Nach der 0:1-Niederlage in Altach und dem Absturz auf den siebten Tabellenrang werden die Rufe nach einer vorzeitigen Entlassung von Austria-Trainer Fink zuletzt wieder... Kommentar: Wer verantwortet die jetzige Situation bei der Wiener Austria?

Nach der 0:1-Niederlage in Altach und dem Absturz auf den siebten Tabellenrang werden die Rufe nach einer vorzeitigen Entlassung von Austria-Trainer Fink zuletzt wieder lauter und die Stimmen mehren sich, die mit der Arbeit des Deutschen unzufrieden sind und sich eine Veränderung wünschen. Dass das historisch gesehen nicht immer der Weisheit letzter Schluss bei der Wiener Austria war, ist den meisten Austria-Fans nach wie vor nur allzu gut im Gedächtnis, war es doch erst Thorsten Fink, der den Verein nach einigen schwierigen Jahren mit vielen Trainerwechsel wieder in das Fahrwasser der Spitzengruppe der Liga zurückführte. Doch in den letzten Monaten stockte der Motor der Veilchen merklich und die Leistungen blieben überwiegend durchwachsen. Doch wo liegen die Gründe und Ursachen dafür? Ist der Trainer dafür verantwortlich? Die lange Verletztenliste? Die Dreifachbelastung? Die Kaderplanung vor der Saison? Viele Faktoren also die in Frage kämen, auf die wir nun auch näher eingehen werden.

Späte Zugänge gefolgt von späten Abgängen einiger Leistungsträger

Rückblende – Wir schreiben den 24. August 2017, es läuft die 79. Spielminute im Rückspiel des Europa-League-Playoffs gegen NK Osijek. Die Kroaten führen mit 1:0 und die Austria ist nur dank der Auswärtstorregel noch voran. Die Anspannung ist quasi zum Greifen und der Gegner drückt auf das zweite Tor, was das Aus für die Austria bedeuten würde. Dann die Hiobsbotschaft – der an dem Tag überragende Serbest hat sich am Knie verletzt und muss ausgewechselt werden. Fassungslosigkeit macht sich auf den Rängen und auf der Bank breit. Trainer Thorsten Fink grübelt und die Sorgenfalten sind sichtbar, denn auf der Bank sind bis auf Linksverteidiger Salamon nur noch junge Kaderspieler anwesend, die alle zusammen nicht einmal eine Handvoll Profispiele aufweisen. Zunächst holt man Gluhakovic zur Bank, um dann doch umzudisponieren und den letzten verbliebenen erfahrenen Spieler, nämlich Salamon, ins Spiel zu bringen. Er kam auf der für ihn ungewohnten Position im zentralen Mittelfeld zum Einsatz. Letztlich ist die Abwehrschlacht doch noch erfolgreich und die Zitterpartie endet in einer Jubeltraube und großen Feierlichkeiten. Die ganzen Widrigkeiten sind kein Thema mehr und zum zweiten Mal infolge zieht man in die Gruppenphase der Europa League ein.

Warum erwähne ich gerade dieses Ereignis fragen sich wohl die meisten? Weil es wohl symptomatisch für die Probleme der Austria zu einem noch sehr frühen Zeitpunkt der Saison war. Dafür müssen wir aber etwas weiter ausholen, weshalb wir nochmal zurückblicken müssen, um die Ursache und Wirkung der jetzigen Situation nachvollziehen zu können. Die Kaderplanung läuft zunächst alles andere als optimal in Wien-Favoriten. Stammspieler Rotpuller schlägt das Vertragsangebot aus, Allrounder De Paula hängt in der Warteschleife, Transfers wie die von Leistungsträger Kayode sind wochenlang in der Schwebe und auch Rechtsverteidiger Larsen liebäugelt mit einem Abgang. Aber auch bei den Neuzugängen läuft nicht alles glatt. Der erste Transfer von Christoph Monschein wird erst am Tag der Abreise ins Trainingslager offiziell, wobei es da auch noch rechtliche Meinungsverschiedenheiten gab und damit noch keine Rechtssicherheit herrschte. Die Transfers von Wunschspieler wie jene von Sechser Jäger und Flügelspieler Möschl zerschlagen sich, da diese lieber den Sprung in die zweite deutsche Liga wagen, als in Wien anzudocken. Der nächste Transfer von Innenverteidiger Heiko Westermann wird erst zehn Tage vor Saisonstart endgültig fixiert, wodurch der Routinier jedoch weite Teile der Vorbereitung und das wichtige Trainingslager verpasste – somit also mit Aufholbedarf nach Wien kam, so wie auch Allrounder De Paula, mit dem man sich ebenfalls einigte. Das sollte dann auch die letzte Transferaktivität für mehrere Wochen sein. Der Abgang von Torjäger Kayode zog sich wie bereits erwähnt lange Zeit hin und dieser weigerte sich auch für die Austria aufzulaufen, da er sich dazu „mental“ nicht bereit fühlte. Zumindest war dies kein wirkliches Problem, da man mit Monschein dessen Ersatz bereits verpflichtete und da auch letztlich Rechtssicherheit durch eine Einigung mit der Admira schuf. Damit war man aber auch finanziell nicht wirklich mehr in der Lage nochmal nachzurüsten, da das Geld durch die anfallenden Kosten im Verbund mit den Umbaumaßnahmen im Horr-Stadion aufs Budget drückte.

Personalsorgen nehmen langsam zu und dünnen den Kader aus

Dennoch war dies nicht weiter tragisch, da es bis auf Rotpuller zunächst keine weiteren Abgänge aus der Stammelf mehr gab. Man qualifizierte sich für das Playoff der Europa League und in der Liga schien man nach dem schwachen Saisonstart ebenfalls wieder in die Spur zu finden. Mitte August nahm dann das Transferkarussell bei den Wienern jedoch wieder Fahrt auf, und nicht nur das. Der bevorstehende Transfer von Torschützenkönig Kayode konnte endlich fixiert werden und brachte einen Millionenregen über die Violetten herbei. Etwas überraschend wurde dann auch noch kurze Zeit später der Abgang von Führungsspieler Filipovic bekannt, der dank einer Ausstiegsklausel zum türkischen Pokalsieger Konyaspor wechselte. Doch es blieb nicht nur bei transferbedingten Ausfällen, auch der Vorbote des Verletzungspechs machte sich langsam in Wien-Favoriten breit. Kapitän Alex Grünwald zog sich eine schwere Knieverletzung zu und fiel somit bereits früh in der Saison für den gesamten Herbst aus. Damit verlor man quasi auf einen Schlag drei wichtige Leistungsträger innerhalb weniger Tage, die einen großen Anteil an der vergangenen erfolgreichen Saison hatten.

Zum Überdruss fanden diese Ereignisse genau wenige Tage vor dem so wichtigen Hinspiel  im Playoff zur Europa League gegen Osijek statt. Zwei Leistungsträger neben der bereits längeren Abwesenheit von Kayode mussten also im Vorfeld kurzfristig von Trainer Thorsten Fink ersetzt werden, weshalb mit Kadiri und Prokop zwei junge Spieler in die Bresche springen mussten. Das gelang dann auch und man feierte einen 2:1-Auswärtssieg in Osijek, womit man sich eine tolle Ausgangsposition für das Rückspiel in St. Pölten erarbeitete. Als man dann dachte es würde zumindest bis zum Rückspiel und einen eventuellen Aufstieg in die Gruppenphase ruhig bleiben, entschied sich die Vereinsführung noch einen wichtigen Leistungsträger ziehen zu lassen. Zwei Tage vor dem Rückspiel gegen Osijek wurde nun auch überraschend der unterschätzte Stammspieler Larsen abgegeben, der sich seinen Wunsch erfüllen ließ und in die italienische Serie A wechselte. Damit kam Trainer Fink nun auch der vierte Leistungsträger innerhalb weniger Tage abhanden und zwang den Deutschen zu weiteren Umstellungen.

Damit sind wir auch wieder an unseren Ausgangspunkt angelangt, der am Anfang dieses Artikels bereits angeschnitten wurde. Für das Trainerteam war die Situation alles andere als einfach und könnte auch als Worst-Case-Szenario betitelt werden, als im Spiel auch noch mit Serbest der nächste Leistungsträger verletzt ausfiel. Allen Widrigkeiten zum Trotz gelang also dennoch der Einzug in die Gruppenphase und damit erreichte Trainer Fink das erste große Saisonziel, was ohne Zweifel durchaus hoch anzurechnen ist, vor allem in Anbetracht der ganzen Situation und den Umständen, die man meistern musste.

Durch den Einzug in die Gruppenphase war nun klar, dass man für die Dreifachbelastung einen breiteren Kader brauchen würde und es wurden nochmal zusätzliche finanzielle Mittel frei, um auf den ausgedünnten Kader und den Abgängen der Leistungsträger zu reagieren, die ebenfalls einige zusätzliche Millionen in die violetten Kassen spülten. So wurde die Rückkehr von  Nationalspieler Klein fixiert und man verpflichtete darüber hinaus mit Lee und Alhassan zwei junge Perspektivspieler, von denen man sich in Zukunft viel erwartete. Es verblieben jedoch zwei weitere Baustellen im Kader, die man noch schließen wollte. Einerseits wollte man die vakante Position im defensiven Mittelfeld reagieren, da mit Serbest nur ein Sechser im Kader stand, der nun auch aufgrund einer Knieverletzung wochenlang pausieren musste, andererseits auf der Flügelposition, da man mit Venuto erst im Frühjahr rechnete und mit Pires und Tajouri nur zwei nominelle Flügelspieler zur Verfügung hatte. Die Zeit wurde jedoch knapp, da sich das Transferfenster dem Ende zuneigte und man damit unter Druck stand. Man hatte mit Leskovic und Sax auch zwei Wunschspieler an der Angel und war auch bereit tiefer in die Tasche zu greifen, jedoch zerschlugen sich diese beiden Transfer im letzten Moment und die abgebenden Vereine legten ihr Veto ein. Immerhin hatte man auf der defensiven Position noch einen Plan B in der Hinterhand und man verpflichtete auf den letzten Drücker den Brasilianer Ruan, der aus der zweiten brasilianischen Liga nach Wien wechselte.

Erfolgsphase in der Liga, einige zusätzliche Verstärkungen und das Verletzungspech kündigt sich langsam an

Nicht nur in der Europa League war man erfolgreich, auch in der Bundesliga startete man eine Serie und blieb knapp drei Monate oder acht Ligaspiele infolge ungeschlagen, was in Anbetracht der hohen Belastung, der späten Zu- und Abgänge und der damit verbundenen Fluktuation im Kader durchaus beachtlich war. Der Stamm der Mannschaft und einige Leistungsträger waren nicht mehr da oder verletzt (u.a. Larsen, Filipovic, Grünwald, Kayode), wodurch andere Leute in diese Lücken hineinwachsen mussten. Bis Anfang Oktober blieb man dennoch in Schlagdistanz zur Spitze und befand sich auf den dritten Tabellenplatz mit einem Rückstand von vier Zählern auf Spitzenreiter Sturm Graz. Jedoch zeichnete sich in der Phase bereits die Verletzungsmisere ab und sollte in den nächsten Wochen beinahe tragische Ausmaße annehmen. Nachdem Serbest wieder zurückkehrte, verletzte sich Routinier Westermann schwerer am Knöchel und musste infolgedessen wochenlang pausieren. Nicht nur das, auch sein Ersatzmann Borkovic verletzte sich im gleichen Spiel ebenfalls und fiel ebenso wochenlang aus. Da der Brasilianer Ruan körperlich noch nicht bei hundert Prozent war, musste Serbest in der Innenverteidigung aushelfen, was aber ein Loch im zentralen Mittelfeld zur Folge hatte. Dadurch mussten Perspektivspieler wie Alhassan oder Lee bereits früh Verantwortung übernehmen und kamen ohne genügend Eingewöhnungszeit auf viele Einsätze. Auch Stammtorhüter Hadzikic fiel nun wochenlang verletzt aus, weshalb die nominelle Nummer Drei Patrick Pentz ins Tor rücken musste. Als dann auch noch Holzhauser und Prokop vor dem Altach-Spiel ausfielen, musste man noch zusätzlich umdisponieren und Innenverteidiger Ruan war nun gezwungen, früher als gedacht in der Bundesliga sein Debüt zu feiern. Eigentlich plante man die bevorstehende Länderspielpause zu nutzen und den Brasilianer in dieser Zeit endgültig an die Mannschaft heranzuführen und matchfit zu bekommen, jedoch musste Serbest durch die Ausfälle von Prokop und Holzhauser wieder ins Mittelfeld und mit Kadiri stand nur ein Innenverteidiger zur Verfügung. Dadurch musste also Ruan notgedrungen in die Bresche springen und man gewann das Spiel trotz der Ausfälle dennoch, jedoch sollte der Sieg auch bittere Konsequenzen nach sich ziehen. Der Brasilianer zog sich in der Schlussphase eine schwere Muskelverletzung zog, wodurch er den restlichen Herbst definitiv verpassen würde. Eine weitere Hiobsbotschaft also.

Verletzungsmisere wird immer prekärer und auch die Ergebnisse schlechter

So fielen nun innerhalb weniger Wochen drei von vier Innenverteidiger gleichzeitig aus und die Verletztenliste wurde immer länger und länger, wodurch man in einer Phase mit vielen Spielen diese mit einem dünnen Kader bestreiten musste. Nach der zweiten Länderspielpause gab es keine Entspannung, im Gegenteil. Mit Christoph Martschinko zog sich der nächste Defensivspieler eine schwere Verletzung zu und fiel monatelang aus. Das sollte sich dann auch allmählich auch in den Ergebnissen widerspiegeln. Im gesamten restlichen Oktober sollte die Austria keinen Sieg mehr einfahren. Dabei waren besonders die beiden Niederlagen im Wiener Derby innerhalb weniger Tage besonders bitter und hatten auch das Ausscheiden aus dem Pokal zur Folge. Zusätzlich wütete der Verletzungsteufel auch weiterhin unaufhörlich bei den Veilchen. Westermann kehrte zurück und spielte trotz Schmerzen, gleichzeitig fielen aber u.a. De Paula und Kadiri mit Muskelverletzungen zusätzlich aus und verringerten damit die Optionen für Trainer Fink. Durch die ständigen Ausfälle konnte man nur selten rotieren, was die Verletzungsmisere durch die hohe Belastung sicherlich zusätzlich verstärkte und damit in einem Teufelskreis mündete. Für die Austria kam in dieser Phase beinahe alles zusammen. Hohe Belastung, viele Spiele, viele Ausfälle, ständige Umstellungen, keine Erfolgserlebnisse und kaum Trainingseinheiten zur Verfügung.

Am schwerwiegendsten war dabei sicherlich die lange Verletztenliste, die immer schlimmere Ausmaße annahm und zahlreiche Auswirkungen mitbrachte. Mit Klein fiel nun auch der nächste Defensivspieler monatelang aus und war für den restlichen Herbst kein Thema mehr. Besonders prekär war dabei die Situation vor dem Auswärtsspiel beim LASK, als zwölf (!) Spieler verletzungsbedingt fehlten. Mit Westermann musste der dreizehnte auch noch angeschlagen aus dem im Spiel, wodurch das Spiel endgültig kippte und man letztlich eine 2:0 Führung noch hergab. Immerhin gelang trotz der vielen Ausfälle in Rijeka ein Gala-Auftritt und man gewann auswärts beim kroatischen Meister mit 4:1 und hielt damit die Aufstiegschance am Leben. Jedoch sollte sich im nächsten Spiel wieder ein Defensivspieler direkt vor der Länderspielpause für das restliche Jahr verabschieden. Westermann zog sich einen Knorpelschaden im Knie zu und fiel nun ebenfalls langfristig aus, womit auch einer der letzten verbliebenen Routiniers nicht mehr zur Verfügung stand. Die Mannschaft kam überhaupt nicht zur Ruhe und es herrschte keinerlei Kontinuität, selbst wenn man diese forciert hätte. Nun mussten Spieler wie Pentz, Kadiri, Gluhakovic, Alhassan oder Prokop viel Verantwortung übernehmen und waren gefordert in die Bresche zu springen. Dass dieses Gerüst auf wackligen Beinen steht aufgrund der Unerfahrenheit der Akteure, sollte daher unbestritten sein. Leistungsschwankungen sind  in jungen Jahren völlig normal und werden entsprechend einkalkuliert. Jedoch wird dies zum Problem, wenn man keine Führungsspieler und ein stabiles Gerüst in der Mannschaft hat, an dem sich junge Spieler anlehnen und auch mal verlassen können. So hatte die Austria zwischenzeitlich die jüngste Mannschaft in der Bundesligageschichte (!) auf dem Feld, was also durchaus historische Ausmaße annahm.

Dies zeigte sich auch in den vergangenen Wochen, womit wir auch langsam wieder in die Gegenwart kommen. Die Probleme im Spiel konnten durch die lange Verletztenliste und wenigen Trainingseinheiten nicht wirklich behoben werden. Spiele wie gegen die Admira wurden trotz Führung noch leichtfertig aus der Hand gegeben, wobei man speziell in der Defensive viel zu fehleranfällig blieb. Nicht nur das, in den Duellen gegen St. Pölten und Salzburg vielen sogar alle vier Innenverteidiger aus, wobei man dies zumindest bereits gewohnt war, da das höchste der Gefühle zwei fitte Innenverteidiger waren.  Dennoch sind bis zu sechs abwesende Defensivspieler für keine Mannschaft der Welt zu ersetzen. Man stelle sich z.B. vor, bei den Bayern würden Boateng, Hummels, Martinez, Süle, Alaba und Kimmich gleichzeitig ausfallen. Genau das passiert allerdings in Relation gerade bei den Veilchen. Selbst Spitzenmannschaften könnten  dies bis zu einem gewissen Grad nicht mehr kompensieren und müssten einen Qualitätsabfall in der Defensive akzeptieren, was sich wohl auch deutlich auf die Leistungen auswirken würde.  Das Spiel gegen den Meister Salzburg bestritt man daher ohne gelernte Innenverteidiger und holte dennoch ein beachtliches Unentschieden. Das war insofern bemerkenswert, da viele ein Debakel erwarteten und die Violetten dennoch auch aufgrund einer Systemumstellung eine einigermaßen stabile Defensive zustande brachten.

Ist Trainer Fink Schuld an der Situation und noch der richtige Mann?

Nachdem wir die letzten Monate etwas Revue passieren ließen, kommen wir nun zur Schlussfolgerung und zu der Ursprungsfrage zurück- ist die Zeit für einen Trainerwechsel gekommen und Thorsten Fink tatsächlich gescheitert? Wenn man nüchtern die Lage analysiert, dann spielen viele Faktoren bei der aktuellen schlechten Phase der Austria eine Rolle. Sicherlich, Fink ist seit seiner Ankunft nicht unumstritten und wird immer wieder für das „unattraktive“ Spiel der Austria kritisiert. Wenn man jedoch die letzte Saison als Maßstab hernimmt, dann mutet dieser Vorwurf zumindest etwas eigenartig an. Die Austria erzielte in 36 Spielen 72 Tore, was einen Schnitt von zwei Treffern pro Partie ergibt. Zum Vergleich, der haushoch überlegene Meister Salzburg erzielte nur zwei Treffer mehr. Wenn man den Zeitraum seit dem Jahre 2000 heranzieht (man könnte es auch bis 1993 ausdehnen), dann kommt Verblüffendes zutage. Nur ein einziges Mal gelang es einem Trainer der Austria, den Wert von Fink zu toppen. Das war die Meistermannschaft von Peter Stöger, die in der Rekordsaison unglaubliche 84 (!) Tore in einer Saison erzielte. Selbst der hochgelobte Daxbacher konnte mit seiner Mannschaft diesen Wert der Saison 16/17 nicht erreichen und auch nie die Marke von 70 Toren knacken, und das trotz einer wesentlich stärkeren Mannschaft. Auch abseits der Zahlen lässt sich im vergangenen Jahr mit dem freien Auge eine positive Entwicklung im Ballbesitzspiel unter Fink konstatieren. Der Spielaufbau wurde variabler, Holzhauser wurde durch die aufbaustarken Filipovic und Larsen entlastet und agierte speziell im Frühjahr sogar wesentlich offensiver, als noch zu Beginn der Ära Fink. Das Spiel wurde auf die Stärken der Spieler zugeschnitten und vor allem die hohe Geschwindigkeit in der Offensive immer wieder ausgenutzt. Das Problem war eher die Defensive und die hohe Anzahl an Gegentreffer, die man sich einfing. Im Vergleich zum ersten Jahr unter Fink, steigerte man bei genauerer Betrachtung jedoch auch in diesem Bereich. So blieb man dreizehnmal ohne Gegentreffer (zweitbester Wert nach RB) , jedoch wurde diese Anzahl der Gegentore alleine durch vier Spiele nach oben geschraubt, in denen man mehr als vier Gegentreffer erhielt und in ein Debakel lief ( 2x Salzburg, Altach und Rapid führten alleine zu 18 Gegentoren).

Im zweiten Jahr unter Fink gab es also eine positive Entwicklung und man verbesserte sich im Vergleich zum ersten Jahr in vielen Bereichen. Deshalb wurde auch die Aussage getätigt, man wolle „da sein“ wenn Salzburg schwächeln sollte und man schielte auf die Meisterschaft. Für diese Saison erwarteten sich auch viele Fans eine Weiterentwicklung der Mannschaft und vor allem eine Stabilisierung der Defensive. Daher wird dieses Argument auch gerne herangezogen, wenn es um Kritik an Fink geht, da man dies als gescheitert ansieht. Bei näherer Betrachtung, hält auch dieser Vorwurf nicht wirklich stand. Die Austria erlebte im Sommer faktisch einen Kaderumbruch und damit begann quasi ein neuer Zyklus in der Ära Fink. Stammspieler wie Rotpuller, Filipovic, Larsen und Kayode verließen den Verein, dazu kamen noch die schweren Verletzungen von Grünwald, Venuto, Martschinko und natürlich Kapitän Almer. Dadurch blieben diese Saison faktisch nur noch drei Stammspieler über, die regelmäßig zur Verfügung standen, nämlich Holzhauser, Serbest und Pires. Das bedeutet, innerhalb von wenigen Monaten veränderte sich die Mannschaft gravierend und bekam ein völlig neues Gesicht. Wenn wir dann näher auf die Gründe für die schlechte Saison der aktuellen Spielzeit eingehen, lässt sich ein deutliches Muster erkennen. Zunächst einmal war die Situation zu Beginn der Saison alles andere als einfach. Der Motor stotterte zu Beginn, auch Fink behielt nicht die Ruhe und rückte etwas vorschnell vom 4-1-4-1 und den offensiveren Holzhauser wieder ab. Dazu noch das Theater um Kayode und in der  Kaderbreite fehlten zwei bis drei Neuzugänge, wobei mit Monschein im Endeffekt nur ein einziger Neuzugang zumindest das Trainingslager absolvierte, was eher keine optimale Situation für eine Vorbereitung ist, in der man die Grundlagen des eigenen Spieles intensiv vermittelt.

Die Führung der Austria machte es ihrem Trainer also auch alles andere als einfach. Die Abgänge von Filipovic und Larsen vor dem so wichtigen Playoff gegen Osijek waren eine große Schwächung und hätten auch ins Auge gehen können, Stichwort Kadiri im Hinspiel oder De Paula im Rückspiel. Dennoch gelang dem Trainerteam rundum Fink trotz der Widrigkeiten der Aufstieg in die Gruppenphase, was für einen zusätzlichen Millionenregen sorgte und vor allem im Hinblick auf die eigene Setzung im Europacup verdammt wichtig war. Auch danach lief das Werkl ziemlich rund und die Austria blieb von Ende Juli bis Anfang Oktober in der Liga ungeschlagen. Trotz vieler Abgänge, der späten Neuzugänge und der Doppelbelastung, wirkte man durchaus stabil und schien auf Kurs, blieb vor der zweiten Länderspielpause nur vier Punkte hinter dem Tabellenführer Sturm Graz zurück. Der Knick kam dann mit den Verletzungen ab Mitte Oktober und hält nun beinahe bis zum Ende der Herbstsaison an. Das dabei die lange Verletztenliste der maßgebliche Faktor für diese Entwicklung ist, lässt sich relativ gut darstellen, wenn man nämlich auf die Aufstellungen der Austria blickt. Wenn man sich die letzten 25 Spiele der Veilchen genauer ansieht und dabei auf die Formation der Verteidigung blickt, so ergibt sich, dass es nur fünf (!) Mal vorkam, dass man zwei Spiele hintereinander mit derselben Abwehr auflaufen konnte. Das bedeutet, ständige Umstellungen und keinerlei Kontinuität auf diesen Positionen. Das wirkte sich auch auf das defensive Mittelfeld aus, da man durch die Ausfälle Tarkan Serbest in die Innenverteidigung zurückziehen musste, obwohl dieser ein wichtiger Leistungsträger und Stabilitätsanker im Zentrum vor der Abwehr war. So bestritten das Duo im defensiven Mittelfeld vom letzen Jahr Holzhauser und Serbest in dem gleichen Zeitraum von 25 Spielen nur ganze drei (!) Spiele zusammen im Zentrum, nachdem die beiden in der vergangenen Saison beinahe immer gemeinsam aufliefen. Diese Kontinuität vom vergangenen Jahr war also nicht mehr gegeben und die ständigen notgedrungenen Umstellungen brachten Unruhe in die Mannschaft.

Genau in dieser Situation rächte sich dann auch die verpasste Verpflichtung eines defensiven Mittelfeldspielers, den man dringend gebraucht hätte. Vor allem der Ausfall von Westermann führte zu einem deutlichen Qualitätsabfall in der Innenverteidigung. Am deutlichsten ist dies bei dem jungen Kadiri zu sehen, der gemeinsam mit dem Routinier Westermann wesentlich stabiler wirkt, als es ohne ihn der Fall ist. Durch die lange Verletztenliste, mussten einige Perspektivspieler ins kalte Wasser geschmissen werden. Spieler wie Alhassan, Lee oder Ruan hatten quasi keine Zeit zur Akklimatisierung und mussten sofort funktionieren, obwohl sie erst wenige Wochen überhaupt in Europa waren und Verständigungsprobleme hatten. Es war sicherlich nicht geplant, dass Spieler wie Alhassan oder Lee so rasch wichtige Rollen auszufüllen hatten, dennoch rächte sich dies und der Qualitätsabfall zum vergangenen Jahr blieb offensichtlich. Auch ein Routinier wie Klein stieß ohne Vorbereitung zur Mannschaft dazu und musste sofort in die Bresche springen, wodurch er innerhalb kürzester Zeit viele Spiele sammelte. Es sind also viele kleine Puzzleteile, die sich ineinander fügen und eine negative Dynamik entwickeln, gegen die man nur sehr schwer ankommt.

Fazit

Abschließend kann man sagen, die aktuelle Krise hat sicherlich viele Gründe, ob sie wirklich mit dem Trainerteam zusammenhängen, darf aber stark angezweifelt werden. Vier der sechs Neuzugänge kamen erst kurz vor Transferschluss – darunter fehlten zumindest noch zwei weitere Spieler für die Kadertiefe – wichtige Abgänge von Leistungsträgern- viele Verletzungen und dadurch ständige Umstellungen und Unruhe in der Mannschaft – keine Automatismen – hohe Belastung und nur begrenzte Rotation möglich und kaum zur Verfügung stehende Trainingseinheiten. Viele kausale Zusammenhänge also, die durchaus Sinn ergeben und die mit Fortdauer der Saison immer schwerer zu bewältigen wurden. Zusammenfassend kann man sagen, die Ausgangslage ist verdammt schwer zu bewältigen und selbst für einen erfahrenen Trainer eine wirklich undankbare Aufgabe.

Thorsten Fink mag kein Wunderwuzzi sein und hat sicherlich auch seine Fehler und Schwächen, jedoch war die Situation faktisch ab einem gewissen Punkt nicht mehr zu bewältigen und dem Trainer der Austria in vielen Bereichen die Hände gebunden. Durch die lange Verletztenliste  kommt nämlich hinzu, dass der Stamm der Mannschaft mit Spielern wie Pentz, Kadiri, Gluhakovic, Alhassan, Lee oder Prokop ihre erste Profisaison als vollwertige Kaderspieler absolvieren und quasi zum Teil Führungsrollen übernehmen müssen, was natürlich zu Problemen führt. Normalerweise baut man immer nur vereinzelt junge Spieler in eine funktionierende Mannschaft ein, um ein ausgewogenes Gefüge beizubehalten. Das war jedoch nicht der Fall, weshalb viele junge und unerfahrene Spieler gleichzeitig in die Bresche springen mussten und gemeinsam in die Mannschaft rutschten. Während man im letzten Jahr quasi immer mit der gleichen Formation auflaufen konnte und von Verletzungen verschont blieb, musste man nun ständig Umstellungen vornehmen und es fehlte auch an Kontinuität und den Führungsspielern in der Mannschaft, die vorangehen und den Unterschied ausmachen können.

Das merkt man dann auch vor allem in engen Phasen, in der dann einfach die Qualität in der Mannschaft fehlt, wie man im „Endspiel“ gegen Athen gut sehen konnte. Der Qualitätsabfall innerhalb der Mannschaft ist durch die Ausfälle einfach zu groß und geht nicht spurlos an einem Verein vorbei, da man keine 30 Spieler im Kader haben kann. Dadurch rächt sich die durchwachsene Kaderplanung, auch wenn dies natürlich auch finanzielle Gründe hatte. Für Friesenbichler und Monschein musste man bereits tiefer in die Tasche greifen, wodurch der finanzielle Spielraum für Sportdirektor Wohlfahrt sicherlich begrenzt war. Danach musste man auf den Abgang von Kayode und eine mögliche Teilnahme an der Gruppenphase abwarten, um gegebenenfalls nachrüsten zu können, wodurch der überwiegende Teil der Neuzugänge sehr spät und ohne Vorbereitung kam. Alles andere als optimal waren auch die Abgänge von Filipovic und Larsen, was vor allem den Zeitpunkt betrifft. Dadurch erschwerte man die Aufgabenstellung für den Trainer noch zusätzlich und pokerte sehr hoch, auch wenn man bei Filipovic bedingt durch eine Klausel machtlos war.

Wenn man all diese Punkte in der Endabrechnung einfließen lässt, kommt man zu der klaren Schlussfolgerung, dass ein Trainerwechsel der falsche Schritt wäre, da viele Sachen nichts mit Thorsten Fink zu tun hatten und nicht in seinen Verantwortungsbereich fielen. Darüber hinaus machte die Mannschaft nie den Eindruck, nicht hinter dem Trainerteam zu stehen und wirkte mehr als intakt, was für ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe spricht, was man auch anhand vieler Aussagen der Spieler immer wieder heraushören kann. Die Spieler schätzen den Trainer, auch weil er sich immer vor sie stellt und sie sichtlich weiterbringen will, statt sich an ihnen abzuputzen und aus Kalkül Pluspunkte in der Öffentlichkeit zu sammeln. Durch einen Trainerwechsel würde man auch viel Know-How innerhalb des Trainerteams verlieren, wie z.B. Athletiktrainer Vidovic, unter dem die Mannschaft auf ein körperliches Top-Niveau gebracht wurde, was man auch gegen Altach wunderbar sehen konnte. Während die Austria Spiel um Spiel absolviert und einer extrem hohen Belastung ausgesetzt ist, konnte sich Altach wie die meisten Gegner ausruhen und eine Woche vorbereiten. Dennoch waren es die Spieler der Vorarlberger, die mit Krämpfen kämpften, während die Austria bis zum Schluss auf den Ausgleich drückte und auch in der zweiten Halbzeit nochmal zulegen konnte. Trotz der langen Saison und der vielen Spiele hat man nicht das Gefühl, die Mannschaft wäre körperlich am Ende. Einzig die Frische und Spritzigkeit ist nicht immer gegeben, aber das hängt natürlich mit der hohen Belastung und begrenzten Rotation zusammen. Egal wie man es dreht und wendet, eine Trennung vom Trainerteam wäre ohne Zweifel ein Fehler und viele Punkte sprechen dagegen. Thorsten Fink wird jedoch im Frühjahr beweisen müssen und daran gemessen werden, ob er die Mannschaft mit den Rückkehrern und ohne Doppelbelastung wieder weiter nach oben führen kann und zumindest einen internationalen Startplatz fixiert, bevor die Rückkehr in das neue Horr-Stadion ansteht. Diese Chance hat er sich aber zweifellos verdient.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic