Das 300. Wiener Derby geht in die Geschichte ein – als eines der Schlechtesten. Zwei ideenlose Mannschaften generierten gerademal vier echte Tormöglichkeiten und zeigten...

Das 300. Wiener Derby geht in die Geschichte ein – als eines der Schlechtesten. Zwei ideenlose Mannschaften generierten gerademal vier echte Tormöglichkeiten und zeigten technisch eine Darbietung auf Landesliganiveau. Es war ein Derby, das keinen Sieger verdiente – aber was genau lief bei den Wiener Großklubs am vergangenen Samstag falsch?

Rapid-Trainer Peter Schöttel konnte erstmals im Frühjahr seine etatmäßige Einsergarnitur aufbieten: Trimmel und Prager rückten wieder in die Mannschaft – Ersterer vergab in der Schlussphase den Matchball, Letzterer zählte zu den schwächsten Akteuren am Platz. Das Grundproblem der Hütteldorfer war jedoch einmal mehr ein taktisches. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren viel zu groß, wodurch sich kein effizientes Kurzpassspiel aufziehen ließ.

Das alte Problem mit den Abständen

Wenn Mario Sonnleitner und Harald Pichler in der eigenen Hälfte das Spiel aufzubauen versuchten sah die Grundausrichtung der Rapid-Elf wie folgt aus:

Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen sind enorm, der Spielaufbau erfolgt zu tief in der eigenen Hälfte. Sonnleitner und Pichler schoben sich regelmäßig gegenseitig die Kugel zu und der Aufbau endete entweder mit einem ungenauen Pass in die Spitze, oder einem Alibipass zu einem zentralen Mittelfeldspieler oder Außenverteidiger, die jedoch kaum einen Pass weiterverarbeiten konnten, da das Spielgerät zu weite Wege zum nächsten freien Mitspieler zurücklegen musste. Man beachte speziell die Abstände zwischen den spielaufbauenden Innenverteidigern und Stürmer Burgstaller.

Aufgrund dieser taktischen Verfehlungen war es Spielern wie Heikkinen und Prager, aber auch den Außenverteidigern praktisch unmöglich aktiv am Offensivspiel der Mannschaft teilzunehmen. Vom Innenverteidigerduo ganz zu schweigen. Auch die schnellen Flügelspieler der Grün-Weißen waren somit weitgehend abgemeldet – es war einfach zu leicht gegen eine derart lose Rapid-Mannschaft zu verteidigen, einzelne Gegenspieler zuzustellen. Ein gruppentaktisches Konzept – angefangen bei der berühmten Dreieckbildung bis hin zur gesamten Mannschaftstaktik – schien an diesem Tag auf Seiten des SK Rapid nicht vorhanden zu sein. Die Resultate waren ein unnötig hoher läuferischer Aufwand, sowie keine flüssigen Kombinationen. Die Grundausrichtung im Spielaufbau, mit der Rapid weitaus mehr Torchancen herausgespielt hätte, würde so aussehen:

Die Mannschaftsteile stehen enger beisammen und können somit viel einfacher in direkte Interaktion treten – das Kurzpassspiel wird nur aufgrund dieser leicht veränderten Staffelung merklich erleichtert, das Übergewicht im Mittelfeld ist automatisch durch die Außenverteidiger gegeben. Katzer und Schimpelsberger hatten keinerlei Bindung zu ihren Vorderleuten, was auf die weiten Abstände zurückzuführen ist:

Bei kompakterer Grundausrichtung wäre das Spiel im Dreieck – und somit das Kurzpassspiel – wesentlich einfacher vonstattengegangen, die Entfernungen wären deutlich geringer gewesen:

Hätte Rapid das Spiel kompakter, also mit der vorhin beschriebenen Staffelung gestaltet, hätte man sich in der Offensive nicht auf Einzelaktionen verlassen müssen, sondern hätte mannschaftlich geschlossen, praktisch als „Block“ angreifen können, was für einen Gegner schwer verteidigbar ist – speziell wenn man so wie Rapid über sehr schnelle Flügelspieler verfügt, die im richtigen Moment den Block verlassen können, um Flankenläufe oder einen direkten Durchbruch vors Tor zu wagen.

Risikolose Austria musste nur warten

Die Austria wackelte nur in den ersten Minuten der Partie, als Rapid mit aggressivem und hohem Pressing aufwartete. Zunächst machte der Tabellenführer den besseren Eindruck, doch die Austria fing sich schnell, stand gut, ließ nichts zu. Die Vastic-Elf konnte in aller Ruhe zuwarten, wie Rapid das Spiel aufbaut. Die Protagonisten mannzudecken war angesichts der schlechten Staffelung nicht schwer: Die Austria stand nahe beim Mann und attackierte den jeweiligen Passempfänger sofort. Dieser wiederum (besonders bei Thomas Prager war dies oft zu beobachten) hatte kaum Möglichkeiten den Ball nach vorne zu spielen und wählte nicht selten den sicheren Pass in die eigene Hälfte, wo Sonnleitner und Pichler wieder etwas für ihre Passstatistik machen konnten und sich den Ball bis zu zehnmal hin- und herschoben – unter den Pfiffen des Publikums, versteht sich.

Austria im Konter mit leichten Vorteilen

Auch im Konterspiel zeigte Rapid zu wenig Entschlossenheit, brachte kaum flüssige Angriffe zustande. Die Austria wirkte aus Kontern zeitweise gefährlicher, auch weil Rapids Mittelfeldspieler speziell in der zweiten Halbzeit nach offensiven Ballverlusten viel zu langsam hinter den Ball kamen. Die Veilchen spielten ihre wenigen Möglichkeiten allerdings auch nie konsequent zu Ende.

Kienast „anders“ als Barazite

Der Tabellenzweite aus Favoriten kann mit dem 0:0 eher leben als der Erzrivale aus dem Westen Wiens. In den letzten etwa fünf Jahren gab es kaum eine violette Derbyelf, die personell so bieder aufgestellt war. Die Abgänge von Junuzovic und Barazite wiegen schwer, die Ersatzspieler haben zwar Potential, sind aber andere Spielertypen als die Stars der letzten Jahre. Die Austria-Fans präsentierten etwa ihren Unmut über die Verpflichtung von Roman Kienast als Ersatzmann für Nazer Barazite. Nicht nur aufgrund seiner grün-weißen Vergangenheit, sondern auch wegen seinem deutlich schwächer ausgeprägten Näschen für das Überraschungsmoment, kann der Ex-Sturm-Goalgetter niemals zu einem gleichwertigen Ersatz für den abgewanderten Niederländer werden.

Beide noch im Rennen

Man kommt nicht umhin zu bemerken, dass die Wiener Austria aufgrund der Tugenden der neuen Spieler Holland, Kienast und Simkovic kurz vor einer grundlegenden Systemumstellung steht. Auch weil Ivica Vastic dafür bekannt ist, dass er einem 4-4-2 nicht gerade feindselig gegenüber steht. Dies impliziert auch, dass bei den Wiener Violetten eine neue spielerische Ära eingeläutet wird – der passsichere, offensive Powerfußball wird für diese neue Austria-Elf nur schwer praktizierbar sein. Betrachtet man jedoch die bisherigen Frühjahrsspiele der Austria kann man als Fan ruhigen Mutes auf die nächsten Aufgaben blicken: Denn die Null steht! Und in einer aktuell (im Sinne von „seit der Winterpause“) grottenschlechten Bundesliga wird wohl das Team Meister, das am „praktischsten“ spielt. Schön war auch der Kick des FK Austria Wien nicht anzusehen und ähnlich wie auf Seiten Rapids handelte es sich wohl um eine der schwächsten Darbietungen in einem nicht verlorenen Derby – der Titelkampf der Enttäuschungen geht jedoch mit beiden Wiener Großklubs weiter!

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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    20.Februar.2012 #1 Author

    der text hat gewisse ähnlichkeit mit dem vom neustadt spiel … welch ein zufall.

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    • Dannyo

      20.Februar.2012 #2 Author

       Rapid machte ja auch wieder dieselben Fehler. Diesmal noch markanter als in Wiener Neustadt, daher auch die ausführlicheren Taktikboards.

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