Zwei Jahre lang stand Giorgi Kvilitaia beim SK Rapid unter Vertrag. Als er nach Hütteldorf kam, war er mit Leistenproblemen außer Gefecht und bis... Kvilitaia wechselt zu Gent: Der Vollblutstürmer, der zu oft blockiert war

Zwei Jahre lang stand Giorgi Kvilitaia beim SK Rapid unter Vertrag. Als er nach Hütteldorf kam, war er mit Leistenproblemen außer Gefecht und bis zum ersten Pflichtspieleinsatz, fünf Minuten Schaulaufen gegen Racing Genk in der Europa League, dauerte es sechs Wochen. Nun erlebt der 24-jährige Georgier ein Déjà-Vu.

Kvilitaia unterschreibt für vier Jahre beim KAA Gent und soll Rapid eine Ablösesumme von etwa drei Millionen Euro bringen. Die Hütteldorfer selbst verpflichteten Kvilitaia um rund 700.000 Euro von Dinamo Tiflis. Damals kam der 193cm große Angreifer als frischgebackener georgischer Torschützenkönig.

Anlaufschwierigkeiten

Sein volles Potential konnte der 14-fache Nationalspieler bei Rapid freilich nie ausspielen. Zu Beginn seiner Wien-Zeit hatte er aufgrund des Tempos und der höheren technischen Anforderungen Anlaufschwierigkeiten. In der zweiten Saisonhälfte hatte er im neuen Canadi-System Ladehemmung und gerade als er wieder zu funktionieren begann, warf ihn ein Muskelriss in der Adduktorengegend zurück – fast drei Monate Pause.

Erst im letzten Halbjahr so richtig angekommen

Auch im Herbst der Saison 2017/18 funktionierte Kvilitaia kaum und war sogar schon mit Anfeindungen durch das traditionell ungeduldige Rapid-Publikum konfrontiert. Eine Situation, die sichtlich an ihm nagte, aber als Vollblutstürmer kommt es eben auf den berühmten platzenden Knoten an. Dieser Knoten ging erst im vergangenen Februar auf und läutete ein enorm starkes Kvilitaia-Frühjahr ein. Elf Tore in zwölf Pflichtspielen, die Leichtigkeit war zurückgekommen.

Knöchelbruch, gerade als es gut lief

Doch noch vor Saisonende brach sich der Stürmer im Training den Knöchel. Auf Instagram konnte man dem Social-Media-Freak regelmäßig beim Humpeln mit Krücken zusehen. Das nahm Rapid einen Masterplan für die Sommertransferzeit, denn ein Abgang des Georgiers wäre ohnehin kein No-Go gewesen. Die möglichen Kvilitaia-Millionen sollten den Weg zu einem neuerlichen Kaderumbau ebnen. Gerade im Osten hatte Kvilitaia Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Neuerliche Eingewöhnungsphase in Gent

Nun geht es aber doch gen Westen: Dem KAA Gent, belgischer Meister 2015, ist der Knöchelbruch des Angreifers egal. Die „Buffalos“ haben einen Langzeitplan mit dem großgewachsenen Offensivspieler – auf eine Eingewöhnungs- bzw. Rehabilitationszeit müssen aber auch sie sich einstellen.

Gute Quote, aber keine ewige Duftmarke

Bei Rapid wird Kvilitaia keinen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen. Für die Hütteldorfer war er ein solider Angreifer mit Potential, der seine starken Phasen und Momente hatte und in einer schwierigen Zeit auch immer wieder für die nötigen Mentalitätsschübe sorgte. 22 Treffer und acht Assists in 67 Spielen sind zweifelsfrei ein guter Wert und auch sein Bundesliga-Torschnitt von etwa 180 Minuten pro Treffer kann sich sehen lassen.

Der egoistische „Kvili“

Kvilitaias uneigennützige Ader hatte für Rapid Vor- und Nachteile. Einerseits hatte man in „Kvili“ einen Spieler, der torgeil war und dabei schon mal auf seine Mitspieler vergaß. Auch im Training hatte man nicht selten den Eindruck, dass der Stürmer mehr an seiner eigenen Entwicklung, als an der der Mannschaft interessiert war. Aber Egoismus gehört zu einem Angreifer seiner Prägung natürlich ein wenig dazu.

Der verschleppende „Kvili“

Im Zusammenspiel konnte dies aber auch problematisch werden. Auch wenn Kvilitaia immer wieder starke Soli dabei hatte und gelegentlich seine technische Klasse aufblitzen ließ, verschleppte er das Spiel häufig zu sehr. Taktische Meisterleistungen, wie etwa beim ersten Derby unter Damir Canadi, in dem Kvilitaia nicht nur traf, sondern auch als erste Pressinginstanz den Austria-Abkipper Raphael Holzhauser kaltstellte, sah man leider viel zu selten – woran aber Kvilitaia nicht schuld ist, sondern seine Trainer, die nicht für ausreichend Durchgängigkeit im Pressingkonzept sorgten.

Nur für kurze Zeit sein volles Potential ausgeschöpft

Mit Kvilitaia hatte Rapid einen Stürmer, der in Österreich ohne weiteres für 20 oder mehr Saisontreffer gut gewesen wäre. Dennoch war er immer irgendwie blockiert. Mal von Verletzungen, dann von der eigenen Unsicherheit, dann wieder von etwas zu viel spielerischer Egomanie. Im vergangenen Frühjahr sah man aber, was Kvilitaia zu leisten im Stande ist und das sollte die Basis für sein Belgien-Engagement sein.

Weg von der typischen Solospitze?

Kvilitaia spielte bei Rapid ausschließlich im Angriffszentrum. Einen klassischen Sturmpartner hatte er in den seltensten Fällen. Und so birgt der Abgang des Georgiers für Rapid auch wieder Möglichkeiten in sich. Kvilitaia ist eine typische Solospitze, deren Nebenmann – etwa in einem 4-4-2 oder 3-5-2 – sehr stark antizipieren muss. Kvilitaia selbst war stark strafraumfokussiert und kam mit einem zu großen Aktionsradius nicht immer gut zurecht.

Material lässt Zwei-Stürmer-Systeme zu

Rapid hatte in der vergangenen Saison allgemein zu wenige Stürmer und manche, wie etwa Berisha, wurden zweckentfremdet und in diesem Fall auf die Linksaußenposition gestellt. Kvilitaias Abgang macht aber ein Zwei-Stürmer-System – wenn auch vielleicht nur situativ – wieder wahrscheinlicher. Mit dem aktuell verletzten Andrija Pavlovic und Deni Alar hat man bereits zwei Akteure, die diese Variante beherrschen und jeweils gut antizipieren, ohne dabei zu stark auf die Zehnerposition abzudriften. Mit Berisha, Schobesberger und Ivan hat man drei weitere Akteure, die aufgrund ihres guten Laufspiels ebenfalls als Zweitspitze einspringen könnten.

Kaderentwicklung Note 1

Fredy Bickel wird in Bälde einen Ersatzmann für Kvilitaia präsentieren und hat durch seine Qualitäten in der Kaderentwicklung eine Situation geschaffen, in der man nicht zwingend einen bestimmten Spielertypen sucht. Ein Ersatzmann, der Kvilitaia ähnlich ist, wäre angesichts der Umstände logisch. Aber auch ein schneller, quirliger Stürmer oder eine Hybridlösung aus beidem, hätten in der aktuellen Kadersituation absolut ihre Berechtigung. So oder so wird Rapid im Angriff deutlich flexibler bzw. ist es durch die vorangegangenen Transfers bereits. Jetzt heißt’s für mehrere wichtige Kicker nur noch: Nix wie fit werden!

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen