Rapid absolvierte mit dem gestrigen 0:2 gegen den AS Trencin zehn Pflichtspiele und präsentierte sich bisher als „extreme“ Mannschaft. Bei einem Torverhältnis von 24:6... Kommentar: Es ist nicht alles grün, was glänzt

_Mike Büskens - SK Rapid

Rapid absolvierte mit dem gestrigen 0:2 gegen den AS Trencin zehn Pflichtspiele und präsentierte sich bisher als „extreme“ Mannschaft. Bei einem Torverhältnis von 24:6 sollte man meinen, dass Rapid über fast alles hinwegfegen konnte, aber die Realität sieht ein bisschen anders aus und drängt das Trainerteam und die Mannschaft in eine Situation, die auch angenehmer sein könnte.

Meistertitel, Cupsieg, internationale Erfolge. So lauten die Vorgaben ans Team des SK Rapid. Von allen Seiten. Und wie man es bereits aus der Vergangenheit kennt, kommt es bei Rapid nicht nur aufs „ob“, sondern auch aufs „wie“ an. Der biedere 1:0-Arbeitssieg ist bei Rapid fast schon unbeliebter als das hart umkämpfte 3:3.

Eigentlich verwöhnte Rapid seine Fans in der bisherigen Saison. Bei allen sechs Siegen erzielten die Hütteldorfer jeweils mindestens drei Tore, viermal sogar mindestens vier. Aber sechs richtig starken Partien stehen auch vier Partien gegenüber, die man nicht gewinnen konnte. Jede einzelne auf ihre Art ein bisschen bedenklich. Und mit 60%-iger Erfolgsquote wird’s auch im neuen Stadion ein harter Weg zu Titeln.

Der Ist-Zustand ist natürlich klar: Noch ist nichts Schlimmes passiert. Rapid ist standesgemäß in die Ligasaison gestartet, im Cup eine Runde weiter und qualifizierte sich mit zwei starken und zwei schwachen Spielen für die Europa League Gruppenphase. Rapid liegt im Plan und hat dennoch Probleme:

Am auffälligsten ist natürlich die Wankelmütigkeit des Rekordmeisters. Völlig grundlos folgen auf grandiose Partien mühsame Kicks. Nach dem 5:0 beim Eröffnungsspiel gegen Ried, zeigte Rapid eine müde Leistung beim 0:0 gegen ein ausschließlich körperlich starkes Zhodino. Auf die beste Saisonleistung, das 4:0 in Zilina gegen Trencin, folgte ein ernüchterndes 1:1 in Wolfsberg.

Dies ist natürlich auf die Wankelmütigkeit einzelner Akteure zurückzuführen – sinnbildlich sei Stefan Schwab genannt. Das „neue Gesicht“ in Rapids Spiel lässt auf bärenstarke Leistungen wie auswärts gegen Trencin Spiele folgen, in denen er so wirkt, als hätte er erstmals einen Fußball am Schuh – etwa gestern. Die beiden Partien gegen den slowakischen Meister sind gerade bei ihm aber nicht die einzigen Beispiele. Schwab sei außerdem nur als Galionsfigur der Inkonstanten genannt.

Unweigerlich muss auch wieder die Mentalitätsfrage gestellt werden. Als es in Zilina noch 0:0 steht, wollen die Grün-Weißen ihren Gegner fressen. Bei einem 4:0-Gesamtscore und dem Anpfiff des Rückspiels, stimmen plötzlich Defensivarbeit und Zweikampfverhalten nicht mehr. Bei manchen Spielern ist eine gewisse Überheblichkeit zu spüren, obwohl der Trainer mehrfach davor warnte. Rapid wirkt in den vermeintlich „einfachen“ Spielen satt. Nicht jeder Spieler ist zu 100% bereit, „alles reinzuhauen“, wie es Neo-Coach Mike Büskens vor der Saison forderte.

Bei den Siegen sah man ihn wieder, den Rapid-Geist. Eben die positive Mentalität, die auch noch auf das dritte und vierte Tor geht, heiß auf noch mehr ist. Wenn’s läuft, dann geht natürlich alles einfacher. Wird dem Rapid-Geist aber etwas mehr Destruktivität entgegengesetzt und Zweikämpfe grundsätzlich härter und konsequenter geführt, bleicht er aus und schafft es (noch) nicht, sich selbst ins Spiel zurückzuholen. So gesehen gegen Zhodino, Altach und Wolfsberg. Ansatzweise auch gestern, obwohl das insgesamt blamable 0:2 gegen Trencin, die erste Niederlage im neuen Stadion, eher spielerische, schlampige Gründe hatte.

Auch so manche Personalentscheidung muss genauer beleuchtet werden. Nimmt man Maximilian Hofmanns gestrige Leistung und versucht sie damit aufzuwiegen, was Mario Sonnleitner verbrochen haben muss, um unter Büskens keine Rolle mehr zu spielen, kommt man zu dem Schluss, dass der einstige Vize-Kapitän wirklich gewaltig viel Dreck am Stecken haben muss. Allgemein sollte man vorsichtig mit dem Aussortieren sein. Man wird den breiten Kader auch 2016/17 brauchen, wie die Vorsaison deutlich zeigte.

Und leider auch weiterhin auffällig: Rapid wartet seit nunmehr einem knappen Jahrzehnt auf eine richtig solide Saison ihres Einserkeepers. Jan Novota machte gestern keine entscheidenden Fehler, wirkte aber oft unentschlossen. Die Alternative ist der noch unentschlossenere Richard Strebinger. Das mangelnde Goalie-Gen einer Maier- und Konsel-Generation ist weiterhin ein Problem, war auch jenes von Lukas Königshofer und Helge Payer. Während Rapid bei so vielen anderen Spielern ein gutes Händchen hat, ist die Torhüterposition immer noch das heimliche Sorgenkind. Das wiederum – es wird viel zu selten thematisiert – könnte auch mit die Schuld des ohnehin nicht rundum beliebten Tormanntrainers Raimund Hedl sein.

Die Konstanz der Neuen sei hier nicht bekrittelt, denn auch wenn sie mal Chancen vergeben oder ein Pass nicht exakt ankommt, zeigten gerade Joelinton, Mocinic und Traustason, welch riesiges Potential in ihnen schlummert. Hinzu kommt mit Schösswendter ein Charakter, der absolut das Zeug zum Führungsspieler hat.

Während die Hoffnung regiert, dass Büskens sich die ersten 1 ½ Pflichtspielmonate ruhig und gelassen ansah und die weiterhin gelegentlich aufblitzenden Mentalitätsprobleme nun knallhart korrigiert, darf man natürlich nicht vergessen, dass sich bei Rapid auch vieles zum Positiven gewendet hat.

Speziell im spielerischen Bereich: Rapid kreiert wieder mehr Torchancen, steht höher, presst besser. Das Einrücken der Außenverteidiger setzt deren Grundstärken frei, was vor allem für Pavelic, aber auch den richtig starken Schrammel gilt. Natürlich ist auch die allgemeine Qualität in der Mannschaft gestiegen. Mocinic als abkippender Sechser ist ein Luxus, den sich in Österreich nur selten ein Team leisten kann. Es ist nicht verwunderlich, dass auch Grahovac in dieser angenehmen Konstellation immer fordernder wird.

In Ballbesitz fehlt es in der Offensive derzeit nur an Nuancen. In allen Heimspielen – auch gestern – hätte Rapid noch wesentlich mehr Tore erzielen müssen. Teilweise denkt man zu kompliziert, teilweise auch zu individualistisch. Der gesamten offensiven Dreierreihe muss, wie auch dem Stürmer, schlichtweg der Knopf aufgehen. Erst dann rennt das Werkl Rapid so richtig.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass Rapid einfach einen Lauf braucht. Sturm hätte ein Spiel wie jenes in Wolfsberg aktuell wohl gewonnen und in Altach nicht verloren, obwohl man qualitativ deutlich andere Voraussetzungen als Rapid hat. Die Selbstverständlichkeit fehlt den Grün-Weißen noch in einigen Situationen. Aber diese Selbstverständlichkeit kommt nicht von alleine, sondern muss erkämpft werden! Das ist es, was Büskens seinen Jungs schnellstens und dringendst klarmachen muss! Die Ausrutscher gegen Altach, Wolfsberg und Trencin waren jeweils von einer anderen Ursachensorte, aber dennoch allesamt hausgebacken und vermeidbar!

Bereits vor einem halben Jahr hieß es hier auf abseits.at „Mach‘ so viele Fehler wie möglich, aber mach keinen zweimal“, als es um Rapid und die Ur-Tugenden des Vereins ging. Damals war die Saison nach dem Aus gegen Valencia und dem verpatzten Frühjahrsauftakt bereits ruiniert. Das ist heuer natürlich bei weitem nicht der Fall, aber die Message bleibt dieselbe. Extremausrutscher, wie sie nun schon mehrmals vorkamen, müssen so schnell wie möglich aufhören bzw. konsequent weggearbeitet werden. Dann kommt auch die Konstanz Einzelner, die Selbstverständlichkeit, sowie der lang ersehnte Lauf.

Kommentar von Daniel Mandl

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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