Die Sommertransferzeit ist für Rapid-Anhänger oftmals sehr aufreibend – nicht nur wegen den Spekulationen bzw. Vollzugsmeldungen über Neuzugänge, sondern vor allem wegen schmerzhaften Abgängen,... Pacult, eine grün-weiße Ära: Birmingham II, ein Heurigenbesuch und das unrühmliche Ende – Teil 5

Die Sommertransferzeit ist für Rapid-Anhänger oftmals sehr aufreibend – nicht nur wegen den Spekulationen bzw. Vollzugsmeldungen über Neuzugänge, sondern vor allem wegen schmerzhaften Abgängen, die Rapid Jahr für Jahr verschmerzen muss. Und vor der Saison 2010/2011 wurde es wieder einmal sehr schmerzhaft: Es konnte mit Branko Boskovic, für viele neben Kapitän Steffen Hofmann der Kopf der Mannschaft, keine Einigung über eine Vertragsverlängerung erzielt werden. So musste Rapid den Montenegriner ablösefrei ziehen lassen. Natürlich musste so ein Spieler ersetzt werden und Rapid holte Christoph Saurer vom LASK für etwa 300.000€. Eigentlich ein Spieler für den Flügel, weshalb viele Anhänger des Rekordmeister mutmaßen durften, dass Veli Kavlak nun endlich in der Zentrale spielen würde, es war aber schnell klar dass dies nicht der Fall sein sollte.

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Neben Saurer kamen vor der Saison noch Atdhe Nuhiu, da Peter Pacult wieder einen großen Stürmer haben wollte, sowie Thomas Hinum, Mario Sonnleitner und Rückkehrer Tanju Kayhan, der in Wiener Neustadt unter Peter Schöttel einen großen Sprung nach vorne machen konnte und Andreas Dober endgültig auf die Ersatzbank verdrängen sollte. Auch ein weiterer Spieler der schon seit seiner Jugend bei Rapid war musste sich zu Beginn der Saison mit der Ersatzbank begnügen – Peter Pacult entschied sich in der Tormannfrage weiter auf Raimund Hedl zu setzen und nicht auf Helge Payer.

MISSGLÜCKTER SAISONSTART

Die Spieler waren also nach der gewohnt harten Vorbereitung bereit für die neue Saison, auch die Neuzugänge schienen sich bei den Testspielen gut zurecht zu finden und zumindest Sonnleitner und Kayhan kamen auch im ersten Saisonspiel bei Aufsteiger Wacker Innsbruck von Anfang an zum Einsatz, während Christoph Saurer gar nicht im Kader stand. Pacult vertraute nämlich auf seine „Doppel-6“ sowie auf Kavlak und Hofmann an den Außenbahnen. Jeder wusste natürlich, dass ein Auswärtsspiel beim Aufsteiger als Auftakt eine sehr undankbare Aufgabe ist, aber so wie sich Rapid an diesem Sonntagnachmittag präsentierte konnte man wirklich nicht erwarten.

Rapid ging mit 0:4 baden und die Fans rätselten über die Ursachen. Ab der 12. Minute, als Mario Sonnleitner verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste, stand mit Tanju Kayhan nur ein neuer Spieler auf dem Platz, und der war auch noch einer der wenigen, die kein Totalausfall waren. Die Mannschaft war also eingespielt, schien aber körperlich und auch mental am Ende zu sein. War womöglich die Vorbereitung sogar zu hart bzw. wurde zu lange der Schwerpunkt auf die Ausdauer gelegt, sodass bis zu Saisonstart die Beine immer noch schwer waren?

Verbesserung war in den nächsten Spielen vorerst noch keine in Sicht. Im zweiten Saisonspiel verlor man das Heimspiel gegen Wiener Neustadt und international konnte man zwar zweimal Suduva Marijampole aus Litauen besiegen, hatte aber vor allem im Heimspiel einige Probleme und war fünf Minuten vor Schluss sogar nur ein Tor vom Ausscheiden entfernt. Dann aber schienen sich die Hütteldorfer zu stabilisieren, man konnte Red Bull Salzburg sowie Sturm Graz besiegen und erneut in die 4. Qualifikationsrunde der Europa League aufsteigen – nach einem souveränen Auftritt gegen Beroe Stara Zagora aus Bulgarien. In dieser Runde wartete nun ein alter Bekannter – Rapid wurde wieder gegen Aston Villa gelost. Ein Zufall, den viele Fans zuerst nicht wahrhaben wollten, so richtig glücklich war trotz der Sensation vom letzten Jahr kaum jemand. Aston Villa war diesmal gewarnt und wollte sich sicherlich für das Ausscheiden im letzten Jahr rächen. Die Vorzeichen standen also vor dem Hinspiel in Hütteldorf schon so nicht sonderlich gut, als dann am Matchtag noch ein weiterer Schock kommen sollte.

JELAVIC VERLÄSST RAPID

Nach einem langen hin und her war es schlussendlich Gewissheit: Nikica Jelavic verließ Rapid in Richtung Schottland und wechselte für etwa fünf Millionen Euro zu den Glasgow Rangers. Laut offizieller Aussendung auf der Homepage weigerte sich der Kroate gegen Aston Villa aufzulaufen, damit er nach einem Ausscheiden Rapids noch für die Rangers in der Champions League auf Torjagd gehen konnte. Aber das erneute „Wunder von Birmingham“ machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Und dieses Wunder wird sehr stark mit einem Namen verbunden: Atdhe Nuhiu.

„EUROPÄISCHE WELTKLASSE“

Der U21 Teamspieler hatte vor dem Hinspiel nur fünf Minuten für Rapid gespielt und wurde völlig überraschend neben Hamdi Salihi als zweite Sturmspitze aufgestellt, zudem im Rückspiel als Solospitze. Dieser Schachzug machte sich bezahlt – in beiden Spielen konnte Nuhiu jeweils den Ausgleich zum 1:1 erzielen und Rapid konnte sich erneut für die Gruppenphase der Europa League qualifizieren – nach einem 3:2-Auswärtssieg war das zweite „Wunder von Birmingham“ perfekt. Die mitgereisten Fans feierten ihre Mannschaft zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres im Villa Park – diese Performance wurde später von Mario Sonnleitner, Torschütze zum zwischenzeitlichen 2:2, als „europäische Weltklasse“ bezeichnet. Man kann also wieder sagen, dass Pacult international ein gutes Händchen bewies, denn mit Atdhe Nuhiu konnte zum damaligen Zeitpunkt niemand rechnen.

Aber trotzdem war jedem klar, dass Nikica Jelavic ersetzt werden muss. Und kurz nach dem Aufstieg hatten einige Rapid Fans wieder einen Grund zum Jubeln – Jan Vennegoor of Hesselink wurde verpflichtet! Dessen Visitenkarte las sich für österreichische Verhältnisse wie ein Ausflug in weit entfernte Fußballsphären: Twente Enschede, PSV Eindhoven, Celtic Glasgow – und überall machte der Niederländer seine Tore. Und trotzdem geht der Holländer wohl als einer der größten Transferflops in die Geschichte des SK Rapid ein. Durch zahlreiche Verletzungen konnte Vennegoor of Hesselink nie sein ganzes Potential abrufen, zudem war er nicht der Typ, der Jelavic als Solospitze in Topspielen ersetzen konnte. Rapid hatte nun zu viele ähnliche Stürmertypen – zudem wurden des Öfteren Nuhiu und Hesselink gemeinsam aufgeboten, was nie funktionierte, was wiederum vielen schon vor dem Spiel klar war. Schon gar nicht wenn die Außenspieler Kavlak und Hofmann hießen – zwei Spieler also, die sich oft während einem Spiel in der Zentrale aufhalten und somit nur schwer die zwei langen Stürmer mit Flanken füttern konnten. Da auch Rene Gartler immer wieder verletzt ausschied, hatte Rapid die ganze Saison über ein Stürmerproblem, einzig Salihi zeigte konstante Leistungen die aber auch nicht immer überragend waren.

DIE BERÜHMTE „DOPPELSECHS“

Ein weiterer Grund wieso die Stürmer nicht ihr volles Potential abrufen konnten war wohl die taktische Ausrichtung. Pacult ließ zwischen Runde 5 und Runde 19 mit Ausnahme vom Auswärtsspiel in Salzburg jedes Mal ein 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern spielen, egal wie der Gegner hieß. Die zwei Stürmer hingen ob ihrer offensiven Grundausrichtung oft in der Luft weil von den zentralen Spielern (Heikkinen, Pehlivan, Kulovits oder Hinum – allesamt Spieler mit zu defensiver Grundausrichtung) niemand in der Lage das Spiel nach vorne dauerhaft zu beleben und somit hatte meistens Steffen Hofmann die ganze Verantwortung zu tragen, der zudem oft nicht vollständig fit war. Wieso selbst gegen schwächere Gegner jedes Mal zwei defensive Mittelfeldspieler aufgeboten wurden (unter anderem auch im Cup-Heimspiel gegen den TSV Hartberg) bleibt unverständlich. Mit Rene Gartler funktionierte das System teilweise passabel, weil er der einzige Stürmertyp war der auch aktiv am Spiel teilnehmen konnte (Nuhiu war damals noch nicht soweit). Aber meistens war das Spiel nach vorne von Rapid von Ideenlosigkeit geprägt. Die Herbstsaison wurde dadurch auf Platz 5 mit 7 Punkten Rückstand auf Winterkönig Ried beendet. Und hier muss man ganz klar die Einkaufspolitik von Pacult und Hörtnagl anprangern.

Dass man einen Branko Boskovic und einen Nikica Jelavic qualitativ nur sehr schwer ersetzen wird können, war jedem klar. Aber wieso man komplett unterschiedliche Spielertypen verpflichtete, war völlig unverständlich. Für Boskovic, der für das System von Pacult als zentraler Mittelfeldspieler wie geschaffen war, kam der linke Flügelspieler Christoph Saurer, der eher durch sein körperloses Spiel auffiel als durch gute Aktionen. Dazu kam bei Saurer, dass Teile des Block West andauernd zum Ausdruck brachten, dass ihnen ein Spieler, der das Fußballspielen hauptsächlich beim Stadtrivalen Austria Wien gelernt hat, missfiel. Zudem wurde Saurer bei einem Heimspiel gegen Wacker Innsbruck nur 20 Minuten nach seiner Einwechslung wieder ausgewechselt – auch eine Aktion, die für das Selbstvertrauen eines Spielers nicht gerade förderlich ist.

Und der Jelavic Ersatz war der schon angesprochene Vennegoor of Hesselink, da sich Pacult für einen weiteren großen Stürmer ausgesprochen hat. Dass man dadurch niemanden im Kader hat, der die Rolle der Solospitze ausführen kann, hat man anscheinend zu wenig bedacht. Dies äußerte sich dann auch in den internationalen Spielen, in denen Pacult zunächst noch auf Jelavic als einzigen Stürmer vertraute. In dieser Gruppenphase – nach dem Abgang des Kroaten – mussten mal Nuhiu, mal Gartler und mal Vennegoor of Hesselink diese Rolle ausüben – mit mäßigem Erfolg. Bis auf einen Auswärtssieg bei CSKA Sofia, die sich zu diesem Zeitpunkt in einer Krise befanden, setzte es nur Niederlagen und speziell in den Spielen gegen Porto und Besiktas Istanbul war ein enormer Qualitätsunterschied zu bemerken – sowohl das Spielerische, als auch das Taktische betrachtend.

DAS ENDE EINER ÄRA

In der Winterpause wurde Boris Prokopic aus Innsbruck retour geholt, um für mehr spielerische Elemente im Spiel Rapids zu sorgen und Hofmann zu entlasten. Allerdings sah man auf dem Platz keine Steigerung im Gegensatz zum Herbst und so kam es wie es kommen musste: Erfolglosigkeit, unansehnliches Spiel und eine schlechte Außendarstellung – der Kopf von Pacult wurde so vehement gefordert wie nie zuvor in seiner Ära beim Rekordmeister. Zum Ende hin konnte man auch immer öfter vernehmen, dass Hörtnagl und Pacult nicht unbedingt gut miteinander auskommen sollen und die Kommunikation intern nicht gut sei. Hörtnagl kündigte dann auch und es wurde gemutmaßt, dass Pacult somit diesen „Machtkampf“ für sich entscheiden konnte. Er äußerte sich in weiterer Folge auch allgemein negativ über die Position des Sportdirektors, weil man „das ja früher auch nicht gebraucht hat“. Durch seine Aussagen wurde bestätigt, was sich viele Anhänger schon gedacht und kritisiert haben: Pacult sei zu altmodisch und nicht offen für neuere Methoden, was sich zum Beispiel auch dadurch äußerte, dass während seiner Zeit keine Laktattests gemacht wurden.
Sein Abgang war letztendlich dann ähnlich unrühmlich wie der seinerzeit von Dynamo Dresden. Die Medien berichteten, dass sich „PP“ mit Red Bull Chef Dietrich Mateschitz getroffen haben soll und da kamen natürlich Gerüchte auf, sie wurden über ein Engagement bei Red Bull Salzburg oder Red Bull Leipzig verhandeln, was Pacult in der Pressekonferenz nach der Heimniederlage gegen Sturm Graz, seinem letztem Spiel auf der Rapid Bank, zu dementieren versuchte. Allerdings war der öffentliche Auftritt des Noch-Rapid-Trainers dann doch eher peinlich und vielen war klar, dass er nicht mehr lange Trainer sein würde – und am Ende war über diese Tatsache plötzlich so gut wie niemand mehr traurig.

Nach einem Gespräch zwischen Präsident Edlinger und Pacult verkündete der SK Rapid auf seiner Homepage, dass Pacult glaubhaft versichert habe, dass an den Verhandlungen nichts dran sei. Daraufhin sprach Pacult Edlinger auf die Mobilbox, dass er das so in der Form nicht gesagt habe und man diese Aussendung wieder von der Homepage nehmen solle, woraufhin der Floridsdorfer wegen „schwerem Vertrauensbruch“ fristlos entlassen wurde. Einige Wochen später wurde Pacult tatsächlich als neuer Trainer von Red Bull Leipzig vorgestellt.

Somit ging eine Ära mit vielen Höhen und Tiefen zu Ende. Pacult war insgesamt sehr erfolgreich, ein Meistertitel sowie zweimal der Einzug in die Gruppenphase der Europa League wurden erreicht, das internationale Geschäft wurde überhaupt nur in seiner letzten Saison verpasst (obwohl er danach zu Protokoll gab, dass er dieses erreicht hätte, wenn er nicht entlassen worden wäre – trotz der Tatsache dass Rapid in dieser Saison unter Pacult nicht ein einziges Mal unter den Top3 zu finden war). Diese Erfolge Pacults werden leider überschattet durch seine letzten Tage bzw. Wochen bei Rapid und so machte er sich vieles kaputt was er sich in den Jahren zuvor an Respekt und Anerkennung bei den Fans erarbeitet hat.

Kristof Kovacs, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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