0:1), Salzburg (1:3) und Rapid (1:5) waren vertretbar, die Niederlage gegen Wiener Neustadt zwischen den Spielen gegen den FK Austria Wien und die SV Ried schmerzte schon mehr. Bitter für die Falken war das deshalb, da sich der SC Wiener Neustadt so gar nicht anschickte, die Rolle als Abstiegskandidat Nummer 1 anzunehmen und sich als „best of the rest“ positionierte. Vorerst rettete ein 1:0-Heimsieg gegen den nunmehr direkten Abstiegskonkurrenten aus dem Burgenland Gregoritschs Trainerstuhl. Nach sechs weiteren sieglosen Runden mit lediglich zwei Punkten gegen die Admira und die Austria reagierte die Klubführung und setzte Werner Gregoritsch vor die Tür.

Selbstaufgabe und neues Blut

Nachdem das System Gregoritsch in der vierten Oberhaussaison nicht mehr funktionierte, musste neues Blut her. Präsident Fuchs stand vor einer schwierigen Aufgabe, den Richtigen zu finden. Die Mannschaft war ein hartes Regiment gewohnt. Man ließ sich Zeit, nahm ein 0:6  in Salzburg in Kauf, um ein paar Tage später Thomas von Heesen als neuen Trainer zu präsentieren. Dieser ist vom Training her nicht viel anders als Gregoritsch, selber ein Happel-Jünger, aber mit einer modernen Attitüde. Sichtbar war dies gegen Rapid Wien, als den Wienern ein 0:0 abgetrotzt werden konnte. Dass auf von Heesen noch viel Arbeit wartet, war dann bei den den Herbst abrundenden Niederlagen gegen Mattersburg und Innsbruck zu sehen – beide wurden verloren. Somit überwintern die Falken mit sieben Punkten Rückstand auf den rettenden neunten Platz.

Taktische Analyse

Werner Gregoritsch vertraute zumeist auf ein vorsichtiges und wenig modernes 4-5-1-System. Eine Viererkette mit konservativ agierenden Außenverteidigern sicherte hinter einer zerstörenden Doppelsechs ab. Davor spielte ein offensiver Spielmacher hinter einer Solospitze und wurde von zwei Außenbahnspielern flankiert. Diese mussten oftmals viele Defensivaufgaben übernehmen. Lediglich vier Mal wich der Trainer von seiner Grundausrichtung ab. In einem 4-1-4-1 erritterten die wackeren Falken einen fulminanten 3:0-Heimsieg gegen Sturm Graz in Runde drei. In der folgenden Woche watschte Roland Linz in Wien den KSV quasi im Alleingang ab. Nachdem auch das dritte Spiel mit der offensiven Viererkette verloren gegangen war (gegen Wiener Neustadt), kehrte Gregoritsch zum altbackenen 4-5-1 zurück, um in der 15. Runde wieder das Sturm Graz-Modell gegen Ried auszupacken. Das Spiel wurde verloren, der Steirer auf der Trainerbank Geschichte. Auffällig ist, dass sehr viel ausprobiert wurde, sich eine erste Elf nie finden konnte. Aus dem großen Kader wurden fast alle Spieler eingesetzt. Das mag zwar recht positiv klingen, Kontinuität sieht aber anders aus. Mit Franck Matondo wurde nur ein einziger Kaderspieler nicht eingesetzt, der nicht mehr U21-berechtigt und kein Torhüter ist!

Der vorprogrammierten Niederlage in Salzburg, betreut vom Assistenzteam, folgte eine Besserung unter Thomas von Heesen ab Runde 17. Dass diese nur von kurzer Dauer war, liegt an der Verunsicherung im Verein. Von Heesen setzte zunächst zwei Spiele lang auf ein 4-4-2 mit Doppelsechs und offensiven Außenverteidigern. Er adaptierte sein System im letzten Spiel, als er Sencar hinter Pavlov brachte.

Moment der Hinrunde

Irgendwie war es klar, dass Gregoritschs Regiment nicht ewig relativ erfolgreich sein konnte. Dass es aber nicht das Sportliche war, was als Moment der Hinrunde gewählt wurde, steht sinnbildlich für den KSV. Rundherum war zu viel los. Und so sind es die Droh-SMS an Manfred Gollner und drei weitere Spieler vor dem letzten Spiel vor der Winterpause – es geht drunter und drüber im Falkenhorst, sportlich aber eben runter.

Fazit

Die vielen Spielerwechsel, das Gemüt des nicht einfachen Trainers Werner Gregoritsch, das geringe Budget – es gibt viele Gründe, warum es bei den Falken nicht läuft, wie es laufen sollte. Die Punkte lagen zum Abholen bereit. Dabei machten die Kapfenberger nicht so viel anders, als in den letzten Jahren. Möglicherweise ist es derzeit das Spielglück, welches früher einfach stimmte. Oder – und das ist viel wahrscheinlicher – Wiener Neustadt und vor allem der SV Mattersburg haben ihre Hausaufgaben schlichtweg besser gelöst. Während sich die Burgenländer spielerisch weiterentwickelten, versuchte der KSV weiter zu wurschteln. Und wenn von Heesen nicht einiges ändert, werden die Falken bald aus der Bundesliga ausgeflogen sein.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander