Die Wiener Austria verstärkt sich (vorerst) bis 2015 mit dem norwegischen Angreifer Ola Kamara, der zuletzt mit Strömsgodset IF Meister in der Tippeligaen wurde... Gefährlicher Knipser – aber im richtigen System: Das ist Austrias neuer Stürmer Ola Kamara!

FK Austria Wien (Logo, Wappen)Die Wiener Austria verstärkt sich (vorerst) bis 2015 mit dem norwegischen Angreifer Ola Kamara, der zuletzt mit Strömsgodset IF Meister in der Tippeligaen wurde und der SV Ried gehörte. Die Wiener besitzen eine Verlängerungsoption bis 2017. Welcher Spielertyp ist Kamara? Wie kam es, dass er in Norwegen nach und nach dermaßen einschlug? Und wieso war das Deutschland-Intermezzo des 24-Jährigen nicht von Erfolg gekrönt? abseits.at analysiert das neue Veilchen.

Ola Williams Kamara wurde im Herbst 1989 in Oslo geboren. Bis zu seinem 17.Lebensjahr kickte der Stürmer für Frigg Oslo, einen kleinen Hauptstadtklub, der seit jeher zwischen dritter und vierter norwegischer Liga pendelt. Im Jahr 2005 wurde Kamara aber von Stabaek IF geholt, das damals noch eine halbwegs große Nummer im norwegischen Fußball war. In der Kalenderjahrsaison 2006 kam Kamara zu seinen ersten Partien für den Erstligisten: Drei Einwechslungen, 42 Minuten Spielzeit – dies geschah rund um Kamaras 17.Geburtstag. Bei seinem Debüt gegen Lilleström war er gerademal 16 Jahre alt.

Vorsichtiges Herantasten bei Hönefoss und im U19-Team

Bei Stabaek erkannte man das Talent des jungen Offensivspielers, aber Platz gab es im Kader der Dunkelblauen keinen. An den weit routinierteren Angreifern Daniel Nannskog aus Schweden und Veigar Páll Gunnarsson aus Island, die zusammen 34 Saisontore erzielten, gab es kein Vorbeikommen. Also wurde Kamara für die Saison 2007 an den Zweitligisten Hönefoss verliehen, wo er auch aufgrund wiederkehrender kleinerer Verletzungen nur zu acht Einsätzen kam. Gegen Ende der Saison etablierte er sich dafür langsam aber sicher in der norwegischen U19-Nationalmannschaft.

Kamara wird als Reservist norwegischer Meister

2008 ging Kamara zurück zu Stabaek und spielte weiterhin keine große Rolle, weil sich an der personellen Situation beim Klub aus dem Osloer Vorort Baerum nichts änderte. Kamara kam nur auf drei Einwechslungen, wurde aber erstmals norwegischer Meister. Stabaek hängte die Konkurrenz aus Fredrikstad und Tromsö um sechs Punkte ab und Kamaras Stürmerkollege Daniel Nannskog wurde Schützenkönig. Der einstige Serienmeister Rosenborg BK wurde nur Fünfter, ein gewisser Thorstein Helstad erzielte elf Saisontore für Brann Bergen…

Wechsel zu Abstiegskandidat Strömsgodset

Währenddessen rettete sich der kleine Klub Strömsgodset IF knapp vor dem Abstieg bzw. zumindest vor dem Relegationsplatz. Die Blau-Weißen aus Drammen sind etwa im selben „Krätzl“ beheimatet, wie Stabaek oder die Osloer Klubs. Der Wechsel Kamaras von Meister Stabaek zu Strömsgodset im Jänner 2009 erschien logisch. Bei Stabaek hätte es gerade in der wichtigen Entwicklungsphase bis zum 21.Lebensjahr keine Chance auf regelmäßige Einsätze für Kamara gegeben.

Strömsgodset und der Philosophieprozess

Der langjährige Strömsgodset-Trainer Ronny Deila verfolgt seit jeher eine genaue Spielphilosophie, versuchte auch in Zeiten der Abstiegsgefährdung das klassische 4-3-3 zu forcieren. Schnelle, direkte Diagonalpässe auf die Flügel, ein durchschlagskräftiger Mittelstürmer, in der Tiefe flexible zentrale Mittelfeldspieler. Was in früheren Jahren immer wieder etwas hölzern wirkte, fruchtete nach einem gut vier Jahre dauernden Prozess. Kamara war im Grunde durchgehend Teil dieses Prozesses. In der Saison 2009 wurde mit dem damals 19-Jährigen noch ein wenig experimentiert. Zwar kam er gelegentlich auf seiner Paradeposition als Mittelstürmer zum Einsatz, öfter aber versuchte man ihn als Linksaußen, einmal auch als Rechtsaußen. Kamara kam auf 15 Ligaeinsätze (neun Einwechslungen), drei Tore und ein Assist. Strömsgodset rettete sich wieder knapp vor dem Abstieg und Kamara durfte zumindest ein wenig in die Tippeligaen schnuppern.

Das Experiment mit den beiden Flügelpositionen

2010 änderte sich das Bild erneut: Kamara durfte nun häufiger als Mittelstürmer auflaufen und wurde von Trainer Deila in Ausnahmefällen eher auf den rechten, als auf den linken Flügel gestellt. Es wirkte so, als wollte Deila den Diamanten Kamara „schleifen“, flexibler machen, trotz des fixen 4-3-3-Systems zu einem Spieler machen, der mit vielen Situationen zurechtkommt. Kamara begann zu treffen: In 25 Ligaspielen (elf Einwechslungen) machte er sieben Tore und drei Assists. Dabei zeigte er als Mittelstürmer vor allem in der zweiten Saisonhälfte gute Leistungen und fand immer besser ins Team. Das Experiment mit Kamara als Rechtsaußen wurde aber recht schnell wieder verworfen, weil der Rechtsfuß als Flügelspieler eher einen inversen Spielstil verfolgt und diesen am rechten Flügel nie durchsetzen konnte. Strömsgodset stabilisierte sich allgemein, wurde Siebter in der norwegischen 16er-Liga.

Endlich Stammspieler

2011 war Kamara bereits als Stürmer gesetzt. Er machte alle 30 Ligaspiele mit, wobei er fünfmal eingewechselt wurde. Erst im Saisonfinish begann der Coach wieder zu rotieren und stellte Kamara als linken Flügel in einem defensiver ausgerichteten 4-3-3 auf – auch um Kamaras allgemeine defensive Fähigkeiten zu stärken. In 33 Pflichtspielen kam Kamara auf zehn Tore und wurde damit langsam aber sicher zum Publikumsliebling. Strömsgodset beendete die Saison wieder im Tabellenmittelfeld.

Vizemeister mit Strömsgodset

All diese Tendenzen zogen sich bis in die Saison 2012 hinein. Kamara kam in allen 30 Ligaspielen zum Einsatz (elf Einwechslungen), auch wenn er hie und da von Trainer Ronny Deila auf die Bank gesetzt wurde. Quasi als Schuss vor den Bug, damit der junge Norweger nicht übermütig wird. Phasenweise präsentierte er sich etwas leichtsinnig, vergab zu viele Chancen auf zu lockere Art und Weise, was aber nicht nur der Leichtsinnigkeit, sondern auch einer merklichen Formschwäche etwa zur Mitte der Saison geschuldet war. Inklusive Cup erzielte Kamara in 34 Pflichtspielen 14 Tore und Strömsgodset spielte plötzlich um den Meistertitel. Am Ende wurde das Team aus Drammen Zweiter hinter Meister Rosenborg.

„Das machen nur die ganz großen Vereine…“

Nach mittlerweile 32 Ligatoren für Strömsgodset wollte sich Kamara im Jahr 2013 verändern und verlängerte daher seinen Vertrag beim Vizemeister, der im Dezember 2012 auslief, nicht. An dieser Stelle schlug Stefan Reiter von der SV Ried zu und gab dem jungen Stürmer einen Vertrag bis Sommer 2016. Der Rieder Manager tat nun etwas, was sich selbst Klubs wie Rapid oder die Austria nicht trauen: Er verlieh den neu verpflichteten Spieler sofort weiter. Dies ist wohl nur möglich, wenn Ried nur einen Bruchteil (wenn überhaupt!) des Spielergehalts weitertragen muss. Von Seiten Rapids hörte abseits.at etwa vor einigen Jahren zu diesem Thema: „Das können wir nicht machen, das machen nur die ganz großen Vereine…“

Kamara floppt im 4-4-2 als Antizipativstürmer

Aber der kleine, gut geführte Klub aus dem Innviertel traute sich über diese Maßnahme und verlieh Kamara zu 1860 München. Im Frühjahr 2013 sollte sich der Norweger bei den Löwen beweisen – doch Kamara floppte. In den Vorbereitungsspielen machte der mittlerweile 23-Jährige zwar gute Figur, doch seine Spielweise war dem System von 1860 und auch der härteren Gangart in der zweiten deutschen Bundesliga nicht gewachsen. Die Münchner Löwen spielten häufig in einem 4-4-2-System, in dem der 195cm große Kanadier Rob Friend der „Target Player“ war. Immer wenn Kamara zum Einsatz kam, sollte er praktisch der antizipative Stürmer neben Friend sein und viel nach hinten arbeiten, was aber nicht in seiner Natur als Mittelstürmer liegt. Zwar bewegt sich Kamara viel und an vorderster Front auch größtenteils gut, aber als Arbeiter/Weiterleiter/“Rundherumläufer“ zu einem klassischen Prellbock war er ungeeignet. Es dauerte nur fünf Wochen und Kamara wurde zu den Amateuren in die bayrische Regionalliga abgeschoben. Für die erzielte er in fünf Spielen zwei Tore – aber für die Kampfmannschaft traf er in zehn Versuchen (acht Einwechslungen) kein einziges Mal.

Nächstes Leihgeschäft: Zurück nach Drammen

Im Juni stand Kamara wieder auf der Kaderliste der SV Ried, aber es war klar, dass diese ihn erneut verleihen würden. Strömsgodset IF war ein vernünftiges Ziel – die heimstarke Elf aus Drammen stand im Juli auf dem zweiten Platz und es lief alles auf einen weiteren Titelkampf mit Rosenborg BK hinaus. Kamara kehrte also wieder an seine alte Wirkungsstätte zurück und wollte mit dem Klub den erst zweiten Meistertitel der Klubgeschichte, den ersten seit 43 Jahren holen.

Meister und „heimlicher Schützenkönig“

Und das schaffte er auch. Er war wieder zurück im vertrauten 4-3-3, auf seiner Lieblingsposition als Mittelstürmer und machte schon in der ersten Partie nach seiner Rückkehr klar, wohin die Reise 2013 gehen soll: Beim 6:1 über seinen Ex-Klub Hönefoss erzielte er drei Tore. Am Ende schaffte Strömsgodset tatsächlich das Fußballmärchen und wurde norwegischer Meister. Kamara erzielte im entscheidenden Spiel gegen Haugesund zwei Tore, kam insgesamt auf zwölf Saisontore in 14 Spielen. Damit wurde er Dritter in der norwegischen Torschützenliste, obwohl er nur die Hälfte der Saison mitmachte. Der 24-Jährige war somit der Garant bzw. die kleine Variable, die Strömsgodset in dieser Saison noch benötigte, um Meister zu werden.

Heerenveen und Kayseri Erciyesspor bekundeten Interesse

Nach der Meistersaison wurde die Karriere des Norwegers umgehend spannender. Es folgten die ersten Einberufungen ins Nationalteam, für das er erst vor zwei Wochen gegen Moldawien sein Premierentor schoss. Zudem trudelten die ersten Angebote aus größeren Ligen ein: Der SC Heerenveen bekundete Interesse, auch weil man den isländischen Superstürmer Alfred Finnbogason nicht mehr lange wird halten können. Der türkische Abstiegskandidat Kayseri Erciyesspor wollte Kamara ebenfalls, weil der belgische Angreifer Björn Vleminckx unerwartet floppte. Das Rennen machte aber schließlich der FK Austria Wien, der wohl von diesen Klubs die beste Mischung aus Auslage, Chance auf Spiele und Hoffnung auf weiterhin viele Tore darstellt.

Gute Entwicklung, aber trotzdem ein „Spezialist“

Über den einstigen „Rieder Schattenlegionär“ wurde viel spekuliert, aber welche Art von Fußballer ist Ola Kamara eigentlich? Der Norweger ist auf jeden Fall ein Spieler, der eine gesunde Entwicklung vorzuweisen hat. Jahr für Jahr wurde der Stürmer besser, in geringem Maße auch vielseitiger, was sicher auch seinem Langzeittrainer Ronny Deila zu verdanken ist. Trotzdem sollte man sich darauf beschränken, Kamara als klassischen Mittelstürmer einzusetzen. Sei es in einem 4-3-3 oder in einem offensiven 4-2-3-1.

Aktionsradius Strafraum

Bei Strömsgodset war das Spiel bis zu einem gewissen Grad auf Kamara zugeschnitten, was ihn als Mittelstürmer immer stärker machte. Kamaras Laufspiel in Ballbesitz orientiert sich eher in Richtung gegnerisches Tor, als „seinen Mitspielern entgegen“. Der Angreifer sucht Schnittstellen, bewegt sich häufig an der Grenze zum Abseits und hat seinen Aktionsradius eher innerhalb des Strafraums. Dass Kamara seinen zentralen Mittelfeldspielern entgegenkommt oder gar auf die Flügel ausweicht, ist hingegen selten. Wenn Kamara sich ein wenig in die Breite fallen lässt, dann eher nach links, weil er dort mit einem fast schon patentreifen Haken sofort mit rechts abschließen kann. Der Brennpunkt des Angreifers liegt aber in und um den Fünfmeterraum.

Typischer Goalgetter

Dies ist gemessen an den Anforderungen des modernen Fußballs wohl auch die größte Schwäche Kamaras. Zwar ist er für seine Gegner schwer unter Kontrolle zu bringen, weil er sich in der direkten Gefahrenzone wie wild bewegt, vorderläuft, hinterläuft, Gegner bindet und den Weg zum Tor sucht. Andererseits werden seine Teams im Aufbauspiel bzw. im allgemeinen Defensivspiel vom Norweger nicht sonderlich viel unterstützt, was eine gewisse Dominanz in der Mittelfeldzentrale voraussetzt. Ist diese und auch die Bindung dieser dominanten Spieler mit ihren Flügelspielern gegeben, ist Kamara im Strafraum eine brandgefährliche Waffe.

Explosiv im Kopfballspiel, sehr schnell auf den ersten Metern

Im Abschluss ist Kamara zwar stark, aber oft noch etwas zu lässig. Seine durchschnittliche Trefferquote verbesserte sich aber im Jahr 2013 merklich – er braucht nicht mehr so viele Chancen wie früher. Seine Kopfballtechnik ist besonders hervorzuheben: Kamara geht Flanken stark entgegen und auch gegen größere Gegenspieler wählt der 184cm-Mann oft den Weg, der weh tut. Wenn die gegnerische Abwehrkette hoch steht, ist Kamara vor allem aufgrund seiner beeindruckenden Grundschnelligkeit und Athletik gefährlich, sofern er es schafft die Abseitsfalle des Gegners zu umgehen. Auch ungezielte weite Pässe in seine Richtung kann er richtig „lesen“, kommt häufig vor seinen Gegenspieler, um den Ball auf direkte Art und Weise weiterzuverarbeiten.

Positiver Charakter, aber ungeduldig

Phasenweise hat Kamara aufgrund seiner sehr offensiv ausgerichteten Spielweise Leerläufe und kommt nur zu sehr wenigen Ballkontakten. Er ist kein Leuchtturm, den man anspielen kann, um ihn einen Ball halten oder abtropfen zu lassen – Kamara braucht die Bälle, die er direkt aufs Tor bringen kann. Der Norweger gilt allgemein als Frohnatur und positiver Spieler, der sich recht leicht auf neue Umgebungen einstellen kann. Allerdings war auch immer wieder eine gleichgültige Mentalität zu beobachten, wenn es mal für einige Zeit nicht so lief, wie es sollte. Geduld ist womöglich die Charaktereigenschaft, an der Kamara am härtesten arbeiten muss.

Lob it like Mayrleb

Besonderheiten in Kamaras Spiel: Wenn er sich auf den linken Flügel fallen lässt, versucht er praktisch immer mit einem Haken (per Außenrist nach innen) und einem sofortigen Schuss abzuschließen. Den Weg zur Grundlinie sucht er nur sehr selten. Desweiteren ist Kamara in Eins-gegen-Eins-Duellen mit dem Torhüter für seine „Schupferl“ bekannt, wie sie in Österreich einst Christian Mayrleb prägte. Dabei sah er aber in jüngeren Jahren oft schlecht aus, wenn der Keeper einfach stehenblieb – mittlerweile wurde er in seinem Abschlussspiel etwas facettenreicher, auch wenn die Lobs weiterhin häufig vorkommen. Insgesamt kann der 24-jährige Skandinavier mit afrikanischen Wurzeln aber auf jeden Fall als Knipser bezeichnet werden. Das Wichtigste ist aber, dass Kamaras Stärken forciert werden und er im richtigen System auf der richtigen Position spielen darf. Der technisch solide, aber nicht überragende Norweger ist ganz klar als Mittelstürmer, weniger als flexibler Spieler für die gesamte offensive Dreierreihe zu bezeichnen. Ein „Spezialist“ eben.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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