Der mit großen Ambitionen und als Titelgeheimfavorit in die Saison gestartete SK Sturm überwinterte mit acht Punkten Rückstand auf Tabellenführer Salzburg auf Platz vier.... Hadzic weg, Piesinger verletzt: Ist Daniel Offenbacher bereit für eine Führungsrolle?

Daniel Offenbacher - SK Sturm Graz_abseits.atDer mit großen Ambitionen und als Titelgeheimfavorit in die Saison gestartete SK Sturm überwinterte mit acht Punkten Rückstand auf Tabellenführer Salzburg auf Platz vier. Dass diese Lücke im Frühjahr geschlossen werden kann, scheint unrealistisch, vor allem wenn man sich die Entwicklung am Spielersektor ansieht.

Während Michael Madl die Steirer in Richtung England zu verlassen scheint, gaben diese in der aktuellen Transferperiode bereits Josip Tadic und Anel Hadzic ab. Zudem muss man Simon Piesinger mit einem Kreuzbandriss bis zum Saisonende vorgeben. Neben den talentierten Youngsters, die Franco Foda hochziehen möchte, steht im Mittelfeld damit vor allem ein Akteur im Fokus: Daniel Offenbacher.

Der beste Einfädler der Liga

Der 23-Jährige genießt unter den Sturm-Fans nicht den besten Ruf. Sieht man sich die nachstehende Radargrafik an, lässt sich erahnen, warum das so ist. In den Balleroberungsstatistiken liegt er mit 1,5 Tackles und 1,2 abgefangenen Bällen beträchtlich hinter Hadzic (3,2 bzw. 2,9) und Piesinger (3,4 bzw. 3,0). Außerdem versetzt seine Ausbeute an Vorlagen und Toren den gemeinen Fan ebenfalls nicht ins Staunen. Betrachtet man jedoch die weiteren Daten, dann entpuppt sich Offenbacher als durchaus interessanter und attraktiver Mittelfeldspieler.

Ligaweit gibt es nämlich keinen anderen Akteur, der mehr Torschüsse direkt vorbereitet. Ermöglicht wird dies vor allem durch seine präzisen Standards. Im Vergleich mit den anderen Mittelfeldspielern der tipico Bundesliga ist er zudem hinsichtlich der Torschussvorbereitungen pro 90 Minuten ebenfalls top. Die allgemeinen Passdaten sind ebenfalls gut, wobei es sich gerade hier lohnt, die Lupe drüberzulegen. Im Passspiel ist Offenbacher nämlich ein besonders herausragender Spieler – gerade im Vergleich zu seinen Mitspielern.

Passstärker als seine Mitspieler

Im Folgenden wollen wir aus diesem Grund die Passgenauigkeit Offenbachers mit jenen von Hadzic und Piesinger gegenüberstellen. Dabei sehen wir uns drei verschiedene Kategorien an: lange Pässe, kurze Pässe und Pässe in der eigenen Hälfte. Die ersten beiden Kategorien dienen zur Einordnung im Ballbesitzspiel, die dritte ist vielmehr ein Indikator im defensiven Bereich. Fehlpässe beim Herausspielen aus der eigenen Hälfte ermöglichen dem Gegner nämlich im Allgemeinen eine sehr gute Kontermöglichkeit.

Offenbacher hatte im Herbst in allen drei Kategorien bessere Werte als die anderen beiden Akteure. Besonders bei Pässen über längere Distanzen weist er eine markant höhere Genauigkeit auf. Nur Roland Putsche vom WAC hat unter den Mittelfeldspieler ligaweit eine bessere Quote, spielte aber in der laufenden Saison wesentlich weniger lange Bälle (15) als der Sturm-Mittelfeldmann (69). Eine noch detailliertere Gegenüberstellung der Passdaten gibt es übrigens auf ballverliebt.eu.

Einer, der den Rhythmus bestimmen kann

Lange Bälle nehmen im Spiel von Offenbacher eine überaus wichtige Rolle ein, wenngleich Hadzic (19,2%) und Piesinger (16,2%) anteilig mehr derartige Pässe spielen. Sturms Nummer 20 ist allerdings in der Lage, sie gezielt einzusetzen. Insbesondere dann, wenn er ein offenes Sichtfeld bekommt, können seinen präzisen Wechsel- und Diagonalpässe das Spiel sprungartig beschleunigen. Man betrachte dazu die folgenden Torschussentstehungen aus den letzten Spielen.

Das Muster ist in allen drei Fällen ähnlich: Offenbacher verlagerte mit einem langen Pass das Spiel auf den ballfernen Flügel, wo sich seine Kollegen durchsetzten und dann ein Torschuss folgte. Gerade wenn man sich die Besetzung der Grazer Flügel ansieht, macht diese Strategie Sinn. In Thorsten Schick, Andreas Gruber und Kristijan Dobras haben sie Spieler, die Probleme haben das Spiel aus dem Stand heraus schnell zu machen. Mit ihrer Antrittsstärke können sie den Gegner in Eins-gegen-Eins-Situationen allerdings meist ohne große Probleme überlaufen. Das ist vor allem dann möglich, wenn sie Zeit bekommen, diese Aktionen vorzubereiten.

Defensive Unterstützung nötig

Hinsichtlich des Passspiels sollte es also wenig Zweifel daran geben, dass Offenbacher innerhalb der Sturm-Mannschaft eine Führungsrolle einnehmen und den Verlust von Hadzic und Piesinger kompensieren kann. Er hat die Fähigkeiten es zu variieren und den Rhythmus des Spiels zu bestimmen, seine Zuspiele kommen sowohl über kurze als auch lange Distanzen verlässlich ans Ziel. Ein Problem könnte hingegen sein Verhalten im Defensivspiel werden, denn nicht nur seine Balleroberungswerte sind verglichen mit den beiden Stammspielern vom Herbst sehr niedrig. Im Stellungsspiel hat er ebenfalls Probleme.

Es wird daher besonders interessant sein, ob und wie Sturm auf dem Transfermarkt aktiv werden wird. Mit Wilson Kamavuaka hat Sturm aktuell lediglich einen „gestandenen“ Spieler für den defensiven Part der Doppelsechs. Dieser könnte allerdings auch in der Innenverteidigung gebraucht werden, wenn es zum erwarteten Abgang von Kapitän Madl kommt.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem