1:2 in Salzburg: Rapid verlor nur knapp und lieferte dennoch die Offenbarung ab, wie es momentan um die Grün-Weißen steht. Auf Damir Canadi kommt... Kommentar: Rapid verliert in Salzburg und hat die Sache mit dem „Kampf“ falsch verstanden…

Mario Sonnleitner - SK Rapid Wien_abseits.at

1:2 in Salzburg: Rapid verlor nur knapp und lieferte dennoch die Offenbarung ab, wie es momentan um die Grün-Weißen steht. Auf Damir Canadi kommt viel Arbeit zu.

„Heute habe ich meine Mannschaft kennengelernt und weiß jetzt, auf wen ich mich verlassen kann“, meinte Neo-Coach Damir Canadi unmittelbar nach seiner verpatzten Premiere. Es klang fast wie eine Drohung, denn eine verlässliche Leistung brachte am gestrigen Nachmittag nur Schlussmann Richard Strebinger.

Salzburg war einfach stärker

Der Rest der Mannschaft war von der Rolle, manche sogar komplett überfordert mit Tempo und Intensität. Red Bull Salzburg zeigte trotz personeller Probleme in der ersten Halbzeit wohl eine der besten Bundesliga-Leistungen in dieser Saison, Rapid konnte nicht mal annähernd mithalten. Das muss individuell nicht unbedingt verwundern und ist auch angesichts der verpatzten letzten Monate mannschafts- und gruppentaktisch keine Überraschung. Aber einmal mehr ließ Rapid die „hauseigenen“ Tugenden vermissen.

Totalversagen

Spielerisch waren die Hütteldorfer heillos überfordert, aber erschreckender waren die Mängel in Zweikampf- und Pressingverhalten. Dies zog sich über alle Positionen: Beide Außenverteidiger erwischten einen rabenschwarzen Tag, die erhofften Offensiv-Motoren Murg und Schaub blieben völlig blass und handzahm im Pressing, Joelinton kam mit seiner Rolle als Zehner und den aggressiven Salzburgern nie zurecht und das zentrale Mittelfeld Rapids verhielt sich phasenweise wie in der Schülerliga, konnte weder Bälle erobern, noch sie sichern.

Die superteuren Fehlkäufe (?)

Canadi kritisierte zu Recht die Legionäre und meinte damit wohl vor allem die, die in Schlüsselpositionen auflaufen. Unverändert präsentiert sich Ivan Mocinic als Schatten seiner selbst bzw. seiner Möglichkeiten. Der anfänglich hochgelobte Kroate ist in dieser Verfassung im Begriff langsam aber sicher als Fehlkauf gebrandmarkt zu werden. Der Isländer Arnór Ingvi Traustason – gegen Salzburg nicht mal im Kader – hat dieses Siegel bereits, auch wenn der Teamspieler das Potential für mehr hätte und hoffnungslos überspielt ist.

Minimalste Lichtblicke

Auch Joelinton hat alle Möglichkeiten zu einem Klassemann zu werden, ist bei Rapid aber nicht konsequent genug, machte seit August keinen Schritt mehr nach vorne. Der wie Joelinton erst 20-jährige Szanto, als Halblegionär zu bezeichnen, muss in seiner Präsenz die nächste Sprosse erklimmen: In Salzburg wirkte es so, als wäre er gar nicht da. Legionärs-Lichtblicke waren diesmal einzig der etwas besser stabilisierende Grahovac und der georgische Schützenkönig Giorgi Kvilitaia, der zumindest in Ansätzen Bälle festmachte. Man kommt dennoch nicht umhin, die Personalpolitik von Ex-Sportchef Andreas Müller und seiner Trainer zu hinterfragen. Vielleicht nicht mal wegen der möglichen Qualität der verpflichteten Spieler, sondern eher aufgrund der mehr als unglücklichen Zeitpunkte der meisten Wechsel.

Nicht nur die Legionäre enttäuschten

Aber das dezidierte Hinhauen auf die Fremdarbeiter wäre wohl ein wenig zu einfach, zumal die gesamte Mannschaft sich miserabel präsentierte. Das weiß natürlich auch der taktisch bestens geschulte Canadi, der eine Mannschaft sah, die absolut unkompakt auftrat. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren astronomisch, während Salzburg gegen den Ball den jeweils aktiven Flügel und die Mitte perfekt im Griff hatte, sofort mit mehreren Spielern ins Pressing ging und durch den starken Vertikalfokus der Zweikämpfe auch direkt (!) aus dem Pressing heraus gefährliche Situationen kreieren konnte.

Fehler in der Personalpolitik werden immer offensichtlicher

Auch fiel Canadi in seiner ersten Trainingswoche auf, dass bei Rapid zwar Technik zu Hause ist, nicht aber die heutzutage wohl nötige Schnelligkeit und Dynamik. Auch dies ist eine Situation, die sich in den letzten Jahren aufbaute, weil man das Ballbesitzspiel als kaum moderne und Rapid-spezifisch unpassende Spielphilosophie auserkor. Nun gibt es einen Haufen Spieler, die „von allem ein bisschen etwas“ können, aber kaum Spezialisten. Es schien so, als würde Salzburg in jeder Situation schneller und spritziger sein, als Rapid. Einerseits hat das sicher individuelle Gründe, andererseits tut die aktuelle Situation in Grün-Weiß ihr Übriges. Es fehlt die Kampfmaschine auf der Sechs, der Flitzer am Flügel, der unwiderstehliche Zehner-Typ… Heikkinen, Boskovic, Korkmaz und Steffen Hofmann lassen grüßen. Da hilft es auch nichts, wenn man den qualitativ besten Kader hat, seit Hofmann Rapidler ist, wie dieser selbst betonte.

Wann beginnt Rapid zu fighten?

Was aber aus freien Stücken änderbar ist und selbst beim Trainerdebüt Canadis komplett falsch lief: Rapid hat sich nicht reingehaut, wie es Rapid in jeder Partie tun sollte. Die ängstliche Art und Weise wie der Tabellenfünfte in die Zweikämpfe ging. Die teilweise fast aufreizend lässige Art und Hoffnung, jede Situation mit Spiel lösen zu können, um damit dem (notwendigen) Kampf auszuweichen. Die verwöhnten Burschen aus dem Westen Wiens, die im Hinterkopf bereits ihre lukrativen Auslandsverträge (die sie so natürlich nie bekommen werden) unterzeichnen, müssen sich in erster Linie der Anforderungen ihres Berufs bewusst werden.

Die grün-weiße Farb‘

1988 sagte der legendäre Max Merkel folgendes über Rapid:  „Von Rapid ist überhaupt nur die grün-weiße Farb‘ übrig geblieben.“ – Allerdings war dies eine Kritik an den obersten Funktionären des Klubs. Heute darf man dies gerne auf die Spieler ummünzen, denn so richtig „Rapid-like“, wie man es aus der langen und erfolgreichen Geschichte des Rekordmeisters kennt, präsentierte sich kein einziger Feldspieler. Die durchgebrannten Sicherungen der Nachspielzeit war nur der Gipfel des Eisbergs. 90 Minuten überließ man Salzburg Feld und Kampf und gerade als man noch eine allerletzte Chance auf einen Punkt bekommt, lässt man sich verrückt machen, anstatt cool zu reagieren. Und an vorderster Front: Die Routiniertesten.

Gemeinsam statt einsam

Das Rezept für die nächsten Wochen sollte klar sein: An einem Strang mit Trainer Canadi ziehen, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger einen Plan hat, was er aus Rapid machen möchte. Nicht mehr nur auf die eigenen, individuellen Stärken, sondern die gemeinsamen Stärken konzentrieren. Jetzt geht’s um Fundamentales und das ist nun mal nur gemeinsam zu lösen. Zudem hilft ein Blick ins Leitbild des SK Rapid. Nur damit hausieren zu gehen, es dann aber nicht zu leben oder zumindest versuchen es umzusetzen, ist schlichtweg zu wenig. Führt man sich die 97 Minuten in Salzburg noch einmal zu Gemüte, findet man sehr viele Passagen, die dem Selbstverständnis Rapids einfach gar nicht entsprechen. Der Ball liegt nun bei der Mannschaft.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen